Buddhas Lehre für heute

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„Sich selbst zu finden bedeutet zu sehen, dass das eigene Selbst das Nicht-Selbst ist.“

Ajahn Buddhadasa
thailändischer Vipassana-Meister und Vater des „Engagierten Buddhismus“

“ Jedes Glück, das nicht in Dir selbst liegt, kann Dir weggenommen werden –
und wird Dir früher oder später weggenommen.“

Adyashanti
amerikanischer Zen-Lehrer

 

Die Suche nach einer für den Westen angemessen Form des „Buddhismus“ oder besser der Lehre des Buddhas, die er als das kulturübergreifenden Gesetz des „Dharma“ (das, was von innen trägt) bezeichnet hat, wird heute immer breiter geführt.

In einem eigenen Antwortkommentar unten auch mit einem Vergleich von „Achtsamkeit“ bei Thich Nhat Hanh und in den frühbuddhistischen Vipassana-Traditionen.

Auch andere Themen kommen in den Kommentaren bzw. Antworten zur Sprache. Eine Übersicht mit den direkten Links erscheint am Ende dieses Hauptbeitrags.


 

Hinweis: Dieser Beitrag wird nach seinem Ersterscheinen von mir noch erweitert. Deshalb bei Neubesuchen hier bitte den Browser (Pfeile oben) aktualisieren.

Einleitung:

Besonders wichtige Lehrbeiträge zu dieser Frage kommen im englischsprachigen Raum vor allem von dem ehemaligen buddhistischen Mönch im tibetischen Buddhismus und danach im Zen, Stephen Batchelor, zum „Säkularen Buddhismus“, von dem „engagierten Buddhisten“ Martin Aylward (aus der Tradition des thailändischen Meisters Ajahn Buddhadasa, einem Hauptvater des „Enagierten Buddhismus“) zu „WorkSexMoneyDharma“ oder von dem scharfen Religionskritiker, Neurowissenschaftler und langjährigen Vipassana-Praktizierenden Sam Harris zu einem mit der Wissenschaft vereinbaren „Nichtbuddhismus“ des „einfachen“ Dharmas (das, was von innen trägt) des historischen Buddhas.

In Deutschland ist in diesem Bereich etwa besonders der Psychologe Joachim Wetzky aktiv, der in Buddhismus Aktuell 1/13 den Leadartikel „Occupy Samsara: Klimawandel, Globalisierung und der Mittlere Weg“ verfasst hat, oder auch der Thich Nhat Hanh-Schüler Manfred Folkers.

Es gibt auch schon lange internationale buddhistische Traditionen, die sich besonders einem „westlichen Buddhismus“ verschrieben haben – vor allem die Shambhala-Tradition des tibetischen Lamas Chögyam Trungpa, die „Friends of the Western Buddhist Order“ FWBO oder der „Diamantweg“ des dänischen Lamas Ole Nydahl.

Aus dem frühen Buddhismus „Theravada“ (Lehre der Älteren) sind hier vor allem alle Traditionen der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis „Vipassana“ (höheres oder klares Sehen)  zu nennen, die weitgehend kulturunabhängige, reine Praxis- wie Lehrwege zur Kultivierung einer sehenden, befreienden Achtsamkeit sind, mit dem Zweck einer zunehmenden Befreiung.

Es gibt spezifische Unterschiede zwischen den oben genannten deutschen und englischsprachigen modernen Interpreten. Die deutschen Ansätze sind durch einen bestimmten relativ ausgeprägten „Synkretismus“ charakterisiert, der weit in die deutsche Geschichte zurückreichende historische Wurzeln hat.

Ich eröffne diese neue Seite „Buddhas Lehre für heute“ mit meiner eingehenden Antwort auf Joachims oben verlinkten Magazinbeitrag.

Zuvor war eine Diskussion zwischen uns vorausgegangen, die sich auf meinen Kommentar zu seiner Facebook-Seite „iBuddhismus“ bezog. Joachim hat diese Diskussion auf seiner Facebook-Seite weitergeführt. Daran habe ich mich zuerst beteiligt. Nachdem er mir seinen Beitrag aus Buddhismus Aktuell mitgeteilt hat, kommt hier im Blog jetzt meine eingehende Antwort auf ihn:

Warum es nicht erstrebenswert ist,
dass Buddhisten „aus einem Mund sprechen“!

Eine Antwort auf Joachim Wetzky Beitrag zum postmodernen Buddhismus

In Deinem aufschlussreichen Text in „Buddhismus Aktuell“ 1/13 beklagst Du die „zum Teil zersplitterten buddhistischen Gemeinschaften“ und „Gruppierungen und Ansichten, die sich zum Teil antagonistisch gegenüberstehen“. Folglich geht es Dir darum, dass sie alle „aus einem Mund sprechen“ sollten, bzw. um ein „einheitliches buddhistisches Fundament“.

Dieser Ansatz trifft heute auf eine breite Zustimmung.

Die besonders starke Verankerung des Synkretismus in Deutschland

Denn im deutschsprachigen Raum gibt es eine lange Geschichte des Synkretismus (Vermischung von einander fremden Elementen) zur Deutung von Christentum und Buddhismus, beginnend mit den Romantikern und Richard Wagner, über die Theosophen und den „Übersetzer“ (in Wirklichkeit gezielten christlichen Umdeuter) der Reden des Buddhas im Palkanon, den Privatgelehrten Karl Eugen Neumann (1865-1915), von dem die bis heute einzige vollständige deutsche so genannte „Übersetzung“ jener Reden stammt, oder über Pioniere des Theravada-Buddhismus in Deutschland wie etwa Paul Debes bis hin zu modernen Stimmen wie etwa Manfred Folkers oder Joachim.

Dieser Synkretismus wurzelt vor allem damit darin, dass in Deutschland seit vielen Jahrhunderten die christlichen Kirchen eine besondere Machtfülle inne haben. Das bedeutet eine starke christliche Prägung für die Deutschen sowie einen starken Anpassungsdruck auf die Vertreter religiöser Lehren, die mit den kirchlichen Lehren nicht oder wenig kompatibel sind:

Ein historischer Abriss zur Macht der Kirchen in Deutschland:

Vom 10. Jahrhundert bis 1806 hat es die enge „Vermählung“ der Kirche mit den weltlichen Herrschern im Rahmen des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ gegeben. Das hatte im 8. Jahrhundert bereits Karl der Große durch seine höchst gewaltvolle Zwangsmissionierung der germanischen Stämme vorbereitet; und seine Zerstörung der Heiligtümer der Naturspiritualität der Germanen, die starke Ähnlichkeiten mit den vorbuddhistischen polytheistischen Religionsformen der alten Inder aufweist – aufgrund der Verwandtschaft der indischen und europäischen Völker.

Nach neuesten Forschungen hatte bereits ein paar Jahrhunderte vor Karl dem Großen die im Herrschaftsbereich des Römischen Reiches in dessen letzter Phase zunehmend zur Staatskirche avancierte Kirche dafür gesorgt, dass die breit angelegte Bildung der Menschen mit deren materiellen Grundlagen in dieser ausgehenden Antike systematisch zerstört worden ist (vgl. das Buch Schatten über Europa: Der Untergang der Antike). Denn ohne Bildung lassen sich die Menschen nun einmal viel besser beherrschen und zum eigenen Vorteil manipulieren.

Wo wären wir heute zivilsatorisch, wenn nach der kulturellen Blüte Antike nicht viele Jahrhunderte des „dunklen Mittelalters“ eingetreten wären, bevor schließlich nach dem Import der verbleibenden antiken Bildungsgüter aus der arabischen Welt die „Renaissance“ einsetzte? Auch dieses überhaupt nicht breiter diskutierte, zweifellos aber ganz kardinale Verbrechen geht auf das Konto der Kirche – neben all den Verbrechen danach, über die Karl-Heinz Deschner seine zehn umfänglichen Bände der Kriminalgeschichte des Christentums schreiben konnte.

Der große Financier der Kirchen

Nach der durch Napoleon Bonaparte im Anschluss an die Französische Revolution betriebenen Auflösung jenes „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ wurden die Kirchen enteignet. Aber nach dem Fall Napleons sind sie bis heute (!) dafür von den verschiedenen deutschen Regierungen – einschließlich der Nazis (!) – fürstlich „kompensiert“ worden:

Der deutsche Staat finanziert die christlichen Kirchen gegenwärtig mit jährlich rund 20 Milliarden Euro (!) und zwar aus Steuermittel, das heißt unabhängig von der für die Kirchen eingetriebenen Kirchensteuer, von der man sich wenigstens durch einen Kirchenaustritt befreien lassen kann. Der führende Experte zu diesem Thema ist Carsten Frerk.

Der kleinere (!) Teil dieser 20 Milliarden dient zwar zur Finanzierung der diakonischen oder caritativen Einrichtungen. Diese handeln jedoch nach ihrem eigenem, ihnen eingeräumten Kirchengesetz. Die Kirchenmitgliedschaft ist dort immer die Voraussetzung für eine Anstellung und alle Streiks sind verboten. Sie dürfen also nach ihrem eigenem vordemokratischen Sonderrecht handeln, wie es heute in keinem anderen Arbeitsbereich gilt, obwohl sie aber über die gewöhnlichen Steuern (und nicht die Kirchensteuern) von allen Bürgern finanziert werden!

Jene enormen regelmäßigen Zahlungen sind sogar in der deutschen Verfassung festgeschrieben – zwar mit dem aus der Weimarer Verfassung (!) stammenden Hinweis, dass sie irgendwann „abgelöst werden“ (Grundgestz, Art. 140: „Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst.“) Das bedeutet jedoch DE FACTO die Verschiebung auf den Sankt Nimmerleinstag!

So wird das „Heilige Römische Reich“ also im Kleinformat, nämlich was die zentrale materielle Ausstattung der Kirchen angeht, weitergeführt.

Keiner fragt jedoch jemals dabei, wie die Kirchen ursprünglich zu ihren großen Besitztümern gelangt sind; und wen sie bzw. die mit ihnen eng verbündeten weltlichen Herrscher in ihrem spezifischen christlichen Geiste dafür so alles enteignet haben.

Gegen jene enormen Zahlungen aus Steuermitteln wird die Politik hierzulande auch kaum aktiv werden:

Denn schon die Verfasser bzw. Übernehmer jener Verfassungsklausel haben hier ja nicht religiös unvoreingenommen gehandelt!

Und die meisten führenden deutschen Politiker heute sind quer durch alle Parteien – außer den eher bedeutungslosen Linken sowie den Piraten, die jene großen Zahlungen an die Kirchen explizit zum Thema machen – überzeugte Christen, mit wenigen Ausnahmen wie den Grünen Jürgen Trittin!

Der Bundespräsident etwa ist evangelischer Pfarrer, der vor ihm  zurückgetretene Bundespräsident ein gläubiger Katholik, die Kanzlerin ist eine gläubige evangelische Pfarrerstochter, ihr Sprecher ein gläubiger Katholik, der baden-würtembergische grüne Ministerpräsident ein gläubiger Katholik, der bayerische Minsiterpräsident ein gläubiger Katholik usw.

Sie haben alle den Amtseid abgelegt mit „So wahr mir Gott helfe!“, bloß früher einmal Joschka Fischer und Gerhard Schröder haben es nicht gemacht, was dann gleich viel Aufsehen erregt hat.

Oder man betrachte zum Beispiel das „schwere Atmen“ und große Bedauern der führenden deutschen Politiker sowie der meisten Medienvertreter wegen des Rücktritts eines erzkonservativen, letztlich in der Gedankenwelt der mittelalterlichen Kirchenväter lebenden deutschen Papstes, als wäre jetzt eine große Katastrophe eingetreten (genauer – ursprünglich erzkonservativen Kirchenvertreters: als langjähriger Vorsitzender der vatikanischen Glaubenskongregation und dann anfänglich noch als Papst; und erst später ist er unter dem Druck der Reaktionen auf seine eigenen Fehltritte bzw. der öffentlichen Meinung moderater geworden)!

Trennung von Kirche und Staat

Wenn es in Deutschland eine Trennung von Kirche und Staat wie etwa in den USA gäbe, könnte sich die katholische Kirche heute nicht ein PR-Desaster nach dem anderen erlauben. Dann müsste sie sich vollkommen anders um ihr Ansehen kümmern; und könnte auch nicht etwa über die Rundfunk- und Fernsehräte die Programme der Medien mitbestimmen.

Auch würden dann keine theologischen Lehrstühle mehr an staatlichen (!) Hochschulen aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, über deren Lehrkräfte und inhaltliche Ausrichtung jedoch primär die Kirchen selbst entscheiden, und genausowenig „Konkordatslehrstühle“ – was in Ländern mit Trennung von Kirche und Staat selbstverständlich nicht der Fall ist.

In welcher Wissenschaft ist es möglich, fortwährend über nicht belegte Thesen genau so zu sprechen, als wäre sie über jeden Zweifel erhaben belegt und wahr, obwohl objektiv betrachtet sehr Vieles dagegen spricht? In keiner Wissenschaft. Jeder Wissenschaftler würde sich damit sofort als solcher disqualifizieren.

Aber in der Theologie ist es möglich – in Bezug auf die These „Schöpfergott“ oder die Thesen anderer christlicher Glaubenslehren, zum Beispiel die christliche Kernthese der Erlösung der gläubigen Menschheit durch Jesus´ Kreuzestod (in der buddhistischen Urgemeinde hätte eine solche Lehre, die im Zentrum des Christentums steht,  für Amüsement gesorgt).

Deshalb gehört die Theologie an „kirchliche“ Hochschulen, die sich durch ihre Gläubigen finanzieren.

Es gibt gegenwärtig ein äußerst bedenkliches Nebeneinander einer einerseits tief von Aufklärung, Demokratie, Wissenschaft, Technik, Internet und rasanten Fortschritten geprägten modernen Gesellschaft; und von andererseits staatlich unterstützten religiösen Glaubensrelikten aus dem Mittelalter, die von dogmengeleiteten und vom Staat hochbezahlten Klerikalen geführt werden, die heutzutage an ihren Ausbildungsstätten im Prinzip nichts Anderes als vor Jahrhunderten lernen, die regelmäßig gegen die Gebote von wahrer Ethik, Chaarakter, gesundem Menschenverstand und der Selbstbestimmung des freien Individuums verstoßen, die mehr als üppig gesäugt von der staatlichen Mutterbrust sich erlauben können, ein PR-Desaster nach dem anderen zu fabrizieren, und die trotzdem das Bewusstsein von immer noch relativ breiten Schichten bestimmen!

Da gibt es eine chemische Unverträglichkeitsreaktion! Wer die nicht wahrnimmt, hat ein Problem.

Interreligiöser Dialog versus religiöser Debatte

Der deutsche synkretistische Ansatz liegt zudem „auf einer Linie“ mit der festen, aber fehlgehenden Vorstellung von der Lösung von Problemen durch einen „interreligiösen Dialog“ oder „integrale“ Ansätze, wie sie gegenwärtig vor allem Ken Wilber einflussreich vertritt. In der Realität sehen dieser Dialog und diese Ansätze generell jedoch immer so aus, dass in einer Art von  stillschweigender Übereinkunft das objektiv Nichtvereinbare verschwiegen wird, dagegen ausschließlich das Vereinbare betont wird, ob es zentral oder periphär (meist periphär) in den miteinander verglichenen Lehren ist, und sachliche Debatte im Sinne einer positiv verstandenen „Streitkultur“ gleichsam indirekt „tabuisiert“ oder mit einem „Stigma“ versehen wird.

Aber es wäre genau diese sachliche Debatte, die gegenwärtig das beste Klärungsmedium für alle Suchenden wäre. In besonders „aktiven“ und völlig friedlichen spirituellen Hochkulturen wie im alten Indien zur Zeit des Buddhas ist es klar der Fall gewesen. Eine gute Lehre musste sich damals in der sachlichen Auseinandersetzung bewähren können.

Das hat auch nichts mit „Kampf“, „Spaltung“ oder „Gewalt“ zu tun gehabt, sondern bloß mit einer ernsthaften Suche nach Wahrheit. Im alten Indien haben sich in Debatten Unterlegene zum Teil sogar geschlossen zur Lehre des Überzeugenderen bekannt. So zentral war damals „stimmige“ Sicht. In der Lehre des Buddhas fungiert diese explizit als das „Führungsglied“ des Befreiungspfades bzw. ganzheitlichen menschlichen Entwicklungsweges von Ethik, Ruhe und Weisheit aus der „Quelle“ einer sehenden Achtsamkeit, der als kulturübergreifend gilt – als „zeitlos“.

„Die Weisheit durch Nachdenken“ bzw. Prüfen gilt hier immer – ausdrücklich in Form der Lehre von den „Drei Weisheiten“ – als die Quelle der tieferen Weisheiten des Aufnehmens der für stimmig befundenen Lehre und deren meditativer Umsetzung für die tieferen, intuitiven Einsichten.

Mehr Gespräch: ja, unbedingt – aber ohne jede Stigmatisierung von sachlicher Kritik, klaren Argumenten und objektiven Differenzen, also ohne jede Einschnürung freien „Selbstdenkens“.

Den alleine aus „Selbstdenken“ entwickelt sich „sehende Achtsamkeit“, die befreit; wie auch umgekehrt!

Die Vielfalt der buddhistischen Szene

Die zunehmende Vielfalt der heutigen buddhistischen Szene bildet die objektiven Unterschiede von Menschen ab. Wo Untersuchung, Suche und Praxis ernsthaft werden und tief gehen, kommt es zwangsläufig zu individuellen „Gestalten“ der Ergebnisse, die sich naturgemäß nicht vereinheitlichen lassen.

Die Lehre des Buddhas ist die Religion des „spirituellen Individualismus“ schlechthin, wo Eigenverantwortung, die Praxis von Selbstdenken und sehender Achtsamkeit sowie die stützende Gemeinschaft mit ernsthaft Suchenden (fernab jeder äußeren Form) im Zentrum steht. Daraus ergibt sich eine Dynamik, die, sofern sie nicht eingeschnürt wird, wirklich innerlich wie äußerlich positiv verändert. Diese Dynamik fürchten alle „Kirchen“ und „Machthaber“, wie der Teufel das Weihwasser!

Das Dogma der Vereinheitlichung

Wo dagegen vereinheitlicht wird, stehen dahinter generell Machtinteressen und Unterdrückung des Einzelnen, indem vorgegeben werden soll, was er oder sie zu denken, zu tun oder zu lassen habe. Der renommierte Theologe Hans Küng betrachtet zum Beispiel die katholische Kirche als „ein autoritäres System mit Parallelen zu Deutschlands nationalsozialistischem Regime“, in dem alleine Opportunisten oder Ja-Sager in der Hierarchie aufsteigen können (the guardian, 5. Okt. 12).

Die seit Langem betriebenen Vereinheitlichungstendenzen des Dachverbandes „Deutsche Buddhistischen Union“, der einen Teil der deutschen buddhistischen Szene umfasst, zeigen bereits die Züge von Kirchenbildung.

Das „Buddhistische Bekenntnis“ zum Beispiel, auf das sich alle unter diesem Dach vereinigten Gruppen geeinigt haben, ist näher betrachtet kein solches. Denn es ist mit der Lehre des historischen Buddhas gemäß den ältesten und wissenschaftlich betrachtet autoritativsten buddhistischen Quellen, den Reden des Palikanons, in seinem relativ  kurzen Wortlaut sogar mehrfach nicht vereinbar (inwiefern nicht, würde hier jetzt zu weit führen, wird aber bald in einem Blogeintrag zur Lage des organisierten Buddhismus in Deutschland behandelt werden).

Es stehen dahinter bestimmte Interessen der Anpassung an kirchlich-staatliche Erwartungen, um etwa den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ zu bekommen. Denn dieser Status brächte einigen deutschen Buddhisten deutliche materielle Vorteile.

Außerdem können sich mit der Etablierung eines Verbandes als „Tonabgeber“ bestimmte Persönlichkeiten als Hüter des Wissens um das „rechte “ Verständnis der buddhistischen Lehre hinstellen; bzw. Menschen und die Öffentlichkeit in ihrem Sinne beeinflussen, der auch im Sinne jener erwähnten kirchlich-staatlichen Erwartungen bzw. Geldgeber liegt.

Jeder deutsche „Buddhist“ sollte sich heute vollkommen klar darüber sein, dass im deutschen Staat, in dem seit Langem jährlich jene rund 20 Milliarden Euro aus Steuergeldern zur Finanzierung der christlichen Kirchen (und zwar unhabhängig von der Kirchensteuer) aufgewandt werden, diese in der Wahrung ihrer Interessen hinter den Kulissen vielfach mitreden und mitentscheiden. Aber es ist für viele deutsche Budddhisten vielleicht kein Problem. Denn führende Vertreter des Buddhismus in Deutschland haben in ihrer Biografie einen starken christlichen Hintergrund.

Der wichtigste moderne „(Nicht)Buddhismus“

Du reflektierst in Deinem Beitrag die verschiedenen besonderen Formen des heutigen modernen „Buddhismus“, die sich  im Streben nach einer für den Westen adäquaten Form gebildet haben oder herausbilden.

Aber den wichtigsten unter ihnen lässt Du außer Acht – den „Nichtbuddhismus“ des „Dharma“, wie ihn der historische Buddha selbst bezeichnet hat.

Ein Begriff wie „Buddhismus“ wäre ihm selbst vollkommen fern gelegen!

„Dharma“ bedeutet wörtlich und in unpersönlichem Sinne „das, was (von innen) trägt“  wird als immer oder überall geltend verstanden; resümiert – Ethik, Ruhe und Einsicht auf der Basis einer im Alltag wie in systematischer Meditation entwickelten „sehenden Achtsamkeit“, was zu für jeden real überprüfbaren positiven Ergebnissen führt.

Jeder „Ismus“ im Bereich der Lehren suggeriert bereits von dieser ganzen griechisch verwurzelten Endung her ein „festgelegtes Handeln“. Genau das bedeutet die Lehre des Buddhas jedoch nicht, weshalb sie in der Indologie auch als „Erlösungspragmatismus“ gilt (hier ist „Ismus“ bloß eine Eigenschaft). In Buddhas Worten:

„Nur eines lehre ich, jetzt wie früher – das Leiden und dessen Ende!“ (Mittlere Sammlung, Rede 22).

Hast Du Dich schon einmal gefragt, warum die drei monotheistischen Religionen nicht „Ismus“ heißen, obwohl sie doch viel eher ein „festgelegtes Handeln“ beinhalten? Es sind westliche Begriffe, hinter denen bereits bestimmte Interessen stehen.

Was würden Christen zur Umtaufung ihrer Religion in „Jesuismus“ sagen? Sie wären nicht erfreut! Die Endung „tum“ ist viel positiver. Aber „Jesuismus“ wäre zweifellos der richtige Begriff. Denn ohne Glauben an Jesus Christus als „Sohn Gottes“, seiner vermeintliche „Erlösungstat“ der gläubigen Menschheit durch seinen Kreuzestod, seinen „Missionsuaftrag“ im Matthäus-Evangelium und generell seine Aussagen oder Behauptungen ist im Christentum nicht einmal ein kleiner Blumentopf zu holen!

Der historische Buddha dagegen hat immer zu selbstverantwortlichem Handeln und eigener, kritischer Untersuchung seiner oder anderer Lehren aufgefordert. Seine letzten Worten waren nicht „glaubt an mich“, sondern „Seid Euch selbst die Zuflucht, seid Euch selbst das führende Licht“!

Deshalb sehe ich jene ganze, unter anderem von Dir geführte Diskussion relativ kritisch, welcher „Buddhismus“ nun der für das moderne Abendland angemessenste sei.

Denn es geht letztlich nicht um einen „Säkularen Buddhismus“ oder einen „Buddhismus 2.0“ zum Beispiel von Stephen Batchelor, auch wenn Stephen immer gut und lohnend für interessante „Selbstdenk-Ansätze“ ist; und es geht auch nicht um einen „postmodernen Buddhismus als einer Synthese von traditionellem und säkularem Buddhismus“, wie Du es  ausgehend von dem integralen Ansatz Ken Wilbers und Thich Nhat Hanh forderst.

Auch bei diesen neuen „Buddhismen“ sollte man genau hinschauen: Stephen Batchelor, obwohl aus dem tibetischen Buddhismus und Zen kommend und des Tibetischen vollkommen mächtig, lernt heute noch Pali, um sich nicht alleine auf die (sehr guten und verlässlichen) englischen Neuübersetzungen der Reden des Buddhas im Palikanon stützen zu können. In seiner Neuformulierung eines modernen „Säkularen Buddhismus“, mit der ich in Punkten zwar nicht einverstanden bin, geht er immerhin von jenen ältesten vollständig überlieferten Reden des Buddhas aus.

Es geht letztlich immer bloß um ein kulturübergreifendes inneres „Gesetz“ des „Dharma“, das jeder unabhängig von Bildung in sich oder der Welt aufdecken und „praktizierend“ umsetzen kann, was zunehmende Befreiung mit sich bringt – ein Gesetz, das ein sicher tief Erwachter vor 2500 Jahren gewiesen hat. Das ist aber nicht irgendeine weitere „Religion“!

Es geht immer bloß darum, diesen „Dharma“ herauszuschälen und ihn modern anzuwenden, und nicht darum, neue Buddhismen zu formulieren, die meistens synkretistische Konstrukte der Verbindung mit solchen Lehren bilden, die mit dem Dharma objektiv unvereinbar sind – vor allem dem Glauben an einen „Gott“ oder ein „Wahres Selbst“.

Der historische Buddha hat sowohl die altindischen Parallelen zum monotheistischen höchsten Gott, vor allem „Brahma“, wie auch vor allem den zu seiner Zeit viel stärker geglaubten unpersönlichen Gott der alles durchdringenden „Weltseele“ Brahman oder das mit dieser Weltseele identische „Wahre Selbst“ Atman des Menschen verneint.

Denn jeder „Gottes“- oder „Selbst“-Glaube wirkt tiefenpsychologisch als eine Existenzrückversicherung für das eigene „Ich und mein“-Bewusstein, das letztlich immer als die Quelle von Identifikation, Festhalten und Leiden wirkt. Diese Funktion erklärt alleine die „Macht“ des Gottesglaubens; und dass die unglaublichsten Taten „im Namen Gottes“ stattfinden.

Die diversen heute in modernen christlichen, esoterischen, theosophischen und christo-buddhistischen Kreisen so verbreiteten unpersönlichen Vorstellungen von „Gott“ als Liebe, Herz, das eigene wahre Selbst, die Natur oder was auch immer bedeuten alle einen „Widerspruch in sich“, wie es bereits Arthur Schopenhauer in seinem Traktat über die Universitäts-Philosophie betonte; genauso wie „trockener Regen“ einen Widerspruch in sich darstellt.

Das ist der Fall von der ganzen Begriffsgeschichte von „Gott“, das vom germanischen „Guda“ für „Anrufung“ von Gottheiten stammt und nach der christlichen Missionierung auf den monotheistischen Vatergott beschnitten worden ist. Man kann Begriffe nicht beliebig mit neuen Bedeutungen belegen, außer man hat ein geistiges Problem: Es käme auch niemand auf den Gedanken, Regen als trocken, Feuer als kühl oder schwarz als weiß zu bezeichnen.

Jene unpersönlichen Gottesvorstellungen sind psychologisch betrachtet einfach „Kompromisslösungen“ der vielen Menschen, die zu intelligent sind, einer persönlichen Gottesvorstellung anzuhängen, aber auch zu unbewusst, manipuliert und ängstlich, die Gottesvorstellung loszulassen – auch wegen der unbewusst verinnerlichten Drohungen von Kirche und Bibel vor dem Abkommen vom vermeintlich „einzig wahren Gott“. Die Lehre des Buddhas bedeutet jedoch die tiefe Entwicklung von Bewusstheit, das heißt die Selbstbefreiung von jeder Manipulation.

Darin zeigt sich, ob sie verstanden und umgesetzt wird.

Dann wird es wirklich interessant

Wenn das einmal wirklich breiter klar wird, und ebenfalls, dass sich der „Buddhismus“ im Kern mit diesem „Dharma“ befasst, wird es wirklich interessant im Verhältnis zu den monotheistischen, an einen höchsten „Gott“ glaubenden Religionen.

Denn warum ist dort jener universelle „Dharma“ kein Thema?

Warum gibt es in der Bibel zum Beispiel nicht einmal eine einzige Belegstelle für „Achtsamkeit“ oder verwandte Begriffe, die zentral in der Lehre des Buddhas sind?

Warum ist es „kein Vergleich“ des Buddhismus zum Christentum oder Islam, was die Fülle an praktischen Methoden angeht, die zur Entwicklung von Ethik, Ruhe und Einsicht vom Buddha selbst und danach in der Geschichte des Buddhismus entwickelt worden sind?

Weil Du auch die globalen Probleme ansprichst:

Niemand sollte sich hier ausgehend von den gegenwärtigen Problemen einer Illusion hingeben – wenn einmal die „menschliche“ Bilanz des 21. Jahrhunderts nicht noch verheerender ausfallen soll als die Bilanz des 20. Jahrhunderts unter anderem mit dessen gewaltigem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus muss es Reifesprünge im großen Stil geben. Die monotheistischen Religionen werden dazu als „Kinderreligionen“ der gläubigen Anlehnung an einen imaginären „Vatergott“ oder dessen „Sohn“ oder „letzten Propheten“ kaum einen wichtigen Beitrag leisten können. Das hat die Geschichte dieser Religionen bis heute stetig und mehr als hinlänglich unter Beweis gestellt.

Die Erwachsenlehre jenes oben resümierten „Dharma“ kann dazu aber sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten!

Der primäre Vordenker einer Lehre des Buddhas für heute

Und um hier nicht „alleine“ zu argumentieren:

Der meiner Ansicht nach gegenwärtig weitreichendste Denker im Sinne eine Bewusstmachung jenes universellen Dharma im modernen abendländischen Kontext ist ein sehr scharfer, aber dabei immer sachlicher Religionskritiker, Neurowissenschaftler und Bestsellerautor, der Amerikaner Sam Harris (mit über drei Millionen verkauften Büchern). Er hat über 10 Jahre vor allem mit intensiver Vipassana-Praxis verbracht. Auf YouTube gibt es zahlreiche Aufnahmen seiner öffentlichen Auftritte in Medien, Instituten oder Unis oder der Interviews mit ihm.

In den USA gibt es im Unterschied zu Deutschland eine in der Verfassung festgeschriebene Trennung von Kirche und Staat. Dort gilt die Meinungsfreiheit auch als besonders hohes Gut. Deshalb können sich sich dort Kritiker vom Schlage eines Sam Harris breites Gehör verschaffen. Er führt die oben skizzierte altindische Debattentradition in einem modernen Kontext fort. Es gibt etwa lange öffentliche Debatten zwischen ihm und Evangelisten, Autoren oder esoterischen Größen (siehe YouTube).

Hier ist ein frei zugänglicher, programmatischer Beitrag von ihm, der 2006 in dem US-Magazin „Shambhala Sun“ der tibetisch-buddhistischen Tradition von Chögyam Trungpas erschienen ist (dort unten auch als PDF des originalen Magazinbeitrags).

Ich werde Buddhismus Aktuell anbieten, ob sie seinen Text veröffentlichen würden, von mir eingeleitet und übersetzt. Das wäre ein besonders wertvoller Diskussionsbeitrag zu dieser ganzen Frage einer für heute passenden Form von Buddhas Lehre.

Mal sehen, ob sie diesen ganz hervorragenden, aber „nichtsynkretistischen“ Beitrag von Sam Harris publizieren werden.

Herzliche Grüße

Hans

Kommentare unten sind willkommen. Über das Viereck über dem Kommentarfeld kann dieses bildschirmfüllend groß gestellt werden. Nach der Fertigstellung bitte vor Abschicken „speichern und zurück“. Denn zuerst muss die kleine Matheaufgabe beantwortet werden (um Spamkommentare auszuscheiden, die massenhaft kommen und nicht alle von einem Filter ausgeschieden werden).

Zu dieser Beitrag hier wird übrigens auch auf Joachims Facebook-Seite verlinkt (dort unter „Aktuelle Beiträge anderer Nutzer“). Es kann sein, dass auch dort Kommentare erscheinen.

Nach diesem Beitrag hat sich mittlerweile eine aufschlussreiche Diskussion entwickelt.

In diesem Rahmen habe ich einzelne Aspekte des obigen Hauptbeitrags noch näher ausgeführt oder auch neue Aspekte bzw. Themen angesprochen. Deshalb fasse ich die Kernaussagen meiner jeweiligen Kommentare bzw. Antworten nachfolgend kurz zusammen. Über die Links kannst Du direkt zu dem jeweiligen Kommentar springen:

* Ein näherer Vergleich von „Achtsamkeit“ in Thich Nhat Hanhs Tradition und in den Traditionen der frühbuddhistischen Achtsamkeitspraxis Vipassana.

* Der „postmoderne Buddhismus“ Vipassana versus dem postmodernen Buddhismus des Psychologen Joachim Wetzky.

* Manfred Folkers und Thich Nhat Hanhs Nichtverstehen der „Drei Universellen Merkmale“ der Lehre des Buddhas laut Buddhismus Aktuell 1/13. Sowie die Bedeutung von „dukkha“.

* Ein näherer Vergleich der „Drei Universellen Merkmale“ des frühen Buddhismus mit den „Drei Dharma-Siegeln“ bei Thich Nhat Hanh.

* Die „Integrale Theorie“ Ken Wilbers im Unterschied zu den Grundlehren des Buddhas. Tiefenanalyse des Synkretismus. Das „Selbst“ in den Ethikbegründungen im Buddhismus. Synkretismus fördert nicht den Frieden, drastisches Beispiel Nationalsozialismus.

* Fortsetzung zu Ken Wilber, zur Struktur seiner Theorie und der Rolle seines Systems in der DBU.
Sowie zum buddhistischen Befreiungsweg für Laien.

* Eine Übersicht zu Sam Harris, zu seinen Antworten auf Fragen rund um Religion und Spiritualität.

* Die Audioaufnahmen eines Zehntageskurses zu Liebender Güte “Metta”, Mitgefühl, Mitfreude und Akzeptanz mit dem Vipassana-Lehrer Bhante Sujiva (freier Download).

* Vertieft zum Thema der „integralen Theorie“ Ken Wilbers im Blick auf die Lehre des Buddhas; eine klare „Politik“ im deutschen Dachverband; der Träger einer sehr dunklen Brille beim Blick auf die alten buddhistischen Quellen, Dr. Paul Köppler; ein „starkes“ Gleichnis aus dem Palikanon, das Joachim in seinem Sinne nicht korrekt resümiert; oder die Unterschiede zwischen den buddhistischen Quellen.

* Eine genaue Darstellung des „Nichtbuddhismus ,Dharma´ (das, was trägt)“ und von dessen primären modernem „Praxisfahrzeug“. Auch Sam Harris kommt (in meiner deutschen Übersetzung) hierzu genauer zu Wort.

* Warum das, was etabliert ist, noch lange nicht richtig sein muss. Die Korrektur einiger etablierter, aber falscher „christo-buddhistischer“ Übersetzungen von frühbuddhistischen Kernbegriffen. Warum und in welcher Hinsicht ich den Mahayana-Buddhismus schätze und selbst kein „Buddhist“ dieser oder jener Couleur bin. Wer hier für die Vielfalt des Buddhismus eintritt und wer nicht.

* Warum es nicht im Sinne des Dharma ist, anderen „Erleuchtungsgrade“ zuzuorden oder abzusprechen. Wozu das Wilbersche Denke in der Praxis führt. Die Umdeutung der Achtsamkeit gegenüber dem Ursprung.
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1 Hans März 24, 2013 um 23:12 Uhr

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Hallo Joachim,

Leider bin ich häufig zu naiv und gutmütig.

Dass Du diese Möglichkeit des letzten Wortes nutzt, um mich ein weiteres Mal gezielt falsch wiederzugeben – auf solche Gedanken komme ich bei solchen Angeboten gar nicht. Weil sich immer wieder Leute von solchen „Strategien“ beeindrucken lassen, muss ich hier leider entgegen meiner Ansage ein paar Richtigstellungen anfügen:

1) Ich passe wie gesagt nicht in die „Box“ des „(reinen) Gelehrten“, was ich oben genau begründet habe. Diese Box wäre Dir am liebsten, weil „(reine) Gelehrte“ nicht viel zu den aktuellen Entwicklungen im Buddhismus unter den heute immer zahlreicheren praktisch Interessierten beitragen können.

Deshalb bringst Du dieses Argument hier erneut.

„Alter Buddhismus“ klingt auch anders als „früher Buddhismus“ – nach „veraltet“. Du weißt, wie man die Leute mit der Färbung der Begriffe im eigenen Sinne „einwickelt“!

2) Du unterstellst mir mit Deinem letzten Kommentar eine ganz krasse Vereinfachung, wonach ich den ganzen späteren Buddhismus nicht akzeptieren würde. Denn zuerst bezeichnest Du mich als Vertreter des „alten Buddhismus“. Als Nächstes betonst Du dann – absolut geschickt -, dass „andere Herangehensweisen an den Buddhismus“ mich „abstoßen bzw. nicht akzeptabel“ für mich wären.

Diese „anderen Herangehensweise“ als eben der „alte Buddhismus“ bedeuten logischerweise nichts Anderes als den GESAMTEN späteren Buddhismus!

Du kannst also durchaus ziemlich logisch denken; aber eben auf eine solche perfide Weise, um meine gewiss manchmal scharfen, aber immer differenzierten Aussagen auf diese krasse Weise zu vereinfachen bzw. mir eine solche Pauschalablehnung des späteren Buddhismus als „abstoßend bzw. nicht akzeptabel“ zu unterstellen.

Ich habe jedoch mehrfach genau begründet, dass ich keineswegs den späteren Buddhismus ablehne (ganz zu schweigen von „abstoßend bzw. nicht akzeptabel“ finde), auch wenn ich spezifische Lehren – wie jene „Drei Dharma-Siegel“ Thich Nhat Hanhs – mit präzisen Argumenten kritisch einschätze. Ich habe ja sogar Beispiele für bestimmte Formen des Mahayana genannt, die mich genauso stark prägen, wie es der Palikanon tut.

Und bereits in meiner Antwort auf Franz-Johannes habe ich beim späteren Buddhismus stark differenziert; und sogar den in jener Antwort auf Franz-Johannes kritisch betrachteten Formen eine klare Existenznotwendigkeit aus den dort genannten Gründen zugesprochen.

Dass ich besonders die Lehren des Palikanons betone, dafür gibt es hier in Deutschland viele gute Gründe. Auch diese habe ich genau ausgeführt.

Du betreibst also eine ganz gezielte Vereinfachung!

Und zwar deshalb, weil Du genau weißt, dass solche Verzerrungen bei bestimmten Leuten einen bestimmten negativen Eindruck zu mir hinterlassen.

Bedenke immer:

Buddhismus hat verdammt viel mit wahrer Ethik zu tun!

Also arbeite zukünftig an Deiner Integrität anstatt an solchen kalkülhaften, indirekten „Negativstrategien“. Übe das am besten gleich in der Art ein, wie Du wohl auf Deinem Blog oder Facebook mit dieser Diskussion umgehen wirst. Unter Deinen Fans hättest Du es ja relativ leicht.

3) Noch einmal absolut klar:

Ich betrachte lediglich bestimmte heutige westliche Neudeutungen sehr kritisch – wie diejenigen von Dir, Manfred Folkers oder von Stephen Batchelor. Und diese Kritik habe ich in deinem Fall schon genauestens begründet.

Noch klarer könnte ich es bei Manfred Folkers, der mit seiner Wortshow, seinem Rhetorikbrimborium schlicht „den Vogel abschießt“, und auch bei Stephen Batchelor, der subtil vorgeht. Denn bei allen Euren Neudeutungen fließt systematisch eine Reihe von eindeutigen “Nicht-Dharma”-Elementen ein.

Unter dem Deckmantel des „guten Namens“ des Buddhas und „guten Rufes“ des Buddhismus insgesamt wird also damit etwas Anderes gelehrt, zum Beispiel Ken Wilber, Esoterik, Christentum und hier und dort etwas Buddhismus; oder ein Potpourri aus allem und noch Diesem oder Jenem, wie es gerade passt.

