"Das
liegt in der Natur der Nicht-Sache" Die
Bewegung des Satsang, die hauptsächlich auf der altindischen Vedânta-Tradition
des "Advaita" (Nicht-Dualität) beruht, wird heute zunehmend
populär. Manche Satsang-Meister sprechen auch viel vom Buddhismus.
Dies gilt besonders für Pyar. Sie ist die einflussreichste Satsang-Vertreterin
im deutschsprachigen Raum. Sie betrachtet Buddha als das, "was
du in deiner Essenz bist, was jeder von uns ist" . Die große
Frage ist: Was verbindet und was unterscheidet Satsang und Buddhismus? "Breathing in, breathing out, going in, watching (einatmend, ausatmend, nach innen gehend, betrachtend)," singen die Musiker zu den Klängen von Gitarre, Flöte und Trommel, im Hintergrund mit einem sich wiederholenden "Halleluja". Solche Lieder mit Inhalten aus allen spirituellen Traditionen sind der typische Auftakt einer Sitzung im "Satsang" (Sanskrit verkürzt für "Gemeinschaft in Wahrheit") mit Pyar. Sie habe diesen Namen, der "Liebe" bedeute, von Osho erhalten. Mit diesem Namen hat sich Bhagwan Shree Rajneesh später buddhistisch umgetauft. Von Beruf Ärztin und Akupunkteurin in München, wirkt Pyar erst seit 1999 als spirituelle Lehrerin. Doch ihre Kurse in ganz Deutschland sind voll. Ihr erstes Buch, Reise ins Nichts: Geschichte eines Erwachens, war der Anschub für ihre Popularität. Die letzten drei Monate habe sie aus der Menge von Briefen lediglich die dreihundert dringlichsten beantworten können, wie sie sich mit oberbayerischem Akzent vor den über hundert Teilnehmern zu Beginn des einwöchigen Neujahrs-Retreates 2003-04 entschuldigt. Auf den drei vorangegangenen Retreats
waren der Ausgangspunkt für ihre Inspirationen jeweils der chinesische
Zen-Großmeister Sekitô (8. Jh., "Steinhaupt"),
welcher dem japanischen Sôtô-Zen mit dessen Betonung des
stillen Sitzens vorausgegangen war, Atîsha (11. Jh.), der mit
Padmasambhava den Buddhismus aus Indien nach Tibet eingeführt hat,
sowie Milarepa (11.-12. Jh.). Er ist der berühmteste Heilige Tibets.
Ihm werden die mystischen 10 000 Gesänge des Milarepa zugeschrieben.
Pyar zitiert auf ihren "Retreats"
neben Jesus Christus und Osho besonders gerne buddhistische Meister.
Der englische Begriff "Retreat" steht für bewusste Zeiten
des "Rückzuges" in Kontemplation und "stillem Sitzen",
wie Pyar "Meditation" beschreibt. Während eines solchen
Rückzuges vom Alltag wechseln sich Phasen des stillen Sitzens mit
den Satsang-Sitzungen im engeren Sinne ab. Ein Mann befragt sie zur
Meditation: "So, jetzt gehe ich tiefer und tiefer. Wo gehe ich
da hin?" Sie antwortet ihm ebenso bündig: "Weg - du gehst
aus dem Weg."
Eine
Sitzung im Satsang Die Satsang-Sitzungen dauern bis
zu zweieinhalb Stunden. Pyars Vorträge gehen den direkten Gesprächen
mit den Teilnehmern voraus. Während dieses längeren Gesprächsteiles
sprechen einzelne, möglichst von Herzen, über "das Wesentliche".
