Was bedeuten die buddhistischen hohen Sammlungszustände (Jhanas)?

by Hans on 01/04/2009

 

 

 

Was bedeuten die buddhistischen hohen

Sammlungszustände (Jhanas)?

 

 

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* Näheres zum neu entdeckten Urvater des westlichen praktizierten Buddhismus,
U Dhammaloka, hier im Vorwort

* Tipp: Die Spiegelung meiner Facebook-Seite auf diesem Blog

 

 

Der Gesprächspartner dieses Blogeintrags „Sind die tiefen Konzentrationszustände Jhânas für die Befreiung notwendig?“, der anonym bleiben will, hat mir erneut geschrieben. Damit hat er den Anstoß zu einem neuen aufschlussreichen Thema gegeben.

Im Folgenden erscheint zunächst sein Text und danach meine Antwort.

Er ist wieder mit dem Abdruck seines Textes einverstanden. Auch Idakio hat mit seinem Kommentar (vgl. in jenem Blogthema) die Bedeutung von Sammlung und Vertiefung thematisiert.

Hinweise: Beachte bei Interesse bitte auch die Infos zu den Möglichkeiten für Dich als Besucher dieses Blogs und das Vorwort zum Blog.
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Lieber Herr Gruber,

…  Sich durch Konzentrationsübungen in einen Zustand punktförmig verengten Bewusstseins zu versetzen, ist für mich NICHT Jhana. Ich stimme Ihnen AUSDRÜCKLICH zu, dass solche Praktiken UNNÖTIG sind. Meiner Meinung nach widerspricht ein solches Verständnis der Jhanas auch den Suttas. Die Jhanas sind für mich der natürliche Zustand eines jeden Menschen, der sein Herz von verdunkelnden und trübenden Eigenschaften geläutert hat und von den fünf Hemmungen befreit ist. Zu einer Zeit, in der so ein Mensch gerade nicht von weltlichen Angelegenheiten (z. B. Lehren) in Anspruch genommen wird, ist Vertiefung (Jhana) seine natürliche Art zu verweilen. Nach meiner Überzeugung kann man die Jhanas erfahren, ohne jemals „konzentrative Meditation“ praktiziert zu haben.

Oder anders ausgedrückt: Jemand, der alle Bedürftigkeit nach sinnlicher Befriedigung hinter sich gelassen hat, der ein Herz voller Güte, Erbarmen, Freude und Gleichmut hat, der kann gar nicht anders als still in sich zu ruhen. Und wenn sich dieser Zustand immer mehr VERTIEFT, dann kann man von irgendwann von Jhana sprechen.

Nirgendwo in den Reden Suttas werden die Jhanas als das Ergebnis punktförmiger Konzentration gelehrt. Letzteres ist möglicherweise ein „Import“ aus dem Hinduismus. Stattdessen sind die Jhanas in den Suttas das Ergebnis intensiver Läuterung bzw. die Fähigkeit zu den Jhanas ist ein Zeichen einer solchen Lauterkeit. In der Beschreibung folgen die Jhanas der Sittenreinheit, Sinnenzügelung und Klarbewusstheit. Die Fähigkeit zur Vertiefung ist direkt proportional zur Reinheit und Lauterkeit des Herzens.

Vielleicht wird nun verständlicher, warum ich die Jhanas für unentbehrlich halte. Sich dagegen mittels ausschließlicher Konzentration auf ein Objekt in eine Art „Trance“ zu versetzen, halte ich, was den Wert für die Befreiung betrifft, für genauso entbehrlich wie Sie. Vielleicht sogar für gefährlich, denn es ist ein Akt der Gewalt, der Unterdrückung. Und ist dieser erzwungene Zustand vorbei, ist man wieder der alte. Wäre DAS Jhana, hätte der Buddha es nicht in den Himmel loben brauchen.

Zum Teil haben wir vielleicht aneinander vorbeigeredet, weil wir unter Jhana etwas jeweils ganz anderes verstanden haben, was auch damit zu tun haben könnte, dass die „Tradition“ zum Teil erheblich von den Suttas abweicht, auch und gerade was die Vertiefungen betrifft. Dieses Schreiben von mir soll der Klarstellung und auch der Einheit dienen, denn wir sind uns ja offenbar einig, was den Wert/Unwert punktförmiger Konzentrationszustände für die Befreiung anbelangt. …

 

Antwort von Hans Gruber:

 