Das machen heute einige, die nicht von ihren „einsitzenden“ Überzeugungen lassen können oder wollen; und sie machen es sogar häufig, ohne sich überhaupt erst ein näheres Wissen von der Lehre verschafft zu haben, die sie durch solche Konstrukte verbiegen. Denn jene Lehre interessiert sie im Grunde auch gar nicht näher.

Sie wollen ja vor allem bloß den gut angesehenen Namen „Buddhismus“ und „Buddha“ benutzen.

Sorry, aber ich bin kein Fundamentalist, wenn ich das aufzeige!

Denn es sind bloß wenige, die solche Vorgehensweisen offen legen können. Ich gehöre dazu; und sehe es auch als meine „Pflicht“ im Sinne des Dharma.

4) Träume auch weiter von der trauten Einheit von Jesus und Buddha.

Wenn Jesus im Umfeld des Buddhas im alten Indien das gelehrt hätte, was in der Bibel an vielen Stellen steht, wäre er von diesem nicht näher betrachtet bzw. ernst genommen worden. Du machst Dir doch keinen Begriff davon, wie präzise und kritisch in der Urgemeinde andere Lehren betrachtet worden sind.

Stimmig begründete, logisch und in der Erfahrung verifizierbare „Treffliche Sichtweisen“ standen hier über allem! An sachlichen inhaltlichen Debatten war damals nichts Anrüchiges. Eine gute Lehre musste sich vielmehr in der direkten Auseinandersetzung bewähren können. Sonst galt sie nicht viel.

In der späteren mahayana-buddhistischen Erkenntnistheorie, die in der Wissenschaft als ein Gipfelpunkt des altindischen Denkens angesehen wird, lautet eine gute Metapher für den historischen Buddha „verkörperte Logik“.

5) Ein weiteres letztes Wort bekommst Du aus den eben genannten Gründen in dieser Diskussion nun nicht mehr. Das muss jeder verstehen, der hier alles mitverfolgt hat.

Wenn sich andere in diese Diskussion einbringen und Du ausschließlich (!!) ihnen antworten würdest, gäbe ich diese Antwort wie schon gesagt frei. Bezugnahmen auf mich würde ich jedoch vorher daraus löschen. Also überlege Dir, was Du in einem solchen Falle sagen würdest.

In einem anderen Hauptbeitrag kannst Du Dich bei Interesse wieder einbringen.

Und sorry für meine Naivität! Auch ich lerne dazu.

Viele Grüße

Hans

2 Joachim Wetzky März 24, 2013 um 17:51 Uhr

Lieber Hans,

Danke für das „letzte Wort“.

Aus meiner Sicht der Dinge bist du wahrlich ein Gelehrter des „alten Buddhismus“. Und ich habe vollkommenstes Verständnis, dass du diesen „verteidigen“ und „schützen“ möchtest. Dem gebührt Respekt und Anerkennung.

Ich kann auch verstehen, dass andere Herangehensweisen an den Buddhismus Dich abstoßen bzw. nicht akzeptabel für Dich sind. Auch dies kann ich vollkommen verstehen und respektieren.

Aus deinem Verständnis heraus argumentierst Du vollkommen logisch und nahezu meisterhaft.

Ich bin aus Deiner Perspektive ein „Neudeuter des Buddhismus“. Für mich ist das vollkommen in Ordnung und ich stehe dazu. In einem meiner nächsten Blogeinträge werde ich beispielsweise das „Nirvana“ mit dem „Königreich Gottes“ gleichsetzen. Aus deiner Sicht ist das hahnebüchen und kompletter Unsinn. Aus meiner Sicht nicht.

Insofern gebe ich dir Recht, dass eine Debatte an dieser Stelle nichts mehr bringt und beendet werden kann. Es gibt nunmal Dinge, die nicht zusammenpassen.

Ich finde diese Debatte jedoch aus den gleichen Gründen wie du wichtig: Damit sich Außenstehende ein genaueres Bild machen können von der Weite des Schlagwortes „Buddhismus“. Einige meiner Leser werden beispielsweise Deine Sicht der Dinge annehmen und diese Form des „vortraditionellen Nicht-Buddhismus“ übernehmen, während andere wiederum meinen „Postmodernen Buddhismus“ anziehend finden. Wie dem auch sei – meinen christlich-buddhistischen Segen haben sie alle.

Ich danke Dir für deine Arbeit! Möge sie zum Wohle aller Wesen wirken.

Herzlich,

Joachim

3 Hans März 21, 2013 um 0:08 Uhr

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Hallo Joachim,

1) Du verklärst jetzt Deine eigene Inkonsequenz spirituell. Wenn jemand mit einem Theorieversuch, wie Du es getan hast, für einen „postmodernen Buddhismus“ als die große Synthese anderer Buddhismen eintrittst und Dich anderswo zugleich zum Nichtbuddhisten im Rahmen Deiner Schwäche für eine psychologisch instrumentalisierte „Achtsamkeit“ erklärst, widersprichst Du Dir selbst. So, wie es nicht zugleich Tag und Nacht sein kann. Aber aus Sicht des Ken Wilber-Integralismus wirst Du diesen einfachen Schluss wohl nicht nachvollziehen können. Das verstehe ich inzwischen.

Auch der Verlauf dieser Debatte zeigt mir erneut, wozu dieses ganze sykretistische Ken-Wilber-Denken führt:

Es macht den Geist unklar. Es trübt das Unterscheidungsvermögen. Du gehst meistens nicht genau auf das Gesagte ein. Du nimmst vorgebrachte Argumente nicht wahr. Du stellst provokative Fragen, die Du so gar nicht stellen könntest, wenn Du das Vorherige genau gelesen und berücksichtigt hättest.

Wäre das hier eine strikt moderierte und regelgemäße echte Debatte, wäre sie schon beendet und Du hoffnungslos unterlegen.

Im alten Indien des historischen Buddhas hätte das bedeutet, dass Dein ganzer Ansatz in Frage stünde. Eine gute Lehre musste sich damals in der Auseinandersetzung bewähren können. Sonst galt sie nicht viel. In dieser besonders hoch entwickelten spirituellen Kultur mit ihrer ganzen Vielgestaligkeit gab es keine Parallele zum heutigen ken-wilberischen Synkretismus, mit dem dieser Mangel an Unterscheidungsvermögen hätte spirituell verklärt werden können. Es wäre gar nicht ernst genommen worden.

Du verhältst Dich wie ein Schachspieler, der das Schachspiel verloren hat; und jetzt so tut, als gäbe es keine Regeln für das Schachspiel und einfach weiterspielen will!

2) Du schreibst: „So langsam werden die Emotionen stärker“: Wenn man Dinge wiederholen muss, weil sie inhaltlich nicht verstanden werden, muss man sie eben deutlicher betonen. Aber das wird bei Dir wohl auch nicht viel nützen.

Du verstehst es laut deinem letzten Eintrag immer noch nicht. Denn Du denkst so stark in den Kategorien davon, wer vermeintlich „objektiv“ erwacht sei und wer nicht, dass Du die vorgebrachten Gegenargumente nicht nachvollziehen kannst. Du verhältst Dich ähnlich wie eine Schallplatte, die an einer Stelle einen Sprung hat –

„Du als unerleuchteter Gelehrter …“, „inwieweit ein nicht-erwachter Praktizierender in der Lage ist, die Aussagen eines Erwachten zu beurteilen …“, „noch immer nicht erwacht …“, „Einem nicht-erwachten Menschen kann dies auf den ersten Blick nicht einsichtig sein …“.

Ich sage es jetzt ein letztes Mal, so einfach wie möglich für Dich und Deine Gesinnungsgenossen:

Du musst für jenen wiederholt erhobenen Anspruch, dass Du den Grad des Erwachen anderer korrekt einschätzen könntest, bestimmte Kritierien formulieren. Wer aber solche Kriterien zum Erwachen formuliert, spricht sich damit selbst bereits einen erwachten Zustand zu.

Ansonsten könnte er ja nicht klar sehen, wer erwacht sei und wer nicht. Aber dieses indirekte „Selbst-Darstellung“ als „erwacht“ und damit als urteilsfähig in dieser Frage bedeutet nichts weiter als (unerwachten) Dünkel und Überheblichkeit.

Außerdem will man damit etwa einen starken Eindruck auf beeinflussbare Geister machen.

Aus diesem Gründen sowie weiteren Gründen gibt es eben jene uralte sinnvolle Vorgabe des Buddhas zu dieser Frage, dass zum Teil oder voll Erwachte es nicht öffentlich kundtun dürfen.

Wer trotzdem solche Ansprüche erhebt, beweist damit, dass er nicht erwacht ist. In diesem Fall ist es bloß das Ego, das sich selbst als „erwacht“ erklärt.

Alleine die Qualität der Motive, Handlungen, Aussagen und Beispiele zählen. Sonst nichts: Keine Titel, Etiketten, Zertifikate, Autorisierungen oder Ansprüche.

Wenn Du es jetzt immer noch nicht verstanden hast, lass besser Ken Wilber und trainiere stattdessen Deinen logischen Verstand.

Auch dafür gibt es im Buddhismus gute Angebote.

3) Wenn Menschen wie Du oder andere Verbandsbuddhisten wie Manfred Folkers oder Dr. Paul Köppler ihre Kriterien formulieren würden, wer erwacht und wer nicht erwacht sei, kann ich Dir ganz genau sagen, was dabei herauskommen würde:

Begründete, sachliche Kritik zum Beispiel würde systematisch stigmatisiert und in die Ecke von Ärger, Verblendung oder was auch immer gerückt werden. Dass es zahlreiche Reden im Palikanon gibt, die „starke“ kritische Auseinandersetzungen belegen, dass der Buddha mit deutlichen Vorgaben zu kritischer Untersuchung aufgefordert hat, oder dass hier das eigene Nachdenken – in Arthur Schopenhauers Worten das „Selbstdenken“ – immer die Quelle jeder tieferen Weisheit ist, würde dann einfach ignoriert werden.

Paul Köppler zum Beispiel hat mit seinen so genannten „Zusammenfassungen“ der Reden des Buddhas, die in Wahrheit seine gefärbten synkretistischen Verrisse eben dieser Reden sind, es bereits sogar in Buchform vorgemacht.

So backt man dann fröhlich weiter seine eigenen christo-buddhistischen oder wilber-buddhistischen Brötchen – immer schön unter dem Deckmantel des hehren Anspruchs, einen neuen, zeitgemäßen, säkularen, postmodernen oder sonstigen Buddhismus zu formulieren.

Damit fügt Ihr Euch nahtlos in jene im Hauptbeitrag dargestellte synkretistische deutsche Mentalitätsgeschichte ein. Ihr macht es auch aus Opportunismus gegenüber kirchlich-staatlichen Erwartungen, damit als „Lohn“ dafür irgendwann der Körperschaftsstatus kommt.

Praktiziert besser in Eurem ureigensten Interesse im Sinne des Dharma. Der Buddha war das Paradebeispiel eines Nichtkonformisten.

4) Es gibt schon seit zweieinhalb Jahrtausenden laut den alten Reden des Buddhas präzise Kritieren für die Grade des Erwachens. Ich habe sie oben schon verlinkt.

Entweder A) Ihr kennt sie nicht, weil Euch eine echte und tiefgehende Auseinandersetzung mit diesen Lehren nicht interessiert, sondern alleine der „gute Name“ des Buddhas für Eure eigenen Zwecke; oder B) Ihr ignoriert sie, weil sie Dir und anderen Gesinnungsgenossen nicht „in den Kram“ passen. Denn sie sind von rein „innerlicher“ Natur, die kein Außenstehender überprüfen kann. Außerdem gehen diese Kriterien davon aus, dass zunehmende Befreiung bloß durch Umsetzung der „inneren Gesetze“ des Dharmas möglich ist. Also wollt Ihr Eure eigenen „anderen“ Kritierien formulieren. So sieht es in Wahrheit aus!

Angesichts jener alten Kriterien nützt es auch gar nichts, gebetmsühlenartig und großspurig zu wiederholen, dass „präzise“ herausgearbeitet werden müsse, was Erwachen sei und was nicht. Von der Präzision und Tiefe in diesen alten Quellen hast Du, Folkers, Köppler und co. keine Ahnung.

Die Performance, die Du insgesamt hier ablieferst, zeigt mir auch, wie weit es mit deiner eigenen „Präzision“ in Wirklichkeit her ist. Rhetorischer Spuk!

An Deiner Stelle würde ich auch aufpassen, welchen Eindruck Du auf diesem gut besuchten Blog auf Deine eigenen Fans machst. Es werden nicht alle so naiv sein.

5) Jay Garfield ist ein altbekannter tibetischer Buddhist der Gelugpa-Richtung, auch wenn er Professor ist. Es gibt ein paar solche Wissenschaftler, die eindeutig einer bestimmten Mahayana-Tradition „zu Diensten“ sind. Zwei weitere sind Jeffrey Hopkins und Alan Wallace. Es ist sicher sehr gut, wenn auch Wissenschaftler praktizieren. Und es gibt auch solche, die trotz langjähriger spiritueller Praxis in ihrer Wissenschaft nicht eine bestimmte Tradition vertreten, wie Michael von Brück (obwohl er auch Seminare als Zen-Lehrer gibt).

Aber Jay Garfield gehört gewiss nicht dazu.

Natürlich meint er, dass „der ursprüngliche Buddhismus mit dem Buddha gestorben ist“. Denn der alte Buddhismus widerspricht seiner Gelugpa-Richtung innerhalb des tibetischen Buddhismus zu sehr. Mahayana-Buddhisten wie Du zitieren ihn dann natürlich sehr gerne. Dafür habe ich schon ein gewisses Verständnis!

Vom „ursprünglichen Buddhismus“ zu sprechen ist allerdings in der Tat problematisch. Denn auch wenn den Reden des Buddhas im Palikanon als den ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen ein deutlich höherer „Authentizitätsgrad“ zukommt, soweit es um die Frage geht, was der historische Buddha selbst gelehrt hat, sind auch hier manche Teile später hinzugekommen. Wenn es Dich genau interessiert, befasse Dich etwa mit den Forschungen des früheren Oxford-Professors Richard Gombrich oder mit den Büchern des sehr gelehrten autralischen Ajahn Sujato.

Jenen höchsten „Authentizitätsgrad“ würden alle wirklich renommierten Buddhismusforscher den Redensammlungen des Palikanons zusprechen, zum Beispiel der weltweit angesehene Hamburger emiritierte Indologieprofessor Lambert Schmithausen.

Aber einmal von den komplexen historisch-philologischen Argumenten abgesehen, gibt es drei relativ leicht nachvollziehbare Belege für jenen besonders hohen Authentizitätsgrad:

A) Die Reden des Palikanons unterscheiden sich von den späteren „geschlossenen“, in sich widerspruchsfreien buddhistischen Systemen darin, dass sie ein offenes System sind. Es gibt hier bestimmte Widersprüche, die die Lage zur Zeit der Urgemeinde widerspiegeln: Denn der historische Buddha hat im Geiste der „geschickten Mittel“ unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Lehren und Mittel gegeben, um sie konkret zu befreien, mit gewissen „gemeinsamen Nennern“ der Grundlehren. (In meinem Buchbeitrag zu dem Sammelband über die Achtsamkeitskonferenz 2011 gehe ich auf diesen Punkt genau ein. Der Beitrag wird noch erweitert als separates Ebook erscheinen.)

B) Es gibt weitgehende Übereinstimmungen zwischen den Reden des Palikanons und den erhalten gebliebenen Fragmenten anderer frühbuddhistischer Schulen. Das weist klar auf einen gemeinsame Ursprung hin, nämlich die Lehre des Buddhas.

C) Das offene System der frühbuddhistischen Reden zeigt seine große inspirierende Macht in der modernen Vipassana-Bewegung, die wwie dargestellt in positivem Sinne geschichtsmächtig ist. Alleine in Burma gibt es laut der Dissertation von Gustaaf Houtman mindestens 24 große Vipassana-Ansätze, die alle direkt auf diesen Reden beruhen. Eine solche Inspirationskraft zeigt die Qualität dieser Reden, das heißt den Geist des historischen Buddhas.

Diese ältesten Quellen nun einfach unberücksichtigt zu lassen, wie es Wilber-Buddhisten wie Du oder Mahayana-Buddhisten wie Manfred Folkers machen, kann angesichts all dieser Fakten nicht überzeugen!

6) Was Dein Eindruck zu mir ist, interessiert nicht. Ich habe bereits ausführlich begründet, warum nicht ich es bin, der die Vielfalt einschränkt, sondern die deutschen Verbandsbuddhisten, etwa mit ihren pseudobuddhistischen „Bekenntnissen“ und generellen Vertretungsansprüchen. Deshalb wiederhole ich hier diese Argumente auch nicht. Dir gefällt einfach meine genau begründete Kritik nicht. So willst Du mich unbedingt in jener „Box“ haben.

Ich betone den alten Budddhismus vor allem deshalb (wie schon mehrfach gesagt), weil er hierzulande aufgrund jener synkretistischen und opportunistischen Mentalitätsgeschichte sowie Pseudoübersetzern wie Karl-Eugen Neumann und diversen deutschen buddhistischen Denkern in dessen Nachfolge relativ wenig bekannt ist. Außerdem ist die heutige deutsche buddhistische Szene stark von Mahayana-Buddhisten bestimmt, die wenig Interesse am frühen Buddhismus zeigen. Das belegen Leute wie Du ja ganz klar.

So habe ich also wirklich beste Gründe für diese Betonung.

7) Niemand ist sakrosankt. Wir sind hier nicht im Katholizismus, sondern in der an Inhalten orientierten altbewährten buddhistischen Tradition.

Hier zählen ausschließlich die guten Argumente. Das sollten sich alle „Christo-Buddhisten“ klarmachen. Sie können natürlich weitermachen, ihre unreflektierten und unaufgearbeiteten eigenen Vorprägungen auf die Lehre des Buddhas zu projezieren. Damit werden sie innerlich nicht viel erreichen, außer Selbstbetrug.

Auch darauf gibt es klare Hinweise in den alten Reden (wie zum Beispiel die Mittlere Sammlung 9 und 11).

Man sieht an Deinem Fall doch, wie unfähig Du bist, von Deinen Heiligkeitszuordnungen, Etikettierungswünschen oder Deiner Forderung nach kompromissloser Verehrung ohne kritische Fragen, seien diese noch so berechtigt, abzurücken.

Das ist eigentlich Katholizismus, aber nicht die Lehre des Buddhas! Du bestätigst damit auch, wie berechtigt mein ganzer historischer Exkurs im Hauptbeitrag ist.

8) Ich halte Thich Nat Hanh für traumatisiert durch die Kriegserfahrung in Vietnam. Eine traumatisierte Sicht ist jedoch eine einseitige Sicht.

Deshalb propagiert er so stark einen buddhistischen Integralismus, der weit entfernt vom Geist der alten Quellen ist. Dieser Integralismus kommt hier im Westen vielen enttäuschten Christen stark entgegen, die nicht fähig sind, ihre eigenen Vorprägungen zu reflektieren, sondern die – unter dem starken Einfluss dieser Vorprägungen – nach irgendeiner Synthese mit dem Buddhismus suchen. Ich habe mehrere Interviews von Schülern Thich Nat Hanhs gehört. Sie reden meistens über ihrer neues Verhältnis zu „Gott“. Auch Du sprichst auf Deiner Facebook-Seite öfter über „Gott“ für Dich und Deine Fans.

Was sich Thich Nhat Hanh „dabei gedacht“ hat, wenn er etwa seine eingehend analysierten „Drei Dharma-Siegel“ als der einzige mir bekannte Mahayana-Lehrer in Abwandlung der etablierten mahayanistischen „Vier Dharma-Siegel“ oder der frühbuddhistischen „Drei Merkmale vertritt, habe ich (oder Franz-Johannes Litsch) genau dargestellt.

Es überzeugt jedenfalls nicht. Von meiner Analyse ist hier mit keinem Wort abzurücken, bloß weil Du in Deiner quasikatholischen Verehrungshaltung bzw. Deiner unkritischen Devotion gegenüber vermeintlich heiligen „Autoritäten“ Thich Nhat Hanh für sakrosankt erklärst. Das ist ganz Dein Problem.

Ich habe eine starke protestantische und atheistische Vorprägung. Das leben wir auf zwei verschiedenen „geistigen Planeten“. Unterschätze diese Unterschiede nicht!

Außerdem widersprichst Du Dir auch in dieser Frage bloß ein weiteres Mal:

Einerseits erklärst Du nämlich Thay für sakrosankt und versuchst, Kritikverbote auszusprechen.

Andererseits schlussfolgerst Du in bezug auf Thay bei jener Frage, warum sich ein großer Vipassana-Lehrer wie Bhante Sujiva und Thay gegenseitig nicht als erwacht anerkennen: „Man sieht, dass auch Meister sich irren und einer beschränkter Geisteshaltung unterliegen können.“

9) Ich war einmal sehr aktiv im engeren Thich Nhat Hanh-Kreis. Sister True Emptiness, Thays engste Vertraute, bot mir in seiner eigenen Anwesenheit an, wenn ich dort Mönch werden würde, jederzeit einen direkten Zugang zu Thay selbst zu haben.

Ich habe es nicht gemacht, weil ich Vieles in der internen Hierarchie und an der dort gelehrten Praxis fragwürdig gefunden habe; sowie Thays regelmäßige „Autorisierungen“ von Schülern zu Lehrenden.

Der inzwischen verstorbene Karl Schmid, der ebenfalls von ihm zum Lehren autorisiert worden war, hat jenes damalige Angebot an mich mitgehört. Danach hatte ich wohl aus Eifersucht seinerseits die größten Probleme mit ihm, deren Darstellung hier deutlich zu weit führen würde. Schließlich habe ich mich von dieser Tradition verabschiedet. Thay autorisiert regelmäßig Schüler, weil sie im irgendeiner Form dienen – Karl Schmid damals als umtriebiger Geschäftsmann; heute zum Beispiel ein Manfred Folkers.

Meine Thich Nhat Hanh-Phase war ohnehin bloß ein „Intermezzo“ in meinem Vipassana-Interesse, das ich wegen Thays Betonung von „Achtsamkeit“ einging.

Folge Thich Nhat Hanh weiter. Er ist trotz meiner klaren Kritik hier insgesamt ein großer Lehrer mit profundem Wissen, der zweifellos eine wichtige Rolle spielt.

Aber meine Richtung ist es nicht. Dafür könnte ich viele Begründungen auch aus eigener Erfahrung mit dieser Tradition geben. Das werde ich aus den genannten Gründen nicht tun. Ich lasse es bei jenen Andeutungen.

10) Diese Debatte mit Dir zeigt mir auch ein weiteres Mal, dass es nicht viel bringt – außer als einer wichtigen Klärung für Außenstehende –, sich näher mit Verbandsbuddhisten wie Dir, Manfred Folkers, Paul Köppler und weiteren zu befassen.

Wir leben wie gesagt auf unterschiedlichen geistigen Planeten. Es geht immer um echte Praxis auf diesem Weg. Dabei empfiehlt sich im Sinne des Sangha-Gedankens der Umgang mit wirklich ernsthaft Praktizierenden, seien sie nun „Buddhisten“ oder nicht.

Aber als Klärung für Außenstehende ist eine solche Debatte wie hier wichtig. Da werden sicher einige ins Nachdenken kommen.

Ich würde jedem ernsthaft an buddhistischer Praxis Interessierten das Gleiche empfehlen. Es gibt diverse Kurs- und Retreathäuser usw.

Wer braucht darüber hinaus einen kirchenähnlichen „buddhistischen Dachverband“, bei dem es in erster Linie um Folgendes geht – eine verdeckte Interessenspolitik, die Einebnung von Unterschieden, lebendiger Vielfalt und echter Debatte, die Anpassung an kirchlich-stattliche Erwartungen, pseudobuddhistische „Bekenntnisse“ voll mit Fehlern im Vergleich zu den alten Quellen, Leute, die aus durchsichtigem Eigennutz bestimmen wollen, wer „erwacht“ sei und wer nicht, oder das Abblocken unbequemer Geister, wie etwa von Franz-Johannes Litsch, Katrin Baar und anderen Personen, von denen ich weiß?

11) Wenn Du jetzt das letzte Wort in dieser Debatte haben willst, habe es, wenn Du es partout nicht lassen kannst!

Wenn Du diese Möglichkeit jedoch nutzt, um einen riesigen Sermon abzugeben, behalte ich mir vor, einen solchen Eintrag zu löschen oder zu kürzen.

Danach werde ich Dir jedoch nicht mehr antworten. Diese Debatte mit Dir ist wie gesagt beendet.

Du hattest hier mehr als genug Gelegenheit. Das lässt sich nicht endlos fortsetzen. Wir wiederholen jetzt überwiegend bloß noch Argumente, das heißt wir sagen bloß noch Ähnliches in wieder anderen Worten. Das bringt letztlich nichts. Man muss sehen können, wann ein Punkt erreicht ist. Das gehört ebenfalls zu „Achtsamkeit“.

Ich werde Dir auch in dem Fall nicht mehr antworten, wenn Du Dich bemühst, vermeintlich „neue“ Punkte zu bringen. Denn alle wirklich wichtigen Fragen sind in dieser Diskussion besprochen worden. Es ist genug Material für jeden, um sich in dieser zentralen Frage von „Buddhas Lehre für heute“ eingehend zu orientieren.

Ich möchte Dich auch gleich bitten, es dann bei Deinem eventuellen „letzten Wort“ zu belassen.

Unmittelbar danach werde ich die Freischaltfunktion auf diesem Blog einschalten. Dann muss ich Beiträge zuerst genehmigen, bevor sie erscheinen. Wenn Du nach einem „letzten Wort“ erneut mit einem weiteren Eintrag „nachsetzen“ würdest, um mich wieder in diese Diskussion zu ziehen, würde ich einen solchen Eintrag nicht freigeben.

Alle Beiträge von anderen würde ich selbstverständlich sofort freigeben. Ich zensiere nichts, außer jemand überschreitet klare Grenzen, was hier erst einmal passiert ist.

Wenn sich andere in diese Diskussion einbringen und Du ausschließlich (!) ihnen antworten würdest, gäbe ich diese Antwort frei. Bezugnahmen auf mich würde ich jedoch vorher daraus löschen. Also überlege Dir, was Du in einem solchen Falle sagen würdest.

Jeder, der die Diskussion mitverfolgt hat, wird dieses ganze Vorgehen verstehen.

Bei einem nächsten Hauptbeitrag von mir wäre es etwas Anderes. Dann kannst Du Dich bei Bedarf auch zu mir wieder einbringen, wenn Du es möchtest.

Aber in dieser Debatte hattest Du wie gesagt mehr als genug Gelegenheit. Das (Schach)Spiel und die Debatte mit Dir ist beendet. Wenn Du die Regeln eines solchen Spiels und einer solchen Debatte nicht ernst nimmst, weil Du den Kürzeren gezogen hast, ist das Dein Problem.

Ich ziehe daraus jetzt die beschriebenen Konsequenzen.

Ich habe wiederholt und genau begründet, warum ich diese Diskussion mit Dir nicht fortsetzen will. Es gehört auch zur Achtsamkeitspraxis, dass man den Willen anderer nicht übergeht bzw. eine solche Willensäußerung wahrnimmt.

Aber damit Du später nichts zum Polemisieren hast, gewähre ich Dir jene Möglichkeit eines letzten Wortes ohne Freischalten durch mich.

Wahrscheinlich wirst Du dann (wie schon einmal auf Facebook) einen Ebenenwechsel versuchen und mich „psychologisieren“, das heißt spekulative Behauptungen über meine Motive anstellen, die mich gegenüber anderen negativ erscheinen lassen sollen. Bedenke dabei: Ich könnte Dich immer genauso gut psychologisieren und sagen, dass solche Ebenenwechsel lediglich Ausweichmanöver sind, weil es für Dich hier auf der inhaltlichen Ebene nicht weitergeht. Verfalle besser nicht in den Gestus des Dir vertrauten Psychologen-„Selbst“, der Menschen kategorisiert.

Oder Du wirst mich wieder in bestimmte „Boxen“ stecken wollen, wie diejenigen des „Gelehrten“. Das habe ich oben bereits beantwortet; und mit der genau begründeten Aussage geschlossen, warum ich weder in diese noch in eine andere enge Box „passe“.

Wir haben hier einfach eine sinnvolle sachliche Debatte zu einem zentralen Thema geführt, die zwangsläufig kontrovers verlaufen ist, wie es naturgemäß jede echte Debatte tut. Wenn dies manchen Zartbesaiteten zu viel ist, sind sie auf diesem Blog nicht richtig (wo es mehrere solche klärenden Debatten zu verschiedenen Themen gibt). An einer Debatte wie der hier geführten gibt es nichts zu psychologisieren, bloß weil sie Dir etwa in Deiner Ken Wilber-Prägung und Deinem Synkretismuss nicht vertraut ist.

(Trotz allem ernst gemeinte) herzliche Grüße,

Hans

4 Joachim Wetzky März 19, 2013 um 12:58 Uhr

So langsam werden die Emotionen stärker 😉 Ein gutes Zeichen dafür, dass wichtige Punkte berührt werden.

A) Für manche Menschen ist es schwer, Widersprüche oder Paradoxien zu ertragen. Für mich sind Widersprüche Teil des Lebens. Es ist meiner Ansicht nach vollkommen tragbar, den etablierten Begriff „Buddhismus“ zu verwenden um eine Diskussion zu führen – und sich gleichzeitig darüber bewusst zu sein, dass dies auf einer gewissen Ebene keinen Sinn macht.

B) Ganz offensichtlich hat meine Einschätzung (nicht Bewertung) „Du als unerleuchteter Gelehrter der buddhistischen Lehre es besser weißt, wie man Menschen zum Erwachen führt, als spätere erwachte buddhistische Meister, wie Thich Nhat Hanh, Dalai Lama, Gendün Rinpoche“ – nichts mit einer persönlichen Diskreditierung zu tun.
Es ist ja erstmal keine Negativbewertung – schließlich sind weder du noch ich erwacht. Das ist ja keine Bewertung, sondern eine Beschreibung der momentanen Situation. Das ist ein Unterschied.

C) Es muss präzise benannt werden können, wer erwacht ist oder nicht. Sonst wird damit ein Machtanspruch erhoben, den wir auch von der Kirche sehr gut kennen: Einige wenige dürfen definieren was erwachen ist und wer darüber sprechen darf. Und die große Masse muss sich daran halten. Das ist eine Verblendungstaktik, die den eigenen Machtanspruch verschleiern soll.

Im 21. Jahrhundert ist es daher unumgänglich, dass präzise herausgearbeitet wird, was erwachen ist und wer es ist. Und dann muss die Diskussion erlaubt sein, inwieweit ein nicht-erwachter Praktizierender in der Lage ist, die Aussagen eines Erwachten zu beurteilen. Was kann er sehen und was nicht? Wo ist Kritik angemessen und was nicht? Das sind Fragen die einfach hinreichend geklärt werden müssen in einer säkularisierten Gesellschaft.

Leider versuchst du, das „Erwachen“ in der mythologischen Ecke zu behalten. Das hat natürlich Vorteile: So wird niemand die unangenehme Frage stellen, wieso ein Praktizierender nach vielen Praxis noch immer nicht erwacht ist.

Das sind Kernthemen, an die sich die traditionellen Buddhisten nicht wagen.

D) Ich glaube ja nicht an die „ältesten Schichten der buddhistischen Überlieferung.“ Darum gilt für mich diese Regel nicht. Ich halte es mit Prof. Jay Garfield, der sehr gut erkannt hat, dass „der ursprüngliche Buddhismus mit dem Buddha gestorben ist“.

Wie Garfield schreibt, sollten wir „niemals die engstirnige Frage stellen, welcher Buddhismus nun der authentische ist. Besser ist es zu fragen: Wie ist es möglich, dass der Buddhismus sich so vielfältig entwickelt hat, dass er eine solche Vitalität besitzt? Wir sollten ihn mit einer Pflanze vergleichen, bei der es ja ein Zeichen von Gesundheit und Stärke ist, dass ihre Blüten, ihre Äste und Zweige eben nicht genauso aussehen wie ihre Wurzeln, sondern sich in
ihrer ganzen Vielfalt entwickeln.“

Mein Eindruck ist schon, dass du einer dieser engstirnigen Menschen bist, die darauf beharren, so und so habe der Buddhismus auszusehen.

E) Buddhismus ist doch so eine vielfältige Angelegenheit, Hans! Wie der Buddha selbst sagt, langt es vollkommen aus, auf der Basis einiger weniger Lehrreden seine Praxis aufzubauen. Es ist nicht nötig, ein sogenannter buddhistischer Gelehrter zu werden. Natürlich ist es für die Geschichtsschreibung schön und gut, dass es Menschen wie dich gibt, da sie die lange Geschichte des Buddhismus gut formulieren können. Für den Weg des Erwachens ist es jedoch nicht notwendig.

F) „Wenn ein erwachter Mensch wie Thich Nhat Hanh zu der Einsicht kommt, die Lehre des Buddha auf diese oder jene Weise zu formulieren, dann wird er sich dabei etwas gedacht haben. Einem nicht-erwachten Menschen kann dies auf den ersten Blick nicht einsichtig sein. Darüber sollte auch einmal nachgedacht werden.“

Wenn ich Beiträge lese von buddhistisch Praktizierenden, die beispielsweise Thich Nhat Hanh aus einer lediglich rein theoretischen Perspektive heraus kritisieren, kann ich das nicht ernst nehmen. Ich möchte ja kein theoretischer Gelehrter werden, sondern erwachen. Darum nehme ich das Wort eines Erwachten ernster als das eines Nicht-Erwachten – auch dann wenn der Gelehrte scheinbar korrekter aus dem Pali-Kanon zitieren kann.

Du schreibst: „Ein großer Vipassana-Lehrer wie Bhante Sujiva jedenfalls würde Thich Nhat Hanh auch nicht als erwacht betrachten. Umgekehrt gilt Dasselbe.“

Hier haben wir doch im Grunde schon das Kernthema. Nur weil jemand nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, wird er nicht akzeptiert. Das ist ja ganz offensichtlich eine beschränkte Geisteshaltung.

Denn wer hat nun Recht? Nun, beide haben Recht – beide sind erwachte Manifestationen.

Leider besitzen sie nicht die nötige Einsicht, etwas zu akzeptieren, was ihrem Weltbild widerspricht. Dieser Fall ist nun schon so oft vorgekommen: Dass versierte buddhistische Meister andere buddhistische Meister nicht anerkennen wollen, nur weil sie dem Weltbild der eigenen Tradition oder Linie nicht entsprechen. Da kann man nur Zweierlei machen: Entweder man liefert sich als Schüler oder Bewunderer dieser Meister ebenfalls eine Schlammschlacht und spricht sich gegenseitig die Kompetenzen ab. Oder man sieht, dass auch Meister sich irren und einer beschränkter Geisteshaltung unterliegen können.

Ist es nicht spannend zu sehen, dass Erwachen nicht bedeutet, vollkommen fehlerfrei zu sein? Selbst als Erwachter kann man sich noch irren.

Auch dir eine gute Zeit!

Herzlich
Joachim

5 Hans März 17, 2013 um 21:40 Uhr

Hinweis: Der Beitrag ist am Tag nach seiner Publikation noch um zwei Abschnitte ergänzt worden (unter Punkt A und E). Deshalb bitte ggf. den Browser aktualisieren.

Hallo Joachim,

Wir liegen hier zu weit auseinander. Deshalb macht diese Diskussion auch bloß bis zu diesem Punkt Sinn.

A) Zu Deinem oben verlinkten Beitrag in deinem Blog:

Einerseits entwickelst Du in Deinem Beitrag in Buddhismus Aktuell 1/2013 Theorien zu den einzelnen „Buddhismen“ und postulierst Deinen „postmodernen Buddhismus“ als die große Synthese. Du denkst hier eindeutig in den Kategorien „Buddhismus“ und „Buddhist“, und zwar auch in Bezug auf Dich selbst als einen „postmodernen Buddhisten“. Andererseits grenzt Du Dich in Deinem Blogbeitrag vom Begriff „Buddhismus“ und „Buddhist“ klar ab, indem Du Dich dort als reinen „Achtsamkeits-Praktizierenden“ bezeichnest.

Das ist ein Widerspruch. Hier siehst Du auch, wozu das Wilbersche synkretistische Denken letztlich führt – solche Widersprüche fallen Dir nicht mehr auf.

Näheres zum Thema „Achtsamkeit“ und Deiner Deutung in dem Blogbeitrag steht unten (unter Punkt E).

B) Ganz offensichtlich hat Deine Bewertung – „Du als unerleuchteter Gelehrter der buddhistischen Lehre es besser weißt, wie man Menschen zum Erwachen führt, als spätere erleuchtete buddhistische Meister, wie Thich Nhat Hanh, Dalai Lama, Gendün Rinpoche“ – etwas mit einer persönlichen Diskreditierung zu tun.

Denn Du nimmst eine Negativbewertung mir gegenüber vor, und zwar indem Du Dir selbst die quasi erleuchtete Fähigkeit zusprichst, genau beurteilen zu können, wie weit Menschen auf ihrem spirituellen Weg seien.

Als konkrete Gründe für diese Negativbewertung könntest Du nichts weiter als Deine eigenen subjektiven Eindrücke anführen. In diesem Rahmen könntest Du sicher auch irgendwelche Kritieren formulieren.

Das Gleiche könnte ich jedoch auch tun:

Ich könnte zum Beispiel sagen, dass Du in dieser Diskussion auf einer inhaltlichen Ebene insgesamt nicht gut aussiehst. Deshalb beschreitest Du jetzt als letztes Mittel den Weg, mir generell die Kompetenz abzusprechen, indem Du mir ziemlich dogmatisch durch eine Negativbewertung das Recht absprichst, kritische Einschätzungen vorzunehmen; und außerdem, indem Du mich jetzt bereits wiederholt in die Box des „bloßen Gelehrter“ stecken willst. Meine Mischung aus Sachkenntnis, Praxis, innerer Erfahrung und Engagement hat nichts mit „bloßem Gelehrtentum“ zu tun.

Aber genau das Gleiche würden ebenfalls Dogmatiker und Kleriker in anderen Religionen gegenüber ihren Kritikern machen, und zwar um davon abzulenken, dass sie an echten Argumenten nichts mehr zu bieten oder an wirklichem gelebten Beispiel wenig vorzuweisen haben. Das ist kein Zeichen einer hohen inneren Entwicklung.

In guten buddhistischen Debatten haben immer ausschließlich die Inhalte und überprüfbaren Argumente gezählt, nicht irgendwelche Ansprüche und Dogmen.

Aus buddhistischer Sicht ist eine solche Aussage, wie Du sie mir gegenüber gemacht hast, nichts weiter als Ausdruck von unerwachtem „Eigendünkel“.

Außerdem dürfte dahinter auch noch das „eigennützige“ Motiv stehen, auf anlehnungsbedürftige, devote und naive Gemüter mit jenen Einstufungen a) von Dir selbst als urteilsfähig in Fragen der „Erleuchtung“ anderer (was wie gesagt eine falsche Übersetzung für „bodhi“ ist, was „Erwachen“ bedeutet), b) der Negativbewertung meiner Person nach einer für Dich insgesamt ungünstig verlaufenen Debatte sowie c) der Hochbewertung Thich Nhat Hanhs als Deinem persönlichem „Meister“ doch noch großen Eindruck zu machen.

Solche Versuche erscheinen mir ziemlich dürftig und ziemlich „unerleuchtet“.

C)Du schreibst:

„Es ist meines Erachtens nicht möglich, über Buddhismus (oder den Dharma) zu sprechen, ohne auf das zentrale Thema sprechen zu kommen: das Erwachen.“

Darüber sollte man in der Tat sprechen und vor allem über den praktischen Weg, der zunehmendes Erwachen bedeutet; aber aus den genannten Gründen nicht in der Form, dass man Ansprüche darauf erhebt, sagen zu können, wer erwacht und wer weniger oder nicht erwacht sei, und entsprechende Etiketten verteilt.

