Selbstdenken und sehende Achtsamkeit:

… bedeuten Buddhismus im Westen für heute

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Einsichtsfähren

In dieser Rubrik erscheinen prägnante Kommentare. Ihr Zweck ist, für mich ein “großes Thema” auf den Punkt zu bringen:

* Relativität des Alters:

“Rezept” fürs Jungbleiben:

Sein eigenes Leben leben, unabhängig davon, was andere denken; anstatt mit zwei Augen nach außen fortwährend mit einem Auge nach innen schauen, etwa über das bewusste Ein- und Ausatmen, für regelmäßig genügend Bewegung sorgen, möglichst bis zum Schwitzen, und bei der Ernährung nicht auf hundert Diäten, sondern auf sein eigenes “Bauchgefühl” hören (wobei klar ist, dass jedes Bauchgefühl jedem sagen sollte, dass es etwa chemische Zusatzstoffe, Aromen und Geschmacksverstärker tunlichst zu vermeiden gilt).

Auf das Gleichgewicht zwischen All-Ein- und (All-Ein-)Mit-anderen-Sein achten. Es ist viel besser, wenige, aber tiefe Freundschaften als viele, aber oberflächliche Freund- bzw. Bekanntschaften regelmäßig zu pflegen, weil mit den letzteren das genannte Gleichgewicht nicht möglich ist. Echtes Vertrauen, die Basis einer tiefen Freundschaft, braucht Zeit; und sie ist Gold wert. Ein alter Text des Palikanons, das Nashorn-Sutta, bringt das eben  Gesagte in poetischer Lehrform zum Ausdruck (hier in guter Übersetzung).

Das eigene Alter steht in Wahrheit nicht in der Geburtsurkunde, sondern im Zustand von Körper und Geist.

* Depression und Burnout:

Es gibt heute ein wachsendes Missverhältnis zwischen dem Einsatz, der generell im Berufsleben gezeigt werden muss, und der tieferen “Sinngebung”, die die meisten Tätigkeiten spenden. Deshalb gelten heute auch Depression und Burnout als die “Volkskrankheit Nummer eins”.

Der Mensch ist aufgrund seines Wissens um die Allvergänglichkeit und die Ahnung von seinem höheren inneren Potenzial ein spirituell orientierungsbedürftiges Wesen – das heißt ein “animal metaphysicus”, wie ihn Arthur Schopenhauer beschrieben hat.

Dazu kommt eine Gesellschaft, in der ganze Industrien systematisch “Ablenkung” fördern. Sie wirken “infantilisierend” – verkindlichend. Außerdem gibt es gewissermaßen “kooperierende” altetablierte Glaubensreligionen, die kaum ein wirksames Instrumentarium für innere Entwicklung und außer unverfizierbaren Glaubensvorstellungen wenig stichhaltige Erklärungen zum Hauptthema Leiden und dessen Überwindung bieten.

Die Dimension der modernen Probleme ist so groß, dass sie ohne eine breitangelegte “erwachsene” Spiritualität und die resulterende menschliche Reife nicht zu bewältigen sein wird.

Jeder Einzelne muss sich dafür verantwortlich fühlen.

Ein Delegationsdenken trägt nur zum weiteren Wachstum der großen wie eigenen Probleme bei. Die so genannten “Eliten” in Wirtschaft, Politik, Wissenschaftsbetrieben, Religion und Massenmedien handeln – auch wenn es durch geschickte Rhetorik nach außen generell anders erscheinen mag – mit relativ wenigen Ausnahmen im eigenen Interesse bzw. im Interesse ihrer jeweiligen Institutionen, Traditionen, Gruppen oder Zentren, weil sie materiell wie ideell verschiedene persönliche Vorteile davon haben.

Wussten Sie zum Beispiel (um hier bloß ein aktuelles Beispiel zu nennen), dass das eine Prozent der amerikanischen Topverdiener ihre Nettogehälter zwischen 1979 und 2007 um 275 Prozent steigerten oder die 300.000 reichsten Amerikanern ihre Vermögen seit den 70er Jahren vervierfacht haben, während die dortige Mittelschicht stetig immer weiter abgerutscht ist?