In diesen spontanen Beiträgen geht es um eigene spirituelle Erfahrungen
und Einsichten, Fragen zur Lehre, oder einfach das Berührtsein
von Pyar, aber ebenfalls um Probleme im Beruf oder der Familie, und,
manchmal unter Tränen, um sehr persönliche Bekenntnisse und
Leiden. Ein Mann etwa berichtet mit gedrückter Stimme, dass einer
seiner Angestellten, nachdem er ihn entlassen musste, an Herzinfarkt
gestorben sei. Seitdem mache er sich Selbstvorwürfe. Pyar wohnt
ihm innerlich bei, ohne dabei viele Worte zu machen. Aber, so meint
der Mann einschränkend, der Entlassene habe sich auch vorher in
der Arbeit immer überfordert. Nach einiger Stille schließt
Pyar mit dem Rat: "Versuche, dir zu verzeihen, und dich mit deiner
vielleicht Fehlerhaftigkeit zu umarmen, und dann diesen Menschen loszulassen
in Freundschaft." Worum es im Satsang nicht geht,
ist kritische Hinterfragung bzw. klare Unterscheidung. In diesem Sinne
schreibt etwa der Buchautor Christian Salvesen in seinem Vorwort zu
Pyars zweitem Buch, Poesie der Stille, Tanz des Lebens: "Was
Pyar sagt und wie sie es sagt, fließt aus der unerschöpflichen
Quelle jenseits aller Konzepte, Theorien oder überlieferten Schriften."
Daran anschließend zitiert er noch Pyar: "Jedes Urteilen,
diese trügerische Sicherheit, die nur das in Wahrheit gar nicht
existierende ,Ich' stärken soll, verhindert das direkte Erfahren
dessen, was das Selbst ist." Diese starke Betonung der "absoluten
Wahrheit" der Nicht-Dualität und des (wahren) Selbst zeigt,
dass die Satsang-Bewegung in erster Linie in der alten hinduistischen
Tradition des "Advaita" (Sanskrit für "Nicht-Zweiheit")
verwurzelt ist. Diese auffällige Orientierung bedeutet übrigens
eine Verwandtschaft zum "antikritischen" Zen. Deshalb wird
die Satsang- oder Advaita-Tradition manchmal auch der "Zen des
Hinduismus" genannt. Pyar sieht die (Über-)Betonung der Nicht-Dualität,
wie sie an anderer Stelle zum Ausdruck bringt (1):
"Manchmal habe ich das Gefühl, als ob Buddha oder seine Schüler,
was die Hochzeit von Weisheit und Mitgefühl betrifft, weiter gegangen
und nicht bei der absoluten Wahrheit stehen geblieben wären."
Die
Wurzeln des Satsang Das Zusammensein im Satsang ist
eine im Westen zunehmend populäre Bewegung, die in ihrer modernen
Form vor allem aus den Lehren sowie den direkten Formen der Vermittlung
drei indischer Meister hervorgegangen ist: 1) Ramana Maharshi (1879-1950).
Seine Lehre vom "wahren Selbst" Âtman gegenüber
der Welt der Illusion "Mâya" ist die einflussreichste
neuzeitliche Form der altindischen Lehre von Shânkara (8. Jh.),
des Begründers der Advaita-Philosophie. Der Âtman bedeutet
die absolute Einheit aller Dinge, die mit der Schau der Identität
des individuellen Selbst mit der "Weltseele" Brahman verwirklicht
werde. 2) Poonjaji oder Papaji (1910-1997),
der, umgeben von einer stark wachsenden Schar von Zuhörern, die
typischen Einzelgespräche zum Zwecke des Erwachens führte.
Er ist ein persönlicher Schüler Ramana Maharshis. 3) Osho (1931-1990), der für
seine häufig konfrontative oder wachrüttelnde Art bekannt
geworden ist und viele Traditionen aus Ost und West berücksichtigt
hat. Der Buddhismus spielte für ihn eine besondere Rolle. Der Dalai
Lama hat ihn einmal einen "erwachten Meister" genannt. Nach
Oshos Tode pilgerten viele seiner "Sannyasins" in den Neunzigern
zu Poonjaji. Aber auch viele Schüler von Christopher Titmuss, eines
maßgeblichen englischen Lehrers der buddhistischen Achtsamkeits-
oder Einsichtspraxis "Vipassanâ" (Klares Sehen), gingen
in den Achtzigern zu Poonjaji (2).
Christopher war mit Poonjaji gut befreundet. Diese drei einflussreichen modernen
Väter der Satsang-Bewegung haben viele Abendländer beeinflusst.
Deshalb sind die heute im Westen aktiven Satsang-Lehrenden (zu ähnlichen
Anteilen) vor allem westliche Frauen und Männer.