D) Es wird keineswegs bloß „in manchen monastischen Traditionen“ nicht über Erleuchtung gesprochen, indem sie „beansprucht“ wird. Das hat wie bereits ausgeführt auch sehr gute Gründe. Es handelt sich hier um eine klare Vorgabe, die in allen buddhistischen monastischen Traditionen gilt, die sich an die alte Ordensdiziplin des Vinaya halten. Diese geht vom wissenschaftlichen Standpunkt auf die ältesten Schichten der buddhistischen Überlieferung zurück.

Dementsprechend wirst Du keinen großen buddhistischen Meister finden, ob ordiniert oder nicht, der oder die von sich behauptet, erleuchtet oder erwacht zu sein. Wer mit solchen Behauptungen „arbeitet“, steht eindeutig nicht in der Tradition des Buddhas bzw. Dharmas.

Du findest Erleuchtungsansprüche zwar in anderen Traditionen, wie etwa der hinduistisch verankerten heutigen Satsang-Bewegung, und es kann gut sein, dass es auch bei Ken Wilber der Fall ist, was ich nicht beurteilen kann. Aber es sind eben andere Traditionen.

E) Du kannst ja nicht jahrtausendalte buddhistische Traditionen, auf die Du Dich selbst gerne primär beziehst, ohne sie gut und genau zu kennen – wie es heute angesichts der Popularität des Buddhismus ja so manche Psychologen tun –, kurz einmal über Bord werfen bzw. Dir das Eine herausnehmen und das Andere weglassen, wie es Dir gerade ins Wilberische Konzept passt und gefällt. Ich verstehe schon, dass ein genaues Erforschen und Zur-Kenntnis-Nehmen dieser alten Quellen von Dir und anderen vermieden wird. Denn es würde die eigenen Ideen viel zu sehr in Frage stellen!

Das Gleiche gilt für den aktuell sehr gerne übernommenen buddhistischen Begriff der „Achtsamkeit“.

In der Ursprungstradition desselben, ohne die es den heutigen westlichen Achtsamkeitsboom überhaupt nicht gäbe, ist „Achtsamkeit“ ein „Terminus Technicus“ mit einer klar umrissenen Bedeutung. Hier dient „Achtsamkeit“ vor allem der höheren Einsicht und damit der zunächst rationalen und dann zunehmend intuitiven tiefen Unterscheidungsfähigkeit. Der Begriff „Vipassana“ bedeutet ganz wörtlich auch „klar unterscheidendes Sehen“.

Es verhält sich mit dieser ursprünglichen Achtsamkeit also anders, als Du es in deinem Blogbeitrag ähnlich wie einige heutige westliche Achtsamkeits-Umdeuter darstellst, die Denken und klares Unterscheiden gerne von der Achtsamkeit trennen würden. Das versuchen sie, indem sie die Achtsamkeit auf ihre konzentrative Funktion einengen, die im Ursprungskontext niemals deren Endzweck ist; und wo diese Funktion dort angesprochen wird, ist sie immer bloß ein Durchgangssstadium zum Sehen. Daneben gibt es auch noch den Befreiungsweg, der einer ausgeprägten, separat entwickelten Konzentration als Durchgangsstadium nicht bedarf.

Näheren Aufschluss über diese Bedeutung von Achtsamkeit gibt Dir dieser eigene Beitrag; oder noch besser und genauer der Beitrag „Mindfulness Defined“ von Bhikkhu Thanissaro, einem der heute weltweit führenden Kenner und „zeitgemäßen“ Interpreten der Reden des Buddhas.

Generell ist die Website „Accesstoinsight“ – wörtlich übersetzt „Zugang zu Einsicht“, womit der Hauptzweck der frühbuddhistischen Lehre und „Achtsamkeit“ gut resümiert ist – eine hervorragende Quelle für Beiträge und gute Neuübersetzungen der Reden des Buddhas.

Andererseits stimmt es, dass die unmittelbare Betrachtung der Geschehnisse oder Prozesse des gegenwärtigen Moments im Zentrum der Achtsamkeitspraxis steht, wie Du sinngemäß in Deinem Blogbeitrag ebenfalls betonst. Aber das schließt das klare Unterscheiden keineswegs aus.

F) Du sagst: „Wenn ein erwachter Mensch wie Thich Nhat Hanh zu der Einsicht kommt, die Lehre des Buddha auf diese oder jene Weise zu formulieren, dann wird er sich dabei etwas gedacht haben. Einem nicht-erwachten Menschen kann dies auf den ersten Blick nicht einsichtig sein. Darüber sollte auch einmal nachgedacht werden.“

Damit wiederholst Du ein weiteres Mal die gleichen Ansprüche auf Beurteilungskompetenz, wer „erleuchtet“ sei und wer nicht, die ich gerade und auch davor oben schon kritisch beantwortet habe.

Du bist mit solchen anmaßenden Aussagen im Grunde auch „denkverwandt“ mit der katholischen Kirche, die mit Etiketten wie etwa „Stellvertreter Gottes“ für die von ihr auserkorenen höchsten Vertreter eben diese Vertreter ihrer Eigeninteressen der Kritik entziehen will. Meist sind die Päpste dogmatische alte Theologen mit diversen aus der Zeit gefallenen, mittelalterlichen Überzeugungen und teilweise auch einer problematischen Vorgeschichte.

Beim gerade abgelösten Papst war diese problematische Vorgeschichte sein jahrzehntelanges Wirken (1981-2005) als erzkonservativer Präfekt der vatikanischen „Kongregation für die Glaubenslehre“ mit manchen unsäglichen Entscheidungen.

Beim neuen Papst ist es vor allem die Nähe zur früheren argentinischen Militärjunta und eine antibefreiungstheologische sowie antireformerische Haltung (siehe das nähere Interview mit dem Investigativjournalisten Horatsio Verbitsky in der tageszeitung vom 15. März 2013).

Aber dieses „Vorgehen“ funktioniert heute immer weniger. Denn wir leben schon längst nicht mehr im Mittelalter. Das verstehen diese alten Männer immer noch nicht so recht. Man kann Kritiker etwa nicht mehr auf Scheiterhaufen setzen. Beginnend mit Martin Luther hat es lange genug gedauert, bis diese Freiheiten erkämpft worden sind.

Es zählt heute, was jemand sagt und tut, nicht „eindrucksheischende“ Etiketten, die dieser Person von ihren eigenen Anhängern gegeben werden – ob nun im Katholizismus oder im Buddhismus.

Du „tickst“ mit Deinen – durch nichts außer durch reine Ansprüche, Spekulationen und Behauptungen unterlegten – Anmaßungen höchster Beurteilungskompetenz im Grunde nicht anders als die katholische Kirche. Das ist in Wahrheit Dogmatismus.

Deshalb solltest Du Dich auch nicht von der Kirche abgrenzen, wie Du es am Ende tust.

G) Ich diskutiere nicht über den Grad des Erwachens von Thich Nhat Hanh.

Ich habe mich oben schon positiv zu ihm geäußert. Ich nehme jedoch auch nichts von der geäußerten Kritik an manchen seiner Lehren zurück.

Jeder Pali-Kanon-Kundige würde diese Kritik genauso äußern. Franz-Johannes Litsch hat ebenfalls eine klare Kritik geäußert (in seinem eingehenden Beitrag, den Ursula Richard abgelehnt hat, noch mehr als hier). Thich Nhat Hanh oder etwa sein Sprachrohr Manfred Folkers könnten diese Argumente nicht widerlegen.

Diesem Umstand kann man sich nicht kurz einmal entziehen, indem man behauptet, Thich Nhat Hanh sei doch absolut „erleuchtet“. Alleine schon das „Autorisieren“ von Lehrenden ist bloß eine moderne buddhistische Sitte, die es im alten Buddhismus nicht gibt. Man ist hier immer auf natürliche Weise in die Lehrerposition hineingewachsen.

Ich könnte hier so manche Geschichten aus der Thich Nhat Hanh-Organisation erzählen oder über von ihm selbst „autorisierte“ Lehrende, die gewiss nicht für Erleuchtung sprechen. Das mache ich aber nicht, weil es zu viel „aufrühren“ würde.

Ein großer Vipassana-Lehrer wie Bhante Sujiva jedenfalls würde Thich Nhat Hanh auch nicht als erwacht betrachten. Umgekehrt gilt Dasselbe.

Wer hat denn nun recht? Willst Du oder irgendein anderer das etwa beurteilen? Hier kämen wir bloß in äußerst unfruchtbare Spekulationen.

H) Du zitierst mich leider aus den genannten Abwertungsintentionen heraus gerne und regelmäßig falsch. Ich habe nirgendwo gesagt: „Ich weiß es besser als Thich Nhat Hanh, weil ich mich streng an die Worte des Pali-Kanons halte.“

Ich bringe immer genaue Begründungen, die ich zum Teil schon dem Palikanon entnehme. Aber es bleiben trotzdem genaue Begründungen, in meinen Worten.

Ich behaupte nirgendwo, dass etwas richtig sei, bloß deshalb, weil es im Palikanon steht. Ich betone die alten Quellen häufig, weil sie heute und vor allem in Deutschland gerne wegen der genannten Eigenarten der deutschen Mentalitätsgeschichte in der Hintergrund gerückt werden; bzw. durch diverse synkretistische Denkprodukte überlagert werden, wie es schon Karl-Eugen Neumann mit seinen alten vermeintlichen „Übersetzungen“ – genauer freien Kommentaren – begonnen hat.

Deshalb habe ich also sehr gute Gründe für diese wiederholte generelle Betonung der alten und vom wissenschaftlichen Standpunkt autoritativsten Quellen.

I) Du schreibst noch: „Es muss klar definiert werden können, wer erwacht ist und wer nicht.“

Du erhebst diese Forderung in Wahrheit, weil Du und andere aus dem deutschen buddhistischen Dachverband DBU sich gerne zu einer kirchenähnlichen Instanz aufschwingen würden, andere je nach ihren Eigeninteressen die entsprechenden Etiketten bzw. „Segnungen“ beizumessen oder nicht.

Das ist einfach bloß lächerlich und denkbar weit entfernt von allem, was mit „Erwachen“ im Sinne des Dharma zu tun hat.

Vielleicht sollten hier einige Verbandsbuddhisten einmal wirklich zu praktizieren beginnen. Ich empfehle längere intensive Vipassana-Kurse anstatt von Rede- und Denk-Kursen. Dann wird die Qualität der eigenen Motive vielleicht wirklich tiefer klar.

Betrachtet man sich die alten Kriterien für die „Vier Stufen des Erwachens“ – nämlich die zunehmende, sukzessive Überwindung der so genannten „Zehn Fesseln“, die bestimmte Formen von „Ich“-Identifikation, Affekt und Nichtsehen umfassen – sind es rein innerliche Kritieren, die kein Außenstehender wirklich beurteilen kann. Bei näherem Interesse hier in Nyanatilokas Buddhist Dictionary hier unter „samyojana“ (Fesseln) und hier unter „ariya puggala“ (edler Mensch) nachlesen.

Das Erwachen hängt ausschließlich vom Maße der Verwirklichung des universellen Pfades von Ethik, Ruhe und Einsicht auf der Basis einer „sehenden“ (das heißt nicht bloß konzentrativ eingeengten) Achtsamkeit ab. Dieses Erwachen ist nicht abhängig von irgendwelchen Titeln, Bekenntnissen oder Etiketten wie etwa „Buddhist“.

Es ist alleine abhängig von echter Achtsamkeitspraxis und inneren Entwicklungen.

Für mich ist diese Diskussion aus den bereits genannten Gründen jetzt abgerundet. Auf diese spekulative Ebene, auf die Du Dich wie hier erklärt jetzt zunehmend begibst, bringt es nicht viel. Außerdem habe ich schon gesagt, dass ich nicht übermäßig Zeit hierfür aufwenden kann.

Herzliche Grüße
Hans

6 Joachim Wetzky März 17, 2013 um 11:12 Uhr

Die Diskussion über den Begriff „Buddhismus“ finde ich spannend. Ich selbst bezeichne mich ebenfalls nicht als „Buddhisten“, wie ich hier in diesem Blog erläutere.

Als besondern wichtig halte ich des Weiteren die Diskussion über das „Erwachen“. Und mein Satz, ob du „als unerleuchteter Gelehrter der buddhistischen Lehre es besser weißt, wie man Menschen zum Erwachen führt, als spätere erleuchtete buddhistische Meister, wie Thich Nhat Hanh, Dalai Lama, Gendün Rinpoche“? ist absolut ernst gemeint und hat nichts mit einer persönlichen Diskreditierung zu tun.

Es ist meines Erachtens nicht möglich, über Buddhismus (oder den Dharma) zu sprechen, ohne auf das zentrale Thema sprechen zu kommen – das Erwachen. Mir ist bewusst, dass in manchen monastischen Traditionen nicht darüber gesprochen wird, und das dies seinen Sinn in einer geschlossen Institution wie etwa einem Kloster hat.

Doch wenn wir über Buddhismus im 21. Jahrhundert sprechen, dann ist es absolut notwendig, sich darüber klar zu werden, was „Erwachen“ eigentlich bedeutet.

Es muss klar definiert werden können, wer erwacht ist und wer nicht. Und es muss präzise herausgearbeitet werden, warum manche erwachte Menschen zu ethischen oder moralischen Fehlhandlungen neigen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der: Wenn ein erwachter Mensch wie Thich Nhat Hanh zu der Einsicht kommt, die Lehre des Buddha auf diese oder jene Weise zu formulieren, dann wird er sich dabei etwas gedacht haben. Einem nicht-erwachten Menschen kann dies auf den ersten Blick nicht einsichtig sein. Darüber sollte auch einmal nachgedacht werden. Ich halte es von manchem nicht-erwachten Praktizierenden höchst anmaßend, zu sagen, „Ich weiß es besser als Thich Nhat Hanh, weil ich mich streng an die Worte des Pali-Kanons halte“.

Die Gefahr besteht hier, dass sich die Lehre des Buddha in eine verkrustete Institution verwandelt. Nicht mehr der erwachte Mensch und sein Blick stehen im Mittelpunkt, sondern die theoretischen Konzepte. Das halte ich für sehr bedenklich! Dasselbe ist mit der Kirche auch passiert.

Insofern finde ich es absolut wichtig, sich darüber klar zu werden, dass die Einsicht eines Erwachten sich deutlich von der eines Nicht-Erwachten unterscheidet.

Beste Grüße, Joachim

7 Hans März 14, 2013 um 0:35 Uhr

Lieber Joachim,

Vorweg: Das ist meine letzte nähere Antwort in dieser Diskussion mit Dir, aus den Gründen, die ich im Nachfolgenden und am Ende nennen werde.

Zu Deinen Punkten:

A) „Buddhismus“ ist als Begriff etabliert. Aber was sich etabliert hat, muss deshalb nicht richtig sein. Ich halte es hier etwa mit dem Selbstdenker Mark Twain: „Wann immer Du feststellst, dass Du auf der Seite der Mehrheit bist, wird es Zeit, innezuhalten und nachzudenken.“ Manchmal hat die Mehrheit recht, aber oft auch nicht.

Es hat sich zum Beispiel auch als Resümee für die „Erste Edle Wahrheit“ vom Leiden die Aussage „Das Leben ist Leiden“ etabliert, obwohl es dafür keinen Beleg in den alten Quellen gibt bzw. dieses Resümee klar falsch ist (siehe dazu näher oben).

Aber es zeigt die unbewusste Macht christlicher Vorprägungen, welche die Sicht auf Buddhas Lehre „einfärben“. Es ist die Vorstellung vom „irdischem Jammertal“ – projeziert auf diese „andere“ Lehre. Bloß wenige Buddhismusforscher, wie Michael von Brück, resümieren die Erste Edle Wahrheit korrekt. Viele nicht; und ebenfalls viele „Buddhisten“ nicht, wie etwa Stephen Batchelor oder der deutsche Dachverband mit dessen „Buddhistischem Bekenntnis“; und genausowenig die Medienvertreter, die generell bloß jene Ansichten übernehmen.

Das Gleiche gilt für die chistlich-dualistischen Begrifflichkeiten „gut“ oder „böse“ und „recht“ oder „falsch“. Die originalen Palibegriffe lauten ganz anders; nämlich „heilsam“ (kusala) und „unheilsam“ (akusala). Auch „sad“, was häufig mit „gut“ übersetzt wird, bedeutet wörtlich „(da)seiend“. Es wäre viel besser mit „authentisch“ übersetzt.

Die Elemente des Achtfachen Pfades werden im Abendland meistens mir „recht“ übersetzt. Aber „Sammâ“ (zusammenkommend) bedeutet nicht „recht“, sondern wie erklärt im Deutschen exakt „trefflich“; und im Englischen am ehesten „conducive“ oder „adequate“. Auch Stephen Batchelors „complete“ bzw. im Deutschen „vollkommen“ ist inkorrekt. Denn die Elemente des Pfades beschreiben einen Pfad. So muss ein steigerungsfähiger Begriff“ gewählt werden – „trefflich“, für das zunehmende „Zusammenkommen“ von „sammâ.

Es gibt keine einziges gutes Gegenargumente gegen „trefflich“. Ich dürfte jedoch mit der einzige in Deutschland sein, der diesen Begriff beim Achtfachen Pfad gebraucht.

Denn das unbewusste „Bollwerk“ der christlichen Vorprägungen verhindert das Ankommen solcher Argumente, das heißt die sachliche Übernahme jener verschiedenen korrekten Übersetzungen. Es belegt auch die Macht jener Vorprägungen. Die deutliche Mehrheit der westlichen Buddhisten sind ehemals überzeugte, enttäuschte Christen.

Ich betrachte den Begriff „Buddhismus“ aus den genannten Gründen kritisch; und zwar vor allem deshalb, weil „Ismus“ ein geschlossenes System nahelegt, was der frühe Buddhismus gemäß den alten Quellen nicht ist. Der indologische Begriff „Erlösungspragmatismus“ ist am passendsten, den der Indologiepionier Erich Frauwallner geprägt hat, um jene Unterscheidung von den geschlossenen Systemen wie den vorstellungsbasierten Glaubenslehren oder den begriffsbasierten Philosophien vorzunehmen.

Das Folgende war oben kein polemischer Hinweis, sondern ist tief begründet:

Kein Christ wäre nämlich mit der Umtaufung seiner Religion in „Jesuismus“ einverstanden, obwohl die Endung „Ismus“ hier eindeutig passender als im Falle des Buddhismus wäre. Der Grund: Die viel stärkere Orientierung des Christentums an der Person Jesus Christus in Form des eingeforderten „Glaubens“ an ihn, etwa als „Sohn Gottes“ oder „Kreuzestod“-Erlöser oder „Jüngsten Gericht“-Erlöser“. Höre Dir einen beliebigen Gottesdienst an und achte darauf, wie stark dort durchgehend von der Person Jesus Christus die Rede ist, und wie stark dort der Glauben an völlig unverifizierbare Lehren eingefordert wird, weil sie von Jesus Christus stammen.

An der Abwehr gegen einen Namen wie „Jesuismus“ lässt sich sofort leicht erkennen, dass der Begriff „Buddhismus“ – genau „hingespürt“ – negativ ist.

Alle östlichen Religionen sind von der westlichen Wissenschaft bezeichnenderweise mit „Ismus“ getauft worden – Buddhismus, Hinduismus, Brahmanismus, Vishnuismus, Shivaismus, Taoismus, Konfuzianismus, Shintoismus, Jainismus.

Alle monotheistischen Religionen dagegen sind nicht mit dieser negativen Endung „getauft“ worden – Christentum, Judentum, Islam.

Warum soll ich selbst einen westlichen Abwehr- bzw. Abwertungsbegriff übernehmen, der aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt und zu dem es nicht die geringste Parallele in den alten Quellen gibt?

Ich habe selbst nicht jene negative Sicht auf die Lehre des Buddhas! Das ist nicht mein Problem.

Ich bin auch keineswegs der einzige, der die Begriffe „Buddhismus“ oder „Buddhist“ ablehnt. Auch in der Tradition von S. N. Goenka werden diese Worte nicht gebraucht. Dort wird bloß von „Dhamma“ gesprochen, was mit „Die Kunst des Lebens“ zwar frei modern, aber gut übersetzt wird. Auch andere Vipassana-Lehrer wie Christopher Titmuss lehnen den Begriff „Buddhismus“ ab. Ein Grund dafür ist, dass in der Vipassana-Bewegung alle Glaubenslehren stark in den Hintergrund treten oder abwesend sind. Kaum ein Vipassana-Lehrer zum Beispiel spricht über „Wiedergeburt“ in einem wörtlichen, jenseitsbezogenen Sinne.

Sam Harris lehnt den Terminus „Buddhismus“ besonders gut begründet und besonders weitreichend ab. Denn er ist heute eindeutig der einflussreichste Vordenker mit einem „buddhistischen“ Praxishintergrund, der in seinem Falle ein tiefer „Dharma“-Hintergrund ist.

B) Wenn Du weiter im Kontakt mit mir bleiben willst, achte bei einem späteren Kontakt bitte auf Deine Wortwahl und Deine Zusammenfassungen von dem, was ich sage.

Du wählst manchmal Begriffe (nicht das erste Mal), welche das, was ich gesagt habe, gezielt negativ „überzeichnen“. Damit verfolgst Du klar bestimmte Zwecke. Ich habe nicht gesagt, dass Mahayana / Zen und andere Formen des späteren Buddhismus „nicht tragbar“ seien. Ich unterscheide sicher klar, aber ich würde solche Wertungen niemals gebrauchen.

Die Gründe für meine Betonung des „Dharma“ gemäß den alten Quellen sind:

Der frühe Buddhismus ist hierzulande aus den mehrfach genannten Gründen wenig bekannt. Ich habe Beispiele dafür genannt, wie heute Mahayana-Buddhisten wie Stephen Batchelor und Schüler Thich Nhat Hanhs (Manfred Folkers, Ursula Richard, Du, Paul Köppler) den „starken“ Anspruch auf jene „zeitgemäßen Neudeutungen“ des Dharma erheben, die näher betrachtet problematische Abwandlungen der alten Lehre sind. Der Dachverband kooperiert deutlich mit ihnen. Ein Beispiel dafür ist jenes Umgehen mit Franz-Johannes Litsch und das wiederholte Abdrucken der inhaltlich meist inkorrekten PR-Texte von Manfred Folkers.

Es gibt diese und noch weitere gute Gründe, jene alte Lehre gemäß den Reden des Palikanons zu betonen, die ich unter den „zeitlosen Dharma“ subsumiere.

Wie ich Mahayana und Theravada sehe:

Es gibt viele interessante Entwicklungen im Mahayana, wie ich in meiner Antwort auf Franz-Johannes betont habe. Das Bodhisattva-Ideal, wie es im alten Indien von Shantideva formuliert worden ist, oder das Herausarbeiten der „Leerheit“ durch Nagarjuna scheinen mir klare Weiterentwicklungen. Einige Mahayana-Reden wie zum Beispiel das Vimalakirtinirdesha-Sutra, das klar die Grenze zwischen Laien und Ordinierten durchbricht (ähnlich wie heute im Theravada die Vipassana-Bewegung), oder die Prajnaparamita-Sutras sind besonders hoch stehenden Geistern entsprungen.

Im ursprünglichen chinesischen Zen hat es eine ganze Reihe großer, unabhängiger Geister und auch noch später in Japan, wie Hakuin oder Ryôkan, gegeben. Einige der altindischen Tantriker und Mahasiddhas wie Saraha und Naropa sind mir mit ihrer gewissermaßen „anarchischen“, erwachten Spiritualität tief sympathisch.

Ein anderes Beispiel für meine positive Sicht auf den Mahayana:

Im von China besetzten Tibet haben sich in letzten paar Jahren bereits deutlich über 100 Menschen aus Protest gegen die Unterdrückung selbst verbrannt (hier können die regelmäßigen Berichte abonniert werden). Trotz der jahrzehntelangen massiven Unterdrückung und der gezielten massiven Ansiedlungspolitik durch Chinesen kommt kein Tibeter auf den Gedanken, sich als Selbstmordattentäter zum Beispiel in einem mit Chinesen besetzten Bus in die Luft zu sprengen.

In der arabisch-islamischen Welt dagegen sprengen sich mindestens wöchentlich einmal Selbstmordattentäter „im Namen Allahs“ in die Luft, meistens um ihre eigenen Landsleute zu ermorden, weil diese anderen Richtungen des Islam anhängen (etwa Schiiten gegen Sunniten) oder gegenüber aufgeklärtem Denken aufgeschlossen sind (etwa Taliban gegen reformgewillte Afghanen).

Das nenne ich unterschiedliche Wirkungen von unterschiedlichen Religionen, die eben auch unterschiedliche Reifegrade in den Menschen zur Folge haben. Daran sieht man übrigens auch, wie prägend das mahayanistische Bodhisattva-Ideal in der tibetischen Kultur ist!

Das sind übrigens zweifellos absolut zentrale Themen, weil sie der geplagten Menschheit echte Wege aufzeigen, die jedoch meines Wissens kein deutsches Medium näher reflektiert! Genausowenig wie jenen oben genannten engen Zusammenhang zwischen den aktuellen einzigartigen Wandlungen in Burma aufgrund der Vipassana-Bewegung!

Auch über dieses „Verschweigen“ sollte man einmal tief nachdenken. Solche Themen sind einfach nicht opportun. Denn sie rücken zu sehr die positive Macht des Buddhismus ins Blickfeld. Dagegen haben in diesem Lande einige „Kräfte“ etwas, die eben auch die Medien beeinflussen.

Ohne Thich Nhat Hanh, den Dalai Lama, Ole Nydahl, Sögyal Rinpoche und Chögyam Trungpa hätte der Buddhismus im Westen niemals seine heutige Popularität.

Die größere Nähe des Mahayana zum Christentum ist durchaus auch ein Vorteil. Denn im Abendland sind wie gesagt die meisten neu am Buddhismus Interessierten vorher überzeugte Christen gewesen. Deshalb suchen sie nach einer Verbindung ihrer alten Überzeugungen mit dem Buddhismus. Und die starke philosophische Orientierung des tibetischen Buddhismus oder Thich Nhat Hanhs machen sie attraktiv für viele Intellektuelle.

Die stärkere Betonung von Devotion im Mahayana (etwa mit dem Prinzip der „Hingabe an den Guru“ im tibetischen Buddhismus und die Verehrung transzendenter Bodhisattvas) spricht einige im Westen aufgrund jener christlichen Vorprägung mehr als die atheistische Orientierung, die starke Betonung der Selbstverantwortung, der Vorrang der eigenen Einsicht und das große Gewicht der meditativen Praxis und inneren Achtsamkeit im frühen Buddhismus an.

Meine erste buddhistische Phase war im tibetischen Buddhismus. Manche Lamas, wie Lama Yeshe, Dilgo Khyentse oder Gendün Rinpoche, haben mich stark beeindruckt. Die Begegnungen mit Sherpas und Tibetern in Nepal auf meiner ersten Asienreise waren mein Einstieg in den „Buddhismus“. Sie sind in einem positiven Sinne sehr prägend gewesen.

Wer seine westlichen religiösen Vorprägungen zumindest weitgehend aufgearbeitet hat, am besonders an der inneren Praxis orientierten sowie in der eigenen Erfahrung verifizierbaren Dharma und am Thema „Achtsamkeit“ generell oder den Formen der ursprünglichen Achtsamkeitspraxis interessiert ist, der ist in der vielgestaltigen Vipassana-Bewegung deutlich besser aufgehoben.

Ich bin kein Theravada-Anhänger, sondern ein Liebhaber der Reden des Palikanons. Shantideva und Nagarjuna prägen mich ebenfalls stark. Der Theravada ist zwar die einzige noch existente frühbuddhistische Schule. Aber sie ist zum Teil deutlich von der viel später entstandenen Scholastik geprägt (besonders den Kommentaren, dem Abhidhamma und dem Visuddhi-Magga).

Die Haltung vieler Theravadins zum Beispiel zur Frage der vollen Nonnenordination (siehe dazu den langen Beitrag auf diesem Blog), und vor allem auch von langjährig ordinierten und darunter vielen westlichen Theravada-Mönchen, ist völlig indiskutabel. Wie tief ist für alle diese Mönche denn eigentlich die Praxis im Kloster gegangen??

Manche Theravada-Länder wie Thailand gehören zu den patriarchalischsten buddhistischen Ländern.

Ich sehe auch bestimmte Entwicklungen in der Vipassana-Bewegung kritisch; wie etwa der längste Beitrag auf diesem Blog zur Tradition von S. N. Goenka klar zeigt, der sich als das hauptsächliche kritische Forum zu diesem Thema etabliert hat. Trotzdem stehe ich auch dieser Tradition positiv gegenüber. Denn sie bringt durch ihre effektive Organisation ernsthafte Achtsamkeitsmeditation in großem Maßstab an die Menschen. Wer dort einen der intensiven Zehntageskurse absolviert hat, kann danach auch für sich alleine meditieren.

Viele Mahayana-Lehrer sehen die Lehren anderer Mahayana-Lehrer kritisch. Genauso habe ich selbstverständlich das Recht, Manches am Mahayana kritisch zu sehen.

Und im gesamten Bereich des Theravada-Buddhismus etwa gelten die Reden des Mahayana nicht als das Wort des Buddhas.

Es gibt hier nun einmal objektive Unterschiede, die zur Kenntnis zu nehmen sind.

Die stark von Laien getragene und in der Welt engagierte Vipassana-Bewegung ist eigentlich das „Große Fahrzeug“ des Theravada. Auch in diesem Punkt gibt es also eine Parallele zum „Großen Fahrzeug“ Mahayana.

C) Maßt Du Dir etwa selbst die quasi-„erleuchtete“ Kompetenz an, beurteilen zu können, wie weit jemand auf seinem oder ihrem Weg sei, wenn Du sagst, dass ich „als unerleuchteter Gelehrter der buddhistischen Lehre es besser weiß, wie man Menschen zum Erwachen führt, als spätere erleuchtete buddhistische Meister, wie Thich Nhat Hanh, Dalai Lama, Gendün Rinpoche“?

Leider muss ich das als einen Versuch der persönlichen Diskreditierung werten, weil Dir offenbar die inhaltliche Diskussion Probleme und Unbehagen bereitet.

Übrigens:

„Erleuchtung“ ist klar eine falsche Übersetzung von „bodhi“. Große Übersetzer wie Bhikkhu Bodhi übersetzen den Begriff richtig – als „Erwachen“. Es geht hier nämlich nicht um die Lichterfahrungen (um das „Licht“, das in „Erleuchtung“ steckt), wie sie mit den tiefen Konzentrationszuständen einhergehen. „Licht“ ist auch ein sehr christlicher Begriff.

Es geht in der Lehre des Buddhas um das „Erwachen“ zum Sehen, wie die Dinge real sind, zu deren Wesen, wie es primär mit den Vier Edlen Wahrheiten, den Drei Merkmalen oder dem Bedingten Entstehen aller Dinge beschrieben wird – ob nun auf dem Weg dahin konzentrative Lichterfahrungen gemacht werden oder nicht.

Aus guten Gründen ist es laut den alten Ordensregeln den Ordinierten strikt untersagt, Stufen des Erwachens für sich selbst zu beanspruchen. Das gelebte Beispiel, die Qualität der Argumente, die innere Integrität, das Maß des Selbstdenkens und Engagements usw. müssen zeigen, wie weit jemand ist – aber nicht formale Verlautbarungen und Ansprüche, hinter denen die „Ego“-Motivation steckt, Eindruck zu machen oder Schüler zu gewinnen usw.

In inhaltlichen Diskussionen über Sachthemen, wie wir sie hier führen, haben Mutmaßungen über den Grad des Erwachens nichts zu suchen. Sie sind ziemlich „unerleuchtete“ Mittel, die „unter die Gürtellinie“ zielen, weil die inhaltliche Diskussion schwierig wird. Auf dieser Ebene kann jeder alles über sich oder den anderen behaupten, beliebig Erleuchtungsgrade zusprechen und absprechen mit unterschiedlichen Kriterien.

Reden wir auch nicht über die großen „buddhistischen Meister“. Über so manchen sind schon Skandale ans Licht gekommen, die sein „Erwachen“ fragwürdig erscheinen lassen.

Außerdem betrachten sich auch die Meister selbst manchmal gegenseitig sehr kritisch. Thich Nhat Hanh hat die Vipassana-Bewegung mehrfach kritisiert. Ähnlich verhält es sich umgekehrt: Der besonders populäre Vipassana-Lehrer Bhante Sujiva etwa besucht manchmal neue Plätze. Letztes Jahr gab er auf Einladung ein Vipassana-Retreat am großen „Intersein-Zentrum“ der Tradition von Thich Nhat Hanh in Bayern. Es war seine erste Begegnung mit dieser Tradition. Er sagte mir später, dass er dort zukünftig kein Retreat mehr geben würde. Denn er empfand das dortige gewissermaßen veräußerlichte, an ritualisierten Formen festgemachte Umgehen mit dem Thema „Achtsamkeit“ kaum überzeugend.

Ich passe auch nicht in Deine Box des „Gelehrten“.

Ich schätze die Wissenschaft und finde, dass ihre Erkenntnisse im traditionellen Bereich unbedingt stärker berücksichtigt werden sollten. Aber ich schätze auch die innere oder meditative Praxis, die ich seit Langem selbst betreibe. Im Verlauf dieser Praxis hat sich für mich so Einiges positiv geändert. Wenn einer spirituell für sich persönlich tatsächlich weiterkommen möchte, genügt die Wissenschaft klar nicht.

Alle Deine Boxen wie auch die Boxen anderer für mich passen also nicht – sorry!

So ist es zwangsläufig immer mit Menschen, die für sich selbst denken können!

D) Ich habe mich mehrfach stark für die Vielfalt des Buddhismus ausgesprochen – am besten ohne solche deutschlandtypischen, kirchenähnlichen „Deckel“-Organisationen wie den deutschen buddhistischen Dachverband „DBU“, die eine klare verdeckte „Politik“ betreiben, inhaltliche Vorgaben machen und die Entwicklungen im Sinne der jeweils dominanten buddhistischen Gruppen lenken möchten oder auch inhaltlich irreführende „Bekenntnisse“ für alle verabschieden.

Solche Organisationen engen in Wirklichkeit die Vielfalt ein – nicht ich tue das!

Mein Plädoyer lautet für eine präzise Streit- und Debattenkultur in einem klärenden Sinne, wie es auch im alten Indien des historischen Buddhas der Fall gewesen ist; und wie es heute glänzend ein Sam Harris in den USA vormacht. Das bricht jenen ganzen „Synkretismus“, zu dessen Problematik ich mich eingehend geäußert habe.

Es wäre zum Beispiel ein wahrer Augenöffner für sehr viele, wenn heute einmal eine mehrtägige, gut moderierte Debatte über alle religiösen Kernfragen etwa zwischen dem Dalai Lama und dem katholischen Papst stattfinden würde.

An jener kurz skizzierten und ursprünglichen buddhistischen Kultur sollte sich der deutsche Dachverband DBU und die Redaktion ihres Magazins Buddhismus Aktuell orientieren; anstatt durch Opportunismus und Anpassung an jene erwähnten staatlich-kirchlichen Erwartungen vorwiegend ihre persönliche Vorteile im Auge zu haben.

Außerdem lautet mein Plädoyer für deutlich mehr innere Praxis als neue Theorien. In diesem Zusammenhang betone ich auch besonders die Vipassana-Methoden.

Abschlusswort:

Ich sagte bereits, dass ich nicht übermäßig Energie für diese Diskussion aufwenden kann und will; bzw. bloß für solche Punkte, die wirklich neu oder berechtigt sind, und die damit für andere klärend und orientierend wirken.

Das gilt für Deinen letzten Kommentar bloß zum Teil. Hier hast Du mit jenen überzeichnenden Unterstellungen gearbeitet, mit denen Du bestimmte Zwecke verfolgst, und bist mit (Nicht)Erleuchtungsspekulationen gekommen. Es ist wie gesagt immer gut, einen Kommentar zunächst liegen zu lassen. Emotionen, womit ich aber nicht sachliche inhaltliche Schärfe meine, sind im Sachtextbereich kein guter „Autor“.

„Achtsamkeit“ heißt auch, umsichtig mit der Energie und Zeit des anderen umzugehen. Du siehst ja, wie lange ich jeweils antworten muss, um Deine Aussagen, Zuordnungen und Andeutungen richtigzustellen. Deshalb setze ich jetzt einen Punkt. Nun weißt Du auch, warum ich mich vom organisierten Buddhismus eher fernhalte, auch wenn ich hier manche enge persönliche Kontakte habe und regelmäßig intensive Vipassana-Retreats mache.

Du bist ein ziemlich positives Beispiel für den organisierten Buddhismus. Deshalb habe ich Dir hier mehrfach genau geantwortet. Letztlich geht es jedoch immer bloß um die Praxis, nicht um jene „Politik“.

Leute wie Manfred Folkers und Dr. Paul Köppler, die zum Beispiel keine Hemmungen haben, umtriebig ihre synkretistischen und opportunistischen Denk-Kreationen im Brustton der Überzeugung dem historischen Buddha in den Mund zu legen, und diverse Verbandsbuddhisten „ticken“ noch ganz anders.

Einmal später werde ich mich gegebenenfalls wieder äußern, wenn gewichtige, gut bedachte Punkte oder Erfahrungsberichte von Dir oder anderen kommen.

Andere können sich gerne jederzeit in die Diskussion einbringen, die unabhängig von mir laufen kann. Wenn nicht, ist sie schon jetzt eine sehr gute Informationsquelle über Hintergründe, die von den Organen des organisierten deutschen „Buddhismus“ nicht zu erfahren sind. Ich gebe hier einiges Insiderwissen an die Öffentlichkeit – weil es mir um den „Geist“ der Lehre des Buddhas geht, der fernab von dem heute unter „Buddhisten“ so verbreiteten Opportunismus liegt.

Danke für die im Großen und Ganzen gute Debatte über dieses zentrale Thema, wozu sie jetzt die beste Quelle im deutschsprachigen Internet ist.

Den Kommentar zu Manfred Folkers Text werde ich in einem zweiten Teil des Hauptbeitrags noch hinzufügen; vielleicht gibt es irgendwann noch einen dritten Teil über Stephen Batchelors bemühten „Essay“ über den „Säkularen Buddhismus“, zumindest über die klarsten Fehler dieses Textes.

Herzlich, Hans

8 Joachim Wetzky März 12, 2013 um 11:44 Uhr

Lieber Hans,

1. Es geht ja auch darum, sich verständigen zu können. Das Wort „Buddhismus“ hat sich in den letzten Jahrzehnten als ein Synonym für eine spirituelle Praxis nach der Lehre des Buddha herauskristallisiert. Wenn du nun schreibst, dass es bei dir um einen „vortraditionellen Nichtbuddhismus“ geht, erschwert das auch die Diskussion, da du einen neuen Begriff einführst. Aber ich verstehe, was du meinst: Du möchtest auf die wirklich eindeutige und ursprüngliche Lehre zurück greifen und diese scharf abgrenzen von anderen „verwässerten“ Formen.

Mein Vorschlag: Löse dich doch von dem Begriff „Buddhismus“, bzw. definiere Buddhismus als verwässerte Form der Lehre des Buddha. Dann kannst du deinen Begriff eines „vortraditionellen Nichtbuddhismus“ dagegen setzen. Das würde die Diskussion erleichtern und ein klareres Bild zeichnen: Auf der einen Seite hätten wir dann Menschen die einen ursprünglichen „vortraditionellen Nichtbuddhismus“ praktizieren und auf der anderen Seite haben wir dann Menschen, die einen „verwässerten Buddhismus“ praktizieren. Die Diskussion würde sich dann verlagern auf die Frage, wie man miteinander umgehen soll: Also sollte man sich gegenseitig die Existenzberechtigung absprechen oder vielmehr versuchen, ein konstruktives Miteinander zu finden?