Wussten Sie, dass laut einer detaillierten Analyse der amerikanischen Steuergesetzgebung der letzten 30 Jahren diese Selbstbereicherung von den Republikanern wie den Demokraten politisch systematisch gefördert worden ist? Oder dass bis zu 80 Prozent der Top-Absolventen der amerikanischen Eliteuniversitäten lukrative Verträge mit Wall-Street-Firmen eingehen? (Quelle: Winner-take-all Politics: Wie Washington die Reichen reicher machte und der Mittelklasse den Rücken zuwandte, von Jacob S. Hacker, einem amerikanischen Politikwissenschaftler und Professor der Yale-University, der für die “Occupy-Bewegung” wichtig ist.)

Zur Religion:

Menschen, denen im Bereich der spirituellen Orientierung Naturwidriges, Unverfizierbares und bloß Geglaubtes als höchste Wahrheiten verkauft werden kann, sind letztlich in allen Lebensbereichen relativ leicht beeinflussbar und lenkbar. Hier liegt der eigentliche Grund für die über zwölf Jahrhunderte bestehende Verflechtung von weltlicher und kirchlicher Macht, die seit der überaus gewaltvollen Zwangsmissionierung der germanischen Stämme durch den König des damaligen Frankenreichs, “Karls des” so genannten “Großen” (747-814), der Fall ist.

Wo heute objekive Untersuchung, Denkfreiheit und selbstständige, mündige Entscheidungen existieren, sind sie das Ergebnis von geschichtlichen Entwicklungen wie der Renaissance, Aufklärung, Wissenschaft, Sozialbewegungen und Demokratie, die unter großen Opfern gegen die Kirchen durchgesetzt worden sind.

Der Mensch kann nicht dauerhaft gegen seine Natur gehen, ohne früher oder später einen hohen Preis zu zahlen. Denn alles unterliegt materiellen wie geistigen Ursache-Wirkungs-Gesetzen, gegen die selbst ein absoluter “Gott” nichts machen könnte, davon einmal ganz abgesehen, dass es einen unerschaffenen Erschaffer bzw. eine ursachelose Ursache nicht geben kann.

Der weitverbreitete Glaube an einen absoluten Gott ist die metaphysische, rückversichernde Parallele zum weitverbreiteten Glauben an ein unabhängiges, absolutes “Ich (bin)” und “mein” – an ein wirklich existentes “Selbst” (vgl. hierzu den berühmten Gottesnamen “Ich bin”, laut 2. Moses, 3-14).

Was als unabhängig, unbedingt oder absolut vorgestellt wird, das erscheint zwangsläufig als permanent (weil nicht aus Bedingungen hervorgegangen). Was als permanent erscheint, wird unbewusst für ein wirklich existentes “Selbst” gehalten (in den Monotheismen ist es die “ewige Seele”)..

Deshalb kann jener Glaube so beharrlich “festsitzen” und können seine Vertreter so “empfindlich” auf Kritik reagieren. Der starke Missionsierungsdrang der großen Monotheismen mit seinen urtextlichen Grundlagen hat vor allem diesen Grund: Der Glaube an den einzigen, wahren bzw. absoluten Gott, den es damit zu verbreiten gelte, ist in Wahrheit der Glaube an seine individuelle Kehrseite des unabhängigen “Ich” oder “mein” – als der wahren eigenen Natur. Wer behauptet: “Es gibt nur den einen Gott”, meint eigentlich: “Es gibt mein Ich, als real existentes Selbst (das sich selbst im Kern immer gleich bleibt)”.

Die (buddhistisch betrachtet tief begründete) Unsicherheit darüber macht erst zum Missionar des wahren, einen “Gottes” (bzw. eigenen “Selbstes”).

Die Lehre des historischen Buddha laut Palikanon ist auch gegen solche Glaubensformen bzw. “Selbst”-Untermauerungen gerichtet, weil diese tiefenpsychologisch gesehen als die Quelle des Festhaltens am Vergänglichen, das heißt von existenziellem Unsichersein, Angst und Leiden wirken.

In dem Maße, wie dem Menschen ein tragender “Sinn” fehlt, kommt zum Beispiel die Depression und der Burnout oder die Sucht und die Kompensation. Mit “Sinn” meine ich nicht die Sinngebung durch konventionelle Religionen, sondern innere Erfahrungen als Folge einer primär selbstständigen Suche.

Der Schlüssel ist die “sehende Achtsamkeit” von einem Moment zum nächsten. Der Nicht-Buddhismus “Dharma” des Buddha bedeutet übersetzt: “Das, was trägt” oder “hält” – ein kulturübergreifendes Gesetz. Ein So-Getragener oder So-Gehaltener kann nicht in Depression oder Burnout “fallen”.