Lieber Herr …,

Jeder kann die Lehren des Pali-Kanons deuten, wie es ihm oder ihr persönlich am meisten nützt. Es ist aber ein genauer Blick nötig, wenn gesagt wird, genau dieses oder jenes stehe in den Reden des Buddha. In der Sprache des Pali-Kanons ist das „punktförmig verengte Bewusstsein“ die „Einsgerichtetheit“ (ekaggattâ), die schon in den Reden Suttas erwähnt wird, nicht erst später. Mit der Rede 44 der Mittleren Sammlung etwa wird die in den Reden häufig erscheinende „Sammlung“ (samâdhi) als „Einsgerichtetheit des Herzgeistes“ (cittekaggatâ) definiert. (Ich übersetze Citta wörtlich mit „Herzgeist“ anstatt mit „Geist“.) Damit widerspricht die Lehre vom punktförmig verengten Bewusstsein bzw. der Einsgerichtetheit nicht den Reden.

In der klassischen Formulierung der Vier Versenkungsstufen „Jhânas“ ist mehrmals von „Sammlung“ oder „Konzentration“ Samâdhi die Rede. Manchmal (vgl. etwa Mittlere Sammlung, Rede 141) heißt es bereits einleitend: „Was bedeutet Treffliche Konzentration (sammâ-samâdhi)?“ Abschließend heißt es: „Das bedeutet treffliche Konzentration.“ Auch im Rahmen des zentralen Achtfachen Pfades wird die „Treffliche Konzentration“ als die Entwicklung der Vier Jhânas erklärt. Relativ häufig werden die Vier Jhânas mit vier bestimmten Gleichnissen illustriert, die ihren Sammlungscharakter zusätzlich unterstreichen (vgl. etwa Mittlere Sammlung, Rede 39).

Die klassische Formulierung der Vier Jhânas lautet im Kern (ohne jene Einleitung und jenen Abschluss und ohne die an manchen Stellen die Jhânas erläuternden Gleichnisse)::

Erstes Jhâna: „Abgeschieden von sinnlichen Vergnügungen, abgeschieden von unheilsamen Zuständen, kam ich zur und verweilte ich in der ersten Vertiefung. Sie wird von anfänglichem und fortgesetztem Denken begleitet, sowie von Entzücken und jenem Glück, das sich aus der inneren Abgeschiedenheit ergibt.“

Zweites Jhâna: „Mit der Stillung des anfänglichen und fortgesetzten Denkens, kam ich zur und verweilte ich in der zweiten Vertiefung. Sie wird von Selbstvertrauen und Einigkeit des Herzgeistes ohne anfängliches und fortgesetztes Denken begleitet, sowie von Entzücken und jenem Glück, das sich aus der Konzentration ergibt.“

Drittes Jhâna: „Mit dem Aufhören des Entzückens verweilte ich in Gleichmut. Achtsam und voll bewusst, aber noch Wohlbehagen im Körper verspürend, kam ich zur und verweilte ich in der dritten Vertiefung. Von ihr sagen die Edlen: ,Derjenige Mensch hat ein angenehmes Verweilen, der gleichmütig und achtsam ist.´“

Viertes Jhâna: „Mit dem Aufhören von Glück und Unglück und dem vorangegangenen Schwinden von Freude und Kummer, kam ich zur und verweilte ich in der vierten Vertiefung. In ihr gibt es weder Glück noch Unglück, sondern Reinheit der Achtsamkeit und des Gleichmuts.“

Es ist hier auch von Achtsamkeit die Rede. Die Übung der Achtsamkeit hat viele Funktion, sie ist laut den Reden „von großer Frucht und großem Nutzen“. Eine dieser Funktionen ist die Entwicklung von Sammlung oder Konzentration. Aber die höchste Funktion der Praxis der Achtsamkeit ist die Entwicklung der befreienden Einsicht.

In der Rede 44 der Mittleren Sammlung wird Samâdhi als Einsgerichtetheit definiert (von der Nonne Dhammadinnâ, deren Antworten am Ende vom Buddha bestätigt werden). Damit ist Einsgerichtetheit ein Synonym für Sammlung oder Konzentration Samâdhi, die ja als die Entwicklung der Vier Vertiefungen Jhânas erklärt wird. Das bedeutet, dass die Vier Jhânas als der Prozess der zunehmenden Vertiefung von Samâdhi oder auch Einsgerichtetheit zu verstehen ist.