2. Du gibst ja indirekt zu verstehen, dass du viele Phänomene des Buddhismus als „verwässert“ ansiehst. Mahayana/ Zen und andere Formen des späten Buddhismus sind ja aus deiner Perspektive nicht tragbar. Das führt uns zu einen interessanten Punkt: Schließlich ist es offensichtlich, dass all diese „verwässerten“ Formen buddhistische Meister hervorgebracht haben.

Das würde jedoch bedeuten, dass du als unerleuchteter Gelehrter der buddhistischen Lehre es besser weißt, wie man Menschen zum Erwachen führt, als spätere erleuchtete buddhistische Meister, wie Thich Nhat Hanh, Dalai Lama, Gendün Rinpoche usw. Wie siehst du diese Diskrepanz?

3. Das die Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassana ein hervorragendes zeitgemäßes Instrument des Dharma darstellt, steht ja außer Frage. Doch das heißt ja nicht, dass es noch andere hervorragende Instrumente des Dharma gibt? Buddhismus im 21. Jahrhundert muss ja jetzt nicht heißen, dass alle den Weg der Einsichtspraxis Vipassana gehen müssen. Darf man sich denn nicht Buddhist nennen, wenn man lediglich Ruhemeditation und Ethik praktiziert?

Es ist vollkommen legitim von dir, diesen alten Dharma zu betonen! Und das hat auch nichts mit Fundamentalismus zu tun. Die Frage ist doch einfach, ob es deiner Ansicht nach, nur diese eine Form geben darf, oder ob sich unter dem vagen Begriff „Buddhismus“ nicht doch viele andere Phänomen auch tummeln dürfen!

Herzlich, Joachim

9 Hans März 11, 2013 um 22:39 Uhr

Dieser Kommentar ist in den zwei Stunden nach seiner Veröffentlichung noch verändert worden:

Lieber Joachim,

Du sprichst gute neue Punkt im Rahmen dieser Diskussion an.

„Die überlieferte Lehre des Buddha“, wie Du hier schreibst, ist in Deinem Beitrag in Buddhismus Aktuell der „traditionelle Buddhismus“. Dort unterscheidest Du diesen „traditionellen Buddhismus“ vom „säkularen Buddhismus“ und „postmodernen Buddhismus“.

Ich beschreibe jedoch den „Dharma“ (das, was von innen trägt) bzw. den „Erlösungspragmatismus“ gemäß den ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des Buddhas im Palikanon nicht als einen „traditionellen Buddhismus“, sondern als den vortraditionellen „Nichtbuddhismus“ in Sinne jener „kontemplativen Wissenschaft“, wie Sam Harris es zum Ausdruck bringt.

Diese „kontemplative Wissenschaft“ hat eine spirituelle Gesetzmäßigkeit zum Gegenstand, das heißt sie ist eine logisch wie empirisch verifizierbare Beschreibung von „inneren“ Kausalzusammenhängen. Genau in diesem Sinne – nämlich als das „innere Gesetz“ – wird der Dharma in den alten Quellen auch beschrieben; und genau in diesem Sinne gilt er dort als „zeitlos“ sowie „in sich vollständig“.

Sam Harris bringt in seinem Beitrag in der Shambhala Sun die Analogie zur Physik und Algebra. Die Physik sei von den Christen und die Algebra von den Muslimen geschaffen worden. Aber niemand würde heute von „christlicher Physik“ oder „islamischer Algebra“ sprechen. Jeder, der heute die christlichen und die islamischen Wurzeln der Physik und Algebra betonte, würde automatisch als jemand angesehen, der diese Disziplinen nicht verstünde.

Er schließt den betreffenden Absatz so:

„In gleicher Weise wird der kontemplative Weg, wenn wir einmal eine wissenschaftliche Beschreibung von ihm vorgenommen haben, vollständig seine religiösen Assoziationen überschreiten.“

Diesen Weg hatte er weiter oben in jenem Beitrag so resümiert:

„Wenn die Methodik des Buddhismus (ethische Richtlinien und Meditation) echte Wahrheiten über den Geist und die phänomenalen Welt aufdeckt – Wahrheiten wie Leerheit, Selbstlosigkeit und Vergänglichkeit -, sind diese Wahrheiten nicht im Geringsten ,buddhistisch´.“

* Diese „Dharma“-Essenz des Buddhismus, die Sam Harris hier gut auf den Punkt bringt, hat nichts mit Glaubenslehren zu tun. Deshalb hat sie auch nichts mit „Religion“ zu tun, wie sie generell im Abendland verstanden wird, das ja viele Jahrhunderte durch die glaubensbasierten Monotheismen geprägt worden ist.

Im späteren Buddhismus sind zum Teil unverifizierbare Glaubenslehren hinzugekommen. Im frühen Buddhismus jedoch stehen solche Lehren stark im Hintergrund.

In den Reden des Palikanons wird zum Beispiel das Ende der Wiedergeburt mit dem Nirvana als ein geistiger Zustand beschrieben, der hier und jetzt IM Lebens eintritt. Eine Kernpassage zum Eintreten dieses Zustands, die auch gut den gesamten diesseitsbezogenen „Charakter“ dieser Reden veranschaulicht, lautet folgendermaßen (Mittlere Sammlung Rede 140 – „Die Darlegung der natürlichen Elemente“):

„… Der Praktizierende schafft nun keine Bedingungen mehr, das heißt sein Wille richtet sich nicht mehr auf Zustände von Sein oder Nichtsein.

Damit klammert er sich nicht mehr an etwas in dieser Welt. Wenn er sich nicht mehr an etwas klammert, gerät er nicht mehr in Aufregung. Wenn er in nicht mehr in Aufregung gerät, verwirklicht er persönlich das Nirvana. So weiß er:

,Die Geburt ist zu Ende gekommen, der edle Wandel ist vollbracht worden, was zu tun war, ist getan worden.

Nun gibt es kein Hingelangen zu Seinszuständen mehr.´“

Hier gilt also „Geburt“ als ein sich unbewusst wiederholender „innerer“ Verstrickungsprozess – bzw. als „Wiedergeburt“ – mitten in diesem Leben, und zwar aufgrund jener „Ich“ und „mein“-Identifikation mit den verschiedenen Seins- oder Nichtseinszuständen und dem dadurch bedingten „Willen“.

Durch diesen dürstenden Willen – und zwar als eine Art von Stamm, aus dem die Abzweigungen der „Verblendungen“ hervorwachsen, wie Gier, Hass, Dünkel, Stolz, Geiz, Neid usw. – kommt es zum Festhalten oder Klammern an allem Vergänglichen. Dieses Festhalten schafft zwangsläufig Unruhe, Angst und Leiden.

Durch zunehmendes Sehen “Vipassana“ schwindet dieser Prozess der Identifikation mit allen Zuständen von Sein oder Nichtsein. So enden die „Bedingungen“ jener durstbedingten, karmischen Verstrickung. So tritt die innere Freiheit in allen äußeren Zuständen von Sein oder Nichtsein ein, weil sie nicht mehr „innerlich“ sind.

„Sein oder Nichtsein – das ist hier nicht die Frage!“,

wie es Thich Nhat Hanh in diesem Falle ganz im Sinne des Dharma einmal betont hat.

Diesen ganzen “Dharma” gilt es zu klären und zu vermitteln – gerade auch in Deutschland, wo die Reden des Palikanons überwiegend in dem vom philologischen Standpunkt nicht brauchbaren christo-buddhistischen Pseudoübersetzungen von Karl-Eugen Neumann vorliegen; und diverse deutsche „Lehrnachfolger“ bis heute in der gleichen „Denktradition“ stehen.

* Ein hervorragendes „zeitgemäßes“ Fahrzeug des Dharma – wie es auch Sam Harris sieht (siehe Zitat weiter oben) – ist die vielgestaltige Bewegung der Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassana, die unmittelbar auf diesen alten Reden aufbaut. Hier kommt der alte „Erlösungspragmatismus“ voll zum Ausdruck – die Praxis steht hier ganz im Vordergrund, während die Lehren diese bloß fundieren, klären oder begründen.

Was diese Bewegung „mitten in der Welt“ bewirken kann, zeigt Burma:

Sie ist dort der Hauptgrund für den aktuellen friedlichen Wandel einer der ehemals schlimmsten Diktaturen der Welt in eine echte Demokratie.

Das Vipassana wird dort millionenfach praktiziert, die gesamte Oppositionsbewegung ist davon getragen, und es ist die eigentliche Kraftquelle der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi nach ihren eigenen Aussagen.

Es gibt große wissenschaftliche, aber hierzulande kaum beachtete Studien zu diesen eindeutigen Zusammenhängen, etwa von Gustaaf Houtman oder Ingrid Jordt mit ihrem Werk Burma´s Mass Lay Meditation Movement: Buddhism and the Cultural Construction of Power. Wir haben es mit dem Vipassana mit einer geschichtsmächtigen Bewegung zu tun. Das war sie von Anfang an und ist sie heute genauso.

In der Vipassana-Bewegung gibt es kaum begriffliche Verselbstständigung der buddhistischen Lehren in Richtung von „Rede-Buddhismen“ und „Glaubens-Buddhismen“, die heute im Westen ein starkes Gewicht haben. Diese Formen sind die „Religion“ des Buddhismus. Hier ist „Buddhismus“ als Begriff angebracht.

Sam Harris sagt in jenem Beitrag dazu:

„Die Weisheit des Buddhas ist gegenwärtig innerhalb der Religion des Buddhismus gefangen. Selbst im Westen, wo Wissenschaftler und buddhistische Kontemplative aktuell zusammenarbeiten, um die Wirkungen von Meditation auf das Gehirn zu erforschen, bleibt der Buddhismus durch und durch ein Gemeinde-Phänomen.“

* Aus diesen Gründen kann es heute für den Westen auch nicht etwa um einen „Säkularen Buddhismus“ von Stephen Batchelor oder um Deinen „postmodernen Buddhismus“ gehen. Denn sie sind weiterhin alle bloß „Buddhismus“, verbunden mit bestimmten Lehren, die in deren „Konzeption“ mit einfließen – in Stephens Falle bestimmte Mahayana-Lehren (dazu einmal separat, weil es hier deutlich zu weit führen würde) und in Deinem Falle Thich Nhat Hanh sowie Ken Wilber.

In diesen „Konzeptionen“ steht bezeichnenderweise die Meditation im Hintergrund – die innere Praxis, die im alten Buddhismus klar im Zentrum steht.

Der Westen braucht nicht noch immer weitere Philosophien und Theorien. Von ihnen hat er mehr als genug. Er braucht eine breit angelegte innere Praxis; wie es etwa die Vipassana-Tradition von S. N. Goenka (trotz meiner Kritikpunkte hier auf dem Blog) gut als Zweck verfolgt und umsetzt. Von solcher Praxis hat er bisher noch wenig.

Während meiner Zeit in Thich Nhat Tanhs Tradition habe ich an mehreren Kursen mit ihm teilgenommen, war wiederholt in Plum Village und habe an einem dreiwöchigen Spezialkurs mit ihm teilgenommen. Ich habe dort niemals auch bloß etwas längere Phasen stiller Meditation erlebt.

Thich Nhat Hanh spielt eine wichtige Rolle im Westen. Er bringt manche zentrale buddhistische Lehren an einen breiten Bevölkerungskreis. Aber seine Lehren sind keineswegs identisch mit jenem alten „Dharma“ des Buddhas, wie oben schon an ein paar Fällen aufgezeigt.

Ich oder auch Sam Harris betonen letztlich diesen „zeitlosen“, „einfachen“ und „in sich vollständigen“ Dharma, wie es in den alten Quellen heißt. Denn:

1) Er ist besonders im deutschsprachigem Raum aus den oben genannten Gründen noch wenig bekannt.

2) Die „zeitgemäßen“ Buddhismen von Stephen Batchelor, Dir, Thich Nhat Hanh, Manfred Folkers oder Paul Köppler beanspruchen alle zwar diesen „Dharma“, sind aber in Wahrheit klare Abwandlungen unter starkem Einfluss von Mahayana, Christentum oder Ken Wilber.

3) Die von Psychologen häufig beanspruchten Übernahmen der „Essenz“ der buddhistischen Meditation für therapeutische Programme sind genau betrachtet gezielte „Beschneidungen“ des Dharma, unter Außerachtlassung der wichtigsten Einsichtsfunktion der ursprünglichen Achtsamkeit.

Laut den alten Quellen ist Achtsamkeit als heilsame Kraft immer „sehende Achtsamkeit“ und nicht bloß konzentrative Achtsamkeit. Auf letztere wird sie in jenen Programmen jedoch häufig reduziert.

Es ist vollkommen legitim, diesen alten „Dharma“ zu betonen! Es hat auch nichts mit Fundamentalismus zu tun (ein beliebter Abwehrbegriff auch hier).

Was würdest Du als Ken- Wilber-Kenner denn sagen, wenn jemand ankäme und dies oder das mit Ken Wilbers Theorien im Brustton der Überzeugung zusammendenken würde, wovon Du selbst genau weißt, dass er es nicht gelehrt hat?

Außerdem haben wir es mit dem Dharma mit einer uralt bewährten und deshalb altehrwürdigen Lehre zu tun; die gerade heute in Burma wieder ihre enorme positive „geistige Macht“ unter Beweis stellt. Beachte dazu den Untertitel von Ingrid Jordts wissenschaftlichem Werk: Buddhism and the Cultural Construction of Power.

Die Vipassana-Bewegung als das primäre Praxis-Fahrzeug jenes Dharma ist auch so vielgestaltig, dass sie mit ihren unterschiedlichen Methoden und Ansätzen für ein breites Spektrum von Persönlichkeitsstrukturen geeignet ist.

Stephen Batchelor oder andere haben schlicht und einfach nicht das ethische, geistige oder kognitive Rüstzeug, diese uralt bewährte und laut relativ verlässlichen Quellen weitgehend auf den historischen Buddha selbst zurückgehende Praxislehre des Dharma für heute „passend“ zu „modifizieren“ oder „aufzubessern“.

Der Buddha selbst hat seinen Dharma strikt, aber immer sachlich und begründet von allen anderen Lehren unterschieden.

Jener „typische“ moderne Synkretismus ist ein westliches Phänomen zur Verteidigung unbewusst verinnerlichter „ganz anderer“ Lehren, ohne dass es auch bloß eine Spur davon in den alten Quellen gäbe.

Der Dharma bedarf jener Aufbesserung nicht, zumal letztlich – bewusst oder unbewusst – andere Motive dahinter stehen, wie ich oben kurz skizziert habe.

Herzlich, Hans

10 Joachim Wetzky März 9, 2013 um 8:57 Uhr

Lieber Hans,

Du schreibst, bestimmte Buddhisten „beanspruchen mit ihren klar gefärbten Deutungen – das heißt mit ihrem Blick durch ihre jeweilige “Mahayana-Brille” – eine “zeitgemäße” Lehre des historischen Buddhas.“

Da möchte ich gern differenzieren: Es geht mir beispielsweise nicht darum, eine „zeitgemäße Lehre“ zu beanspruchen. Vielmehr geht es mir darum, Essenzen der buddhistischen Lehre einer breiteren Menge von Menschen zukommen zu lassen. Das dies zum Teil mit einer sogenannten „Verwässerung“ einhergeht, ist mir bewusst.

Genau darum plädiere ich dafür (unter anderem in meinem Beitrag in der Buddhismus Aktuell), den ursprünglichen Buddhismus zu pflegen und zu intensivieren. Die überlieferte Lehre des Buddha ist und bleibt die Wurzel aller buddhistischen Bestrebungen. Sie ist die Wurzel und der Stamm.

Doch weitergehend finde ich es vollkommen tragbar, dass sich durch diese starken Wurzeln und diesem starken Stamm viele Zweige und Verästelungen bilden, die durchaus von dem ursprünglichen Buddhismus abweichen.

Ob und wie das Ganze dann „Buddhismus“ genannt werden kann, ist eine andere Frage. Die Achtsamkeitspraxis, die heute in Schulen und anderen Institutionen praktiziert wird, hat ja auch mit Buddhismus im ursprünglichen Sinne nichts mehr zu tun. Vielleicht bräuchten wir einfach eine präzisere Definition der unterschiedlichen Formen, die sich auf die Lehre des Buddha berufen. Das würde eine spannende Diskussion in Gang bringen, und vor allem würde sie jeder „neumodischen“ buddhistischen Gruppierung einen Platz zukommen lassen.

Wie gesagt, ich bin für einen Ansatz, der Menschen und Gruppierungen mit verschiedenen Ansichten zusammenbringt und würdigt, anstatt dass er ihnen ihre Rechtmäßigkeit und ihren Platz abspricht.

Danke an dieser Stelle noch einmal für diese fruchtbare Diskussion und dein Engagement, Hans!

Herzlich, Joachim

11 Hans März 6, 2013 um 20:49 Uhr

Es verdichtet sich ein bestimmter Eindruck …

* Matthias Steingass hat übrigens auf seinem Blog „Der Unbuddhist“ einen längeren kritischen Beitrag zu Buddhismus Aktuell 1/2013 bzw. dessen Schwerpunkt „Buddha im 21. Jahrhundert“ geschrieben, der unter diesem Link erscheint. Ich finde diesen letzteren Text von Steingass lesenswert.

Im Anschluss gibt es dort eine nähere Diskussionen, unter anderem mit Joachim Wetzky.

* Mittlerweile habe ich Stephen Batchelors gerade auch in Deutschland vielgerühmten und besonders eingehenden Beitrag über den „Säkularen Buddhismus“ gründlich gelesen; und ich muss sagen, dass ich enttäuscht bin.

Ich hätte Stephen, den ich persönlich ganz gut kenne, ausgehend von seinen Büchern deutlich mehr zugetraut. Es gibt klare Fehler in seiner Argumentationskette und falsche Wiedergaben von palikanonischen Aussagen.

Eine genaue Darstellung dieser Fehler würde einen weiteren und sehr langen Hauptbeitrag erfordern. Später einmal; wohl dann gleich auf Englisch, wenn das Journal of World Buddhism, wo Stephens Beitrag erschienen ist, oder eine andere Internetzeitschrift an einem solchen Beitrag interessiert ist. Die Diskussionen, die sich dann mit Sicherheit ergeben würden, wären wesentlich größer als die aktuelle Diskussion hier auf meinem Blog. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.

Es verdichtet sich jedenfalls jetzt klar der folgende Eindruck:

Bekannte Mahayana-Buddhisten im englischsprachigen Raum wie vor allem Stephen Batchelor (tibetischer Buddhismus und Zen, auch wenn er sich derzeit „bemüht“ in den frühen Buddhismus „einarbeitet“) oder im deutschsprachigen Raum Joachim Wetzky und Manfred Folkers (der spezielle „integrale“ Zen Thich Nhat Hanhs, sowie bei Joachim außerdem noch der theosophische „Integralismus“ Ken Wilbers) beanspruchen mit ihren klar gefärbten Deutungen – das heißt mit ihrem Blick durch ihre jeweilige „Mahayana-Brille“ – eine „zeitgemäße“ Lehre des historischen Buddhas:

Diese Neudeutungen weichen jedoch stark von dem ab, was ausgehend von der aus wissenschaftlicher Perspektive sehr guten Quellenlage zum frühen Buddhismus relativ verlässlich als das innere Gesetz „Dharma“ des historischen Buddhas gelten kann, das genauer ein „Nichtbuddhismus“ ist.

Flankierend tragen hierzulande noch weitere Thich Nhat Tanh-Schüler wie Dr. Paul Köppler, der Leiter des alten Retreathauses „Waldhaus am Laacher See“, mit ihren gezielten Fehldarstellungen der alten Reden des Buddhas im Palikanon (siehe oben) zu einem verwässerten Bild bei.

Außerdem ist seit Kurzem die langjährige Tich Nhat Hanh-Schülerin und Herausgeberin seiner Bücher Ursula Richard die Chefredakteurin von Buddhismus Aktuell. Sie hat jüngst eine gut begründete Kritik von Manfred Folkers Beiträgen durch den bekannten Franz-Johannes Litsch abgewiesen, während Thich Nhat Hanh-Schüler Manfred Folkers in dem von ihr geleiteten Magazin in kurzen Abständen lange Beiträge publizieren konnte; obwohl sich sogar der renommierte Indologe Hans-Wolfgang Schumann bereits kritisch zu Manfred Folkers Beiträgen geäußert hat (in dem kleinen Magazin Der Mittlere Weg, siehe oben).

Der Nichtbuddhismus „Dharma“ (das, was von innen trägt) ist durch den altetablierten indologischen Leitbegriff des „Erlösungspragmatismus“ (Erich Frauwallner) – in Buddhas Worten: „Nur Eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden und desse Ende!“ – oder durch die „kontemplative Wissenschaft“ von Sam Harris sowie sein Resümee der alten Achtsamkeitspraxis „Vipassana“ (zu all dem näher oben) wesentlich besser auf einen „zeitgemäßen“ Punkt für heute gebracht, als es Stephen Batchelor, Joachim Wetzky, Manfred Folkers oder Paul Köppler leisten.

Herzlich, Hans

12 Hans März 1, 2013 um 21:46 Uhr

Hinweis: Nach der ersten Publikation am 1. März früh abends ist der nachfolgende Text noch an mehreren Stellen erweitert worden, auch zu Matthias Steingass. Deshalb aktualisiere bitte bei erneutem Besuch dieser Seite Deinen Browser, mit den Pfeilen in der Leiste oben.

Hallo Joachim,

Wie angekündigt kommt hier meine eingehende Antwort auf Deinen letzten eigenen Kommentar vom 22. Februar.

Deine heutige „Zitierung“ von Matthias Steingass werde ich relativ kurz beantworten. Ein paar Worte zu Steingass kommen bereits im Verlauf und dann näher am Ende der folgenden Antwort auf Deinen eigenen Kommentar vom 22. Februar.

Ganz am Ende unten habe ich noch Steingass´ kritischen Beitrag zu Buddhismus Aktuell 1/2013 verlinkt.

Jedenfalls ist es gut, dass die Diskussion hier bei manchen so viel „auslöst“.

Der Einfachheit halber habe ich die Abschnitte in Deiner letzten eigenen Antwort vom 22. Februar von 1 bis 4 numeriert. Darauf beziehen sich meine jeweiligen Antworten unten. Die Leser mögen bitte zuerst oben bei Joachim nachsehen, bevor sie meine jeweilige nachfolgende Antwort lesen:

Zuerst zu Deinem letzten Punkt (4):

* Diese Diskussion hier hat nicht die Theorien von Ken Wilber zum Thema, sondern die verschiedenen Neudeutungen der buddhistischen Lehre – die alle den Zweck verfolgen, eine für den heutigen Westen besser geeignete Form zu finden, als es aus Sicht der Neudeuter die traditionellen Formen sind; bzw. eine besser geeignet Form zu finden, als es aus Sicht der Neudeuter die zeitlich vor diesen traditionellen Formen zu platzierenden Lehren der alten Quellen (dazu näher unten) sind.

Mit Deinem Leadbeitrag in der Buddhismus Aktuell 1/13 (Schwerpunkt „Buddha im 21. Jahrhundert“) hast Du Dich stark in diese Diskussion eingebracht. Zwei Grundlagen Deines Beitrags sind die Lehren von Ken Wilber und Thich Nhat Hanh. Aber der Ausgangspunkt aller Deiner wie der anderen Neudeutungen ist die Lehre des Buddhas, die sich laut den alten Quellen selbst als zeitloser, kulturübergreifender sowie in sich vollständiger „Dharma“ (das, was von innen trägt) versteht.

Als Indologe (mit Schwerpunkt Buddhismuskunde) und langjähriger Praktizierender kann ich diesen Ausgangspunkt gut einschätzen. Damit kann ich sagen, in welchem Maße die verschiedenen Neudeutungen mit diesem Ausgangspunkt vereinbar sind oder weniger oder nicht vereinbar sind.

Die Theorien, die in diese Neudeutungen mit einfließen, muss ich dafür nicht detailliert kennen. Es genügt völlig, mir diese Neudeutungen genau anzuschauen, indem ich sie mit jenem Ausgangspunkt vergleiche. Wenn ein Hegelianer oder Marxist mit einer Neudeutung der Lehre des Buddhas aus seiner jeweiligen Perspektive käme, muss ich nicht erst die gesammelten Werke von Friedrich Hegel oder Karl Marx kennen, um die Legitimät von deren Neudeutung zu bestimmen.

Mit einem Bild gesprochen:

Ich muss nicht die Tönung der jeweiligen Brille kennen, sondern das, worauf mit dieser Brille geschaut wird, um die Aussagen des Brillenträgers über das von ihm Angeschaute bzw. Eingeschätzte gut beurteilen zu können.

Das habe ich bisher immer getan; und ebenfalls mit Thich Nhat Hanhs (Thays) Neu- bzw. Umdeutung jener „Drei Merkmale“ in seine spezifischen „Drei Dharma-Siegel“. Der Schluss ist, dass letztere auf einem falschen Verständnis jener alten Kernlehre beruhen, das heißt keine legitime Neudeutung sind.

Damit weicht Thay übrigens auch noch von den späteren buddhistischen, aber mit der alten Lehre von den „Drei Merkmalen“ vereinbaren „Vier Dharma-Siegeln“ ab, indem er das vierte Dharma-Siegel „Nirvana“ an die Stelle des zweiten Dharma-Siegels „Dukkha“ (mit der Bedeutung „unzureichend bei den unbelebten Phänomenen) setzt.

Das als unvergänglich geltende Nirvana als eine „freie“ Erlebnisdimension glt nicht als ein „Merkmal“ des in allen Erscheinungsformen vergänglichen Daseins, auch wenn das Nirvana bloß in Auseinandersetzung mit diesem konkreten Dasein realisierbar sei.

Eine wichtige Anmerkung zu den alten buddhistischen Quellen:

Hinsichtlich der unterschiedlichen buddhistischen Quellen – des frühen Buddhismus Theravada sowie des Mahayana generell, darunter des Zen, der ostasiatische Formen und des Tantrismus – gibt es deutliche Unterschiede im Authentizitätsgrad, wenn es um die Frage geht, was der historische Buddha selbst gelehrt hat. Dazu gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigene Wissenschaft und die historische Philologie.

Deren Erkenntnisse kann man nicht einfach vom Tisch wischen, auch nicht mit einem „alles relativierenden“ Roman, wie ihn Matthias Steingass oben geschrieben hat; oder dem Abtun des Versuchs, einen „Kern herauszuschälen“ (dazu am Ende dieser ganzen Antwort noch näher). Diese Art von „Allesrelativierung“ ist bloß ein weiteres beliebtes und verbreitetes Mittel, synkretistischen Konstrukten nicht weiter „auf den Zahn“ fühlen zu müssen.

In der Indologie gelten die fünf großen Redensammlungen des Palikanons des Theravada als die ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des historischen Buddhas. Es ist ein relativ einheitlicher Textkorpus (auch wenn wenige Teile relativ klar später hinzugekommen sind), der vergleichsweise getreu lediglich die Worte des ursprünglich von Erinnerungspezialisten auf großen Konzilen rezitierten Worte des Buddhas „wiedergibt“.

Deshalb beginnen alle diese Reden mit „So habe ich es gehört: …“. Und diese ganze Überlieferung ist auch ungestört vonstatten gegangen – das heißt im alten Indien in einem Umfeld, das dem Buddhismus zu jener Zeit von Herrscher- und Bevölkerungsseite ziemlich wohl gesonnenen war.

Wenn ich von der Lehre des Buddhas spreche, beziehe ich mich vor allem auf diese vom wissenschaftlichen Standpunkt „verlässlichsten“ buddhistischen Quellen.

Die Reden des Mahayana sind viel später, über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten und von sehr unterschiedlichen „Autorengruppen“ gezielt „verfasst“ worden. Damit haben sie jeweils spezifische eigene Zwecke verfolgt.

Es sind oft sinnvolle, kreative und gehaltvolle „Deutungen“, aber sie haben nicht den Authentizitätsgrad von möglichst getreuen „Wiedergaben“. Generell bauen Mahayana-Reden bloß auf verschiedenen Aspekten der Quellen des frühen Buddhismus auf, indem sie diese näher bestimmen und ausdeuten, aber zum Teil auch umdeuten.

* Von meinem obigen Argument einmal abgesehen:

Wer sagt denn, dass man eine Lehre immer dann am besten beurteilen kann, wenn man seit Langem in diese Lehre involviert und mit ihr identifiziert ist?

Man kann auch den Wald vor lauter Bäumen übersehen, vor allem angesichts jener langen deutschen beesonders synkretistischen Mentalitätsgeschichte, die ich im Hauptbeitrag deshalb auch näher dargestellt habe.

Zu diesem Bild des Waldes:

Auch wenn ich mich selbst immer wieder mit Anhängern Ken Wilbers unterhalten habe (selbst in meinem engeren Freundeskreis gibt es einen) sowie Passagen aus seinen Werken gelesen habe, genügt bereits ein Blick auf diverse Aussagen seiner Anhänger in Foren oder auf einige deutsche Buchtitel Ken Wilbers, um sagen zu können, was er bezweckt. Ein paar Beispiele von solchen Buchtiteln:

„Wege zum Selbst: Östliche und westliche Ansätze zu einem persönlichen Wachstum“ .… die Lehre des Buddhas ist kein „Weg zum (wahren) Selbst“, sondern zum Nicht-Selbst (siehe dazu näher oben). Oder „Das Atman-Projekt: Streben der Seele nach Einheit“ (englisch „The Atman Project“) …. Wilber übernimmt hier explizit den altindischen Begriff „Atman“ für das „wahre Selbst“, das der Buddha als eine korrekte Beschreibung unserer wahren Natur wie auch die Idee von einer unsterblichen „Seele“ regelmäßig verneint hat. Oder „Halbzeit der Evolution“ …. versteht sich Wilber etwa als Allwissender, wenn er sagt, dass die Menschheit heute die „Halbzeit der Evolution“ erreicht habe?

Jemand, der beansprucht, sagen zu können, dass die Menschheit jetzt die „Halbzeit der Evolution“ erreicht haben, ist schlicht nicht ernst zu nehmen!

Die Buchtitel sind sehr wichtig. Der Autor in Kooperation mit dem Verlag überlegt den Buchtitel genau, um den Buchinhalt attraktiv auf einen Punkt zu bringen. Ken Wilbers Titel mögen naive Gemüter beeindrucken, ihnen liegt aber klar ein spekulatives, pseudowissenschaftliches Denken zugrunde.

Du wirst Dir Deinen Buchtitel „iBuddhismus“ auch gut überlegt haben – weil „i“ das so geliebte „Ich“ bedeutet, dessen Postulierung als letztlich existent Du hier offenbar kurz mal dem Buddha zuschreibst; und sicher auch angelehnt an die „Apple“-Produkte, die fast alle an das „I“ bzw. „Ich“ appelieren.

* Bitte vergiss nicht:

Du bist es hier, der Aussagen zu einer „verbesserten“ Lehre des Buddhas für den modernen Westen macht! Nicht ich bin es hier, der Aussagen zu einer verbesserten Lehre Ken Wilbers macht! Folglich kann ich mich sehr wohl auf die Lehre des Buddhas beziehen und Deine Aussagen im Vergleich dazu oder auch Manfred Folkers und Thays Aussagen im Vergleich dazu genau überprüfen und zu den objektiv angemessenen Schlüssen kommen.

Du hast in dieser Diskussion jedoch keinen Grund, von mir ein tieferes Wissen Ken Wilbers einzufordern, weil ich keine Aussagen zu einer verbesserten Lehre Ken Wilbers gemacht habe.

Er interessiert mich nicht näher.

Andere „philosophische“ Denker, die klare Unterscheider und Monotheismuskritiker sind, wie etwa Arthur Schopenhauer, der Nobelpreisträger Bertrand Russell oder Sam Harris, interessieren mich viel mehr als Ken Wilber. Hier sehe ich echte „Integrität“. Das macht die Lektüre persönlich lohnend.

Ich betrachte Ken Wilber letztlich als einen modernen, sich „wissenschaftlich“ gebärdenden Nachfolger der Theosophen. Außerdem haben in der Religionswissenschaft Ken Wilbers Theorien einen dubiosen Ruf.

Zum Hintergrund der Theosophie habe ich mich bereits in meinem Hauptbeitrag näher geäußert. Wilber findet in Deutschland bei so einigen aufgrund der starken synkretistischen Prägung durch die deutsche Geschichte (siehe den Hauptbeitrag) größeren Anklang.

In sich geschlossene, rein begriffsbasierte und spekulative Systeme, Modelle und Philosophien üben auf viele heute eine starke Anziehungskraft aus. Albert Einstein hat einmal die Gründe dafür folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

„Die Menschen versuchen, sich ein vereinfachtes, einsichtiges Bild von der Welt zu machen – wie es ihnen jeweils am besten entspricht. Sie versuchen, dieses von ihnen fabrizierte Bild mit der Erfahrungswelt auszutauschen, um auf diese Weise den inneren Frieden und die Stille zu gewinnen, die sie im engen Strudel der persönlichen Sinneserfahrung nicht finden können. Die höchste Aufgabe ist, jene elementaren Gesetze zu verwirklichen, mit denen das Universum durch Herleitung aus der direkten Sinneserfahrung zu verstehen ist.“

Damit wären wir unmittelbar bei der Lehre des Buddhas, die der prägende Indologe Erich Frauwallner gut als „Erlösungspragmatismus“ zusammengefasst hat – in Unterscheidung zu jenen geschlossenen, rein begriffsbasierten Modellen, Philosophien, Metaphysiken und Glaubenslehren.

Sie sind in der Lehre des Buddhas Formen „Begrifflicher Verselbstständigung“ oder „Mentaler Vervielfältigung“ (papanca) und damit ein ganz primärer Ausdruck der „Selbst“-Verhaftung in intuitiven Nichtsehen.

Ein sehr lesenswertes Basiswerk zum Thema „Papanca“ ist Concept and Reality in Early Buddhist Thought von Nyanananda. Bhikkhu Thanissaros moderne Übersetzung einer zentralen alten Rede zu diesem Thema und seine Diskussion des Begriffs „Papanca“ erscheint hier.

Am Anfang Deiner Antwort (1) betonst Du ein weiteres Mal ausführlich die vermeintliche Eignung des Wilberschen „integralen Ansatzes“ als Mittel des Ausgleichs, der Integration und der Lösungsfindung.

Dann machen wir es konkret. Wie sollen Ken Wilbers Theorien KONKRET zu einer Lösung der folgenden Situation führen?

* Der bekannte Franz-Johannes Litsch (siehe oben seinen Kommentar) hat eine nähere kritische Replik auf Manfred Folkers drei Beiträge in Buddhismus Aktuell 2/12 und 1/13 sowie Der Mittlere Weg 3/2012 verfasst. Die neue Chefredakteurin von Buddhismus Aktuell, Ursula Richard, ist seit Langem eine enge Schülerin von Thich Nhat Hanh und eine zentrale Herausgeberin seiner Bücher. Sie ist auch mit Pater Wiligis Jäger verbunden – einem Großmeister der geistigen Mischprodukte auf Basis einer in diesem Falle starken christlichen Weltanschauung zur Verteidigung derselben.

Franz-Johannes wollte seine nähere kritische Replik auf Manfred Folkers in Buddhismus Aktuell publizieren, was von Ursula Richard offenbar sehr deutlich abgelehnt worden ist. An der Angemessenheit seiner Kritik liegt es keinesfalls. Auch der bekannte Indologe und Autor Hans-Wolfgang Schumann hat in Der Mittlere Weg 3/2012 eine kritische Replik auf Manfred Folkers publiziert.

Wie ich bereits sagte: “Professioneller Journalismus wäre, die Vielfalt abzubilden, wie sie ist, und echte Diskussionen zuzulassen.”

Das wäre eine gute Gelegenheit! Was nützt hier Ken Wilber KONKRET? Welche Hilfsmittel bietet er, womit die Motivstrukturen bewusstgemacht werden können, um Eigeninteressen auszuscheiden? Was sagst Du als Thich Nhat Hanh-Schüler zu dieser näheren Kritik des Thich Nhat Hanh-Lehrers Manfred Folkers durch Franz-Johannes Litsch – bist Du dafür, dass sie in Buddhismus Aktuell erscheint?

Hier geht es um Interessen, um Traditionen und Deutungen, die verteidigt werden, um verdeckte Machtverhältnisse – die es kritisch zu hinterfragen und nicht mit „integralen“ Theorien zu beschönigen gilt!

Theorien wie diejenige von Wilber sind systemlegitimierende Meta-Phänomene, die in unserere seit vielen Jahrhunderten von der missionarischsten, reichsten und größten Weltreligion Christentum geprägten Kultur viele anspricht.

Denn damit haben sie eine „theoretische“ Rechtfertigung vor sich selbst, ihre eigenen religiösen Prägungen nicht hinterfragen zu müssen. Ken Wilber „baut“ gezielt auf solchen Prägungen, Ängsten aus verinnerlichten Drohungen von Kirchen und Schriften sowie unbewussten Anhaftungen.

* Es wird interessant, was Ursula Richard zu meinem Vorschlag einer von mir eingeleiteten Übersetzung jenes zentralen Textes von Sam Harris zur Lehre des Buddhas für heute sagen wird, der bereits in einem großen amerikanischen buddhistischen Magazin (Shambhala Sun) erschienen ist.

Ich komme in diesen Wochen nicht dazu, werde es aber anbieten. Denn Sam Harris muss schlicht und einfach zu dieser ganzen Diskussion erscheinen. Er ist deutlich einflussreicher als die rein „buddhistischen“ Autoren wie selbst Stephen Batchelor, was die Breitenwirkung auf den „Mainstream“ angeht.

* Zum längst aus der Zeit gefallenen engen Verhältnis von Kirche und Staat hierzulande habe ich mich im Hauptbeitrag eingehend geäußert. Darüber mag es in der DBU schon einmal Diskussionen geben, wie Du schreibst. Aber es interessiert bloß das intern in der DBU entschiedene Verhalten nach außen.

Dabei sieht es so aus: Anstatt dieses enge Verhältnis in ihrem Magazin kritisch und eingehend zum Thema zu machen, und was es faktisch für den Buddhismus in Deutschland bedeutet, finden verschiedene „Anpassungen“ statt – wie etwa in Form des „Buddhistischen Bekenntnisses“ der DBU.

Die in diesem Bekenntnis zum Ausdruck kommenden und im Vergleich zu den Lehren des Buddhas unzutreffenden Resümees sind gut vereinbar mit kirchlichen Lehren. Über die staatlich-kirchlichen Erwartungen an einen buddhistischen „Dachverband“ habe ich mich übrigens früher einmal in einem größeren Zeitungsbeitrag – ausgehend von einem Zitat der DBU– näher geäußert, der hier in einem seiner Originale nachzulesen ist.

Aus Deiner Sicht und der Sicht einiger „deutscher Buddhisten“ dürfte das „Buddhistische Bekenntnis“ ein „übergeordneter Standpunkt“ oder „Teil einer größeren Wahrheit“ im Wilberischen Sinne sein. In Wirklichkeit ist es eine Ablenkung von der Wahrheit aus opportunistischen Motiven, um den von der DBU schon lange erstrebten und mit einigen materiellen Vorteilen für einige dort Involvierte verbundenen Körperschaftsstatus zu bekommen.

Für den Buddhismus würde es eine erste Kirchenbildung bedeuten – zumindest für den Teil, der in der DBU organisiert ist. Viele dem Dharma Verbundene sind dort nicht organisiert, zum Beispiel die weltweit größte Vipassana-Organisation von S. N. Goenka, die auch in Deutschland stark vertreten ist; oder bedeutende Stätten wie der von vielen Deutschen besuchte große Wat Sibouneuhang bei Heidelberg, mit Sascha Berger, der eine höchst informative deutsche Theravada-Website gemacht hat; oder bekanntere Einzelne wie ich.

In der buddhistischen Urgemeinde sind etablierte Institutionen wie das Kastensystem oder den „Dharma“-und „Reinkarnations“-Begriff der Brahmanen zurückgewiesen worden. Der deutsche Dachverband fühlt sich leider dieser klaren „sachlich-kritischen“ Tradition nicht verpflichtet!