You
got to be a little crazy Für Pyar wurde neben Osho auch
Samarpan prägend, selber ein Schüler Oshos und Poonjajis.
Gegen Osho habe sie sich trotz des Eindruckes, den er auf sie gemacht
habe, lange Zeit innerlich gewehrt. Doch eines Tages konnte sie ihm
einfach nicht mehr widerstehen. Dies geschah, als auf einem Video die
Kamera plötzlich auf seinen Zeh einschwenkte; Osho habe so einladend
damit gewackelt. Wie Osho (der vor seiner Zeit als
spiritueller Meister Philosophie-Professor war), hat auch Pyar von jung
an spirituelle Literatur verschlungen. Sie setzt gewissermaßen
Oshos Tradition fort. So gibt es zum Beispiel einen engeren und einen
weiteren Kreis ihrer Schüler. Der engere Kreis ihrer Sannyasins
hat "Sannyas" und einen spirituellen Namen von ihr genommen.
Auf dem Neujahrskurs waren es zehn Frauen und drei Männer. Pyar
versteht "Sannyas" (Sanskrit für "Aufgeben")
als ein "tiefstes Sicheinlassen" auf die Nicht-Dualität,
oder als einen entschlossenen Schritt der Hingabe in das Bedingungslose.
Doch bei so viel Hingabe kann sich manchmal Unbehagen regen. Während
der Sannyas-Zeremonie auf dem Neujahrskurs stimmten die Musiker etwa
ein Lied an: "You got to be a little crazy to live this life of
love."
Das
Bedingungslose Pyar beschreibt den Zweck ihrer
Lehre so: "Solange wir innerhalb der
Bedingtheiten versuchen herauszukommen, schaffen wir neue Bedingtheiten.
Solange ich säe und auf die Ernte warte, hat es der ,goldene Hirsch
der Illusion' gefressen (ein Bild aus dem indischen Epos Mahâbhârata).
Dadurch binden wir uns in eine erwartungsvolle Kausalität nach
vorne oder nach hinten, nämlich im Denken ,um zu', oder auch ,weil',
zum Beispiel ,Ich bin so, weil Mama und Papa dies oder das getan haben.'
In diesem Falle sind wir in der Kette von Ursachen und Wirkungen, der
Kette der Bedingtheiten, gefangen. So geht es darum, dahin zu gelangen,
wo es keine Bedingungen gibt, also in die Lücke der Bedingungslosigkeit
hineinzuspringen, in das Grundlose - in Hingabe. Das Sitzen selber ist
es - in sich. Das Dasein selber ist es - in sich. Buddha nennt das Bedingungslose
,Leerheit'. Jesus nennt es ,Königreich Gottes'. Pyar wechselt die
Begriffe. Wo Bedingungslosigkeit auftaucht, kann es keinen ,Erleuchtungsstress'
mehr geben." Sie betont häufiger, dass sich
die Religionen ihrer Essenz nach nicht unterscheiden würden; zum
Beispiel so: "Worum es Jesus, Buddha, den Mystikern, Pyar oder
Osho geht, die Wahrheit, die Liebe, ist völlig eins. Die zugrundeliegende
Wahrheit ist immer dieselbe, ob im Hinduismus, Buddhismus, Christentum
oder Islam." Aber sie vertritt auch spezifisch buddhistische Lehren,
etwa den "Durst" als die Ursache allen Leidens, oder die Wiedergeburt:
"Was du im Leben nicht loslässt, wirst du auch im Sterben
nicht loslassen. Und was du nicht loslässt, wird dich dann ins
nächste Leben ziehen. Warum hast du so viel Angst? Weil du noch
nicht alles verloren hast." Trotz ihres generell verbindenden
Ansatzes übt sie auch klare Kritik. Eine Frau aus dem Teilnehmerkreis
des Neujahrs-Retreates etwa bekundet, dass sie die Frauen im buddhistischen
Burma sehr beeindruckt hätten. Doch schade fände sie deren
Glauben, dass sie erst als Männer wiedergeboren werden müssten,
um erwachen zu können. Pyar kommentiert es so: "Bullshit!