Außerdem ist im Rahmen der Erklärung der Vier Vertiefungen Jhânas im Abschnitt zum zweiten Jhâna ausdrücklich von „Einigkeit“ Ekodibhâvam des Geistes und der „Sammlung“ oder „Konzentration“ Samâdhi die Rede. Im Jhânasamyutta der Systematischen Sammlung der Reden des Buddha (SN 34) wird mit einer höchst technischen Sprache eine ganze Reihe von inneren Fertigkeiten im Zusammenhang mit der Konzentrationsmeditation behandelt. Damit wir auch deutlich, dass im Pali-Kanon die Vier Jhânas in erster Linie als konzentrative Zustände der reinen Meditation gelten. Es sind keineswegs alltägliche Bewusstseinszustände.

Die wörtliche Übersetzung für Sam-â-dhi ist „Konzentration“ oder „Sammlung“. Das erste Präfix Sam bedeutet „zusammen“, das zweite Präfix â gezielte Ausrichtung (laut PTS-Dictionary „it denotes the aim of the action expressed in the verb“), und dhi ist eine Ableitung aus dem Verb dhâ für „tun, setzen, fügen“. Wörtlich ist also ein Zusammengefügtsein gemeint, das auf etwas ausgerichtet ist. Der westliche Begriff dafür ist „Konzentration“.

Ich habe nicht gesagt, dass die tiefen Konzentrationszustände der Jhânas generell unnötig seien. Denn sie sind Bestandteil des einen der beiden im Palikanon beschriebenen Befreiungswege, der für bestimmte Persönlichkeitstypen besser geeignet ist. Insofern sind sie für diesen Befreiungsweg auch nötig. Für den anderen Befreiungsweg dagegen, der über die treffliche, sehende Achtsamkeit (sammâ-sati) und die resultierende Weisheit führt, sind sie es nicht.

Sie äußern den folgenden schönen Gedanken: „Die Jhanas sind für mich der natürliche Zustand eines jeden Menschen, der sein Herz von verdunkelnden und trübenden Eigenschaften geläutert hat und von den fünf Hemmungen befreit ist. … Jemand, der alle Bedürftigkeit nach sinnlicher Befriedigung hinter sich gelassen hat, der ein Herz voller Güte, Erbarmen, Freude und Gleichmut hat, der kann gar nicht anders als still in sich zu ruhen. Und wenn sich dieser Zustand immer mehr VERTIEFT, dann kann man von irgendwann von Jhana sprechen.“ Dieser Gedanke entspricht einem Strang in der Lehre des Buddha; nämlich demjenigen, dass sich die Sammlung aus der Ethik bzw. den Herzensqualitäten ergibt.

Allerdings ist die Befreiung innerhalb dieser Sammlung noch nicht endgültig, was erst dann der Fall ist, wenn die befreiende Weisheit hinzukommt. Diese ist für beide Befreiungswege entscheidend. Offenbar hat es sogar Fälle wie den berühmten Fall des Massenmörders Angulimala gegeben (Mittlere Sammlung, Rede 86 Angulimâla-Sutta), der trotz zahlreicher Morde vor der Bekehrung zur Lehre des Buddha die höchste Befreiung verwirklichen konnte, nämlich alleine durch Achtsamkeit und weise Einsicht, der erst dann die Ethik folgte. Von den Jhânas oder der konzentrativen Sammlung ist im Zusammenhang des Angulimâla-Sutta keine Rede.

Folglich lässt sich der klassische Befreiungsweg der Ethik, dadurch der Konzentration oder Sammlung und schließlich der befreienden Weisheit nicht verallgemeinern. Es gibt auch den Befreiungsweg der Achtsamkeit bzw. des Sehens, dem die Ethik folgt, und schließlich die befreiende Weisheit.

Herzliche Grüße

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{ 2 comments… read them below or add one }

Avatar 1 Anando März 9, 2014 um 12:21 Uhr

Hallo,

Zuerst möchte ich mich vorstellen. Ich bin ein Arhant und habe vierzig Jahre den Pali-Kanon studiert und auch praktiziert.

Meine Ausgabe des Palikanons ist die neumannsche Übertragung, speziell diee „Längere Sammlung“, Dighanikayo l.

Mit den 8 Vertiefungen „Jhanas“ stimme ich überein. Ich bin aber zu der Ansicht gelangt, dass sie eine Messlatte sind, an der man seinen geistigen Fortschritt feststellen, der sich aus der Meditation des Achtfachen Pfades ergibt:

1. Formhaft ist man und sieht die Formen.
2. Innen ohne Wahrnehmung, nach außen noch Formen.
3. Schönes hat man nur im Sinn.
4. Völlige Überwindung der Formwahrnehmung, Gegenwahrnehmung, Vewerfen der Vielheitenwahrnehmung.
Gewinnung des Gedankens – „Grenzenlos ist der Raum“.
5. Grenzenlos ist das Bewußtsein.
6. Den Gedanken gewinnen „Nichts ist da“.
7. Die Grenzscheide möglicher Wahrnehung.
8. Die Auflösung der Wahrnehmbarkeit.

