Kommentare

 

Auf dieser neuen “Seite” erscheinen Texte oder Kommentare, die nicht oder nicht vollständig veröffentlicht worden sind. Überlegen Sie selbst, warum …

Der folgende Beitrag ist am 5. Februar 2012 deutlich erweitert worden (gegenüber der kürzeren Erstpublikation vom 3. Februar):

1) Freitagsabends um 20.05 kommt im WDR5 die einstündige Sendung “Das philosophische Radio”. Das jeweilige Thema wird eine Woche vorher bekanntgegeben. Die Sendung wird mit Hörerbeteilgung in Form von Anrufen oder vorgelesenen Mails ausgestrahlt.

Ausgehend von den Grundgedanken des berühmten Soziologen Max Weber in seiner Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ging es am 3. Februar 2012 um dieses Thema:

Über Max Weber, mit Dirk Käsler:

Ein Merkmal des Kapitalismus ist die absolute Hingabe an die Arbeit
und damit verbunden eine positive Bewertung möglichst lukrativen Gewinns.

Ich habe einige Zeit vorher einen Kommentar geschickt, der in der Sendung bloß zum Teil vorgelesen wurde. Die vorgelesenen Teile waren ein aus dem Kontext herausgenommenes Zitat. Damit bin ich gleichsam als ein Vertreter der Sicht erschienen, die ich mit der vollständigen Mail kritisiert habe.

Es ging mir vor allem um eine Gegenüberstellung, die in der Sendung nicht zur Sprache gekommen ist.

Im Folgenden veröffentliche ich die vollständige Mail. Die in der Sendung vorgelesenen Teile erscheinen fett.

Machen Sie sich selbst einen Eindruck, was und warum genau das ausgewählt worden ist.

Der vollständige Kommentar:

Die Kernüberzeugung der protestantischen Arbeitsethik, dass Wohlstand ein Zeichen der Gottesauserwählung sei, ist in den postmodernen westlichen Gesellschaften zu einer zwar nicht mehr offen bekundeten, aber trotzdem weiterhin machtvollen Triebfeder der Gewinnmaximierungsmentalität der so genannten Eliten geworden.

Jeder Mensch muss als spirituell orientierungsbedürftiges Wesen aufgrund seines Wissens um die Vergänglichkeit – als “animal metaphysicus”, um es mit Arthur Schopenhauer zu sagen -, sein Verhalten vor sich selbst in religiös-metaphysischen Sinne positiv begründen. Dabei ist es gleich, wie andere dieses Verhalten einschätzen. Denn im Streben nach dem Status des Bevorzugtseins durch eine transzendente Instanz erscheinen Selbstbereicherung und Profitorientierung als eine höchste Pflicht.

Deshalb sind die seit Langem immer weiter wachsenden Klüfte zwischen Reich und Nichtreich im Westen sowie den westlich geprägten Gesellschaften für die meisten Reichen kein zu behebender Missstand. Deshalb gibt es auch vergleichsweise wenig Widerstand gegen diese Selbstbereicherung. Deshalb gibt es auch eine Art von fast schon manischem Kreisen um das Thema Wirtschaft, Finanzen und Börsen.

Diesem Komplex lässt sich langfristig wirksam alleine durch anders geartete religiös-metaphysische Vorstellungen von “höchster Pflicht” begegnen.

Es wäre interessant zu erfahren, welche Werte in diesem Sinne einen Bill Gates und einen Warren Buffett als die mit reichsten Männer der Welt dazu bewegt haben, nahezu ihr gesamtes Vermögen in eine wohltätige Stiftung zu stecken.

Oder im buddhistischen, wirtschaftlich ebenfalls sehr erfolgreichen Japan ist es nicht üblich, dass die Chefs mehr als das Zwanzigfache der Arbeitnehmer verdienen, während sie im Westen vor allem im englischsprachigen Raum bis zum Mehrhundertfachen davon verdienen.

In Japan gilt Wohlstand in erster Linie als die Folge des eigenen “heilsamen” Wirkens oder “Karmas” irgendeiner Vergangenheit, das speziell im freien Geben bestand. Aus dieser religiös-metaphysischen Prespektive ist anstatt Selbstbereicherung also das freie Geben eine höchste Pflicht, weil sich lediglich dadurch auch zukünftiger Wohlstand sicherstellen lasse. Dabei wird nicht bloß im Rahmen eines einzigen Lebens gedacht.

Beweisen lässt sich freilich keine dieser unterschiedlichen Glaubensformen. Aber beweisen lassen sich die unterschiedlichen Früchte, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Glück der Vielen angeht.”