Der gleiche Bullshit ist es, wenn der Kirchengründer Paulus meint,
dass in der Kirche die Frau schweigen soll, und sie dem Manne untertan
sei. Das sind alles Beispiele für die typische Vergiftung der Wahrheit
durch ein System. Paulus war der Politiker und Chefideologe, Petrus
dagegen ein einfacher Mensch." Ein Mann sagt, er sei extrem christlich
aufgewachsen, habe sich dann aber aus Rebellion vollkommen Osho zugewandt.
Doch er möchte sich heute wieder mit seiner christlichen Vergangenheit
versöhnen. Pyar bestätigt ihn darin. Er müsse zwischen
der Religiosität und den Religionssystemen unterscheiden. Es gebe
auch in der westlichen Geschichte einige Buddhas und Bodhisattvas: "Warum
sie vor die Tür stellen, weil die Kirche oder Mama und Papa Mist
erzählt haben? Es fragt sich immer, wogegen eine Rebellion notwendig
ist. Schütte das Kind nicht mit dem Bade aus!"
Verbindung
und Unterscheidung Pyars verbindender Lehrstil charakterisiert
auch den tibetischen Buddhismus und den Zen, die beiden buddhistischen
Traditionen, aus denen sie im allgemeinen zitiert. Sie gehören
zum "Mahâyâna" (Großes Fahrzeug), der späteren
Form des Buddhismus, die nach unserer Zeitenwende im alten Indien und
China entstanden ist. Sie bilden heute, mit dem frühen Buddhismus
"Theravâda" (Lehre der Ältesten) und dessen bekanntester
Praxis, der Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation Vipassanâ,
die drei einflussreichsten Traditionen des Buddhismus im Abendland. Der tibetische Buddhismus beruht
auf einer Verbindung der altindischen Ursprünge des Mahâyâna,
die sich im alten Indien auch (zum Teil sehr) kritisch gegenüberstanden.
Diese Ursprünge sind die Reden bzw. "Sûtras" des
Mahâyâna, die beiden Philosophie-Schulen Madhyamaka und
Yogachâra, die Logik und Erkenntnistheorie, sowie der tantrische
Buddhismus. Auch der im alten China entstandene Zen ist eine Verbindung
unterschiedlicher Lehrstränge. Diese sind aus dem frühen Buddhismus
die Stufen der Sammlung "Jhâna" (Pali, für Sanskrit
"Dhyâna", was in China zu "Chan" und in Japan
zu "Zen" wurde), aus dem Mahâyâna bestimmte Mahâyâna-Sûtras
und die erwähnten beiden Philosophie-Schulen, sowie aus dem chinesischen
Taoismus die Betonung des "inneren Lichtes" und die Intellektfeindlichkeit.
Im buddhistischen Kanon Chinas sind die logischen und erkenntnistheoretischen
Schriften des altindischen Mahâyâna nicht enthalten, während
sie im buddhistischen Kanon Tibets zentral sind. Der heute in Südostasien und
auf Sri Lanka maßgebliche frühe Buddhismus Theravâda
orientiert sich an der ältesten Überlieferung, dem Pali-Kanon.
Dieser Kanon umfasst den "Dreikorb" der Reden des historischen
Buddha "Suttas", dessen Ordensdisziplin "Vinaya",
sowie der (etwas späteren) Scholastik "Abhidhamma". Für
den Theravâda spielen die genannten Ursprungstraditionen des Mahâyâna,
aus deren unterschiedlicher Verbindung der tibetische Buddhismus und
der Zen hervorgegangen sind, keine Rolle. Es gilt auch umgekehrt: Die
Reden des Buddha sind bloß zu einem sehr geringen Teil in den
tibetischen Kanon aufgenommen worden. Zu diesen wenigen gehören
auch nicht die besonders zentralen Meditationsreden zur befreienden
"Achtsamkeit" (Sati), oder die Reden des Erwachten, die eine
kritisch-untersuchende Haltung zum Lehrer betonen, wie das berühmte
Kalâma-Sutta oder das Vimamsaka-Sutta. Im chinesischen
Mahâyâna-Kanon sind lediglich die Redensammlungen "Âgamas"
der frühbuddhistischen Übergangsschulen zum Mahâyâna
enthalten. In den Reden des Buddha im
Pali-Kanon, die erst seit wenigen Jahren in guten Neuübersetzungen
zugänglich sind (3),
ist eine klar unterscheidende Haltung stark ausgeprägt (im Unterschied
zum Satsang, sowie zum tibetischen Buddhismus und dem Zen). Der historische
Buddha hat die spirituellen Traditionen seiner Zeit kritisch betrachtet.