Aus Neumann, K-E.: „Die Reden des Gotamo Buddhos“, Längere Sammlung, Dighanikayo, Zürich-Wien, 1957

Zusätzlich zu oben möchte ich die Textstellen aus aus dem Register anführen:

Freiungen: 229, 260, 594, 613.

Ich bin im Besitz der Erlaubnis des Szolnay-Verlages Wien, Texte oder Textpassagen zu veröffentlichen.

Anando

Avatar 2 Bernd Wolf April 8, 2009 um 16:23 Uhr

Hallo,

kürzlich hörte ich einen Vortrag über Samadhi und Jhanas aus der Sicht eines Professors, der in Kyoto an einer Zen-Uni einen Lehrstuhl inne hat. Nach meinem Verständnis wurde über die Bedeutung der Jhanas folgendes gesagt:

Es werden insgesamt 8 „festzustellende“ Jhanas im PK genannt. Die ersten 4 Stufen (die körperlichen) können terminologisch mit den Samadhi-Stufen des Zen direkt verglichen werden. Die (nicht-köperlichen) Jhanas (5-8) sind Zustände, die zwar auf dem Weg von Samadhi zum Nirvana (=das Überkommen der 8. Stufe) vorkommen können (!) aber nicht unbedingt eintreten müssen. Trotzdem wäre es von Vorteil, sie ab und an zu „erleben“.

Zur Unterscheidung von „Samadhi“ (1-4) und „Jhana“ (5-8):

Samadhi (Jhana 1-4) ist der Zustand von erreichter EINHEIT. Vollständige Einheit mit allem Sein. Es ist eindeutig ein „Erleber“ da, doch das Erlebte IST der Erleber. Es wird durch ausdauernde Konzentration angestrebt.

Jhanas (Jhana 5-8) beinhalten keinen „Erleber“. Sie sind bereits ein Vorgeschmack auf das Nirvana, da das SELBST so gut wie verschwindet, je höher die Stufe ist. Sie beweisen dem, der wieder aus ihnen heraustritt, dass das Selbst eine Illusion des Geistes ist. Deshalb sind sie so wertvoll – doch WÄHREND Jhana 5-8 sind quasi keine Einsichten möglich.

Der Weg über die Jhanas zur Befreiung (zum definitivem Abfallen/Entwurzeln der SELBST-Illusion) ist stufenweise, in der Regel sehr langsam und bedarf eines durchaus mönchischen Lebensstils. Der Weg über die Einsicht KANN auch Jhanas (5-8) beinhalten, MUSS aber nicht.

Den Wunsch, den manche Zen-Praktizierenden hegen, durch irgendwelche schnellen Einsichten Satori oder zumindest Kensho zu erreichen, ist deshalb kontraproduktiv, weil er ein Wollen (ein wollendes Selbst) impliziert. Durch ein Wollen ist der wertvolle Samadhi-Zustand (1-4) praktisch unerreichbar. Doch irgendwann gibt man vor Erschöpfung „auf“…und Bingo – da ist´s passiert.

Im Grunde ist es mE kein wirklicher Unterschied, ob man Zazen, Anapanasati oder Satipatthana/Vipassana praktiziert – der Schmelzpunkt, der die Sache effektiv macht, ist der Bereich der EINHEITSEMPFINDUNG. Dieser ist sicher auch, wie von Euch oben genannt, auch über die Tugendwege erreichbar.

Jeder muss seinen Weg dahin finden und wohl diverse Wege ausprobieren: Zen ist quasi ein „Short-Cut“ von Stufe 0 auf Stufe 9 – und deshalb sehr anspruchsvoll und nicht ungefährlich, da sehr intuitiv. Im Zen wird leider oft vergessen, sich mit den Jhanas zu befassen – das führt zu Missverständnissen, wenn mal die ein oder andere Erfahrung eintreten sollte. Urbuddhistische Meditationspraktiken dagegen sind mE strukturierter, sicherer, orientierungshafter – doch je nach Praktizierendem kann ein subtiles Anhaften an den Jhana-Erfahrungen entstehen. Das kann übrigens einem Zennie auch passieren 🙂

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Bernd

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