Es gibt heute ein krasses Missverhältnis zwischen der Zahl und der Dimension der Gipfel, Konferenzen, Kongresse, Think-Tanks, Tagungen, Diskussions- und Talkrunden oder der unzähligen Publikationen im Buch- und Magazinbereich sowie dem, was sich tatsächlich im Hinblick auf die ökonomischen und politischen Krisen oder die großen Menschheitsprobleme wie Umweltzerstörung, Klimakrisen, Hunger, Kriege, Ausbeutung, Landraub, Unterdrückung und Korruption positiv verändert.

Das hat einen sehr einfachen Grund:

Wirkliche heilsame Veränderungen im persönlichen wie globalen Maßstab setzen eine tiefere Bewusstheit, das heißt eine tief sehende Achtsamkeit unbedingt voraus. Für deren Entwicklung haben theoretische Klärungen oder Gewissheiten jedoch bloß eine sehr begrenzte, wenngleich wichtige vorbereitende Funktion (laut einer Kernlehre des Buddha; vgl hierzu die Lehre von den “Drei Weisheiten” im Blogvorwort).

Die monotheistischen Weltreligionen, die heute die Mentalität der Mehrheit der Menschheit bestimmen, vermitteln aufgrund ihrer primären Glaubens- statt Praxisorientierung (vgl. dazu auch oben) für diese innere Entwicklung lediglich ein sehr begrenztes Instrumentarium.

Durchsuchen Sie etwa einmal die Bibel nach Kernthemen (der Lehre des Buddha), wie etwa Achtsamkeit, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Wissensklarheit, Konzentration, Gleichmut, Einsicht oder Meditation: Sie werden praktisch keine Belegstellen dafür finden. Genausowenig werden Sie Anleitungen zur Entwicklung solcher Eigenschaften oder die Beschreibung systematischer Methoden finden. Es geht darin schlicht und einfach nicht um soclhe Themen, die für die innere höhere Entwicklung unabdingbar sind.

Blaise Pascal, Philosoph, Physiker, Mathematiker und Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung (1623-1662), hat etwa den zum oben Gesagten genau passenden (sowie tief buddhistischen) Gedanken vertreten, dass die höchste Form der Verstandeserkenntnis sei, wenn der Verstand seine eigenen Grenzen erkenne. Ein Verstand, der nicht zu seinen Grenzen vordringe, sei bloß schwach ausgebildet. Der Buddha wusste genau um die Grenzen des menschlichen Verstandes. Deshalb hat er eine Reihe von metaphysischen Fragen nicht oder mit Gleichnissen beantwortet, die nahelegen, dass eine Beschäftigung mit solchen Fragen fatale Zeitverschwendung sei und als Ablenkung von den wirklich wichtigen Fragen etwa rund um das Thema Leiden, dessen Ursache, dessen Ende und dem Weg dahin diene.

Allenthalben lässt sich heute jedoch jener “schwach ausgebildeter Verstand” erkennen – in Form der maßlosen Überschätzung desselben, etwa im Vertrauen auf theoretische Erkenntnisse, politische Beschlüsse und Expertenrunden, dass sie die großen heutigen Krisen bewältigen können.

Jener “schwach ausgebildete Verstand” manifestiert sich etwa auch in den Glaubensreligionen, die pure und außerdem naturwidrige Glaubenssetzungen ohne jede Möglichkeit zur Überprüfung in der eigenen Erfahrung (wie leibliche Auferstehung, Erlösung der Menschheit durch einen Kreuzestod, ewiges Leben, ewige Strafe, ewige Seele oder die Erschaffung der Welt durch einen unerschaffenen Erschaffer usw.) seit Jahrhunderten zu höchsten Wahrheiten erklären. Es gibt viele überzeugte Verkünder solcher vermeintlicher höchster Wahrheiten und unzählige fest daran Glaubende.

Blaise Pascale:

“Alles Unheil der Menschen kommt von einer einzigen Ursache – dass sie nicht in Ruhe verweilen können, (etwa) in einem Zimmer.” Pensées II, 139 (französisches Original: “Tout le malheur des hommes vient d’une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos, dans une chambre.”)

“Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt:”Pensées IV, 277 (“Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît pas.”)

Hermann Hesse, Schriftsteller und Nobelpreisträger (1877-1962):

“Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine – sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei, wohin er führte.” Demian

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