Du schreibst weiter (2):

„Aus diesem Grund gibt es scheinbar widersprüchliche Positionen, die jedoch verschwinden, wenn uns klar wird, wo und wie diese widersprüchliche Position einzuordnen ist. Es ist demnach eine Frage der Perspektive, wie und warum wir Dinge als Richtig oder Falsch bewerten. Sind wir in der Lage, unsere Perspektive, so zu erweitern, dass wir das ganze Tier wahrnehmen können, werden wir auch unsere gewohnten Denkmuster von richtig und falsch, von Gut und Böse grundsätzlich überdenken können.“

Erstens geht es hier nicht um die Unterscheidung zwischen „Richtig und Falsch, von Gut und Böse“. Das sind verabsolutierte und letztlich monotheistische Kategorien, die bloß ein weiteres Mal von christlich vorgeprägten Betrachtern auf den Buddhismus projeziert werden.

Die buddhistische Begrifflichkeit lautet: „heilsam“ (kusala) und „unheilsam“ (unheilsam). Dabei liegt der Blick also immer auf den inneren wie äußeren Folgen, verbunden mit der Aufforderung, diese achtsam zu erwägen und zu untersuchen. Die korrekte Übersetzung von „sammâ“ beim Achtfachen Pfad lautet: „trefflich“, wörtlich „zusammenkommend“ – von Sicht oder Verhalten mit der Wahrheit bzw. der Art, wie die Dinge wirklich sind; eben nicht „recht“ oder „richtig“.

Zur besonderen Bedeutung der „Trefflichen Sicht“ in Unterscheidung zur „Verfehlten Sicht“ sowie generell der unterscheidenden Grundhaltung in der Lehre des Buddhas und den genauen Gründen dafür habe ich mich oben näher geäußert, weshalb ich es hier nicht wiederhole.

Zweitens bemühst Du hier ein Gleichnis („das ganze Tier wahrnehmen“) aus den Reden des Palikanons, das genau betrachtet nicht Deine, sondern meine Position belegt. Deine Deutung zeigt aber gleichzeitig auch, wozu die „Wilbersche Brille“ auf diese alten Quellen zwangsläufig führt.

Es ist das Gleichnis vom Blinden und dem Elefanten, das aus dem Udana (6, 4) stammt, und zwar aus einer Rede über die Lehren „einiger Kontemplativer und Brahmanen, Wanderer verschiedener religiöser Gruppen“.

Dort werden zunächst genau die unterschiedlichen, alle in der eigenen Erfahrung nicht verifizierbaren metaphysischen Ansichten und Glaubenssätze dieser Lehrer zitiert; und wie diese unterschiedlichen, weder logisch noch empirisch nachprüfbaren Glaubenssätze zu Streitigkeiten zwischen ihren Vertretern führen.

Der Buddha kommentiert es seinen Schülern gegenüber so:

„Die Anhänger dieser anderen religiösen Gruppen sind blind, sie sehen nicht. Sie wissen nicht, was nützlich ist und was schädlich ist. Sie wissen nicht, was Dhamma ist und was nicht Dhamma ist. Deshalb verfallen sie in Streit.“

Dann kommt das Gleichnis von den Blinden, die ein König kommen lässt, damit sie einen Elefanten an dessen unterschiedlichen Körperstellen betasten. Bevor ein Blinder eine Körperstelle betastet, wird ihm gesagt: „Das ist ein Elefant.“ Danach fragt der König die Blinden: „Was ist ein Elefant?“ Jeder gibt eine andere Antwort, indem er die jeweils betastete Körperstelle beschreibt.

Nachdem die Blinden die unterschiedlichen Antworten der anderen Blinden gehört haben, beginnen sie heftig zu streiten und zu kämpfen. Der König amüsiert sich darüber.

Der Buddha schließt: „Genauso verhält es sich mit den Anhängern dieser anderen religiösen Gruppen. Sie sind blind, sie sehen nicht. Aber sie behaupten, der Dhamma sei so, und er sei nicht so.“

Der Abschlussvers lautet: „Einige Kontemplative und Brahmanen sind in Bezug auf diese Dinge voller Anhaftung. Sie streiten und kämpfen, indem sie jeweils bloß eine Seite im Auge haben.“

Das Gleichnis besagt Folgendes:

Der Grund für die Streitigkeiten zwischen den Blinden ist ihr Nichtsehen, weil sie alle mit in der Erfahrung nicht überprüfbaren metaphysischen Ansichten bzw. Glaubenslehren identifiziert sind. Das, was sie aus der Sicht ihrer einzelnen Glaubenslehren für den Dhamma halten, habe damit nichts zu tun.

Das sieht man auch sehr schön in der Geschichte der Monotheismen bis zum heutigen Tag – heftigste Auseinandersetzungen und zahllose Kriege über unterschiedliche, aber gleichermaßen unüberprüfbare Glaubensvorstellungen!

Laut dem Gleichnis unterscheidet der Buddha von allen diesen Glaubenslehren seine eigene Lehre zu den inneren Gesetzmäßigkeiten bzw. den Dharma sehr kritisch. Die Message: Den „ganzen Elefante“ könne bloß sehen, wer nicht den allesamt nicht überprüfbaren Glaubensvorstellungen anhänge und stattdessen dem Dharma folge.

Genau das Gleiche gilt in Bezug auf die Glaubenslehren, die heute ein Ken Wilber oder Du als sein Anhänger mit dem Dharma verknüpfen wollen.

Wo ist in den alten Reden jene übergeordnete Einheit, die Ihr zu sehen „glaubt“?!

* In Deutschland gibt es leider einige „Buddhisten“, die sich sehr frei in ihren Deutungen der alten Quellen des Palikanons fühlen, aber zugleich mit dem Anspruch auftreten, sie hätten diese genau erfasst. Ein gutes Beispiel dafür ist Paul Köppler, der Leiter des „Waldhauses am Laache See“ (ein weiterer Thich Nhat Hanh-Schüler).

Vor ein paar Jahren hatte ich eine größere öffentliche Auseinandersetzung mit ihm über sein Buch „So spricht der Buddha“. Damit beansprucht er, einige Reden des Palikanons korrekt zusammenzufassen, die er selbst als „die schönsten und die wichtigsten“ bezeichnet (alle – und es sind viele – mit sachlichen Auseinandersetzungen mit anderen Lehrmeinungen hat er schon einmal einfach weggelassen).

Es sind jedoch keine Zusammenfassungen, sondern „vogelfreie“ Kommentare.

Genaueres findet sich in meiner damaligen näheren Besprechung „Spricht so der Buddha?“ dieses Buches, die bloß diesen einen Schluss zuließ: „,So spricht Buddha´ definitiv nicht, sondern nur Paul Köppler und seine Helfer.“

Vor Erscheinen des Buches hatte mich Köppler selbst nach einem Gespräch über eine einer Zusammenfassungen äußerst interessiert gebeten, ihm doch bitte ein näheres Feedback zu geben. Ich tat ihm den Gefallen, mit Analysen von ein paar seiner Zusammenfassungen und genauen Vergleichen zu den Originalen. Er war mir sehr dankbar, hat aber kaum irgendetwas geändert.

Ihm wurde durch mein genaues Feedback wohl sehr klar, dass er sein gesamtes Buch hätte gründlich überarbeiten müssen – und zwar in einem inhaltlich korrekten Sinn, der letztlich nicht im Interesse von ihm bzw. seinem Hintergrund lag!

Auch Paul Köppler betrachtet sein eigenes synkretistisches Herangehen als einen „westlichen Buddhismus“.

Auf der Wikipedia heißt es zu seinen Büchern über die alten Quellen: „Er ist Autor zweier Bücher, welche die Lehre des Buddha in einer modernen und zeitgemäßen Sprache präsentieren.“

So beschönigt man gezielte Verstellungen!

Schließlich bringst Du „ein Beispiel aus der Psychotherapie“ (3):

* Die integrale Theorie Ken Wilbers ist für manche Psychologen ein willkommenes Mittel, die Gleichrangigkeit und wechselseitige Ergänzung der verschiedenen Therapieformen zu postulieren. Denn gegenwärtig wird auf diesem „Markt“ viel Geld gemacht.

Folglich versuchen viele, ihre jeweilige therapeutische Spezialität gewinnbringend auf diesem Markt zu platzieren. Dabei kann es bloß nützlich sein, wenn die Palette der „guten“ Therapien möglichst groß und verschiedene Verknüpfungen dieser Therapien als notwendig erscheinen.

Eines ist klar:

Du wirst zu allen der von Dir genannten Therapieformen auch kritische Untersuchungen und Auseinandersetzungen darüber unter Psychologen finden; oder generelle Studien, mit denen die behauptete Wirksamkeit einer Therapieform grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Manche Therapieformen wiederum, obwohl sie bei vielen angesehen sind und sich vielfach als nützlich erwiesen haben, wie etwa die Gestalttherapie, können über die meisten Kassen nicht abgerechnet werden. Dahinter stehen bestimmte therapeutische und medizinische Interessensgruppen.

* Für den medizinischen Bereich gilt das Gleiche:

Bei mir wurde Ende 2008 eine deutlich zu große und weißliche Leber festgestellt, obwohl ich niemals ein Alkoholproblem hatte, niemals geraucht habe und relativ viel Sport mache. Bald nach dem Befund bin ich auf das Leberreinigungsprogramm des deutsch-amerikanischen Naturheilkundlers Andreas Moritz gestoßen, das ich sofort eigenständig neun Monate lang im Monatsabstand auf Basis seines Bestsellers The Gallbladder and Liver Miracle Cleanse durchgeführt habe.

Das Buch gibt es unter diesem Link auch in deutscher Übersetzung.

Dabei habe ich einige hundert Gallensteine ausgespült, darunter mehrere Dutzend im Durchmesser zwischen einem halben und zwei Zentimetern.

Andreas Moritz erklärt in dem Buch, wie sich diese Steine bei den meisten aufgrund moderner Ernährungsgewohnheiten, Nahrungsstoffe und Essenszeiten in den zahlreichen Gallengängen der Leber bilden. Auf Amazon unter dem oben genannten Link habe ich das Buch übrigens näher besprochen (beim englischen Original und der deutschen Übersetzung) und dabei das Reinigungsprogramm resümiert.

Laut Andreas Moritz, der eine Reihe von Büchern geschrieben hat, ergeben sich aus dem verbreiteten Vorkommen dieser Steine in der Leber und dem dadurch bedingten zu geringen Gallenfluss schwere Folgeprobleme und typische Zivilisationskrankheiten.

Nach dem Reinigungsprogramm habe ich die Leber wieder untersuchen lassen – alles bestens, ideale Größe!

Ich habe vor dem Reinigungsprogramm selbst meine zu große und weißliche Leber auf dem Bildschirm gesehen. Ich habe nach dem Reinigungsprogramm selbst meine normale und gesunde Leber auf dem Bildschirm gesehen. Das ist für mich ein unwiderlegbarer Beweis.

Bestimmte Probleme hatte ich nach der Reinigung nicht mehr. Bei diesen Problemen hatte mir vorher kein Arzt helfen können.

Im Rahmen des monatlich durchgeführten Leberreinigungsprogramms ist kurz vor der Ausleitung eine gründliche Darmreinigung (CHT) erforderlich, bevor die Steine durch ein bestimmtes Prozedere ausgespült werden. Diese gründliche Darmreinigung kostet 80-90 Euro.

Das Programm und die CHT- Darmreinigung werden trotz zahlloser positiver Berichte und trotz vorhandener Labornachweise, dass die ausgespülten Steine Gallensteine sind, „nicht anerkannt“. Folglich übernehmen die Krankenkassen diese oder andere verbundene Kosten nicht.

Die enormen Kosten des Gesundheitssystems könnten stark gesenkt werden, wenn dieses Programm breit finanziert werden würde. Das wird jedoch kaum passieren. Da gibt es Interessenskonstellationen aus dem Gesundheitsbereich, die dem klar entgegenstehen. Vom Einfluss der mächtigen Pharmaindustrie etwa auf die Gesetzgebung soll hier gar nicht erst weiter gesprochen werden.

* Der amerikanische Psychotherapeut Eugene T. Gendlin, der Begründer des unter einigen buddhistischen Lehrenden beliebten „Focusing“, hat durch die Beobachtung zahlreicher „erfolgreicher“ Klienten unterschiedlicher Therapien ermittelt, was diese erfolgreichen Klienten gemeinsam haben. Ich zitiere die Wikipedia zum Focusing:

„Ausgangspunkt des Gendlinschen Entwurfs ist sein überraschendes und ernüchterndes Eingeständnis, dass die eigentliche Arbeit nicht der Therapeut leistet, sondern der Klient. Zu dieser Erkenntnis kam er durch die sorgfältige Beobachtung erfolgreicher Patienten. Als gemeinsames Merkmal fiel ihm die Art und Weise auf, wie sie unabhängig vom Therapeuten über ein Problem sprachen und sich dabei in immer neuer Hinwendung ihrer körperlichen Empfindungen vergewisserten.

Diese Rückkoppelung ist für Gendlin der Schlüssel zum Erfolg und bildet die Grundlage des Focusing. Eine Folge dieses neuartigen Ansatzes ist die geänderte Rollenverteilung. Nach Gendlin besitzt der Klient bei der Lösung seiner persönlichen Probleme die alleinige Autorität, die alleinige Kompetenz und das alleinige Wissen. Er ist sein eigener Therapeut. Aus dem Klienten wird der Focuser, der den Prozess autonom beginnt, steuert und beendet. Der Therapeut wird zum Begleiter.“

Schöne Zitate von ihm (ebenfalls Wikipedia):

„Kein Fachmann kann unsere Probleme lösen oder uns vorschreiben, wie wir leben sollen. Deshalb habe ich mich – und auch andere Kollegen – immer mehr damit begnügt, den Leuten beizubringen, wie sie sich selbst und anderen helfen können.“

„Wenn Sie Focusing lernen, werden Sie entdecken, dass Ihr Körper seinen eigenen Weg und seine eigene Antwort auf viele Probleme findet. Ein Therapeut wird beim Focusing nicht benötigt. Sie können es allein oder mit einem Freund, der die Technik kennt, durchführen.“

„Eine andere wichtige Entdeckung ist die, dass der eigentliche Veränderungsprozeß als angenehm erlebt wird. Eine wirksame Verarbeitung der eigenen Probleme ist keine Selbstquälerei.“

„Das Schönste dabei ist, dass wir diese Neuerung der Allgemeinheit und nicht nur der Arzt-Patient-Beziehung, die so teuer ist und oft so wenig bewirkt, zugänglich machen können.“

Das ist eine höchst „buddhistische“ Grundhaltung.

Der in Europa sehr populäre Vipassana-Lehrer Bhante Sujiva vertritt die Haltung, dass sich durch konsequente Achtsamkeitspraxis jedes Problem lösen lasse; und zwar auch solche, für die gewöhnlicherweise Therapeuten als zuständig erklärt werden.

Das sagt einer der renommiertesten Vipassana-Lehrer weltweit. Bhante Sujiva ist auch in Südostasien sehr bekannt.

Dies entspricht klar der Haltung in der Hauptrede des Buddhas zum Thema Achtsamkeit, über die Vier Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit (Satipatthana-Sutta). Dieser Rede zufolge können bei konsequenter Achtsamkeitspraxis auch in kürzerer Zeit die endgültigen Befreiungsfrüchte verwirklicht werden.

* Psychologen und Therapeuten greifen heute stark auf den Buddhismus und die buddhistische „Achtsamkeit“ zu, auch weil sie sehen, wie populär diese Themen geworden sind – mit problematischen Kompetenzansprüchen, weil ihr Wissen zum Buddhismus generell wenige Hintergründe hat, wie spätbuddhistische Deutungen, primär diejenige von Thich Nhat Hanh; oder vor allem Vipassana-Kurse in der speziellen Richtung von S. N. Goenka.

In Bezug auf dieses generelle Zugreifen möchte ich auf meine Besprechung des Sammelbandes Achtsamkeit: ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft, der auch einen eigenen Beitrag zu den Vipassana-Wurzeln des westlichen „Achtsamkeits“-Booms enthält, hier auf Amazon hinweisen. (Dieser Beitrag wird bald separat als noch erweitertes kleines Ebook erscheinen.)

Auch mein Beitrag zu Buddhismus Aktuell 4/11, der direkt unter diesem Link erscheint, spricht unter anderem dieses Thema an.

Eine generelle Anmerkung:

Diese Diskussion bedeutet für mich einige unbezahlte Zeit. Ich habe sie bisher aufgewandt, weil dieses übergeordnete Thema „Buddhas Lehre für heute“ besonders wichtig ist. Außerdem gibt es in Deutschland kaum andere bekannte, kritisch beobachtende buddhistische Plattformen. Wenn die Beiträge dieser Diskussion einigen als Orientierung dienen, freut es mich; und ist es mir die Mühe wert.

Aber ich bitte um Bedacht bei Kommentaren. Wenn sich Themen wiederholen oder nicht genau geantwortet wird, bitte ich um Verständnis, dass ich nicht oder bloß kurz mit einem Hinweis antworten würde. Auch ist es immer gut, ein Posting zunächst liegen zu lassen und es innerlich achtsam zu prüfen, bevor es publiziert wird.

Ich werde noch den zweiten Teil des Hauptbeitrags oben zu Manfred Folkers machen, mich aber ansonsten nach mehreren eingehenden Beiträgen von mir in dieser Diskussion zukünftig zurückhalten; außer es kommen wirklich neue Punkte (was keine „gelehrten“ Punkte sein müssen), die diese Diskussion weiterhin auf ihrem hohen Niveau halten.

Diskussionen über dieses Thema können hier natürlich auch immer unabhängig von mit stattfinden.

Matthias Steingass:

Das ganze von mir hier eröffnete Thema hat es an sich, dass es stark ausgedehnt werden kann. Das sieht man unschwer an Deiner heutigen Zitierung des „Romans“ von Matthias Steingass über den „Käse“. Die Länge einer Äußerung kann Qualität bedeuten, muss es aber nicht. Genauso bei der Kürze einer Äußerung.

Es ist mir klar, dass ich immer wieder „ein Stein des Anstoßes“ bin: Das ist sehr gut so, auch wenn es andererseits ziemlich traurig ist, dass es in der deutschen buddhistischen und wie gesagt besonders synkretistischen Szene sehr wenige solche Steine des Anstoßes gibt!

Über die Gründe dafür sollte einmal sehr tief nachgedacht werden!

Aber ich habe schlicht und einfach weder die Zeit noch die Lust, mich mit den diversen hierzulande über mich Empörten lang und breit auseinander zu setzen; und es wäre immer lang und breit. Früher habe ich es zum Teil gemacht. Heute nicht mehr. Man wird weiser. Und Anderes ist wichtiger. Die Empörten sollten sich lieber über die tieferen Wurzeln ihrer Empörung Gedanken machen; und warum sie so oft so Manches bei mir überlesen oder gezielt aus dem Kontext herausgreifen.

Für diese „Enthaltung“ bitte ich die Leser um Verständnis! Also relativ kurz zu dem Romancier Steingass:

* Sein Kommentar ist mit den Anmerkungen weiter oben zu der Wissenschaft und der historischen Philologie in Bezug auf die alten buddhistischen Quellen bereits zu einem guten Teil beantwortet.

Die Quellenlage ist im Falle des frühen Buddhismus im Vergleich der verschiedenen Weltreligionen am besten oder verlässlichsten. Im Vergleich der verschiedenen frühbuddhistischen Kanons – bloß der Palikanon des Theravada ist vollstandig überliefert worden, während andere frühbuddhistische Kanons bloß in größeren chinesischen Fragmenten erhalten sind – gibt es relativ weitgehende Übereinstimmungen. Dies gilt jedoch nicht im Vergleich zu den deutlich späteren „Reden“ des Mahayana.

Aus jenen relativ weitgehenden Übereinstimmungen der kanonischen Textsammlungen der verschiedenen frühbuddhistischen Schulen lässt sich eine Gründergestalt des historischen Buddhas erschließen, wie zum Beispiel der weltweit renommierte Indologe Lambert Schmithausen betont. Denn solche weitgehenden Übereinstimmungen großer Textsammlungen unterschiedlicher Schulen wären nicht ohne einen gemeinsamen personalen Ausgangspunkt zu erklären.

* Aber es ist eine Eigenart Indiens, dass es keine Geschichtsschreibung im westlichen Sinne gegeben hat. Im religiösen Bereich haben dort die Lehren der jeweiligen Personen immer mehr als die Personen selbst gezählt. Deshalb beweisen mangelnde geschichtliche Belege über den historischen Buddha nichts, außer dass dieser Mangel eine generelle Eigenart ganz Indiens ist. Außerdem entspricht das In-den-Hintergrund-Treten der Person voll und ganz der überlieferten Sicht des historischen Buddhas. Er hat immer auf den Dharma anstatt auf seine eigene Person verwiesen, ganz im Unterschied zu Jesus Christus oder Mohammed. Mit seinen berühmten letzten Worten hat er die Trauerneden ermahnt, nicht ihn selbst, sondern lediglich den von ihm gewiesenen „zeitlosen“ Weg zur Zuflucht und zum führenden Licht zu nehmen. In den ersten Jahrhunderten nach dem historischen Buddha hat es trotz mancher „eindrücklicher“ Beschreibungen in den alten Quellen auch keine bildlichen Darstellungen zu ihm gegeben.

* Die mündliche Überlieferung im alten Indien war relativ verlässlich. Es kam im alten indien immer stark auf die innere Verwirklichung durch das Wort an. Deshalb zählte das gesprochene Wort viel mehr als das geschriebene Wort. Die Erinnerungsspezialisten, die die Worte des Buddhas auf den ersten Konzilen rezitierten, wurden von vielen anderen anwesenden Schülern streng „kontrolliert“. So konnten Fehler erkannt und ausgeschieden werden.

Die sich wiederholenden Passagen waren pure Erinnerungshilfen. Sie kamen nicht in den originalen Reden des Buddhas vor. Sie belegen vielmehr, dass es wirklich bloß um eine möglichst getreue Erinnerung ging. Ansonsten wären sie als Hilfen ja überflüssig gewesen.

Neuübersetzer wie Bhikkhu Bodhi lassen diese Hilfen auch weg, was völlig legitim ist.

Sukzessive begann ab einem Punkt des zeitlichen Abrückens des historischen Buddhas die Niederschrift der bis dahin bloß mündlich überlieferten Worte.

* Wenn ich wiederholt von einem „zeitlosen Dharma“ spreche, tue ich es im Sinne von Sam Harris´ Definition einer „kontemplativen Wissenschaft“ – in jenem grundlegenden Aufsatz zu dem für heute relevanten „Nichtbuddhismus“. Ein wichtiger Satz daraus lautet:

„Wenn die Methodik des Buddhismus (ethische Richtlinien und Meditation) echte Wahrheiten über den Geist und die phänomenalen Welt aufdeckt – Wahrheiten wie Leerheit, Selbstlosigkeit und Vergänglichkeit -, sind diese Wahrheiten nicht im Geringsten ,buddhistisch´.“

[If the methodology of Buddhism (ethical precepts and meditation) uncovers genuine truths about the mind and the phenomenal world—truths like emptiness, selflessness, and impermanence—these truths are not in the least “Buddhist.”]

Es geht um diesen in der Erfahrung verifizierbaren Kernbestand der buddhistischen Lehre, ganz kurz gesagt um die Entwicklung von Ethik, Ruhe und Einsicht auf der Grundlage einer systematisch und spontan eingeübten Achtsamkeit – der sich objektiv fundamental von den Glaubenslehren der Monotheismen unterscheidet. Genau deshalb ist Sam Harris mit seinem buddhistischen Praxishintergrund ja auch ein derart weitreichender und scharfer Kritiker der Monotheismen.

Ich scheue mich genausowenig wie Harris in jenem grundlegenden Beitrag, die Glaubenslehren im Buddhismus, die jedoch zumindest im alten Buddhismus ganz randständig sind, als irrelevant für den modernen Westen anzusehen. Ich sehe den Begriff „Buddhismus“ wie oben erklärt genauso kritisch wie Harris.

Auch zur Unterscheidung jenes geschlossenen westlichen „Ismus“ im Falle des „Buddhismus“, der eine Konstruktion im Sinne einer „Unterstellung“ einer nicht gegebenen geschlossenen Struktur ist, spreche ich in Bezug auf die Lehre des Buddhas laut den frühbuddhistischen Quellen vom „zeitlosen Dharma“, das heißt einem strukturell offenen „Erlösungspragmatismus“ (Indologe Erich Frauwallner), der logisch wie empirisch überprüfbar ist.

* Sicher, die Unterscheidung zwischen den Monotheismen als „Kinderreligionen“ und der „Erwachsenenreligion des Dharma“ klingt scharf. Aber alleine wichtig ist, ob diese Unterscheidung gerechtfertigt ist, das heißt ob die angeführten Begründungen, die ja nicht zitiert werden, stimmen. Sie sind nicht zu widerlegen. Ich zitiere sie hier:

… Wenn das einmal wirklich breiter klar wird, und ebenfalls, dass sich der „Buddhismus“ im Kern mit diesem „Dharma“ (also „dem, was trägt“ – Ethik, Ruhe und Einsicht auf Basis von Achtsamkeit) befasst, wird es wirklich interessant im Verhältnis zu den monotheistischen, an einen höchsten „Gott“ glaubenden Religionen.

Denn warum ist dort jener universelle „Dharma“ kein Thema?

Warum gibt es in der Bibel zum Beispiel nicht einmal eine einzige Belegstelle für „Achtsamkeit“ oder verwandte Begriffe, die zentral in der Lehre des Buddhas sind?

Warum ist es „kein Vergleich“ des Buddhismus zum Christentum oder Islam, was die Fülle an praktischen Methoden angeht, die zur Entwicklung von Ethik, Ruhe und Einsicht vom Buddha selbst und danach in der Geschichte des Buddhismus entwickelt worden sind?

Weil Du auch die globalen Probleme ansprichst:

Niemand sollte sich hier ausgehend von den gegenwärtigen Problemen einer Illusion hingeben – wenn einmal die “menschliche” Bilanz des 21. Jahrhunderts nicht noch verheerender ausfallen soll als die Bilanz des 20. Jahrhunderts unter anderem mit dessen gewaltigem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus muss es Reifesprünge im großen Stil geben. Die monotheistischen Religionen werden dazu als “Kinderreligionen” der gläubigen Anlehnung an einen imaginären “Vatergott” oder dessen “Sohn” oder “letzten Propheten” kaum einen wichtigen Beitrag leisten können. Das hat die Geschichte dieser Religionen bis heute stetig und mehr als hinlänglich unter Beweis gestellt.

Die Erwachsenlehre des “Dharma” kann dazu aber sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten!

Man höre heute x-beliebigen Theologen zu (mit wenigen Ausnahmen), die sich in unserer Gesellschaft ja regelmäßig breit äußern können, oder einem x-beliebigen „Gottesdienst“, immer wird man das Folgende beobachten können:

Vom Staat und damit von allen Bürgern finanzierte Theologen sprechen überall von puren und objektiv naturwidrigen Glaubensvorstellungen – unter anderem der Erlösung der Menschheit durch einen Kreuzestod, von Jesus als „Sohn Gottes“, von einer Wiederkehr desselben, einem „Gottesreich auf Erden“, einem „ewigen Leben“, einer „unsterblichen Seele“ oder einem „ewigen Gott“ und „Schöpfer“ – ganz genau so, als wären es völlig evidente, unabweisbare Fakten, und als hätten sie „Gott“ gerade eben noch persönlich getroffen und wüssten genau, was „er“ von den Menschen will.

Damit würden sie sich in jeder wahren Wissenschaft sofort selbst als Wissenschaftler disqualifizieren – nicht jedoch in der Theologie. Das sind also Relikte aus dem Mittelalter, „Geistesfossilien“.

Solche Denkweisen haben objektiv keine Zukunft in unserer von der Wissenschaft immer mehr bestimmten modernen Welt; außer als brüchiges Haltegerüst für anlehnungsbedürftige, eben „kindlich“ gestrickte Gemüter, die meinen, ein bestimmter Glaube könne Achtsamkeit für Körper und Geist, innere Arbeit und Selbstverantwortung ersetzen oder naturgesetzlich verankerte Kausalitäten außer Kraft setzen; außer als rein psychologisch zu erklärende, scheinbare „Rückversicherung“ des eigenen „Ich und mein“-Bewusstseins durch den Glauben an das Postulat eines höchsten, ungeschaffenen Schöpferselbstes namens „der eine Gott“; außer als Trostspender in Notlagen, die sich manchmal „bei“ Gebeten ändern und meistens nicht, weil solche Änderungen mit anderen Dingen als mit einem „Gott“ zu tun haben; usw.

* Der gesamte westliche Achtsamkeits-Boom mit seinem diversen therapeutischen Ablegern wäre ohne die jahrtausendealte Erfahrung mit diesem Thema und den daraus hervorgegangenen Meditationsmethoden in den buddhistischen Traditionen vollkommen unmöglich gewesen. Das lässt sich historisch klar nachweisen (etwa in meinem Beitrag in jenem Sammelband).

Die Effektivität der buddhistischen Achtsamkeitsmeditationen und der daraus hervorgegangenen westlichen Therapieformen ist auch vielfach neurowissenschaftlich nachgewiesen worden. Der Buddhismus boomt, weil er den Menschen hilfreiche Methoden vermittelt.

Angesichts all dessen wirkt die Relativierung des Themas der buddhistischen Achtsamkeit durch Steingass schon bemerkenswert realitätsverneinend.

* Ich schreibe hier keinen wissenschaftlichen Aufsatz, sondern Beiträge für eine breitere Leserschaft, um „in der Szene“ sowie für die zunehmende Zahl interessierter Außenstehender wichtige Diskussionen anzuregen oder zu ihnen beizutragen. Zu diesem Zweck beziehe ich hier ziemlich klare Positionen.

Wenn ich von der „Lehre des Buddhas“ spreche, meine ich die „Lehre gemäß den ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des historischen Buddhas im Palikanon“. Denn sie sind vom wissenschaftlichen Standpunkt die insgesamt verlässlichsten Quellen zu den Aussagen des Religionsbegründers.

Wenn ich sage „Der Buddha hat gelehrt, dass“ meine ich immer, „Gemäß der Überlieferung hat der Buddha gelehrt, dass“ oder „Gemäß den alten Quellen hat der Buddha gelehrt, dass“.

Joachim, Du hast mit Bedacht und relativ kompakt geschrieben, auch wenn ich nicht Deiner Meinung bin.

So hast Du in Deinem letzten eigenen Kommentar wichtige Punkte angesprochen, weshalb ich hier eine lange Antwort verfasst habe.

Ein solcher Austausch gibt dieser Diskussion ein hohes Niveau, das auch für andere orientierend wirken dürfte, welcher Meinung sie selbst auch immer sein mögen.

Herzliche Grüße, Hans

13 Joachim Wetzky März 1, 2013 um 19:35 Uhr

Anmerkung des Admins:

Der folgende Kommentar von Matthias Steingass, den Joachim Wetzky übernommen hat, ist im Original auf dem Blog von Steingass unter diesem Link nachzulesen.

Joachim Wetzky:

Eine Antwort auf diese Diskussion kommt von Matthias Steingass, der auf seinem Blog „Der Unbuddhist“ folgendes schreibt:

„DAS PHANTOM UND DER HANDKÄS’

Im Anschluß oder vielleicht auch auf Grund der Glosse #01 hat sich auf Hans Grubers Blog „Selbstdenken und sehende Achtsamkeit“ eine Diskussion über Joachim Wetzkys Versuch über den Buddha im 21. Jahrhundert entwickelt: Buddhas Lehre für heute.

Sekundiert wird Hans Gruber von Franz-Johannes Litsch der ebenfalls einen Beitrag zur Diskussion beisteuert. Die wesentlichen Punkte der Herren Gruber und Litsch kann man in einem Satz zusammen fassen: Wir wissen wie richtiger Buddhismus geht, die anderen nicht. Nebenbei wird mit einer Geste der Verachtung in Richtung auf die monotheistischen Religionen bemerkt, diese seien “Kinderreligionen” und hätten ja wohl zu den Problemen, die im 21. Jahrhundert auf uns zukämen, kaum etwas beizutragen – ganz im Gegensatz zum Buddhismus natürlich. Dessen ”Erwachsenlehre des Dharma” könne da sehr wohl einen Beitrag leisten! Na, dann wollen wir mal schaun, was es mit dieser Lehre auf sich hat.

Es geht dabei nicht um Details dieser Diskussion. Man muss auch kein Pali können oder 10 Jahre in einer kalten Höhle meditiert haben, um den Superschlauen prinzipielle Denkfehler nachzuweisen, die sie mit denen gemeinsam haben, ironischerweise, denen sie einen “rechte Sichtweise” absprechen. Egal, wen man nimmt – Batchelor, Litsch, Gruber, den ewigen Dalai Lama, jeden x-beliebigen Diplomguru – alle kennen sie schließlich den ominösen “Kern des Dharma”. Das ist die Invariante in der sie sich alle gleich sind.

Dass der Kern, je nach Belieben, mal so und mal so aussieht, tut dabei wenig zur Sache. Mal sind es die so genannten “Vier Edlen Wahrheiten”, mal ist es “Achtsamkeit”, mal ist es einfach “Glück” – egal. Der grundsätzliche Denkfehler dieser Bescheidwisser ist, daß sie immer schon unterstellen, was sie beweisen wollen. Ein “zeitloser Kern des Dharma” wird vorausgesetzt und dann auch gefunden. In dieser Selbstreferentialität sind X-Buddhisten jeder anderen Religion und jeder Philosophie gleich.

Es gibt immer eine Setzung X, die die Wirklichkeit Y präformiert. Die Setzung X findet allerdings nicht bewusst satt, sondern ist, besonders im Falle von X-Buddhismus und anderen Religionen, affektgeladen und im Prinzip eine Begierde danach, die Wirklichkeit Y unter Kontrolle zu bekommen. Bis zu einem gewissen Grad geht das gut – wenn nicht die eine tatsächlich unkontrollierbare Wirklichkeit in diesen Traum einbricht und ihn mit einem Schlag beendet.

Im Prinzip hat man es mit einem Wahnsystem zu tun, daß durch seine Setzung X in der Lage ist, Ereignisse in seiner Wahrnehmung weitgehend dem Bedürfnis nach Wirklichkeitskontrolle anzupassen. Was aber dabei geschieht, ist nicht etwa eine Form der Beobachtung, sondern eine Form der Formung. Die Welt wird nach dem Bild, das ich mir von ihr mache, geformt. Für den X-Buddhismus gilt dabei: Die Welt ist dafür da, durch buddhistische Philosophie gestaltet zu werden. Die Welt ist Material des Glaubens und nicht etwa umgekehrt – der Glaube als Material der Welt, als ein Gedanke der Welt.

Die Welt als Material des x-buddhistischen Glaubens ist eine unverschämte Hybris und letztlich eine autokratische und undemokratische Anmaßung. Sehen wir uns deshalb an, wie ein Setzung X, die die Welt nach ihrem Ebenbilde formt, aussieht. Litsch und Gruber einigen sich auf folgende Formel:

Es geht immer nur darum, den zeitlosen “Dharma” oder die “Praxislehre” des Buddhas primär auf Basis der Redensammlungen im Palikanon herauszuschälen und in neuen Kontexten adäquat zu formulieren, so dass er bei den Menschen “ankommt”.

Das Phantom im original griechisch-römischen Toga-Outfit. Gandhara, 1./2. Jhdt.

Dieser Satz ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Er enthält z. B. einen Zirkelschluß: Das zu Beweisende, der Dharma, wird als im Palikanon enthalten voraus gesetzt. Es wird vorausgesetzt, daß es einen Buddha gab – einen “historischen Buddha”, wie Gruber nicht müde wird, zu betonen, der als Garant für die Wirklichkeit des zeitlosen Dharma auftritt. Und es gibt die hochproblematische Synthese eines “zeitlosen”, an anderer Stelle auch als “überkulturell” bezeichneten Dharma, mit “neuen Kontexten”. Jeder soziologisch oder philosophisch halbwegs gebildete Mensch wird dagegen heute sofort einwenden, daß es einen “zeitlosen” Text – in welcher Form auch immer, Schrift, Ton, Bild, Film, Ritual, Kleidung, Nahrungszubereitung etc. pp. – niemals geben kann, da der Kontext, in dem eine tradierter Text auftritt, diesen letzteren immer schon mit beeinflusst. Der ganze Satz ist im wesentlichen das, was man x-buddhistische Bauchrednerei nennen kann: Ein fulminant klingendes Wortgeklingel, das sich bei näherer Betrachtung als leer herausstellt.

Eine wesentliche Setzung aber, die im höchsten Maße beeinflusst, wie hier die Welt Y durch X modelliert wird, ist das Bild vom “herausschälen”. Es ist eine Metapher – X – die etwas anderes – Y – repräsentiert. Wir können die Metapher sehen, die Wirklichkeit, die sie beschreibt, aber nicht – andernfalls könnten wir gleich die Wirklichkeit beschreiben. Wir könnten den Kern der Lehre, den zeitlosen Dharma, selbst sehen anstatt über ihn zu reden.

Die stillschweigende Voraussetzung, die hier Geltung hat, ist, daß die Metapher wirklich die Wirklichkeit beschreibt. Wenn diese Voraussetzung aber stimmen würde, müssten wir uns nicht mehr um den “zeitlosen Dharma” bemühen, sondern es würde reichen, das “Herausschälen” selbst zur eigentlichen Sache zu machen. Da das “Herausschälen” einer Essenz auf Grund der Text/Kontext-Problemtik jedoch nicht möglich ist, laufen wir hier ins Leere. Die ganze Metapher mündet in einen Selbstwiderspruch, womit die Argumentation für einen “zeitlosen Dharma” – zumindest in dieser Form – erledigt ist.

Es zeigt sich, daß das Selbstverständnis des X-Buddhismus, wobei man bei Litsch und Gruber für das X ”zeitlos” einsetzen könnte, auf einem irrationalen Argument beruht. Ganz besonders platte X-Buddhisten würden an dieser Stelle behaupten, daß mir die innere Reife fehlt, den Dharma wirklich zu verstehen. Ok, ist geschenkt. Vorüber ihr Schafe, vorüber. Litsch und Gruber würden evtl. einwenden, daß man eben die “Achtsamkeit” in rechtem Ausmaß betreiben müsste, um den Kern der Lehre zu verstehen.

Diese Achtsamkeit aber ist ihre eigene Setzung, die angeblich den Kern der Lehre ausmacht, der aber, wie wir sehen, gar nicht existiert. D.h. also Achtsamkeit als Kern der Lehre ist eine willkürliche Setzung, und die Aufforderung, sie zu praktizieren, um den Kern der Lehre zu erkennen, funktioniert genauso wie das Argument der ganz Platten von der mangelhaften Reife. Letztlich ist es immer die Hybris, die hier das Zepter schwingt – ganz im Sinne des grassierenden Narzissmus unserer Zeit.

Damit könnte man die Sache als erledigt abhaken. Es gibt aber neben diesen logischen Argumenten noch eine Reihe ganz handfester, eher pragmatischer und man muss sagen, ziemlich postmodernere Argumente gegen einen ursprünglichen zeitlosen Dharma und seinen Garanten, den ominösen “historischen Buddha”, mit denen man diese wahnhaft Suchenden in die Schranken weisen kann – was doch in der einen oder anderen Diskussion nützlich sein dürfte.