Der Grund: Er hat eine die höchste Realität treffende, dies
heißt "treffliche Sicht" als das Führungsglied
des Befreiungspfades gesehen. Dies kommt etwa mit einem Vergleich zum
Ausdruck, wonach die treffliche Sicht als das "Zugpferd" für
den ganzen Befreiungspfad wirkt (Systematische Sammlung): ",Gerade zum Ziel führend'
lautet der Name dieses Pfades. ,Freiheit von Furcht' heißt das
Land, wohin er führt. Der Streitwagen für diese Fahrt ist
der ,Stille Läufer', mit den wohleingefügten Rädern des
ernsthaften Bemühens. ,Bewusstheit' steht für das Stützbrett
auf dem Wagen und ,Achtgeben' für das Schutzgewand des Fahrenden.
Was zum Heilsziel hinführt, ist der Innere Weg. Aber ,treffliche
Sichtweisen' sind die Zugpferde. Sei es eine Frau, sei es ein Mann,
- wer auch immer mit diesem Streitwagen fährt, wird damit in die
Gegenwart des vollkommenen Erwachens gelangen." Eine treffliche Sicht "trifft"
zunehmend die wahre Wirklichkeit, dass alles fließt und deshalb
nicht wirklich greifbar oder tragfähig ist, im auf alles bezogenen
Nicht-Selbst. Der Buddha hat die hinduistische Lehre von einem "wahren
Selbst" verneint. Die letztlich unfixierbare Flussnatur der Phänomene
bedeutet, dass "in" ihnen, "mit" ihnen oder "über"
ihnen in Wahrheit keine Art von "Selbst" bestehen kann.
Für
und Wider Für den verbindenden Lehrstil
spricht, dass er eine Entscheidung für oder gegen eine spirituelle
Tradition überflüssig macht. Auch kann dieser Ansatz das Wertvolle
in den verschiedenen Traditionen bewusst machen. Die Gefahr ist, dass
gleichgesetzt wird, was im Grunde nicht gleich ist. In diesem Falle
werden Ansichten vertreten, die von den Religionsbegründern oder
anderen maßgeblichen Denkern der Geschichte zurückgewiesen
wurden. So hat der Buddha etwa keinen Glauben an (ein Über-Selbst)
Gott vertreten oder geteilt. Denn jede Lehre von einem "Selbst"
(dies heißt die Sicht, dass es im höchsten Sinne real sei)
widerspreche der wahren bzw. "Selbst"-losen "Natur aller
Dinge". Die spirituellen Traditionen mit einem verbindenden Stil
betonen generell die "Hingabe an den Meister" als entscheidend
für den spirituellen Fortschritt (warum sie dies tun, ist eine
weitere und komplexe Frage). Für den unterscheidenden Lehrstil
spricht, dass er ein scheufreies "Selbstdenken" (ein Begriff
des alten deutschen "Buddhaisten" Arthur Schopenhauer) in
innerer Verpflichtung gegenüber der Wahrheit fördert. So kann
er treffliche von weniger trefflichen oder verfehlten Ansichten unterscheiden.