Ende des Kommentars

Ich rief etwa in der Mitte der Sendung nach dem Vorlesen des Zitates beim WDR5 an. Ich sagte der vorauswählenden Redakteurin, dass das vorgelesene Zitat aus dem Kontext herausgenommen worden sei, begründete auf Nachfrage, warum, und bat darum, dass die restliche Mail vorgelesen werden sollte; oder dass ich alternativ auch selbst in der Sendung sprechen könnte.

Aber weder ist die restliche Mail vorgelesen worden, noch bin ich zurückgerufen worden, obwohl ausreichend Zeit war.

Das in der Sendung und mit der Mail angesprochene große Thema will ich hier noch weiterführen:

Die calvinistische Prädestinationslehre als Kern der kapitalistischen Mentalität

In den USA sagte vor Kurzem in einem CNN-Interview der bekennende Christ und Multimillionär Mitt Romney, der Favorit für die republikanische Präsidentschaftskandidatur, dass er sich als Präsidenten auf Jobs und wirtschaftliche Möglichkeiten für die Mittelklasse Amerikas konzentrieren würde. Er fügte hinzu: “Um die Armen mache ich mir keine Sorgen.” Seine Begründung: “Die haben ein Sicherheitsnetz.”

Diese Aussage beleuchtet haargenau den Kern jener ursprünglich calvinistischen, in die allgemeine kapitalistische Mentalität übergegangenen Überzeugung, dass Wohlstand ein Zeichen der Gottesauserwählung sei. Warum macht sich Mitt Romney zwar um die Mittelklasse Sorgen, aber nicht um die Armen, die in den USA in einer deutlich prekäreren Situation als in den europäischen Staaten sind?

Aus der Sicht seines Glaubens kann sich die Mittelklasse mit ihrem gewissen Wohlstand als durch Gott bereits “beginnend auserwählt”, das heißt als Kandidat für den Status der vollen Gottesauserwählung der Oberschicht fühlen. Weil in den USA mit der dortigen zunehmenden Kluft zwischen Reich und Nichtreich besonders die Mittelklasse von Abstieg bedroht sei, müsse sie um diesen Status der Gottesauserwählung fürchten.

Aus der Perspektive Romneys ist das bei den Armen jedoch vollkommen anders: Sie seien definitiv nicht auserwählt. Also müsse man sich um sie auch nicht mehr sorgen. Sie seien sozusagen “bereits verloren”. Diese Überzeugung steht in Wirklichkeit hinter seiner Aussage. Und ein Mitt Romney hat viele Anhänger!

Laut calvinistischer Prädestinationslehre kann der Reiche seinen Wohlstand als Zeichen der Auserwählung in dem Sinne verstehen, dass ihm nach dem irdischen Leben das “ewige Leben” vorbestimmt bzw. prädestiniert sei. Dahinter steckt das Bild von einem Gott, dem es gefällt, die einen Menschen auszuwählen und die anderen Menschen zu verdammen; bzw. der von den Menschen will, dass sie gleichgültig wie – auch auf Kosten anderer – Reichtum anhäufen, weil sie damit im Leben wissen könnten, dass sie für danach zum ewigen Leben auserwählt seien.

Wir sprechen hier über unterschiedliche Glaubensformen, die alle nicht beweisbar sind. Trotzdem können sie ohne Zweifel stark handlungsmotivierende Kräfte sein. Also macht es durchaus Sinn, sich einmal zu überlegen, welche der beiden oben erwähnten Glaubensformen plausibler ist. Plausibilität ist zwar auch kein Beweis. Aber der plausiblere Glaube ist mit höherer Wahrscheinlichkeit wahr.

Einerseits haben wir hier also einen unerschaffenen Schöpfergott, eine ursachelose Ursache – bereits ein kardinaler Widerspruch in sich -, der genau so wie ein launischer Menschen die einen nach deren Leben zum ewigen Leben befördert und die anderen in die ewige Verdammnis.

Außerdem sollen diese beiden vermeintlichen postmortalen Seinszustände im Kontrast zu allem, was als Leben erfahrbar ist, “ewig” sein – ein weiterer kardinaler innerer Widerspruch. In der Rede 22 der Mittleren Sammlung des Palikanons etwa hat der Buddha alle Vorstellungen von einer ewigen Existenz nach diesem vergänglichen Leben als “vollkommene närrische Lehre” zusammengefasst.

Dass darüber hinaus ein höchster Gott genauso launisch wie ein gewöhnlicher Mensch sein soll, ist auch nicht plausibel. Plausibel dagegen ist es, dass ein solches Gottesbild die Projektion des launischen Menschen ist, was auch in der Lehre von der “Ebenbildlichkeit” impliziert ist.