Da wäre z.B. noch mal das Herausschälen. Wie wird das normalerweise betrieben? Man nimmt einfach den gesamten überlieferten Textkorpus und untersucht, welche Texte – ob Pali, Sanskrit, Chinesisch, Tibetisch oder sonstwas – die gleichen Aussagen machen. Den Rest schneidet man weg und übrig bleibt bei dieser Subtraktionsmethode die ursprüngliche Aussage. Stillschweigende Voraussetzung hier ist, daß es nur eine ursprüngliche Aussage gab und etwaige andere nicht einfach in Folge der historischen Umstände vergessen und ihre Überlieferungen zerstört wurden. Da letzteres nicht ausgeschlossen werden kann, ist es immer möglich, daß man eine zufällig überlebende ursprüngliche Aussage für die einzige hält. Und in der Tat findet die Forschung heute neben den angeblich einmaligen Palitexten andere völlig eigenständige buddhistische Traditionen. Linda Heuman zitiert in Who’s Buddhism is Truest Collett Cox, Professor für Sanskrit und Buddhistische Studien an der University of Washington:

“Anstatt zu fragen, welche eine Sprache der Buddha sprach und was die früheste Version der Lehren repräsentiert, müssen wir eher akzeptieren, daß es von Beginn an verschiedene Berichte über seine Lehren, daß es unterschiedliche Sutras gab und dass es verschiedene Versionen von Sutras gab, die in verschiedenen Gegenden übermittelt wurden. Da, wo es tatsächlich begann, könnten wir eine ganze Reihe verschiedener Quellen haben, die alle für sich beanspruchen, die Lehre des Buddha zu sein.” (Meine Übersetzung)

Ursprünglich im Sinne von eindeutig? Denkste.

Übrigens, man kennt ja in den Texten diesen Repetitionen, d.h. bestimmte Sequenzen werden häufig wiederholt. Das ist ein typisches Merkmal der mündlichen Tradierung eines Textes, die es den Repetitoren erleichterte, die Texte zu lernen. Jetzt könnte man fragen, hat der Buddha, einmal vorausgesetzt, es gab ihn, auch schon so gesprochen? Wenn nein, liegt also schon hier eine Formatierung des Textes vor. Wenn ja, warum sollte er? Er hatte ja nichts auswendig zu lernen. Also hat er vermutlich frei gesprochen und in der Formatierung liegt eine erste Schicht der Redaktion des Textes vor.

Aber gab es diesen “historischen Buddha” überhaupt? Der Begriff “historisch” den X-Buddhisten gerne anführen, soll ja genau das suggerieren – daß es den Kerl wirklich gab. Das Problem ist nur, dass unter dem Begriff “historisch”, wie ihn Historiker gebrauchen, etwas zu verstehen ist, zu dem eine bestimmte Quellenlage existiert. Also Analen, Register, Chroniken, verschiedene unabhängig von einander entstandene Dokumente, Erzählungen, Reiseberichte etc. pp., die es ermöglichen, über Kreuzverweise etwa, einen ganz bestimmten Menschen, der irgendwann lebte und dieses oder jenes getan hat, in Zeit und Raum zu lokalisieren.

Fachleute sprechen aber in Bezug auf die Berichte, die das Leben des Buddha thematisieren, von “historisierenden” Berichten. Nicht also von historischen Dokumenten, wie etwa denjenigen, aus denen man die Kreuzzüge Alexanders im 3. Jahrhundert vor Chr. bis nach Ghandara rekonstruieren kann, sondern von Dokumenten, die rückblickend eine Person konstruieren. Es mag in diesen Historisierungen Spuren einer historischen Person geben (oder mehrerer), aber falls sie wirklich da sind, man kann sie nicht mehr “herausschälen”. Der Begriff von einem “historischen Buddha” ist also schlicht und ergreifend falsch und damit wird der Garant des “zeitlosen Dharmas” zu einem Phantom.

Dann haben wir das Problem, daß zwischen der Zeit, in der das Phantom gewirkt haben soll und einer ersten Niederschrift in Pali ca. 300 Jahre liegen, in der mündlich tradierte wurde. In mündlichen Überlieferungen gibt es verschiedene Probleme (zumindest für diejenigen, die Jahrtausende später nach dem Original suchen). Es gibt z.B. das Phänomen der “strukturellen Amnesie”. Das ist nichts anderes, als Teile einer mündlichen Übertragung vergessen werden. Da man keine Dokumente hat, aus denen hervorgehen würde, daß etwas vergessen wurde, fällt das Vergessen unter Umständen gar nicht auf. Man vergisst, daß man etwas vergessen hat. Auch dies also eine potentielle Möglichkeit, wie eine ursprüngliche Botschaft sich verändern kann.

Die angeblich ersten Niederschriften wurden in Pali gemacht. Jetzt wird aber berichtet, das Phantom habe darauf bestanden, daß seine Teachings nicht in der Hochsprache der damaligen Zeit, dem Sanskrit der Brahmanen, weiter gegeben werden sollten. Das Phantom sprach in einem lokalen Dialekt, in Prakrit vermutlich, und verordnete seinen Leuten, dass sie die Lehre wiederum in ihren lokalen Sprachen weitergeben sollten. Damit haben wir also verschiedene lokale Dialekte, die dann in eine Paliniederschrift mündeten.

Man stelle sich jetzt mal zum Vergleich vor, das Phantom habe in Frankfurt am Main gelehrt. Vor dreihundert Jahren und in einem breiten hessische Släng gelehrt. Auf Grund der Kunde des großen Mannes kamen von überall her die wissensdurstigen wahren Suchenden. Einer aus dem Waldviertel in Österreich, ein aus dem Berner Oberland und einer aus dem Friesischen. Nun macht das Phantom bei einem Teaching eine Witz über einen Handkäs’ mit Musik, der bei ihm zu einem mächtigen Darmwind führte. Worauf hin er sich dachte, was er dann auch als Gleichnis erzählte, wie drückend doch diese Darmwinde seien, obwohl sie im Endeffekt nichts wären als heisse Luft und Gestank – genau wie die Begierden, die uns dauernd plagen. Man solle also vom Handkäs’ lassen, dann würde einen auch nichts drücken. Jetzt verbreitete sich also ins Friesische, ins Berner Land und ins Waldviertel die Kunde, man solle den Handkäs’ lassen, damit einen das Ich nicht drücke. Ins jeweilige lokale Idiom transponiert, inklusive eines Begriffs, der ausser in Hessen nirgendwo mit etwas Wirklichem zu verbinden ist – Handkäs’. Jetzt machen sich also die Überträger der frohen Kunde daran, den Handkäs’ zu kommentieren. Das sei vermutlich etwas, was aus Kuhmilch hergestellt werde, so wie man das überall mache und man solle also keinen Käse mehr essen usw., damit man von den Bedrückungen des Ich frei werde. Dreihundert Jahre später ist eine reichhaltige mündliche Kommentarliteratur entstanden, die erläutert, warum man als Phantomist keinen Käse essen solle, obwohl, wie manche einwenden, nicht ersichtlich sei, was denn der Käse mit dem Ich zu tun habe. Wie auch immer, nun wird es in Hochdeutsch nieder geschrieben, ein findiger Verlag vermarktet die Lehre von der Ichlosigkeit durch Käselosigkeit und eine reichhaltige weitere, diesmal schriftliche Kommentarliteratur entsteht, in der unter anderem nachzulesen ist, daß das Phantom schon immer den veganen Lebensstil gelebt und gelehrt habe, nur sei die Zeit damals für einen wirklichen veganischen Kult noch nicht reif gewesen, und so habe das Phantom lediglich damals die Samen der neuen phantomistischen Lehre von Ichlosigkeit durch Veganismus gelegt, die nun heute erblüten, womit wiederum die veganischen Apostel die einzig wahren Suchenden seinen, die den Kern der Lehre heraus geschält hätten. So ungefähr geht die Geschichte vom Handkäs’ und der Erleuchtung.

Richard Gombrich, ein entschiedener Gegner der Theorie vom Phantom übrigens, berichtet an verschiedenen Stellen, daß das Phantom tatsächlich immer für ein nettes Wortspiel gut gewesen sei – was der nun schon misslichen Lage der wahren Suchenden, die da dürsten nach dem Kern der Lehre, diese weitere Problemschicht hinzufügt (die wir den Käsehorizont nennen wollen): nicht nur hat er Dialekt gesprochen; die Weiterträger des zeitlosen Dharma sollten das dann in den ihren übersetzen und schließlich soll das Ganze dann verlust- und veränderungsfrei in einer gerade sich entwickelnden Hochsprache verschriftlicht werden; nein, das Phantom hat auch noch Witze und Wortspiele eingebaut. Es war ironisch, was z.B. bedeuten kann, daß ein Wort im gegenteiligen Sinne seiner denotativen Bedeutung benutzt wird, oder dass man auf alle möglichen konnotativen Bedeutungen anspielt, die kulturel bedingt sind oder gar nur aus einer bestimmten Situation heraus verständlich sind. Was bedeutet es z.B., wenn der Unbuddhist jemanden als “Buddhisten” tituliert. Ob das jemand in 2500 Jahren noch verstehen wird?

Ok, bis hierher und nicht weiter, wird der wahre Suchende sagen. Das mag ja alles erwägenswert sein, und Gegenargumente werden sich schon auch finden lassen, aber unbeschadet all dieser Einwände sei da schließlich noch die Achtsamkeit – und die sei schon immer so gewesen. Das merke man ja selbst, Achtsamkeit sei Achtsamkeit, und diese Form von Aufmerksamkeit könne sich nicht ändern.

Leider, leider gibt es auch hier keinen Entsatz für den Weisheitskrieger. Auch die Burg der Achtsamkeit könnte in Bedrängnis geraten. Macbeth war sich seiner Sache sehr sicher – bis der Wald von Birnam doch zu ihm kam.

Erstens kann Achtsamkeit als Qualie betrachtet werden, also als ein Eindruck wie ein Geschmack oder eine Farbe, von dem man tatsächlich logisch nicht sagen kann, ob er bei einem anderen Menschen genau so auftritt, wie bei einem selbst. Zweitens streiten Extremisten unter den Kognitionswissenschaftlern die Existenz solcher Qualia rundwegs ab (Daniel Dennet z.B.), was Buddhisten eigentlich aufhorchen lassen sollte. Drittens kann man mit Thomas Metzinger sagen, das die positiven Ergebnisse einer Achtsamkeitsübung sekundärer Natur sind. D.h. Achtsamkeit ist in seinem Sinne ein basale Form des Bewusstseins, das jedem Menschen eigen ist. Lediglich das Bewusst-Machen dieser Form des Bewusstseins führt über die notwendige Aufmerksamkeit, die dazu nötig ist, zu einer Veränderung der Wahrnehmung.

Eventuelle positive Veränderungen in der Persönlichkeit sind aber nicht primär durch diese basale Bewusstseinseigenschaft verursacht, sondern durch ein explizit ethisches Training. In diesem Sinn müßte man dann auch einen Shantideva lesen, der in seinem Bodhicaryavatara Aufmerksamkeit und ethisches Training verbindet. Letzteres ist wiederum keine Besonderheit des Buddhismus, womit wieder eine Stütze x-buddhistischer Hybris erledigt wäre.

Die Jhanas dann, Versenkungs- und Konzentrationszustände, müssen in diesem Lichte neu angesehen werden. Sie schrumpfen zu phänomenalen Effekten, die die Grenze des Bewusstseins anzeigen. Diejenige nach innen, dorthin, wo irgendwann nur noch die Biochemie arbeitet, und wo es kein Bewusstsein mehr gibt. Auch hier also alles Normalität und keine Spur von den x-buddhistischen Versprechungen von was ganz Besonderem.

Ein weiterer Einwand hat mit dem Übergang von Oralität zu Schriftlichkeit zu tun. Walter Ong entwickelt in seinem Buch Orality and Literacy die Hypothese, dass der Übergang zur Schriftlichkeit eine andere innere Wahrnehmung erzeugt. Das Erlernen der Schrift, das Schreiben und Lesen lernen und die damit verbundene differenzierter werdende gedankliche Tätigkeit, die Entwicklung von Literatur, von literarischen Gattungen, Fiktionen, Geschichtsschreibungen usw. führen zu einer anhaltenden Veränderung der Person, zu einem Prozess, der sich von alttestamentarischen Zeiten bis in die Gegenwart zieht und noch heute anhält.

Das Phantom wirkte in einer noch schriftlosen Kultur. Welche innere Welt hatten diese Menschen? Welche Persönlichkeitstypen? Wir können unter diesen Umständen nicht ohne Weiteres davon ausgehen, daß meditative Zustände damals die gleichen waren wie heute – von allen anderen Einwänden ganz abgesehen. Wer heute von Achtsamkeit redet, kann sich unter keinen Umständen gewiss sein, daß er das meint, was das Phantom meinte.

Aber nicht nur solche Übergänge vom blossen Reden zum Schreiben und Lesen, haben starken Einfluss auf unser Bewusstsein. Die Sprachen selbst, in ihrer Verschiedenartigkeit, erzeugen unterschiedliche Bewusstseinsformen. Lera Boroditsky, eine Neuropsychologin, schreibt in ihrem kurzen Aufsatz How does our languages shape the way we think:

“Was wir gelernt haben ist, daß Menschen die verschiedene Sprachen sprechen, tatsächlich unterschiedlich denken. Selbst Zufälligkeiten der Grammatik können tief greifende Effekte darauf haben, wie wir die Welt sehen.” (meine Übersetzung)

Es gibt keinen Weg für diejenigen, die einen zeitlosen Dharma rekonstruieren wollen. Wenn man schon sieht, daß dieser zeitlose Kram ein logischer Denkfehler ist, dann wird mit all diesen zusätzlichen Einwänden sichtbar, daß der Versuch der Reduktion dieser fantastischen Vielfalt, die da indirekt sichtbar wird, geradezu eine Verneinung menschlicher Kreativität gegeben ist.

Wie wir gesehen haben, ist der zeitlose Dharma eine erdachte Figur, die in einen Widerspruch mündet. An diesem Phantom festzuhalten, bedeutet viele Entwicklungen, die die menschliche Evolution hervorgebracht hat, zu negieren. Es ist ein selbstbezogener Anthropozentrismus, der im Prinzip behauptet, daß es nichts ausser dem gibt, was gerade ist. Im Prinzip ist das die totale Stasis. Das ist das, was passiert, wenn sich eine Philosophie anmaßt, sich die Welt zum Material zu machen.

Zuletzt muss man sagen, daß die Idee vom Original selbst, eine Idee unserer Kultur ist, die nicht überall in jeder anderen Kultur entwickelt wurde. Damit kann man der Philosophie derjenigen, die mit einer Abrissbirne namens Dharma jegliche Vielfalt zur heiligen Einfallt einebnen wollen, den Fangschuss verpassen. Und auch hier gilt wieder, dass selbst bei uns seit mindestens hundert Jahren der Tod des Originals zu beklagen ist. Auch hier wieder muss man sagen, daß die Hybris des X-Buddhismus dazu führt, das einfach nicht zu Kenntnis zu nehmen. Nach Freud, und heute um so mehr, weiss man, dass selbst das Bewusstsein eines Individuums keine in sich geschlossene Form hat, die es ihm z.B. erlauben würde, eine durchgängig konstante Erinnerungsspur aufzubauen, auf der man, rückwärts gehend, jeden Erlebnis-Zeitpunkt seines Lebens wieder aufrufen könnte. Man weiss nach Freud und aus der Entwicklungspsychologie, daß das Spätere das Frühere beeinflussen kann. Auch hier erweist sich das Original als Trugschluss – als einer allerdings, der unserer Kultur eigen ist, denn der Koreaner und in Karlsruhe lehrende Byung-Chul Han schreibt in Dekonstruktion auf Chinesisch:

Im klassischen Chinesisch heißt das Original zhen-ji. Wörtlich bedeutet das “echte Spur”… ihr wohnt kein Versprechen inne … sie verdichtet sich nicht zu einer eindeutigen, eingestaltigen Präsenz. Vielmehr dekonstruiert sie die Idee jenes Originals, das eine unverwechselbare, unveränderliche, in sich ruhende Präsenz und Identität verkörpert … Der Ferne Osten kennt solche präkonstruktiven Größen wie Original, Ursprung oder Identität nicht.

Wir wissen nicht, wie es in Indien zu Zeiten des Phantoms war. Vielleicht hatten sie da ja tatsächlich ein Original, wie es sich bei uns seit der Renaissance entwickelt hat. Vielleicht gab es da wirklich Autoren, Künstlerpersönlichkeiten und Blogger, die mit Vor- und Nachnamen unterschrieben und sich endlose Debatten über Nutzungsrechte geistiger Erzeugnisse lieferten.

Die X-Buddhisten mögen sich weiter in diese eine Möglichkeit hineinträumen. Der Rest der Welt wählt die Vielfalt.

Die Frage, die bleibt ist: Was machen wir mit dem Material? Was machen wir mit diesem reichen kulturellen Schatz, der da auf uns gekommen ist? Eines ist klar, den Kern herauszuschälen, das versuchen nur Narren. Was aber machen wir damit?“

Matthias Steingass

14 Hans Februar 23, 2013 um 18:46 Uhr

Hallo Joachim,

Danke für die ausführliche Antwort. Meine Rückantwort kommt in den Tagen, spätestens bis Freitag.

Herzlich, Hans

15 Joachim Wetzky Februar 22, 2013 um 22:43 Uhr

Anmerkung des Admins:
Die folgende Numerierung von 1 bis 4 ist von mir eingefügt worden, um meine jeweiligen Antworten unten leicht zuordnen zu können.

Hallo Hans,

1) Es ist ja gerade das Wertvolle des Integralen Ansatzes, dass er uns eine Perspektive bietet, mit der eben so Geschichten wie du sie mit der DBU schilderst überwunden werden können!

Ein Integraler Ansatz integriert beispielsweise die verschiedenen buddhistischen Sichtweisen und Traditionen – auch wenn sie sich gegenseitig widersprechen und nicht kompatibel erscheinen. Er würde genauso handeln wie du es dir wünschst:

„Professioneller Journalismus wäre, die Vielfalt abzubilden, wie sie ist, und echte Diskussionen zuzulassen.“

Auch die von dir thematisierte Trennung von Kirche und Staat ist ein großes Thema. Der Blickwinkel dabei ist, dass es einerseits eine große Gruppierung gibt, die es sich wünscht, einer Religion anzugehören (anzutreffen zum Beispiel bei der DBU, die sich die Anerkennung als Religion wünscht). Und andererseits eine ebenso große Gruppierung, die sich eine säkulare Form des Buddhismus wünscht und eine aufklärerische Perspektive miteinbezieht. Eine integrale Perspektive lädt nun, diese beide Positionen an einen Tisch zu bringen, anstatt sich auf die Seite einer dieser Gruppierungen zu schlagen.

Es ist also nicht so, wie du sagst: „Von solchen und anderen konkreten Realitäten lenken Theorien wie diejenige von Ken Wilber bloß ab.“ Stattdessen wird die konkrete Realität präzise benannt und versucht, mittels einen übergeordneten Standpunkt eine neue Form der gemeinsamen Diskussion zu erschließen.

2) Der Integrale Ansatz stellt fest, dass einerseits alle möglichen Ansätze, Meinungen und Theorien eine Wahrheit enthalten, andererseits diese jedoch auch Teil einer größeren Wahrheit sind. Wir alle haben durchaus Recht mit dem was wir sehen – wir sehen eben nur nicht alles. Aus diesem Grund gibt es scheinbar widersprüchliche Positionen, die jedoch verschwinden, wenn uns klar wird, wo und wie diese widersprüchliche Position einzuordnen ist. Es ist demnach eine Frage der Perspektive, wie und warum wir Dinge als Richtig oder Falsch bewerten. Sind wir in der Lage, unsere Perspektive, so zu erweitern, dass wir das ganze Tier wahrnehmen können, werden wir auch unsere gewohnten Denkmuster von richtig und falsch, von Gut und Böse grundsätzlich überdenken können.

3) Ein Beispiel aus der Psychotherapie soll das verdeutlichen: Jahrzehntelang tobte in der psychotherapeutischen Szene ein heftiger Konflikt darum, wer denn die beste Therapie anzubieten hätte. Die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie standen sich antagonistisch gegenüber und waren sich nicht wirklich wohlgesonnen. Die Psychoanalyse wetterte, dass die Verhaltenstherapie die Menschen wie konditionierte Roboter behandelte und keinerlei Rücksicht auf die komplizierten inneren Dynamiken eines Menschen nahm. Die Verhaltenstherapie schoss zurück, dass ein mehrjähriges Wühlen in den Schatten der eigenen Vergangenheit nichts grundlegend veränderte und verwies auf beeindruckende Studien, die die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie bestätigte. Heute wissen wir jedoch, dass beide Therapien ihren Sinn haben und dass beide Therapien wissenschaftliche Ergebnisse ihrer Wirksamkeit aufweisen können. Die Psychoanalyse erkennt, dass wir Menschen ein „inneres Ich“ besitzen, dass durch die Kindheit massiv geprägt und geformt wird und das entschieden unser Verhalten prägt. Die Verhaltenstherapie hingegen erkennt, dass wir unser Verhalten durch gezielte Techniken ändern können und damit auch unser Innenleben regulieren können.
Neuere und ganzheitlichere Therapieformen integrieren nun sowohl psychoanalytische wie verhaltenstherapeutische Elemente in ihre Arbeit. Doch damit nicht genug. Da wir als Menschen auch in Strukturen und soziale Systeme eingebettet sind, integriert eine ganzheitliche Therapie heute zudem auch strukturell-systemische Ansätze und trainiert soziale Kompetenzen. Und auch die Beziehungsfähigkeit liegt heute im Fokus einer zeitgeistigen Therapie, indem sie Elemente der Gruppentherapie oder der Familientherapie zu beherbergen weiß.

Der integrale Ansatz versucht herauszufinden, warum sich beispielsweise verschiedene Gruppierungen so heftig bekriegen und die partielle Wahrheit jeder Gruppe herauszufiltern.

4) Der Punkt ist halt auch der: Ich habe den Eindruck, dass du starke Vorbehalte gegen den Integralen Ansatz hast – ohne ihn jedoch hinreichend zu kennen. Und das finde ich schwierig, weil es ja eine Diskussion nicht so richtig möglich macht. Wie siehst du das?

Herzlich,

Joachim

Wir sehen – alle haben Recht, aber nur teilweise. Eine ganzheitliche Perspektive schafft es also, uralte Grabenkämpfe aufzulösen, indem sie auf die partielle Wahrheit jeder Einsicht hinweist, oder wie es Ken Wilber formuliert: „Niemand ist so brillant, sich vollständig zu irren.“

16 Hans Februar 21, 2013 um 22:20 Uhr

Die Audioaufnahmen eines Zehntageskurses zu Liebender Güte „Metta“, Mitgefühl, Mitfreude und Akzeptanz mit dem Vipassana-Lehrer Bhante Sujiva

Alle Vorträge und geleiteten Meditationen – auf Englisch und Deutsch – stehen unter diesem Link kostenlos zur Verfügung.

Auf dem Kurs sind sie von mir selbst ins Deutsche übersetzt worden.

Sascha Berger bietet die Aufnahmen des gesamten Kurses auf seiner sehr informativen Website an. Dort sind viele Audios und Videos bekannter Theravada- und Vipassana-Lehrer im freien Angebot.

Der Text dort zu dem oben genannten Kurs mit Bhante Sujiva lautet:

„Metta-Retreat mit dem Ehrwürdigen Bhante Sujiva im Schlüsshof:

In diesem Zehn-Tages-Retreat aus dem Jahr 2005 zur Metta-Meditation erklärt Bhante Sujiva ausführlich, wie Liebende Güte (Metta), Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und Gleichmut (Upekkha) entwickelt werden können.

Bhante Sujiva unterrichtet in einer flexiblen Art Vipassana-(Einsichts-) und Samatha-(Stille-)Meditation. Seine Anweisungen beruhen einerseits auf seinem tiefen persönlichen Verständnis der Abläufe und andererseits auf seiner intuitiven Wahrnehmung der Anlagen eines Menschen.“

Herzlich
Hans

17 symptomträger Februar 19, 2013 um 23:52 Uhr

Ahoi Hans,

Zur Klarstellung:

Ich ziehe die Relavanz dieses Blogs zu Fragen des Buddhismus mit keiner Zeile in Zweifel und auch nicht in Gedanken, echt. Ich lese, lasse es wirken und äusser mich nicht dazu; bzw. ich lerne von Dir etwas über Buddhismus.

Mein obiger Kommentar bezog sich nur auf dein Verständnis von Wilbers Theorie. Diese halte ich nach wie vor für zu oberflächlich. Andererseits hast du sicher Gründe, die dich zu deiner Ansicht bringen, vielleicht Erfahrungen mit Menschen, die sich auf diese Theorie berufen und von deinem Flowpunkt aus gesehen Quatsch (Begriffseinbaum?;) veranstalten.

I don´t know…Passt scho‘!

Herzlich
Mario

18 Hans Februar 19, 2013 um 22:44 Uhr

Gute Übersicht zu Sam Harris

Von dem oben erwähnten amerikanischen Kritiker der Monotheismen, Neurowissenschaftler und Bestsellerautor Sam Harris, den ich für einen ganz primären Vordenker und Wegbereiter der Lehre Buddhas für heute halte, gibt es sehr viele Aufzeichnungen auf YouTube.

Es handelt sich um Debatten an Universitäten, öffentliche Vorträge, Medienauftritte usw.

Es gibt auch eine aufschlussreiche Frage-Antwort-Serie, genannt „Ask Sam Harris Anything“.

Ein Freund, Sebastian Segl (mit Blog hier), hat mir dazu eine schöne Übersicht geschickt.

Auf dieser Seite sind diverse an Sam Harris gestellte Fragen aufgelistet.

Dort unterhalb der beiden Videos erscheinen die beiden Listen mit allen Titeln der an ihn gestellten Fragen. Per Link gelangt Ihr dann zu dem jeweiligen Video mit der Antwort.

Viele dieser Fragen bzw. Antworten behandeln die Themen Religion und Spiritualität.

Herzlich
Hans

19 Hans Februar 19, 2013 um 17:09 Uhr

Hallo Joachim und Mario,

1) Eure Zusammenfassungen des Denkens Ken Wilbers zeigen, wie dieses Denken im Allgemeinen der „schönen Theorie“ bleibt, die angeblich zu Harmonie, Verständigung, Balance und Klärung usw. führe. Das klingt dann groß, toll und schön, nach „Vier Quadranten“, „metaphysischen Attraktoren“ usw.

Arthur Schopenhauer hätte solche Ausdrücke „Begriffs-Dreimaster“ genannt (in seinem Traktat über die Universitätsphilosophie in Bezug auf G. W. Friedrich Hegels idealistische Philosophie).

Sie binden ihrem Wesen nach die intellektuelle Aufmerksamkeit, haben jedoch wenig Bezug zur konkreten Realität. Ein solches Denken schafft „beeindruckende Modelle“ und „geschlossene Systeme“, die unbewusst zu starker Identifikation einladen. Deshalb habt Ihr auch so schnell geantwortet und zitiert Ihr Ken Wilber so massiv.

Beispiele aus Euren letzten Kommentaren zu Ken Wilbers „integraler Theorie“:

„… vier unterschiedliche, gleichgewichtige Perspektiven, die sich in Form eines Quadrantenbilds strukturieren lassen.“
„… eine moderne Form der Meta-Theorie …, die auf alle möglichen Gebiete angewandt werden kann, in denen eine thematische Schieflage herrscht, sei es in der Politik, Medizin oder Pädagogik.“
„… Balance zwischen individuellen und kollektiven Perspektiven …“
„Und hier sehe ich einen Ansatz, um diese verschiedenen Gruppierungen miteinander ins Gespräch bringen zu können.“
„… ein gesamtgesellschaftliches Klima mitzugestalten sucht, in dem die Energien nicht durch metaphysische Attraktoren gebunden sind, sondern zum Wohle aller fühlenden Wesen frei fliessen.“

Solche Theorien haben es an sich, dass sie die machtvollen konkreten Beweggründe von Menschen und die zugrunde liegenden unbewussten Kräfte nicht oder bloß ganz unzureichend berücksichtigen.

Und sie stellen schon gar nicht wirklich praktische Mittel der Arbeit an sich selbst und der Entwicklung der Achtsamkeit zur Verfügung.

In der konkreten Realität herrschen meistens außer im Falle von entwickelten, bewussten Menschen „Machtinteressen“ vor – das heißt Netzwerke und Lobbygruppen, um die eigenen Machtinteressen gegen die anderen durchzusetzen, Ausspielen oder Ausgrenzen usw. Ich könnte zahlreiche Belege dafür „auspacken“, und zwar gerade auch für den „buddhistischen“ Bereich der übergeordneten Verbände oder der bekannten deutschen Zentren und Organisationen. Aber ein solches Auspacken würde zu sehr „unter die Gürtellinie“ gehen und zu viele Emotionen aufrühren.

Nur ein kleines Beispiel:

Das Magazin Buddhismus Aktuell ist ein reines Verbandsorgan, in dem vor allem die „Mitglieder“ schreiben und für ihre Richtung „werben“; und je nach der Orientierung der jeweils führenden Interessensgruppen bestimmte Themen mehr als andere kommen. Franz-Johannes Litsch etwa musste drei Jahre kämpfen, bevor sein Beitrag zu den altindischen Schulen in der aktuellen Ausgabe gedruckt worden ist, der darin ein besonders guter Beitrag ist. Der Text wurde bloß deshalb gedruckt, weil Franz-Johannes sehr bekannt im deutschen Buddhismus ist und wegen seiner früheren Aktivitäten im Verband ein paar Fürsprecher hat.

Aber der Artikel widerspricht den Interessen der tibetischen Buddhisten, die häufig immer noch von ihrem „Kleinen Fahrzeug“ Hinayana sprechen, obwohl es wissenschaftlich nichts mit dem Theravada zu tun hat.

Professioneller Journalismus wäre, die Vielfalt abzubilden, wie sie ist, und echte Diskussionen zuzulassen.

Ich war auf dem Hamburger Kongress jenes Dachverbandes einiger buddhistischer Gruppen in Deutschland, der „Deutschen Buddhistischen Union“ DBU, im Oktober, weil er hier vor Ort stattfand und der mir gut bekannte Stephen Batchelor kam. Dort lobte Manfred Folkers etwa, dass man in Deutschland mit einem Dachverband weiter als im englischsprachigen Raum wäre.

Die Wahrheit ist: Im englischsprachigen Raum ist der Buddhismus ohne Dachverband deutlich vitaler und vielfältiger als hierzulande. Diese Vielfalt würde durch einen übergeordneten Dachverband bloß „gedeckelt“ bzw. eingeschränkt werden, weil er niemals adäquat diese Vielfalt vertreten könnte. Dort wird viel besser verstanden, dass die Lehre des Buddhas vor allem eine Religion des spirituellen Individualismus ist, bei der es um eine echte innere Entwicklung gibt, sicherlich im Verbund mit anderen und sicher auf der Basis von Zentren oder Retreathäusern, aber ohne übergeordnete „Deckel“- oder „Lenkungs“- oder „Vorgabe“-Organisationen.

Außerdem gibt es in den USA eine echte Trennung von Kirche und Staat.

Dort gibt es keine mit den staatlichen Organen eng verknüpften und von diesen massiv finanzierten Kirchen wie hierzulande (auch wenn es dort viele Gläubige gibt und sich Religion öffentlich stark bemerkbar macht), der gegenüber „erwartete“ ideologische Anpassungsbewegungen vollzogen werden müssten, um irgendetwas vom Staat zu „bekommen“, wie hier den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts mit seinen materiellen Vorteilen für die Verbandsbuddhisten.

Von solchen und anderen konkreten Realitäten lenken Theorien wie diejenige von Ken Wilber bloß ab. Außerdem haben sie die Funktion, nach außen hin einen „schönen Schein“ zu wahren – etwa dass im deutschen Buddhismus im Wilberischen Sinne eine zunehmende Vernetzung und Balance der unterschiedlichen Bereiche stattfinde.

Deshalb sind solche Theorien aktuell im Dachverband willkommen. Und die Vertreter solcher Theorien sichern sich damit einen „Platz“ in der Organisation, der ihnen Vorteile bringt.

Es sind jedoch immer bloß öffentliche Thematisierung und sachliche Auseinandersetzung wie auf diesem Blog, die zu positiven Veränderungen führen können, im besten Falle im Verbund mit der inneren Arbeit der Achtsamkeit, um die es einem primär immer gehen sollte.

2) Was soll es bringen, einen leicht missverständlichen Vers aus dem Nashorn-Sutta zu zitieren, das aus 41 Versen besteht? Und dies noch dazu in der zwar relativ annehmbaren alten deutschen Übersetzung von Nyanaponika, die aber auch nicht mit der Qualität und dem zeitgemäßen „Sprachduktus“ der englischen Neuübersetzungen zu vergleichen ist? Willst Du damit als Thich Nhat Hanh-Schüler einen bestimmten „negativen“ Eindruck hervorrufen?

Wie ich oben im Kommentar noch hinzufügte: „Das Sutta ist zwar an Mönche gerichtet, trotzdem liegen ihm nach Abzug der für die Mönche zu gehenden Schritte bestimmte übergeordnete “Wahrheiten” zugrunde, die für alle relevant sind.“

Um diese jedoch adäquat sehen zu können, sollte man das ganze Sutta und in guter moderner Neuübersetzung lesen, wie sie etwa hier von Bhikkhu Thanissaro vorliegt.

Der historische Buddha hat natürlich zwischen Laien- und Mönchspraxis unterschieden.

Kanonische Werke wie etwa das Dhammapada oder die umfassende Angereihte Sammlung der Lehrreden, die seit Kurzem jetzt auch in guter englischer Neuübersetzung von Bhikkhu Bodhi vorliegt, enthalten primär Lehren für die Laien.

Zu Deiner Frage:

Der Befreiungsweg unabhängig von den hohen konzentrativen Vertiefungen der Jhanas ist für die Laien begehbar. Daneben gibt es auch noch den Befreiungsweg über die Jhanas, der vor allem für die Mönche gedacht ist. Mit den Jhanas sind bestimmte Kräfte entwickelbar sowie eine ausgeprägte Ruhe, die für die Etablierung einer neuen Lehre wie im Falle der Urgemeinde des Buddhas im alten Indien eine wichtige Rolle gespielt haben. Man kann diverse alte Reden im Palikanon entweder dem einen oder dem anderen Befreiungsweg zuordnen.

Die in Burma entstandene zeitgenössische Vipassana-Bewegung hat gezielt den Befreiungsweg unabhängig von den Jhanas aufgegriffen. Sie vermittelt ihn heute unabhängig von den kulturbedingten Formen breit in der modernen Welt.

Das ist eine machtvolle Bewegung. Laut der Dissertation von Gustaaf Houtman gibt es mindestens 24 große Ansätze in Burma, von denen bisher bloß wenige im Westen bekannt und einflussreich geworden sind. Außerhalb Burmas sind weitere Vipassana-Ansätze entstanden. Je mehr sich aktuell Burma öffnet und demokratisiert, desto stärker werden auch die anderen Ansätze bekannt werden.

Eine Anmerkung:

Eure Beiträge sind anspruchsvoll und die Diskussion hier ist für sicher für viele eine Orientierung. Denn es gibt wie gesagt kaum unabhängige, aber trotzdem bekannte Plattformen zum Buddhismus wie diese hier. Außerdem ist das hier eingeführte Thema „Buddhas Lehre für heute“ immer relevanter und beschäftigt viele, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Übernahmen buddhistischer Meditation und Achtsamkeit in therapeutischen Kontexten, die meist mit dem Anspruch versehen sind, dass die „Essenz“ übernommen worden und der Rest (ohne dass dieser vermeintliche Rest meist gekannt oder verstanden wird) getrost wegzulassen sei.

Trotzdem ist es immer gut, einen Kommentar erst einmal liegen zu lassen und dann daraufhin durchzugehen, ob das zuvor Gesagte wirklich berücksichtigt wird, bevor er publiziert wird. Ich sage das, weil Eure obigen Postings sehr kurze Zeit nach meinem ziemlich eingehenden Kommentar gekommen sind. Berücksichtigt bitte auch, ob Themen bloß wiederholt werden, oder ob weitere wichtige Punkte angesprochen werden. Zeit ist wertvoll.

Herzlich, Hans

20 Joachim Wetzky Februar 19, 2013 um 13:38 Uhr
21 symptomträger Februar 18, 2013 um 22:33 Uhr

Hallo Hans Gruber,

Ein paar Anmerkungen zur Einordnung Wilbers als „synkretistischem Denker“. Die ist, meinem Verständis der Wilberschen Theorie nach, nicht so ganz richtig. Im Zentrum seiner Bemühungen steht eben genau nicht die Synthese oder Verschmelzung von sich bisher wiedersprechenden oder klar unterscheidenden Welterklärungsmodi, sondern die genaue Betrachtung und Untersuchung der Differenzen. Sein Ansatz ist weniger dem wahr- versus -falsch oder Alles-ist-eins Gedanken verpflichtet, als dem der Nützlichkeit.

Die integrale Theorie ist kein fertiges Lehrgebäude, eher dessen mobiles Fundament, falls sie sich denn tatsächlich als nützlich erweisen sollte. Sie wird und will nicht die Traditionen durch Fusion ersetzen, weder die östlichen noch die westlichen, die wissenschaftlichen oder künstlerischen.

Vielmehr ist es ihr Anliegen, deren wertvolle, weil heilsamen Anteile für eine Postmoderne Gesellschaft und deren Nachfolger „retten“ zu helfen. Dies tut sie, indem sie ein gesamtgesellschaftliches Klima mitzugestalten sucht, in dem die Energien nicht durch metaphysische Attraktoren gebunden sind, sondern zum Wohle aller fühlenden Wesen frei fliessen.

So jedenfalls ist mein Glaube derzeit, die integrale Theorie Wilbers betreffend.

Herzlich
Mario

22 Joachim Wetzky Februar 18, 2013 um 21:45 Uhr

Hallo Hans,

Erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, so ausführlich und fachlich zu antworten! Das ist ja auch keine Selbstverständlichkeit.

Eigentlich stimme ich dir vorbehaltlos zu, zu deiner Kritik an dem Konzept des „wahren Selbst“. Es widerspricht eindeutlich der Lehre des Buddha – und der Glaube an Gott oder Seele bringt Leiden mit sich, eben durch das Festhalten-Wollen. Und das ist definitiv ein Punkt, den man bei Ken Wilber kritisieren kann!

Wenn man sich näher mit dem Integralen Ansatz beschäftigt, wird man feststellen, dass viele diesen Ansatz des „wahren Selbst“ zu selbstverherrlichend und irreführend finden.
Meines Erachtens liegt die Qualität der Integralen Theorie darin, eine moderne Form der Meta-Theorie zu sein, die auf alle möglichen Gebiete angewandt werden kann, in denen eine thematische Schieflage herrscht, sei es in der Politik, Medizin oder Pädagogik.

Der Kern des Integralen Ansatzes ist ja, dass sie die Betonung auf die Balance zwischen individuellen und kollektiven Perspektiven legt, sowie auf die psychologische Tatsache, dass wir Menschen uns auf der relativen Ebene in verschiedenen Bewusstseinsräumen befinden – sprich es gibt verschiedene Gruppierungen von Menschen, die sich gemeinsame Werte teilen.

Diese Wertegruppierungen stehen sich nur zu oft feindlich gegenüber und verhindern auf diese Weise ein konstruktives Miteinander. Als Beispiel: Wenn sich ein rationaler Ökonom und ein gemeinschaftlich orientierter Ökologe gegenüberstehen, finden sie oftmals keine Basis, auf die sie sich verständigen können, da ihre Werte zu verschieden sind.

Auch in der buddhistischen Gemeinde gibt es diese Gruppierungen (nur auf der relativen Ebene wohlgemerkt). Und hier sehe ich einen Ansatz, um diese verschiedenen Gruppierungen miteinander ins Gespräch bringen zu können. Wenn dich das näher interessiert, kann ich dir gerne mal ein Pdf zum integralen Ansatz schicken.