Die Vertreter dieses Lehrstiles entsprechen nicht automatisch der Bewusstseinsmacht
der angestammten Religion. Die Gefahr ist, dass sie das Wertvolle in
den verschiedenen Traditionen übersehen und eine missionarische
Haltung entwickeln. Der frühe Buddhismus Theravâda mit dessen
Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation Vipassanâ betont die Selbstverantwortung
und die eigene konsequente Praxis als entscheidend für den spirituellen
Fortschritt. Der Lehrer gilt hier bloß als ein beratender "spiritueller
Freund". In diesem Sinne heißt es zum Beispiel im "Pfad
der natürlichen Wahrheit" Dhammapada: "Man selber begeht Unheil,
und man selber korrumpiert sich. Man selber vermeidet Unheil, und man
selber läutert sich. Korrumpierung und Läuterung hängen
von einem selber ab. Niemand läutert einen anderen." "Die Erwachten können
den inneren Weg nur weisen. Doch wir müssen uns selber bemühen,
ihn zu gehen. Die Sich-Läuternden gehen ihn. Auf diese Weise befreien
sie sich von den Kräften der Verblendung." "Man ist sich selber der größte
Erlöser. Welchen anderen Erlöser sollte es noch geben? Im
wohlbeherrschten Selbst wohnt ein Erlöser, der anderswo kaum zu
finden ist." In Buddhas Rede an die Kalâmer
heißt es berühmt (Angereihte Sammlung): "Folgt nicht als geoffenbart
angesehenen Lehren, altehrwürdigen Überlieferungen, der Autorität
,Heiliger Schriften', der landläufigen Meinung, bloßen Vernunftgründen
oder Schlüssen aus reiner Theorie, dem einnehmenden Charisma, oder
der vorgetragenen Größe eines Meisters. Aber wenn Ihr tief
in Euch selber versteht: ,Diese Dinge sind heilsam, förderlich,
von Weisen empfohlen, und, wenn man sie akzeptiert und durchführt,
bringen sie allseits Nutzen und Glück', solltet Ihr so handeln." Das Alleinsein ist der primäre
"Raum" der befreienden Erkenntnis, auch für Pyar: "Das
All-Ein(s)-Sein ist dasselbe, in Gesellschaft oder ohne Gesellschaft.
Niemand entkommt dem All-Ein(s)-Sein, weil es in Wahrheit keinen ,anderen'
gibt. Aus dem Alleinsein ist Kommunion möglich. Es gibt keine individuelleren
Menschen als Buddhas. Sie sind keine Abziehbilder, höchst individuell,
doch dabei ohne ,Ich' oder ,andere'." Die große Kunst ist wohl, den Mittelweg zwischen dem verbindenden und unterscheidenden Ansatz zu finden, um das zu sehen, worum es geht. Pyar sagt es so: "Kein Meister konnte es je wirklich sagen. Das liegt in der Natur der Nicht-Sache!"
Anmerkungen: Die Homepage von Pyar, die umfassend zu ihr informiert: www.pyar.de Die Homepage von Hans Gruber: www.buddha-heute
1) Interview in Ursache & Wirkung: Buddhismus in Gesellschaft und Leben, 3 / 2003. [zurück] 2) Dazu gehören etwa die Vipassanâ-Lehrerinnen Sharda Rogell und Jaya Ashmore, die sechs Jahr mit Poonjaji verbracht hat, sowie Andrew Cohen. Er ist ziemlich einflussreich geworden und leitet das Magazin Was ist Erleuchtung?. Er hat sich nach seiner Begegnung mit dem Advaita gegen Christopher Titmuss gewandt. [zurück] 3) * The Middle Length Discourses of the Buddha: A New Translation of
the Majjhima Nikâya, tranlsated by Bhikkhu Nânamoli
and Bhikkhu Bodhi, Boston: Wisdom Publications, 1995 (die meistzitierte
Sammlung der Reden des Buddha). * Numerical Discourses of
the Buddha: An Anthology of Suttas from the Anguttara Nikâya,
tranlsated and edited by Nyanaponika Thera and Bhikkhu Bodhi, Oxford:
Altamira Press, 1999 (kürzere und einfachere Reden zu einer Bandbreite
von Themen). * The Long Discourses of the Buddha: A Translation of the Dîgha Nikâya, by Maurice Walsh, Boston:
Wisdom Publications, 1995 (besonders eingehende Reden). *
The Connected Discourses of the Buddha: A New Translation of the Samyutta
Nikâya, translated by Bhikkhu Bodhi, Volume 1 and II, Somerville:
Wisdom Publications, 2000
(diese Sammlung der Reden behandelt besonders die wahre Natur der Dinge).
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