Zum Nashorn-Sutta: Kommen wir hier nicht an einen ganz zentralen Punkt, wenn wir über Buddhismus im 21. Jahrhundert sprechen? Schließlich ist die Essenz des Nashorn-Sutta doch ganz auf den Menschen zugeschnitten, der Buddhas Lehre mit „Haut und Haaren“ folgt, sprich, mit ihm in die monastische Gemeinde zieht:

„Spiel und Vergnügen gibt’s im Kreise von Gefährten,
Und zu den Kindern hegt man innige Liebe.
Doch Abscheu fühlend, ob der Trennung von Geliebtem.
Allein mag wandern man, dem Nashorn gleich.“

Doch hier im Westen praktiziert die überwiegende Mehrheit ja als Laienbuddhist. Und so wie ich es verstehe, macht Buddha da schon einen großen Unterschied. So gibt er Händlern und Ministern den Rat, zwar so buddhistisch wie möglich zu praktizieren, dennoch ihre Ämter und Berufe so konsequent (und damit auch erfolgreich) zu meistern. Er gibt ja auch Hinweise darauf, wie ein „guter Staat“ aussehen könnte, wie man also das Gemeinwohl pflegt usw.

Und im Dhammapada gibt er auch den Hinweis, dass es besser ist, nur wenige Lehrreden zu kennen, diese aber hingebungsvoll zu praktizieren, als viele Reden zu kennen, diese jedoch nur auf einer kognitiven Ebene.

Hier sehe ich vielleicht die Aufgabe, dass noch präziser unterschieden werden kann, zwischen der Praxis eines Laienbuddhisten mit Beruf und Familie und einem monastisch Praktizierenden. Wie siehst du das?

Herzlich,
Joachim

23 Hans Februar 18, 2013 um 21:06 Uhr

Hallo Joachim,

Danke für die gute Antwort.

1) Wenn ich sage “Du wirst nichts von diesem integralen Ansatz in den Reden des Buddha finden“, dann meine ich damit die übergeordnete „integrale Theorie“ Ken Wilbers – und zwar unter dem Gesichtspunkt ihrer vermeintlichen „Integration“ der unterschiedlichsten Lehren in einem umfassenden oder „ganzheitlichen“ Weltmodell.

So heißt es auch auf Wikipedia zur „integralen Theorie“ Ken Wilbers ganz richtig:

„Nach Ken Wilber besteht die Aufgabe eines integralen Theoretikers nicht darin, alle existierenden Theorien zu betrachten und zu entscheiden, welche davon „richtig“ sei. Vielmehr müsse er erklären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen „richtig“ sein könne. Denn all diese Theorien in Wissenschaft, Kunst und Spiritualität würden ja tatsächlich praktiziert und man müsse daher nach der Struktur des Kosmos fragen, der ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen gestatte. Es sei also die Frage nach der Architektur des Universums selbst zu stellen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt integraler Theorie besteht darin, zwischen den verschiedenen Ansätzen zur menschlichen Subjektivität zu vermitteln. So wird einerseits davon ausgegangen, dass das individuelle Ich oder Ego nicht die höchste Qualität menschlicher Handlungsfähigkeit darstellt, sondern in einem komplexeren transpersonalen Selbst aufgehen kann, das auch die anderen Wesen im eigenen Denken, Fühlen und Handeln berücksichtigt. Andererseits wird jedoch die Bedeutung des Ich als zentraler Instanz individueller Handlungsfähigkeit betont und sich damit von spirituellen Ansätzen abgegrenzt, welche das Ich in universeller Einheit auflösen möchten.“

Dieser Ansatz geht von der Voraussetzung einer fiktiven übergeordneten Einheit bzw. „Gleichwertigkeit“ der unterschiedlichen Systeme von Welterklärung oder religiöser Orientierung aus, die der Buddha laut den Reden im Palikanon nicht teilt. Denn es gibt in der theoretischen Qualität und dem praktischen Nutzen dieser Systeme deutliche Unterschiede, wie sie sich etwa auch in der jeweiligen Geschichte manifestieren.

Aus der frühbuddhistischen Sicht ist mit logischen Mitteln (prüfender Untersuchung) und empirischen Mitteln (praktischer Erprobung durch Umsetzung) herauszufinden, was „trefflich“ (sammâ), was weniger trefflich und was „verfehlt“ (micchâ) ist. In der Rede 117 der Mittleren Sammlung zum Beispiel wird die „Treffliche Sicht“ als der wichtigste Faktor, das heißt als das alle anderen Faktoren anführende Glied des ganzen Befreiungspfades bezeichnet. Und kritische Untersuchung oder klare Unterscheidung wird in vielen dieser alten Reden als Hauptvoraussetzung für den spirituellen Fortschritt dargestellt.

Später ist Nagarjuna (2.-3. Jh. n. Chr., Indien) in der buddhistischen Geschichte besonders einflussreich geworden. Er hat zum Beispiel betont, dass ohne das Sichstützen auf die „Konvention“ (die konventionelle Wahrheit der Unterschiede) der „höchste Zweck“ (die höchste Wahrheit der Leerheit) nicht gelehrt wird, und dass ohne ein Verstehen dieses höchsten Zwecks keine Befreiung möglich sei. Die Wurzelverse zum Mittleren Weg, Ch. 24, 10.

Resümiert heißt dies: Der prüfende Verstand oder das klare Unterscheidungsvermögen sind auch gemäß Nagarjuna die Hauptvoraussetzung für die innere Befreiung.

Solche Grundbestandteile des zeitlosen „Dharma“ (das, was trägt) des Buddhas stehen klar im Widerspruch zu den modernen integralen Theorien von Ken Wilber oder anderen Vorläufern, etwa dem Inder Sri Aurobindo Ghose. In der Indologie wird das System Aurobindos dem „Neo-Hinduismus“ zugerechnet, der als synkretistische Reaktion auf die besonders missionarische christliche Religion der britischen Kolonialherren Indiens einzustufen ist.

Aus frühbuddhistischer Sicht fallen die Lehren von einem „höchsten Selbst“ – sei es in Form eines Allschöpfers “Jahwe“, „Allah“ oder „Gott“, einer alles durchdringenden Weltseele “Brahma“ bzw. eines „unpersönlichen Gottes“, einer „unsterblichen Seele“, eines „wahren Ichs“ oder jenes „transpersonalen Selbst“ Ken Wilbers – alle unter „verfehlte Sichtweisen“.

Wenngleich es vom Standpunkt der konventionellen Wahrheit natürlich „Selbst“ und „andere“ gibt. Alle Ethikbegründungen des frühen wie späteren Buddhismus gehen von dieser konventionellen Wahrheit aus. Im frühen Buddhismus heißt es etwa, dass man, indem man „sich selbst in allem wiedererkennt“, die „ganze Welt“ mit Liebe, Mitgefühl und Mitfreude durchstrahlt.

In der Rede 11 der Mittleren Sammlung, mit dem Titel „Das Löwengebrüll“, betont der Buddha, wie sich seine Praxislehre des universellen „Nicht-Selbst“ von allen anderen Doktrinen unterscheidet und wie die Befreiung von allen „Fesseln“ lediglich dadurch möglich sei. Oder in der zentralen Einleitungsrede der Langen Sammlung werden alle zeitgenössischen Lehren von einem (wahren) „Selbst“ nacheinander als „verfehlte Sicht“ zurückgewiesen.

Denn solche Lehren wirken tiefenpsychologisch als die Quelle des „Selbst“- oder „Ich“-Glaubens und bringen damit Durst, Fixierung oder Festhalten hervor. Der Glaube an „Gott“ und „Seele“ ist im Grunde der Glaube an das eigene „Ich“ und „mein“ in seiner metaphysisch überhöhten, sich selbst im „Ich und mein“-Glauben „rückversichernden“ Form. Diese psychologische Funktion erklärt auch alleine die große Macht der Monotheismen über das Unbewusste der „Gläubigen“.

Diese Rückversicherungsfunktion wirkt genauso bei höchst gewalttätigen Charakteren, die sich dann von „ihrem“ jeweiligen Gott etwa zu Selbstmordattentaten aufgefordert fühlen oder zu den zahllosen Gewalttaten in der Geschichte der Monotheismen, die alle „im Namen Gottes“ ausgeführt worden sind, wie sie bei wohl gesinnten Geistern wie einem Albert Schweitzer oder einer Mutter Theresa wirkt, die ihren Gott zum Beispiel als „Liebe“ betrachten.

Weil all diese „Selbst“-orientierten Lehren heute eine große Macht über das Unbewusste vieler Menschen haben, wirken synkretistische oder integralistische Denker wie Ken Wilber auf viele attraktiv. Das Gleiche hat früher (zum Teil auch heute noch) für die ersten großen westlichen synkretistischen Vorläufer Ken Wilbers gegolten, die Theosophen (wörtlich „Vertreter der Weisheit Gottes“), die ebenfalls ein umfängliches theoretisches „System“ entwickelt haben.

Die Theosophie ist Ende des 19. Jahrhunderts von der Russin Helena Blavatsky geschaffen worden, und zwar relativ kurze Zeit nach der Begründung der Buddhismuskunde in Bezug auf den späteren Buddhismus Mahayana (Eugene Burnouf) und den früheren Buddhismus Theravada (Hermann Oldenberg und Rhys Davids), das heißt kurz nach der wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnis, dass es neben den drei monotheistischen Weltreligionen noch die ganz Asien prägende „atheistische“ Weltreligion des Buddhismus gibt.

Das wirkte wie ein „Paukenschlag“ im Abendland, das bis dahin immer von der Überlegenheit seiner eigenen „Gott“-Religion ausgegangen ist.

Die unter anderem auf den Buddhismus zurückgreifenden Systeme der Theosophen oder Ken Wilbers sind also letztlich nichts Anderes als theoretisch-spekulative „Verteidigungsinstrumente“ tief sitzender westlicher Glaubensformen.

Die Theosophen oder Ken Wilber suggerieren eine höhere Einheit zwischen allen Glaubensvorstellungen und der Praxislehre des „Nicht-Selbst“ des Buddhas.

Aber diese gibt es in Wahrheit nicht. In der Lehre des Buddhas gemäß den Reden des Palikanons gibt es keine Spur von jener Vorstellung von einer übergeordneten Einheit.

Wirklich moderne Denker wie vor allem der amerikanische Bestsellerautor und Neurowissenschaftler Sam Harris verstehen das gut. Sie setzen heute die altindische buddhistische, friedlich-sachliche Debattentradition in unserem modernen Kontext sehr machtvoll fort.

Die synkretistischen Denksysteme untergraben das klare Unterscheidungsvermögen und damit das laut dem historischen Buddha zentrale Instrument für die Befreiung und den inneren wie äußeren Frieden. Sie öffnen damit der Manipulation Tür und Tor.

Theosophisch geprägte deutsche „Buddhisten“ wie Karl-Eugen Neumann, der Anfang des 20. Jahrhunderts die bis heute einzige vollständige deutsche so genannte „Übersetzung“ (besser chistliche Umdeutung) der Reden des Buddhas im Palikanon gemacht hat, haben dafür gesorgt, dass diese originalen Lehren hierzulande bis heute keinem breiteren Kreis zugänglich sind.

Denn Englisch ist für diesen Zugang heute leider die Voraussetzung. Nur im Englischen gibt es verlässliche Neuübersetzungen, von wissenschaftlich profunde vorgebildeten westlichen buddhistischen Mönchen, die ihr Leben auch diesen Neuübersetzungen gewidmet haben (Bhikkhu Bodhi und Bhikkhu Thanissaro).

In der Tradition der Theosophen und eines Karl-Eugen Neumann stehen heute voll und ganz solche deutschen „Denker“ wie Manfred Folkers, dessen aktueller Artikel in der Buddhismus Aktuell „nicht ernst gemeint“ sein kann, was die Aussagen über die Lehre des Buddhas angeht (aber dazu im 2. Teil des Hauptbeitrags).

2) Nun zu meiner Aussage: „… und gerade aus diesem klaren Denken und Sehen ist die mit Abstand friedvollste und innerlich hilfreichste Weltreligion hervorgegangen.”

Ohne mutige Aufklärer und klare, unterscheidende Denker in den letzten Jahrhunderten, die zum Teil einen hohen Preis dafür zu zahlen hatten, hätte es keinen der Fortschritte wie Aufklärung, Sozialbewegungen, Demokratie, moderne Freiheiten und Menschenrechte gegeben, die wir heute alle, und oft wie selbstverständlich, genießen.

Der Synkretismus bzw. das Fehlen von klarem, kritischem Unterscheidungsvermögen ist nicht friedensfördernd. Das Gegenteil ist der Fall!

Ich nenne hier ein drastisches Beispiel – den Nationalsozialismus, der im Grunde bloß ein extrem synkretistisches Ideologieprodukt aus den folgenden Bestandteilen ist:

„Ariosophie“, die selbst ein Mischprodukt aus Theosophie, dem rassistischen Glaubenssystem Arthur de Gobineaus und Houston Chamberlains sowie germanischen Kulten ist (vgl. v. a. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus von Nicholas Goodrick-Clarke), einem auf dem spezifischen Nährboden des österreichisch-deutschen Katholizismus und Protestantismus über Jahrhunderte herangewachsenen österreichisch-deutschen Antisemitismus (vgl. v. a. die geschichtliche Studie Ideology of Death: Why the Holocaust Happened in Germany des Professors John Weiss, der aufzeigt, wie ohne diesen „religiösen“ Nährboden der Nationalsozialismus überhaupt nicht möglich gewesen wäre), dem „arischen Mythos“, an dem im 19. Jahrhundert diverse Denker beteiligt waren (vgl. v. a. Der arische Mythos: Zu den Quellen von Rassismus und Nationalsozialismus von Leon Poliakov) sowie viel mehr Christentum und an einem „höchsten Gott“ orientiertes Denken als generell angenommen (siehe etwa Hitlers Theologie von Rainer Bucher und Hitlers mythische Religion: Theologische Denklinien und NS-Ideologie von Anton Grabner-Haider).

3) Auf der anderen Seite ist gegen Deine Forderung von „Balance“ zwischen jenen verschiedenen Bereichen nichts einzuwenden.

Selbstverständlich kommt dieser Grundgedanke der Balance auch in den „Drei Freiorten“ Buddha, Dharma und Sangha zum Ausdruck. Ich übersetze „saranam“ für wörtlich „Haus“ nicht mit „Zufluchten“, weil in diesem Ausdruck schon wieder Weltflucht und jenes vom Buddha nirgendwo gelehrte, letztlich christliche „Leben ist Leiden“ mitschwingt. In ein Haus „flieht“ man gewöhnlich nicht. Durch eine solche balancierte Praxis kommt es zu innerer „Ganzheit“, Integration oder Integrität.

In diesem Sinne ist die Lehre des Buddhas in der Tat „integral“, das heißt also bloß genau in dem Sinne, dass die folgenden drei Bewusstmachungen und Umsetzungen im Gleichgewicht zu halten und eben in einem „integralen“ Sinne als „Ganzes“ anzusehen sind:

A) Die Bewusstmachung und Umsetzung des ureigensten Potenzials zum höchsten Erwachen: „Buddha“ – in klarer Unterscheidung zu allen negativen Menschenbildern, wie etwa dem christlichen von der „Erbsünde“ bzw. der Angewiesenheit auf eine „göttliche Gnade“ für eine Befreiung.

Eine höhere Einheit zwischen diesen Menschenbildern gibt es jedoch nicht. Es gibt bloß eine innere und äußere Entscheidung nach weiser Abwägung der Argumente.

B) Die Bewusstmachung und Umsetzung der praktischen Mittel, Methoden und Wege zu diesem Zweck: „Dharma“, nämlich des „zeitlosen“ Pfades von Ethik, Ruhe und Einsicht auf Grundlage zunehmenden „Selbstdenkens und sehender Achtsamkeit“ – in klarer Unterscheidung zu allen Wegen, die nicht diesen kulturübergreifenden Weg vermitteln, indem sie zum Beispiel suggerieren, Erlösung komme durch den Glauben an eine höchste göttliche Macht, einen „letzten Propheten“, einen vermeintlichen „Sohn Gottes“, dessen „Kreuzestod“ oder dessen Wiederkehr „mit Pauken und Trompeten“ zu irgendeinem „Jüngsten Gericht“ usw.

Eine höhere Einheit zwischen jenem zeitlosen Praxisweg der Entwicklung von Ethik, Ruhe und Einsicht auf Basis von Achtsamkeit und diesen Glaubensimaginationen gibt es jedoch nicht. Es gibt bloß eine innere und äußere Entscheidung nach weiser Abwägung der Argumente.

C) Die Bewusstmachung und Umsetzung der Tatsache, dass dieser Weg nicht alleine zu gehen ist, sondern des Austausches mit anderen ernsthaft Strebenden bedarf: „Sangha“.

Dabei können jedoch Phasen intensiver und auch solitärer Praxis notwendig sein. Viele große buddhistische Meister hatten lange Phasen abgeschiedener individueller Praxis in ihrem Leben, bevor sie in starke Interaktion mit anderen getreten sind. Das gilt auch für Laienmeister oder -lehrende, die nicht ordiniert gewesen sind.

Auch müssen es „ernsthaft Strebende“ im Sinne jenes zeitlosen „Dharma“ sein. Dabei ist es unerheblich, ob sie sich als „Buddhisten“ sehen – zumal der Begriff „Buddhismus“ eine westliche Erfindung ist, die den „Erlösungspragmatismus“ der Lehre des Buddhas im Grunde „verfehlt“.

Ohne solche Freunde empfiehlt der Buddha etwa den Weg des „Nashorns“ (Nashorn-Sutta, Sutta-Nipata 1,3). Das Sutta ist zwar an Mönche gerichtet, trotzdem liegen ihm nach Abzug der für die Mönche zu gehenden Schritte bestimmte übergeordnete „Wahrheiten“ zugrunde, die für alle relevant sind.

Die Lehre des historischen Buddhas ist kein „geschlossenes System“. Hier gibt es gewisse Widersprüche, welche die Unterschiedlichkeit der Menschen widerspiegeln, die vom Buddha mit seinen Anweisungen adäquat gesehen und berücksichtigt worden sind.

Reden wie das Nashorn-Sutta ist in unserer Zeit auch ein wichtiges Hinweis. Denn All-ein-Sein und Mit-anderen-Seins sollten im Gleichgewicht sein. Dies ist heute in vielen Fällen nicht der Fall. Hier spielen die buddhistischen intensiven Meditationsschulungen eine wichtige Rolle, besonders in Form der „stillen“ Achtsamkeitspraxis Vipassana. Die reflektiven und kommunikativen Praxisformen, wie sie etwa bei Thich Nhat Hanh geübt werden, können hier eine vorbereitende Funktion haben. Denn die intensiven stillen Schulungen befähigen zum All-ein-Sein, was ein qualitativ „anderes“ Mit-anderen-Sein ermöglicht.

Herzlich, Hans

24 Joachim Wetzky Februar 17, 2013 um 18:31 Uhr

Du schreibst „Du wirst nichts von diesem integralen Ansatz in den Reden des Buddha finden; und gerade aus diesem klaren Denken und Sehen ist die mit Abstand friedvollste und innerlich hilfreichste Weltreligion hervorgegangen.“

Ken Wilbers Grundgedanke ist ja der: „Alles Lebendige (z.B. ein Mensch) hat ein „Innen“ (subjektiv, erfahrbar) und ein „Außen“ (objektiv, sichtbar, messbar) und ist in Systemen (z.B. Umfeld, Familie, Organisationen) eingebunden. Somit entstehen vier unterschiedliche, gleichwichtige Perspektiven, die sich in Form eines Quadrantenbilds strukturieren lassen.
Die Quadranten entstehen durch die Unterteilung in außen (rechte Quadranten) und innen (linke Quadranten) und außerdem in individuell (obere Quadranten) und systemisch (untere Quadranten).
Oder anders gesagt: links sind die subjektiven ICH- und die WIR-Perspektiven und rechts die objektiven ES- und SIE-Perspektiven.
Und aus jeder Sicht sieht die Welt anders aus! Und alle sind gleich wichtig!“ Lutterbeck

Alle Dinge und Ereignisse lassen sich auch „durch die Quadranten“ betrachten. Ein Beispiel: Bei jedem Praktizierenden gibt es ein Individuell-Inneres, das sich in der Meditation erleben und „trainieren“ lässt, solange, bis die Illusion des „ich“ durchschaut ist. Alles was wir in der Meditation und Kontemplation erfahren gehört hierher.
Dann gibt es ein Individuell-Äußeres. Dazu gehören unser Verhalten, unser Körper, unsere Kompetenzen. Auch hierauf legt der Buddhismus einen großen Wert, z.B. durch Ethik, körperliche Integration und die Aneignung der verschiedensten Techniken durch Kurse, Lehrer, Bücher.
Dann gibt es ein Kollektiv-Innerliches. Darin enthalten sind unsere gemeinsamen, kulturellen Moralvorstellungen. Heute haben wir ein anderes Verständnis über die Welt als vor 2000 Jahren. Wir sind durch einen Prozess der Aufklärung gegangen, nehmen Ungerechtigkeiten nicht mehr in Kauf. Im Buddhismus finden wir hier die Sangha, denn nur wenn wir einen gemeinsamen Raum schaffen, kann daraus auch eine tiefgreifende Transformation geschehen.
Schließlich gibt es den kollektiv-äußerlichen Bereich. Darin enthalten ist der ganz konkrete physische Raum, also alles was wir anfassen können. Es braucht systemische Strukturen um den Buddhismus praktizieren zu können, also Meditationszentren, Verlage die Bücher produzieren, usw.

Nun geht es darum, dass all diese Bereiche miteinander untrennbar verbunden sind – und demnach alle in Balance sein sollten. Buddha, Dharma, Sangha, wenn man so möchte. Viele Praktizierende gehen jedoch nur in den individell-innerlichen Bereich und vernachlässigen die anderen Bereiche. Ein integraler Ansatz möchte auf diese Schiefentwicklung hinweisen. Etwas, das auch viele buddhistische Lehrer unternehmen, wenn sie sagen, wir dürfen die materielle Welt nicht vernachlässigen und müssen uns darum kümmern. Insofern finde ich sehr viel vom integralen Ansatz in den Lehren des Buddha!

P.S. „Integral“ meint übrigens etwas Anderes, als es Folkers in seinem Artikel einführt. Mir ist da nicht klar geworden, worauf sich „integral“ bezieht.

25 Hans Februar 16, 2013 um 14:53 Uhr

Die „Drei Universellen Merkmale“ des frühen Buddhismus versus
die „Drei Dharma-Siegel“ bei Thich Nhat Hanh

Mit Deinem Zitat von Thich Nhat Hanh (Thay) oben kannst Du sehen, wie Thay mit den ursprünglichen buddhistischen Lehren umgeht.

Denn er hat aus den „Drei Universellen Merkmalen“ des frühen Buddhismus jene „Drei Dharma-Siegeln“ gemacht, die er dann in einer Art Absolutismus kurzerhand zur „wahren buddhistischen Lehre“ erklärt. Seine „Drei Dharma-Siegel“ kommen jedoch in den alten buddhistischen Quellen nicht vor.

Deshalb meint Thay schon tatsächlich, was er oder Manfred Folkers für ihn in der jetzigen Buddhismus Aktuell vorbringen (siehe meinen Kommentar oben). Sie verstehen die alten „Drei Universellen Merkmale“ und „dukkha“ wirklich nicht!

„Dukkha“ (bei den unbelebten Phänomenen „nicht hinreichend“ und bei den Gefühlen der Wesen „leidvoll, siehe auch oben) lässt sich nicht aus den Drei Merkmalen herausnehmen und durch Nirvana ersetzen. Thay bzw. Manfred Folkers verstehen mit dieser Ersetzung Zweierlei nicht:

Erstens bedeutet dukhha bei den Dingen wie gesagt nicht „leidvoll“. Das würde sofort klar, wenn man sich mit dem originalen Ausdruck richtig befasst. Das spirituell äußerst aussagekräftige Sanskrit oder Pali sind nicht Deutsch. Was man dort mit einem komplexen Begriff für zwei unterschiedliche Kontexte sagen kann, ist so im Deutschen oder Englischen nicht möglich.

Zweitens wird bei der richtigen Übersetzung „nicht hinreichend“ der logische Zusammenhang zu „vergänglich“ (dem ersten Merkmal) klar: „Vergänglich“ – und zwar von Moment zu Moment – charakterisiert die Dinge selbst.

„Nicht hinreichend“ berücksichtigt dann als Nächstes (zweites Merkmal) die gewöhnliche Haltung des Menschen zu diesen Dingen – die Tendenz zur „Selbst“-Identifikation damit, zum Ergreifen, aus der Projektion von Permanenz oder Verlässlichkeit – und sagt dann bloß aus, dass diese gewöhnliche Haltung objektiv „nicht adäquat“ ist, eben weil die Dinge in ihrer Vergänglichkeit „nicht hinreichend“ oder „unzureichend“ sind.

Aus diesem Doppelgrund sind sie nun das „Nicht-Selbst“. Psychologisch übersetzt heißt dies: Sie sind nicht letztendlich oder wirklich hab-bar, „sei-bar“, fixierbar, nicht festhaltbar bzw. ohne einen „ergreifbaren“ Kern eines „Selbst“.

Je tiefer diese Zusammenhänge existenziell intuitiv – hier kommt jetzt die systematische und spontane Meditation ins Spiel – erfasst werden, desto mehr kommt es zur Nichtidentifikation im Sehen und zum Erleben von „Nirvana“, wörtlich „Verlöschen“ der inneren Leidursachen. „Nirvana“ ist nicht weltfern, sondern eine weltimmanente Elebnisqualität, die wahren Genuss überhaupt erst ermöglich – gleich, wo man ist.

Nirvana ist jedoch kein „Daseinsmerkmal“ oder irgendein ontologischer „Grund des Seins“ (Manfred Folkers), sondern die innere Frucht der Befreiung von den geistigen Leidursachen, das heißt eine zunehmend „andere“ Haltung zur Welt oder zum Sein. Nirvana „ist“ zwar in der Welt (eine andere, befreite Haltung zu ihr), aber nicht „von“ der Welt (also kein Daseinsmerkmal oder Charakteristikum der Dinge).

Im zentralen Dhammapada des Palikanons werden die beiden ersten Daseinsmerkmale „Vergänglichkeit“ und „Nicht-Hinreichen“ alleine den Phänomenen zugeordnet, das heißt nicht dem Nirvana. Es ist selbst unvergänglich und, wie es anderswo heißt „höchstes Glück, das kein Gefühl (mehr) ist“. In diesem Sinne ist es nicht auf das Leben beschränkt. Aber das Nirvana ist wie alle Phänomene „Nicht-Selbst“, das heißt nicht habbar, fixierbar oder festhaltbar. Es stellt sich vielmehr im gleichen Maße ein, wie Identifikation, Durst und Ergreifen mit dem befreienden Sehen schwinden.

Wenn man Nirvana zum Daeinsmerkmal anstelle von „Nicht-Hinreichen“ Dukkha erklärt, lenkt das letztlich von der „nicht hinreichenden“ Beschaffenheit der Dinge bloß ab; und kann damit auch nicht zu einer befreiten inneren Haltung (des Nirvana) zu den Dingen führen. Denn eine solche Haltung ist alleine durch eine „wirklichkeitsgemäße“ bzw. „Treffliche Sicht“ (sammâ ditthi) realisierbar.

Man kann zwar eine Art Projektions-„Zuckerguss“ über die Dinge legen, indem man sie als selbst das Nirvana erklärt (wie es Thay oder Manfred oder der spätere Buddhimsus machen), und sich daran irgendwo ergötzen. Es ändert aber nichts an der Beschaffenheit der Dinge unter dem Zuckerguss. Sie sind auch selbst genausowenig abstoßend. Sie sind schlicht objektiv „nicht hinreichend“ und erfordern deshalb eine Änderung der gewöhnlichen, durch Nichtsehen bedingten „dürstenden“ oder „ergreifenden“ Haltung zu ihnen.

Dann erst wirken sie als die Quelle von echtem Glück. Dann erst gilt das berühmte Wort Nagarjunas „Samsara ist Nirvana“, nämlich vom Standpunkt der höchsten Wahrheit bzw. der Schau der Leerheit von allem von einem ergreifbaren „Selbst“ (wie es Nagarjuna erklärt). Und es ist systematisch in Meditation wie auch spontan kultivierte „sehende Achtsamkeit“ von einem Moment zum anderen, die allmählich diese Leerheit erfasst.

Es gibt hier „keine befriedigende Sichtweise für alle Beteiligten“, wie Du vorschlägst. Es gibt bloß eine individuelle Entscheidung nach Abwägung der Qualität der vorgebrachten Argumente.

Wir führen eine sachliche Diskussion über Inhalte oder Deutungen des Dharma, auch wenn sie den Charakter einer Auseinandersetzung und Debatte hat. Solche Debatten haben in der buddhistischen Geschichte immer eine zentrale Rolle gespielt. Sie haben nichts Anrüchiges, Problematisches, Spalterisches oder Unverständiges. Sie sind bloß das beste Klärungsmittel für Außenstehende.

Aber eine solche positive „Streitkkultur“ gibt es hierzulande leider bisher kaum – nicht zletzt wegen jener von Dir, Manfred Folkers, Thich Nhat Hanh Thich (in seiner Tradition gilt doch jedes kritische Wort oder eine Debatte schon als gewisses Problem) und vielen propagierten „integralen“ Ansätze, die dem originalen Dharma des historischen Buddhas fremd sind.

Und es gibt sie auch deshalb nicht, weil hier nicht eine ernsthafte Wahrheitssuche im Mittelpunkt steht, sondern unbewusste Prägungen, die es eben unbewusst zu verteidigen gilt.

Hier hast Du gleich ein gutes Beispiel, wie unterschiedlich diese buddhistischen Traditionen im Grunde sind. In den Reden des Buddhas im Palikanon gibt es massenhaft sachliche kritische Auseinandersetzungen mit den Lehren der anderen zeitgenössischen Lehrer.

Zu diesem ganzen westlichen ken-wilberischen „integralen“ Ansatz als „Türöffner“ für Nicht-Dharma-Elemente und letztlich auch Christentum usw., schlicht weil so viele nicht imstande sind, sich ihre eigenen diesbezüglichen Prägungen bewusst zu machen, habe ich mich oben bereits klar geäußert.

Du wirst nichts von diesem integralen Ansatz in den Reden des Buddhas finden (in den verlässlichen englischen Neuübersetzungen von Bhikkhu Bodhi oder Bhikkhu Thanissaro, und nicht den alten deutschen so genannten „Übersetzungen“ von Karl-Eugen Neumann, die gezielte Verwässerungen bzw. christo-buddhistische Umdeutungen sind, gefärbte „Kommentare“ und keine getreuen Übersetzungen).

Aber gerade aus diesem klaren Denken und Sehen ist die mit Abstand friedvollste und innerlich hilfreichste Weltreligion hervorgegangen, eben wegen der klaren Unterscheidung und des klaren Sehens, ganz im Sinne von „Selbstdenken und sehender Achtsamkeit“!

Übrigens werde ich den Hauptbeitrag oben noch in einem zweiten Teil durch eine sehr kritische Analyse von Manfred Folkers Beitrag Buddha für alle in der jetzigen Buddhismus Aktuell 1/13 ergänzen. Dieser Beitrag ist die reinste Verzerrung alter buddhistischer Lehren.

Herzlich, Hans

26 Joachim Wetzky Februar 16, 2013 um 12:56 Uhr

An dieser Stelle möchte ich noch Bezug nehmen auf die drei Dharma Siegel und der Interpretation von Thich Nhat Hanh (gerade auch wegen dem Beitrag in „Der Mittlere Weg“). Er selbst schreibt in seinem Buch „Die Welt ins Herz schließen“: „Wann immer sich Dinge ändern, leiden wir. Der Buddha gab uns die Schlüssel der Unbeständigkeit und der Natur des Nicht-Selbst aller Dinge, um uns zu helfen, nicht zu leiden. (…) Unbeständigkeit, Nicht-Selbst und Nirwana sind die Drei Dharma Siegel, die Merkmale jeder wahren buddhistischen Lehre.“

Ich kann hier nicht erkennen, dass Nhat Hanh die Lehre verfälscht. Und wenn ein Schüler von Nhat Hanh zu einer anderen Sicht kommt, so hat dies ja nichts mit dem Lehrer zu tun. Vermutlich bräuchte es einen klärenden Dialog zwischen einigen Kritikern und Thich Nhat Hanh selbst, um zu einer befriedigenden Sichtweise für alle Beteiligten zu kommen…

27 Hans Februar 15, 2013 um 17:20 Uhr

Hallo Joachim,

Thich Nat Hanh (Thay) ist kein Vertreter des frühen Buddhismus, auch wenn er ihn zu einem bestimmten Teil wohl relativ gut kennt. Trotzdem beansprucht er, und stark, die Lehre des historischen Buddhas genau wiederzugeben.

Jene „Drei Universellen Merkmale“ sind von Thay in die „Drei Siegel des Dharma“ umgedeutet worden. Und er kritisiert ja auch die Vipassana-Traditionen, weil er weiß, dass sich deren ebenfalls zunehmend populäre Vertreter von seinen Deutungen und der von ihm gelehrten „Achtsamkeit“ deutlich unterscheiden.

Das ist letztlich der Hintergrund für seine oder Manfreds Deutungen.

Deshalb ist es vollkommen gerechtfertigt, hier genau hinzuschauen. Niemand hat ein Kritik-Monopol, zumindest nicht im Westen.

Wer mit diversen „starken“ Behauptungen zur Lehre des Buddhas in die Öffentlichkeit tritt, wie auch Du es tust, muss – zumindest in einer modernen Gesellschaft – bereit sein, sich kritischen Bestandsaufnahmen auszusetzen.

Das gilt um so mehr, als wir alle – wie im Hauptbeitrag näher ausgeführt – geschichtlich geprägte Wesen sind. Zum spezifischen Hintergrund des starken deutschen Synkretismus habe ich dort eingehend geäußert. Diese „Brille“ gilt es (und zwar vor allem im Sinne der frühbuddhistischen Bewusstheit bzw. „sehenden Achtsamkeit“) immer klarer zu erkennen und schließlich – abzulegen!

Der Buddhismus im Westen ist ja noch in den Kinderschuhen: Hier wirken wir alle als Vordenker und Wegbereiter. So ist es immer in der Geschichte des Buddhismus gewesen, dass sich von Anfang an verschiedene Strömungen herausgebildet haben.

Mein Weg weist in eine etwas andere Richtung als die synkretistische – nämlich in diejenige des Dharma (das, was trägt).

Da bin ich keineswegs alleine. Sam Harris etwa macht es mit einem deutlich größeren Wirkungskreis.

Ich muss mich auch mit anderen Dingen befassen. Ich spreche auf diesem Blog lediglich einen kleinen Teil dessen an, was es eigentlich anzusprechen gälte. Im Rahmen dieses Beitrags äußere ich mich stärker, weil es ein zunehmend wichtiges Thema ist, das von immer mehr „Buddhisten“ aufgegriffen wird.

Herzlich, Hans

28 Joachim Wetzky Februar 15, 2013 um 16:55 Uhr

Die präzise Definition des Begriffes „Dukkha“ bringt so einige Wunder ans Licht – das hat wohl jeder schon erfahren, der sich damit näher beschäftigt. Und ich kann mir vorstellen, dass Thich Nhat Hanh ebenfalls mit dieser präzisen Definition vertraut ist.

Ich kann es verstehen, wenn sich die Anhänger des ursprünglichen Buddhismus von allen Neuerungen fernhalten und diese nicht akzeptieren können. Das ist meines Erachtens auch ihre Aufgabe! Der Dharma sollte von Generation zu Generation so originalgetreu wie möglich weitergegeben werden.

Und auch ich stehe zu meinem postmodernen Buddhismus, der versucht, einige Essenzen der buddhistischen Lehre weiterzugeben. Denn so wie der Buddha sagt, wird es in jeder Generation nur eine Handvoll Leute geben, die den Dharma richtig verstanden haben. Der große Rest wird sich mit einigen dharmischen Brotkrumen zufrieden geben – die durchaus für große Zufriedenheit und Erleuchtung sorgen können.

Und das ich nicht näher auf deine Beiträge eingehen kann, liegt an meinem arbeitsreichen Pensum – eine Familie möchte schließlich ernährt werden.

29 Hans Februar 15, 2013 um 16:00 Uhr

Hallo Joachim,

In den langen „Insider-Retreats“ mit Thich Nhat Hanh (nachfolgend kurz „Thay“ genannt), die ich früher in meiner Zeit dort erlebt habe, erwies er sich häufig als klarer Unterscheider. Das ist jedoch einige Jahre her. Wie es heute ist, wage ich nicht zu beurteilen, bin aber ausgehend vom Folgenden skeptisch, ob es noch so ist.

Zur Zeit wird etwa überall „groß“ auf das Thema „Glück“ aufgesprungen, wie auch mit dem von Dir oben verlinkten Kurs von Thich Nhat Hanh. (Auch ist nichts gegen Glück zu sagen; bloß wird es im Buddhismus ziemlich anders als gewöhnlich verstanden, was aber auch ein anderes Thema wäre.)

Thich Nhat Tanh-Schüler Manfred Folkers deutet in der aktuellen Buddhismus Aktuell in einem Kasten am Ende seines Beitrags die zentralen „Vier Edlen Wahrheiten“ vom Leiden, dessen Ursache, dessen Ende und dem Weg dahin allesamt mit den Begriffen „Glück“ um (im Sinne des dort zitierten Ajahn Brahm).

Manfreds nachfolgende Begründungen, womit er nach Ajahn Brahm schließlich Thay „nachredet“ (laut der dortigen Quellenangabe von Thays Buch Das Herz von Buddhas Lehre), zeigen lediglich, dass Thay und er hier etwas (bewusst oder unbewusst) nicht verstanden haben, auch wenn es in devoten Ohren nun häretisch klingen mag. Ich orientiere mich an den Fakten –

In diesen Ausführungen von Manfred bzw. Thay geht es um eine andere zentrale Lehre des Buddhas, nämlich von den „Drei (Universellen) Merkmalen“ aller Dinge als (in korrekter Übersetzung) „vergänglich“ (anicca), „nicht hinreichend“ (dukkha), die unbewussten Erwartungen eines verlässlichen Glücks zu erfüllen, und „Nicht-Selbst“ (anattâ). Die meisten deutschen Buddhisten jedoch (wie etwa auch im „Buddhistischen Bekenntnis“ des Dachverbandes DBU) übersetzen diese „Drei Universellen Merkmale“ jedoch mit „Unbeständigkeit, Leiden und ohne eigenständiges Selbst“.

Im Sinne dieses falschen Verständnisses bzw. falschen Ausgangspunktes heißt es dann in jenem Beitrag von Manfred bzw. Thay:

„Die Schlussfolgerung, Unbeständigkeit, also Leiden, also ,Nicht-Selbst´ ist unlogisch.“

Danach kommt als nähere Begründung dafür, dass zwar „Unbeständigkeit und Nicht-Selbst universal“ wären, aber, so weiter:

„Leiden ist das nicht. Es ist unschwer zu erkennen, dass ein Tisch unbeständig ist und kein Selbst hat, das unabhängig wäre von allen Nicht-Tisch-Elementen wie Regen, Sonne, Möbelschreiner usw. Aber kann man behaupten, dass ein Tisch Leiden sei? … Leiden ist kein Grundelement von Existenz. Leiden ist ein Gefühl.“

Das ist soweit auch richtig erkannt!

Bloß ist in der originalen Formulierung der „Drei Merkmale“ von „Leiden“ als Kennzeichen der Phänomene bzw. der unbelebten Dinge eben überhaupt keine Rede! Denn der komplexe Pali-Begriff „dukkha“, der hier fälschlich mit „Leiden“ übersetzt wird, erscheint in zwei völlig unterschiedlichen Kontexten in den Reden des Buddhas, was jeweils eine andere Übersetzung erfordert. Das spirituell äußerst aussagekräftige Sanskrit oder Pali sind nicht Deutsch oder Englisch. Was man dort mit einem komplexen Begriff für zwei unterschiedliche Kontexte sagen kann, ist so im Deutschen oder Englischen nicht möglich.

Zu diesem Thema zitiere ich jetzt einfach aus meinem alten Kursbuch Vipassana aus dem Abschnitt „Die korrekte Übersetzung von dukkha“ (S. 94):

„Das im Pali-Kanon absolut zentrale Wort »dukkha« heißt wörtlich ,schlecht laufend´, ,sich schlecht drehend´, in Bezug auf eine Radnabe. Der namhafte Indologe Monier Williams vermutet hier auch die Wurzel ,schlecht stehen´.

Der Begriff taucht im Pali-Kanon in zwei ganz unterschiedlichen Kontexten auf: Einmal beschreibt es das subjektive Befinden des Menschen aufgrund von Unwissen, Durst und Ergreifen, wie bei den „Vier Edlen Wahrheiten“. Hier ist die Übersetzung ,leidvoll´ korrekt – oder auch ,angstvoll´, wie der Autor Stephen Batchelor schreibt. Aber gleichzeitig beschreibt dukkha auch den objektiven Zustand der flusshaft-vergänglichen Dinge, wie bei den „Drei Daseinsmerkmalen“. Hier ist bloß die Übersetzung ,nicht-hinreichend´, ,ungenügend´ oder ,unbefriedigend´ korrekt. Doch meistens wird selbst hier dukkha mit ,leidvoll´ übersetzt (von Buddhisten, buddhistischen Lehrenden und auch vielen Wissenschaftlern).

Damit wird dem Buddha fälschlich eine Gleichsetzung des Lebens mit dem Leiden in den Mund gelegt (ich ergänze hier – damit wird im Sinne jenes im Hauptbeitrag genannten Synkretismus dem Buddha die christliche Vorstellung vom Leben per se als Leiden bzw. „irdisches Jammertal“ in den Mund gelegt).

Aber den Dingen der Welt können selbstverständlich keine Gefühle des Menschen wie ,Leiden´ innewohnen. Nicht die Dinge der Welt, sondern immer nur die Gefühle des Menschen sind leid-voll.

,Dukkha´ kann und muss deshalb abhängig vom jeweiligen Kontext zweifach wiedergegeben werden, eben weil dieser Begriff kein Gefühl, sondern immer bloß ein Verhalten – jenes ,Schlecht-Laufen´ – beschreibt.

Bei den Drei Daseinsmerkmalen sind die aufgrund ihrer flusshaften Vergänglichkeit ,schlecht laufenden´ objektiven Dinge ,nicht-hinreichend´. Denn das ,schlecht laufende´ oder ,schlecht stehende´ Vergängliche macht unsere (unbewussten) Versuche, darauf mitzufahren oder darauf zu stehen – die Tendenz zur Identifikation und zum Sich-Verlassen -, zu einem letztlich immer aussichtslosen Unterfangen. Bei den Vier Edlen Wahrheiten ist das aufgrund von Unwissen, Durst und Ergreifen ,schlecht laufende´ subjektive Befinden des Menschen ,leid–´ oder auch ,angstvoll´.“

Damit löst sich also das ganze in jener Ausgabe von Buddhismus Aktuell von Manfred mit Thay erörterte Problem einfach in Luft auf!

Der historische Buddha hat nirgendwo in seinen Reden die Gleichsetzung „Das Leben ist Leiden“ gelehrt – weder mit diesen „Drei Universellen Merkmalen“ noch mit den „Vier Edlen Wahrheiten“ noch irgendwo anders. Das wörtliche Resümee der ersten „Edlen Wahrheit“ vom Leiden lautet (hier etwas frei, damit ich nicht erst die technischen Begriffe erklären muss):

„In Kürze: Die körperlichen und geistigen Phänomene sind im gleichen Maße leidvoll, wie sich Identifikation bzw. Ergreifen auf sie richtet“ (im Glauben, sie seien wahrhaft „Ich“ oder „mein“).

Folglich ist die Aussage „Das Leben ist Leiden“ keine Lehre des Buddhas. Er würde damit ja auch das ganze Grundlanliegen seiner Befreiungslehre „aushebeln“ – nämlich Befreiung von Angst und Leiden IM Leben. Denn wie sollte diese möglich sein, wenn das Leben mit dem Leiden identisch oder eins wäre? Wenn A (Leben) identisch mit B (Leiden) wäre, könnte man B niemals aus A entfernen!

Ganz einfache Logik! Aber jene Hineindeutung „Das Leben ist Leiden“ in die Lehre des Buddhas ist hierzulande aufgrund jener synkretistischen deutschen Mentalitätsgeschichte (siehe den Hauptbeitrag) absolut stark verbreitet – unter den deutschen (Christo-)Buddhisten genauso wie unter den Medienvertretern und sogar einigen Wissenschaftlern. Der führende deutsche Buddhismusforscher, was die Breitenwirkung angeht, Michael von Brück, macht es nicht und stellt es korrekt dar. Diese Verbreitung jener falschen Sicht beweist letztlich bloß, wie tief jene synkretistische Prägung sitzt!

Folglich gibt es also auch keine Notwendigkeit, die Vier Edlen Wahrheiten umzudeuten, „neu zu formulieren“ bzw. „zeitgemäß zu interpretieren“ (Manfred Folkers). Zuerst sollte man sie korrekt verstehen und die eigene Anmaßung hinterfragen, dass man sie besser als der Buddha verstehe und ihn deshalb korrigieren müsse; bzw. die eigene wahren Motive hinterfragen – etwa Anpassung an die religiöse Macht des Christentums hierzulande.

Wie ich oben schon sagte, Joachim:

Hinter solchen Neukonstrukten steht letztlich immer bloß der Versuch, den Dharma mit Nicht-Dharma-Elementen synkretistisch zu durchsetzen.

Du und genauso Manfred sollten einmal wirklich tief darüber nachdenken!

Denn im Dharma des historischen Buddhas geht es immer um echte Bewusstheit, auch wenn sie für manche Interessensvertreter unbequem werden kann.

30 Joachim Wetzky Februar 14, 2013 um 12:16 Uhr

Eine Anmerkung zu Thich Nhat Hanh und dessen Lehre:

Es loht sich, zwischen den breitenwirksamen Lehren Nhat Hanhs und dessen Schulen wie zum Beispiel dem EIAB zu unterscheiden. So werde ich beispielsweise im Sommer diesen Kurs besuchen, in dem es explizit um die erste Edle Wahrheit geht:

Abseits des Mainstream differenziert Nhat Hanh sehr stark und legt einen großen Wert auf ein profundes und tiefergehendes Verständnis des Dharma. Insofern empfiehlt sich tatsächlich die Unterscheidung zwischen öffentlichen Auftritten und den eher substanziellen Retreats der jeweiligen Zentren und Institute.

31 Hans Februar 13, 2013 um 18:10 Uhr

Hallo Joachim,

Ich sehe schon, Du bist ein „Integral“-Systematiker aus Leidenschaft.

Zu Deiner Pyramide ein paar Anmerkungen:

Die maßgeblichen heutigen Vertreter des „Säkularen Buddhismus“ oder auch des „Engagierten Buddhismus“ haben alle ihre langjährigen spezifischen Hintergründe in spezifischen buddhistischen Traditionen, die ihre Sichtweisen jeweils in erster Linie beeinflussen.

Bei Stephen Batchelor zum Beispiel ist es der tibetische Buddhismus und der Zen sowie neuerdings die Reden des Palikanons des Theravada, in die er sich gerade einarbeitet. Bei Martin Aylward ist es die stark „in der Welt engagierte“ thailändische Waldtradition von Ajahn Buddhadasa mit ihrem ausgeprägten „Freidenker“-Gepräge. Bei Christopher Titmuss ist es gleichfalls diese Tradition, aber auch diejenige von Ajahn Dhammadharo (nicht Ajahn Lee Dhammadharo) und des altindischen Begründers des „Mittleren Weges“ Nagarjuna sowie westliche therapeutische Richtungen, usw.

Sie werden sich kaum an Franz-Johannes oder mir orientieren, zumal wir in Deutschland wirken.

Ich selbst interessiere mich zwar primär für die frühbuddhistische Bewegung der Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassana (aber auch für die altindischen Grundlagen des späteren Buddhismus, wie etwa das Bodhisattva-Ideal, zu dem ich früher meine Abschlussarbeit geschrieben habe).

Doch die Vipassana-Traditionen selbst bilden innerhalb des frühen Buddhismus eine besonders praxisorientierte „Reformbewegung“, welche die Glaubensinhalte der südostasiatischen Muttertradition „Theravada“ (Lehre der Älteren) sowie Gelehrsamkeit weitgehend unberücksichtigt lässt. Außerdem wird hier von den Vertretern aller Hauptansätze ein Befreiungsweg für die Laien vermittelt, der auf einem bestimmten Strang der Reden des Palikanons aufbaut, der die tiefen Versenkungs- oder Konzentrationszustände der Jhanas als nicht erforderlich darstellt.

„Vipassana“ bezeichnet auch „eine von kulturbedingten weitgehend freie Methode“, wie es auf der Rückseite meines alten Kursbuch Vipassana heißt. Vipassana ist von den modernen Formen des Buddhismus jener einfache „Dharma“ (Das, was trägt) des Buddhas bzw. der „Erlösungspragmatismus“ des Indologie-Pioniers Erich Frauwallner.

Deshalb ist die Vipassana-Bewegung mit ihren diversen modernen Methoden bloß sehr bedingt dem „traditionellen Buddhismus“ zuzurechnen.

Das hat etwa jenen besonders einflussreichen „primären Vordenker der Lehre des Buddhas für heute“, den amerikanischen Neurowissenschaftler Sam Harris (siehe oben im Hauptbeitrag), zu der folgenden Aussage veranlasst (ein Zitat aus einer Sendung, mit der er mehrere Fragen beantwortet hat, in seiner Antwort zur Frage zu seinem Meditationshintergrund):

„Vipassana ist eine sehr einfache Praxis, die wie geschaffen für den Export in die Wissenschaft und die rational orientierte Gemeinschaft generell ist.

Es gibt nichts, was Du im Voraus ohne unzureichende Nachweise annehmen müsstest, um diese Praxis durchzuführen. Ja, Du musst dafür noch nicht einmal irgendetwas am Buddhismus mögen.“

Im heutigen Burma, wo die diversen Vipassana-Methoden millionenfach (!) praktiziert werden, ist diese unmittelbare Praxisform nach hierzulande kaum bekannten Forschungen auch der Hauptgrund für den aktuellen friedlichen Wandel in diesem Land. Das stellt einmal mehr ihre enorme, letztlich auf die Weisheit des historischen Buddhas zurückgehende innere Effektivität unter Beweis!

Mit Deinen Kategorien gefasst wäre diese Praxisform also genau der „postmoderne Buddhismus“; mit Deinen genauen Worten:

„… die Form, die der gewöhnliche Bürger praktizieren würde. Eingebunden in ein Geflecht aus Arbeit und Familie ist seine Zeit begrenzt, als dass er sich in komplexerer Weise mit dem Buddhismus auseinandersetzen könnte. Hier geht es darum zu einer Form zu finden, die einerseits sehr einfach ist, andererseits auch transformierend wirkt. So wie Thich Nhat Hanh sagt, ,die Lehre des Buddha ist sehr einfach zu verstehen und zu praktizieren´.”

Allerdings unterscheidet sich die Vipassana-Praxis wiederum stark vom Achtsamkeitsverständnis des von Dir hier zitierten Thich Nhat Hanhs (siehe meinen Kommentar oben mit den Ergänzungen). Deshalb versteht Thich Nhat Hanh auch unter „sehr einfach zu verstehen und zu praktizieren“ etwas Anderes als im Vipassana (auch dazu näher oben).

In Dein Konzept zum „postmodernen Buddhismus“ fließen neben Thich Nhat Hanhs Lehren vor allem Ken Wilbers Theorien ein. Thich Nhat Hanh akzeptiere ich als „buddhistisch“ – Ken Wilber jedoch nicht, weil es ihm um eine absolut synkretistische, mich an die Theosophie erinnernde Integration aller Weltlehren geht, inklusive aller an einem wahren „Selbst“ oder „Gott“ orientierten. Dazu habe ich mich bereits im Hauptbeitrag oben näher geäußert.

Das unterscheidet natürlich meinen postmodernen Buddhismus „Vipassana“, um mit Deiner Begrifflichkeit zu sprechen, wesentlich von Deinem postmodernen Buddhismus!

Meines Erachtens dienen solche Neukonstruktionen wie die von Dir unternommene – ganz im Sinne jener Prägung durch die lange deutsche Geschichte des „Synkretismus“ (siehe dazu den Hauptbeitrag) – vor allem der „Türöffnung“ für den Einzug von Nicht-Dharma-Elementen in den Dharma.

Aber wie der Buddha schon sagte: Der Dharma ist zeitlos, kulturübergreifend und in sich vollständig.

Der Verkünder dieses Dharma, der historischen Buddha, steht – mit Verlaub – nicht in einer Reihe mit Dir oder anderen Neuinterpreten.

Deshalb wird es jene „gemeinsame buddhistische Stimme“ nicht geben. Und das ist auch gut so.

Bezeichnenderweise gibt es in Burma, dem dynamischsten buddhistischen Land heute, keine übergreifende „Kirche“ oder ein zentrales monastisches Oberhaupt. So hat sich dort jene Reformbewegung „Vipassana“ mit deren ungemeiner Vielfalt von Ansätzen überhaupt erst entwickeln können.

Denn die „gemeinsamen Stimmen“ bedeuten immer die Unterdrückung von selbst denkenden oder selbst sehenden Stimmen, immer die Verfolgung von eigenen Interessen, immer „Politik“, immer letztlich „Kirche“ mit selbsterklärten „Hütern „oder „Verständigen“ der Wahrheit. Wozu das immer führt, davon kündet die Geschichte der christlichen oder islamischen Kirchen bis heute mehr als hinlänglich.

Der „autonome“ Dharma des historischen Buddhas ist die große Alternative dazu!

Allen „Domestizierungsversuchen“ dieser „inneren Macht“ sollten alle modernen „Bodhisattvas“ – ganz „zum Wohle aller Wesen“ – entgegentreten …!

32 symptomträger Februar 12, 2013 um 16:58 Uhr

Hinweis des Admins: Leider hat die Gema inzwischen das YouTube-Musikvideo der „Fantastischen Vier: Ernten was wir sähen“ gesperrt. Deshalb habe ich den Link herausgenommen, der nach „andersrum“ erschienen war. Der Kommentar von „symptomträger“:

„Wie kann das Thema Verblendung einer säkularen Gesellschaft vermittelt werden?“

oder andersrum:

33 Joachim Wetzky Februar 12, 2013 um 8:52 Uhr

Danke für die einleuchtende Antwort!

Ich würde gerne noch auf einen Aspekt des Artikels eingehen und zwar auf die Unterscheidung traditioneller, säkularer und postmoderner Buddhismus. Eigentlich lässt sich diese Einteilung auch mit dem Pyramidenprinzip gut verdeutlichen.

An der Spitze der Pyramide stehen die „traditionellen Buddhisten“. Hier sehe ich die Aufgabe, dass in den nächsten Jahren einige Bücher von Litsch, Gruber, Garfield, Batchelor usw. erscheinen könnten, die eine genaue Analyse der derzeitigen Erkenntnisse präsentieren. Was lässt sich historisch untermauern und was sind mystische Inhalte? Die falsche Unterscheidung zwischen Hinayana und Mahayana. Wie weit sollte der Buddhismus sich unserer Kultur annähern und wo sind die Grenzen dieser Annäherung?
Diese Bücher würden dann sozusagen das buddhistische Leitbild darstellen, wenn wir über Buddhismus im 21. Jahrhundert sprechen.
Zu beachten ist, dass die Pyramide an dieser Stelle nicht sehr breit ist. Das liegt an der Komplexität des Themas. Denn je komplexer der Inhalt, umso weniger Menschen kann es bekanntlich erreichen.

Der „säkulare Buddhismus“ hat nun seine Aufgabe, diesen modernen Kanon als Grundlage seiner Arbeit zu nehmen. Die Integration der Achtsamkeit in unsere Gesellschaft kann ja nur ein Anfang sein. Es wird auch darum gehen, komplexere Inhalte wissenschaftlich so zu präsentieren, dass sie ihren Einzug in das System halten können. Wie kann das Thema Verblendung einer säkularen Gesellschaft vermittelt werden? Wie lässt sich Mitgefühl in Schulen und Universitäten vermitteln?
Die Pyramide ist hier nun schon breiter. Es schwindet war schon die inhaltliche Komplexität, dafür werden wesentliche Inhalte nun auf breiterer Ebene diskutiert.

Der „postmoderne Buddhismus“ wäre dann demnach die Form, die der gewöhnliche Bürger praktizieren würde. Eingebunden in ein Geflecht aus Arbeit und Familie ist seine Zeit begrenzt, als dass er sich in komplexerer Weise mit dem Buddhismus auseinandersetzen könnte. Hier geht es darum zu einer Form zu finden, die einerseits sehr einfach ist, andererseits auch transformierend wirkt. So wie Thich Nhat Hanh sagt, “ die Lehre des Buddha ist sehr einfach zu verstehen und zu praktizieren“.
Inhalte auf dieser Ebene wären: wie kann man buddhistisch praktizieren, ohne gleich kulturell eingebunden zu sein, mich verbeugen zu müssen, Mantras rezitieren usw. Es geht um eine Form, die sich spielend in die Gesellschaft einfügt.
Die Pyramide ist an dieser Stelle sehr breit, das heißt, die Komplexität ist hier am geringsten, es werden jedoch am meisten Menschen erreicht.

Jede dieser Formen weist natürlich bestimmte Gefahren auf. Auf der traditionellen Ebene kann man verkrusten und sich in Gefechten darüber verlieren, welcher Buddhismus nun der authentischste ist.
Auf der säkularen Eben kann man vergessen, dass Buddhismus nicht nur eine Ansammlung von überprüfbaren Methoden ist.
Und auf der postmodernen Ebene kann man sich an der Oberfläche verlieren und Inhalte zu stark verwässern.

Der Vorteil dieser Perspektive liegt m.E. darin, dass bestimmte Streitereien zu einem Ende gebracht werden können und man sich als „gemeinsame buddhistische Stimme“ begreift, auch wenn inhaltliche Diskrepanzen vorliegen. Denn es ist klar, dass ein postmoderner Buddhist die Dinge so vereinfachen muss, dass einem traditionellen Buddhist die Haare zu Berge stehen. (Ähnlich vergleichbar mit vormodernen Strukturen, in denen die Kompetenz bei den Mönchen lag und die Bevölkerung oftmals eine sehr einfache und magische Form des Buddhismus praktizierte).

34 Hans Februar 11, 2013 um 17:01 Uhr

Hinweis: Am 13. Februar habe ich diesen Kommentar noch um wichtige Abschnitte erweitert –
„Die beiden Seiten der Brücke“ und „Das Erscheinungsbild“.

„Achtsamkeit“ in Thich Nhat Hanhs Tradition
und die Achtsamkeitspraxis Vipassana

Hallo Joachim,

Thich Nhat Hanh ist ein komplexer Fall. Er – zumindest der öffentliche Er – ist ein „spätbudddhistischer Integralist“.

Aber das hat auch damit zu tun, dass er aus Vietnam stammt, wo die verschiedenen großen buddhistischen Traditionen vertreten sind. So geht es ihm „von Haus aus“ schon um Verbindung (auch wegen der Kriegserfahrung).

Die beiden Seiten der „Brücke“

Positiv gesprochen ist Thich Nhat Hanh heute der primäre „Brückenmeister“, was das Verhältnis des frühen Buddhismus Theravada zum späteren Buddhismus Mahayana angeht. So kommt seine starke Betonung der „Achtsamkeit“ aus dem frühen Buddhismus. Und er sagt das auch deutlich! Das unterscheidet ihn positiv von indirekten „Übernehmern“ und „Umdeutern“ aus dem Mahayana, die es ebenfalls gibt.

Eine Brücke verbindet zwei Seiten, die in diesem Fall (früher Buddhismus Theravada und späteren Buddhismus Mahayana) unterschiedlich sind. Man kann auf beiden Seiten der Brücke gut leben, je nach der eigenen Präferenz für die Besonderheiten des jeweiligen Landes.

Man kann auch hin- und herwechseln, was jedoch für die eigene Entwicklung nicht notwendig ist.

Man kann sich auch von jenem üppigen, prachvollen Baum auf der einen Seite (sprich: der Zentralität der Lehre wie Praxis der „Achtsamkeit“ im frühen Buddhismus) Ableger holen, um sie auf der anderen Seite einzupflanzen, wo es von der gleichen Sorte Baum schon immer bloß kleinere Exemplare gegeben hat.

Aber die „Lebensbedingungen“ auf diesen anderen Seite sind so, dass aus dem Ableger lediglich ein weiteres kleines Exemplar werden kann.

In anderen Worten: „Achtsamkeit“ in der Lehre Thich Nhat Hanhs ist von anderer Art als im frühen Buddhismus mit dessen heute zunehmend populären Vipassana-Traditionen.

Thich Nhat Hanhs Achtsamkeit beruht auf „Konzepten“ (Reflexionen, Poesie, Versen oder Kontemplationen), die den achtsamen Zustand herbeiführen sollen. In den originalen Vipassana-Methoden dagegen geht es stets um unmittelbare, nicht-konzeptuelle Methoden, um Körper, Atem und Geist bei sich oder anderen immer tiefer zu betrachten und zu verstehen.

Aus frühbuddhistischer Sicht (nicht dagegen generell im Mahayana) gelten konzeptbasierte Achtsamkeitsmethoden bloß als Konzentrationsmethoden.

Aus dieser alten Sicht bleibt also „Achtsamkeit mittels Konzepten“ naturgemäß auf die Konzentrationsfunktion von Achtsamkeit beschränkt, während für eine befreiende Weisheit die direkte, „stille“ Bewusstheit der natürlichen Prozesse, wie sie jeweils sind, notwendig ist.

Diese Achtsamkeit auf Basis einer von Moment zu Moment kultivierten Konzentration auf das natürliche Geschehen ist die „sehende Achtsamkeit“.

Das Erscheinungsbild

Dieser Unterschied zeigt sich auch im Erscheinungsbild der Praxisformen:

Thich Nhat Hanhs Praxis der Achtsamkeit bedeutet vor allem geführte Imaginationsübungen, Erdberührungs-Zeremonien (Verehrung der Ahnen), „Gehmeditation“ in großen Gruppen durch die Natur, geführte Tiefenentspannungen, Teezeremonien, Rituale des „Friedensvertrags“, gemeinsames Singen von Plum Villages Songs und viele Vorträge.

In den Traditionen der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassana dagegen geht es um relativ intensive, stille Meditationen über den Tag hinweg (meist abwechselnd Sitz- und Gehmeditation) in Schweigen, ergänzt durch Liebende Güte-Kontemplationen (in begrenztem Rahmen), Dharma-Lehren, welche der Klärung der jeweiligen Meditationspraxis dienen (die Vipassana-Methoden unterscheiden sich trotz ihrer verbindenden Elemente deutlich voneinander), und welche die Lehren des Buddhas aus den alten Quellen modern vermitteln (generell mit bloß einem Vortrag am Tag).

Das sind deutliche Unterschiede! Während meiner Zeit bei Thich Nhat Hanh habe ich auf den Retreats mit ihm niemals auch bloß etwas längere Phasen von stiller Meditation erlebt.

Um diese Unterschiede weiß auch Thich Nhat Hah. So scheut er nicht vor Kritik am Vipassana zurück, obwohl diese Praxis aus der viel älteren und, wenn es um die Frage geht, was der historische Buddha selbst gelehrt hat, autoritativeren buddhistischen Tradition als die seinige stammt.

Die geschickten Mittel

Es gibt einen öffentlichen Thich Nhat Hanh, der immer integralistisch spricht; und einen nichtöffentlichen Thich Nhat Hanh, etwa auf seinen langen Insider-Retreats. Ich habe einmal an einem solchen Retreat teilgenommen. Dort hört er sich wesentlich „unterscheidender“ an; und das auch manchmal öffentlich, etwa vor Jahren in einer großen Diskussion mit der evangelischen Christin Dorothee Sölle an einer Berliner Kirche, wo ich war.

Schüler wie Manfred Folkers verstehen das nicht wirklich; ihre eigenen Vorprägungen lassen sie bloß immer den einen, öffentlichen Thich Nhat Hanh sehen. Ich bin einmal ein paar Jahre in dieser Tradition stark aktiv gewesen, wegen Thich Nhat Hanhs Betonung von „Achtsamkeit“.

Danach habe ich mich jedoch aus einer Reihe von guten Gründen selbst dort wieder verabschiedet. Es war auch bloß ein „Intermezzo“. Mein Hauptinteresse hat immer dem alten Buddhismus, deren Achtsamkeitstraditionen Vipassana oder im Indologie-Studium dem altindischen Mahayana (dabei vor allem dem „Mittleren Weg“ Madhyamaka sowie den Bodhisattva-Lehren) gegolten.

Der Dalai Lama und Thich Nhat Hanh sind Meister der buddhistischen „geschickten Mittel“.

Sie passen auf, nicht von Theologen in irgendeine Ecke gerückt zu werden – um ihren Breitenwirkung willen. Denn die meisten heutigen westlichen „Buddhisten“ haben einen christlichen Hintergrund. Sie sind „enttäuschte“ Christen, die viel von ihrem alten Glauben unbewusst „in sich sitzen“ haben.

Ohne einen Thich Nhat Hanh und einen Dalai Lama jedoch hätte der Buddhismus heute im Westen nicht seine Bedeutung! Sie sind notwendig.

Thich Nhat Hanh würde auch keine Verbindungen wie Ken Wilber ziehen, der sich auf alle Weltlehren bezieht, indem er sie „unter einen Hut interpretiert“.

Die Achtsamkeitspraxis Vipassana

An den alten und autoritativsten Quellen orientierte Meister des frühbuddhistischen Theravada oder aus den Vipassana-Traditionen (jedenfalls die große Mehrzahl von ihnen) würden nicht solche Gleichsetzungen mit buddhistischen Lehren machen, wie es Thich Nhat Hanh etwa beim „Königreich Gottes“ tut.

Von dem inzwischen in ganz Europa zunehmend populären Vipassana-Lehrer Bhante Sujiva zum Beispiel, der tief im ganzen Palikanon bewandert ist, auch wenn er vor allem als Meditationslehrer wirkt, wirst Du keine solchen Gleichsetzungen hören (ich kenne ihn gut, weil ich in mit Thomas Zeh in Deutschland eingeführt und auf seinen ersten Retreats hier auch selbst übersetzt habe).

Er befasst sich einfach nicht mit dem Christentum, weil es ihm das nicht wert ist. Und direkt auf „Gott“ oder „Wahres Selbst“ befragt, antwortet er deutlich im Sinne der Reden des Palikanons. Auch sonst verwässert er nichts. In diesen Reden gibt es keine Gleichsetzungen, wie sie heute so gerne vorgenommen werden (warum nicht, dazu oben im Hauptbeitrag gegen Ende).

Deinen Beitrag in der jetzigen Buddhismus Aktuell habe ich genau gelesen, weil er öffentlich ist, und Du ihn mir mitgeteilt hast.

Den von Manfred Folkers dort noch nicht, ich muss mir das Heft erst besorgen. Aber ich kenne Manfred aus anderen Zusammenhängen. So stehe ich zu meinen Aussagen zu ihm. Ein Kommentar zu seinem Heftbeitrag folgt hier.

Franz-Johannes mailte mir, dass er zu dieser Frage von Dir zu Thich Nhat Hanh mit einem längeren Text ohnehin etwas in der „nächsten Ausgabe des Mittleren Weges“ aus Hannover sagen würde.

Auch wenn ich hier direkter bin, schätze ich Dich und die Kommunikation mit Dir!

Denn Du hast ein „engagiertes“ Verständnis vom Buddhismus (Stichwort „Occupy Samsara“) und trittst in Kommunkation mit einer breiteren Öffentlichkeit (etwa auf Deiner Facebook-Seite „iBuddhismus“).

Herzlich, Hans

35 Joachim Wetzky Februar 11, 2013 um 16:07 Uhr

Eine Orientierungsfrage: wenn die Rede davon ist, dass Thich Nhat Hanh den Dharma umdeutet, bedeutet dies dann für euch, dass Thich Nhat Hanh eine unzulässige Form des Buddhismus lehrt – oder ist seine Umdeutung legitim?

36 Hans Februar 11, 2013 um 13:59 Uhr

Lieber Franz-Johannes,

Danke für die guten Gedanken.

1) Ich stimme mit Dir in vielen Hinsichten überein. Es geht immer nur darum, den zeitlosen “Dharma” oder die “Praxislehre” des Buddhas primär auf Basis der Redensammlungen im Palikanon herauszuschälen und in neuen Kontexten adäquat zu formulieren, so dass er bei den Menschen “ankommt”.

Der Dharma ist nicht ohne Gund vom Buddha etwa „zeitlos“ (akaliko) genannt worden.

Nun wollen also heute bestimmte sykretistische deutsche Geister wie der Thich Nhat Hanh-Schüler und „-Nachreder“ Manfred Folkers oder der Psychologe Joachim Wetzky, der deutlich unter dem Einfluss vor allem des spätbuddhistischen Integralisten Thich Nhat Hanh und des auf alle Weltlehren bezogenen Mega-Integralisten Ken Wilber steht, ernsthaft beanspruchen, dass sie es besser wissen und deshalb vom alten Dharma Dieses oder Jenes „wegstreichen“ und „hinzufügen“ können?

Dahinter stehen neben tatsächlichen Überzeugungen natürlich auch bestimmte Anpassungsbewegungen, die mit bestimmten Interessen verbunden sind (siehe oben im Beitrag), und in welchem genauen Verhältnis, kann ich nicht beurteilen.

In der langen und besonders reichen Geschichte des Buddhismus gibt es jedoch so viele, einmal neutral gesprochen “Nachentwicklungen” (um hier das wertende “Weiterentwicklungen” zu vermeiden), dass es auch unter Insidern zwangsläufig unterschiedliche Meinungen geben wird, was in Bezug auf den Dharma in einem wertenden Sinne nun eher “Wegentwicklung” und was “Adäquatentwicklung” ist.

Für mich sind die “komplexen” oder “konzeptbasierten” späteren geschlossenen Systeme eher als Wegentwicklungen vom Dharma anzusehen.

Denn 1) sie sind nicht wie der Dharma spontan oder intuitiv zugänglich, 2) bedürfen einer langwierigen “Einarbeitung” und damit der “Verwaltung” durch “Meister”, die sie ähnlich wie an einer Universität in einem Studium vermitteln (siehe auch die großen Klosteruniversitäten des alten Indien), 3) beinhalten diverse, letztlich unverifizierbare “Glaubenselemente” und 4) sind inhaltlich in sich widerspruchslose, das heißt “geschlossene Systeme”.

Dagegen ist der Dharma des Buddhas trotz bestimmter verbindender Grundlehren ein “offenes System” und durchaus “widerspruchsvoll” – was gerade beweist, dass diese Lehren lediglich ein Niederschlag des “Erlösungspragmatismus” des historischen Buddhas sind.

Der Indologe Erich Frauwallner hat diesen Begriff für die alte Lehre des Buddhas gemäß den Reden des Palikanons geprägt, den ich als gleichbedeutend mit dem begriff “Dharma” (Das, was trägt) betrachte. In den Worten des Buddhas:

“Nur Eines lehre ich, jetzt wie früher – das Leiden und dessen Ende”! (Mittlere Sammlung, Rede 22: Das Gleichnis von der Schlange).

Im Dharma bzw. Erlösungspragmatismus des historischen Buddhas geht es immer um menschlich gezielte, konkrete Hilfe und Erweckung, und nicht um eine geschlossene philosophische Welterklärung.

Zu diesen späteren geschlossenen Systemen gehören alle Versionen des Abhidhamma bzw. Abhidharma (wobei ich dem Abhidhamma des Theravada wegen seiner größeren Nähe zur Praxislehre des Buddhas einen höheren Stellenwert als den anderen Versionen beimessen würde), die ganze Yogachara-Philosophie sowie die spätere Madhyamaka-Philosophie von Bhavaviveka, Candrakirti usw. – nicht jedoch den ursprüngliche “Mittleren Weg” Madhyamaka des Nagarjuna, das sehe ich wie Du -, die erkenntnistheoretischen Systeme von Dignaga und Dharmakirti sowie die tantrisch-buddhistischen Praxis-”Verkomplizierungen” mit ihrer besonders starken Orientierung am “Guru” und ausgefeilter “Ritualistik”.

Trotzdem würde ich sagen, dass diese späteren Formen in ihren jeweiligen Situationen historisch notwendig gewesen sind.

Denn die Lehre des historischen Buddhas hätten es nach dem Weggang dieser alles überragenden Persönlichkeit des Erwachten im philosophisch-brahmanischen Umfeld des alten Indien ohne die Abhidhamma- bzw. Abhidharma-Systeme oder ohne jene hochentwickelte Erkenntnistheorie sowie später in Konkurrenz zum hinduistischen Tantra ohne eigenes Tantra sehr schwer gehabt, sich zu behaupten. Dass der Buddhismus in seinem Heimatland Indien untergegangen ist, hatte ja vor allem mit den Zerstörungen im Rahmen der muslimischen Invasion im 12. Jahrhundert zu tun.

Auch heute haben jene geschlossenen Systeme ihre Berechtigung und ihren Platz, etwa um Lehren des Buddhas in westlichen wissenschaftliche Kreisen zu etablieren. Sie machen damit über die Medien auch breiteren Kreisen klar, dass der Buddhismus nicht mit den monotheistischen Religionen zu vergleichen ist. Es hat ja einen Grund, dass sich Wissenschaftler heute unter den Religionen vor allem mit dem Buddhismus befassen.

ABER diese Systeme sind nicht erforderlich für die tägliche und befreiende Praxis, wie sie in den Reden des Palikanons vom Buddha vermittelt worden ist.

Und jedem direkten oder indirekten Versuch, sie als irgendwie “überlegene“ Systeme gegenüber den alten Lehren darzustellen (woran ja ebenfalls viele Buddhisten beteiligt sind), ist entschieden entgegenzutreten.

Dahinter steht nämlich bloß der Versuch verschiedener so genannter “Eliten”, sich der Öffentlichkeit als die höheren Verwalter oder wahren Kenner der Lehren des Buddhas aufzuspielen bzw. zu präsentieren und damit “richtungsweisend” zu wirken. Die Lehre des Buddhas ist: Selbstdenken und sehende Achtsamkeit, um es auf diesen einen prägnanten Punkt zu bringen! Sie ist zeitlos, jedem unmittelbar zugänglich oder direkt einsehbar und zur Befreiung führend, wie es in den Versen der Mönche regelmäßig rezitiert wird.

2) Ich finde auch, dass Stephen Batchelor in bestimmten Hinsichten zu weit geht.

Die “Vier Edlen Wahrheiten” sind keine “Metaphysik”, bloß weil sie von “Wahrheiten” handeln. “Sacca” bedeutet nicht “Aufgabe”, wie er es gerne hätte. Aufgrund des absoluten Vorrangs der Endzwecke “Einsicht” oder “Weisheit” im Dharma oder aller buddhistischen Praxis geht es natürlich immer ebenfalls um das, worauf sich Einsicht oder Weisheit “sehend” beziehen – nämlich eben um “Wahrheiten”.

Als “Philosophie” würde ich den Dharma des Buddhas jedoch nicht bezeichnen, ähnlich wie es schon der prägende Indologe Erich Frauwallner mit seinem Wort “Erlösungspragmatismus” die Lehre des Buddhas von westlicher, rein begriffsbasierter Philosophie, Metaphysik oder Glaubensreligionen unterschieden hat.

Denn alle Philosophien sind im Vergleich zum Dharma “konzipierte” oder “ausgedachte” geschlossene Systeme, gleichgültig mit welchen Ansprüchen sie sich selbst präsentieren, und auch wenn manche von ihnen praxisorientierter oder “näher” an der “Wahrheit” als andere sind (wie etwa die Philosophie des “Buddhaisten” Arthur Schopenhauer, wie er sich selbst nannte).

3) Der weitreichendste “Herausschäler” des Dharma des historischen Buddhas für die heutige Zeit scheint mir der oben im Beitrag schon angesprochene Amerikaner Sam Harris zu sein. Mit seinem Beitrag in der Shambhala Sun “Killing the Buddha” von 2006 stimme ich in jedem Satz überein. Auf YouTube oder auf seiner Website kann sich jeder bei Interesse zu ihm näher informieren.

37 Franz-Johannes Litsch Februar 11, 2013 um 12:28 Uhr

Anmerkung des Administrators zum folgenden Kommentar:

Franz-Johannes Litsch, der Leiter des „Netzwerkes Engagierter Buddhisten“ in Deutschland und ein regelmäßiger Referent zu buddhistischen Themen, erörtert hier die folgende Frage: Was ist im Verhältnis zum Dharma des Buddhas (siehe meinen Beitrag oben) eine spätere „Wegentwicklung“ und was nicht. In diesem Rahmen kommentiert er auch die heutigen Neudeutungen der Lehre des Buddhas durch Manfred Folkers und Stephen Batchelor (siehe meine Einleitung oben).

Hier ist sein Kommentar:

Es gibt für mich einen wichtigen Unterschied zwischen kreativer Neudeutung und verfälschender Umdeutung.

Nagarjunas Mulamadhyamaka-Karikas (Die Wurzelverse zum Mittleren Weg – 2. Jh. n. Chr., Indien) zum Beispiel sehe ich als eine wunderbar kreative Neudeutung, das heißt er hat in einer neuen – philosophischen, radikal-logischen – Sprache den alten Inhalt der Lehre des Buddhas lebendig gemacht. Das Gleiche gilt für die genialen Erkenntnistheoretiker Dignaga (5.-6. Jh. n. Chr., Indien) und Dharmakirti (7, jh. n. Chr. Indien); oder der auch für jene burmesischen Gelehrten und Meditationsmeister, die im 19. u. 20. Jahrhundert die inzwischen weitgehend vergessene Satipatthana-Praxis (Praxis der „Vier Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit“, wie sie in den Reden des Palikanons dargestellt sind) wieder erneuert haben – Ledi Sayadaw, Mingun Sayadaw oder Mahasi Sayadaw. Heute wäre etwa der Mönch Nyanananda Bhikkhu auf Sri Lanka zu nennen.

Eine Umdeutung bedeutet für mich jedoch, in vermeintlich alter Sprache und Verkleidung einen gänzlichen anderen Inhalt aufzutischen; das heißt, die Lehre des Buddhas letztlich zu etwas völlig Anderem zu machen.

Das Letztere machen Manfred Folkers und Steephen Batchelor. Ich halte Batchelor für keinen guten Kenner des Dhamma und auch keinen guten Kenner der westlichen Philosophie, ansonsten hätte er nicht die „Vier Edlen Wahrheiten“ des Buddhas als „metaphysische“ Wahrheits- und Glaubensansprüche deuten können. Gerade Solches hat der Buddha eindeutig abgelehnt – siehe sein Kalama-Sutta oder sein konsequentes Schweigen auf metaphysische Fragen; vor allem aber durch die Lehre vom „Abhängigen Entstehen“ (paticcasamuppada), „Nicht-Selbst“ (anatta) und Leerheit (sunyata).

Was der Buddha mit den „Vier Edlen Wahrheiten“ zum Ausdruck gebracht hat, waren Grunderfahrungen des Daseins und keine Interpretationen oder Theorien darüber. Stephen Batchelor ist leider nicht fähig, das auseinander zu halten.

Manfred Folkers (letztlich Thich Nhat Hanh) macht genau das Gleiche bei seiner Infragestellung der „Vier Edlen Wahrheiten“ und der „Drei Daseinsmerkmale“. Sie geben sich äußerlich buddhistisch, werfen aber buddhistische Grunderfahrungen und Einsichten über Bord.

Das versuche ich, aufzuzeigen und zu kritisieren.

Ansonsten neige ich schon lange dazu, den Buddhismus, besser die Lehre und Praxis des Buddhas, möglichst wenig als „Religion“ anzusehen, sondern als philosophische Lebenspraxis oder praktische Philosophie, so wie es dereinst auch die Schulen der griechischen Philosophen waren – die Kyniker, die Pyrrhonisten (Skeptiker), die Epikureer usw.

Das befreit von ungeheuer vielem Ballast.

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