Diese analoge Konstruktion von Gott und Mensch macht es psychologisch erst möglich, dass im Gläubigen der Glaube an Gott als metaphysische Rückversicherung für den Glauben an die wahre Existenz des eigenen “Ich” und “mein” fungiert. Hier liegt der eigentliche Grund für diese analoge Konstruktion.

Ein höchster Gott, der mit den Gestorbenen wie beschrieben verfährt, oder der auf der Erde die einen Menschen in Ländern mit Krieg, Armut oder Dürre und die anderen in wohlhabenden Ländern geboren werden lässt, müsste sofort in eine Nervenheilanstalt mit langzeittherapeutischer Behandlung eingeliefert werden. Es wäre ein gemeingefährlicher Psychopath, der in Sicherheitsverwahrung gehören müsste.

Theologische Apologetik sieht das freilich ganz anders: Diese Unterschiede seien auf einen “unerforschlichen Ratschluss Gottes” zurückzuführen. Diese Ausdruck bedeutet die Verklärung und Kaschierung einer unmenschlichen und menschengeschaffenen Gottesvorstellung, die zur Legitimation von Untätigkeit und Mitgefühllosigkeit dient.

Alle diese Glaubensvorstellungen im Zusammenhang mit der ursprünglich calvinistischen Prädestinationslehre sind – unplausibel.

Um so erstaunlicher ist es, welchen Einfluss sie bis heute haben, was mit jener von Schopenhauer beschriebenen Lage des Menschen als “animal metaphysicus” – eines aufgrund des Wissens um die Vergänglichkeit seines Lebens und aller Dinge spirituell orientierungsbedürftigen Wesens – zu tun hat.

Die buddhistischen Glaubensvorstellungen

Die buddhistischen Glaubensvorstellungen vom intentionalen und damit über kurz oder lang “auswirkungsmächtigen” Handeln “Karma” (Tun, Wirken), dessen Auswirkungen nicht auf ein Leben beschränkt sind, sondern sich im fortwährenden Zyklus von Tod und Wiedergeburt manfestieren, können eine deutlich höhere Plausibilität für sich beanspruchen. Die Gründe dafür sind:

* Tod und Wiedergeburt als “ewiger Zyklus” widerspricht nicht den beobachtbaren “ewigen Zyklen” von Natur und Kosmos: Der Kosmos bewegt sich räumlich wie zeitlich in Zyklen, auf der Erde bewegen sich die Jahreszeiten und alle Naturvorgänge in Zyklen und selbst in der menschlichen Geschichte gibt es die Zyklen etwa von Krieg und Frieden oder im menschlcihen Leben von Gesundheit und Krankheit.

* Mit der Karmavorstellung verbunden ist die Vorstellung von einem wohl geordneten, daseinsübergreifenden Ursache-Wirkungs-Gesetzen untergeordneten Kosmos, der nicht irgendeiner “Willkür” unterliegt (wie einem “unerforschlichen Ratschluss Gottes”). Wenngleich diese lebensübergreifenden Ursache-Wirkungs-Gesetzen nicht verifizierbar sind (der Buddha hat die volle Bandbreite des Karma als “unergründlich” beschrieben), so widersprechen sie zumindest als solche Ursache-Wirkungs-Gesetze nicht dem wissenschaftlichen Grundsatz der Kausalität – ganz im Gegensatz zu einer göttlichen Willkür.

Demnach erklären sich die Unterschiede zwischen den geburtsbedingten Situationen der Menschen durch unterschiedliches lebensübergreifendes Karma. Gleichzeitig schafft jeder Mensch fortwährend neues Karma, solange er intentional heilsam oder unheilsam handelt. Er ist durch seine geburtsbedingte Situation innerlich nicht determiniert, wenn er diese als spirituelle “Aufgabe” versteht.

So gibt es auch das palikanonische Diktum von den vier Möglichkeiten, was die karmischen Situationen und die Entwicklungen aller Lebewesen angeht; nämlich vom Ungünstigen ins Günstige, vom Ungünstigen ins Ungünstige, vom Günstigen ins Günstige und vom Günstigen ins Ungünstige.

Mit konkreten Beispielen:

Menschen, die auch auf Kosten anderer alles daran setzen, ihren Vorteil, Reichtum und Besitz zu mehren, gehen vom Standpunkt der buddhistischen Karmalehre über kurz oder lang “ins Ungünstige”. Dabei ist es gleichgültig, mit welchen Glaubensvorstellungen (wie zum Beispiel der calvinistischen Prädestinationslehre) sie ihr Verhalten vor sich selbst rechtfertigen.

Häufig wirke sich früher gewirktes positives Karma so aus, dass es als Folge für den Betreffenden auch für längere Zeit relativ gute Situationen oder Umstände gäbe. Das ändere aber nichts daran, dass sich später das unter diesen guten Situationen oder Umständen gewirkte negative Karma auch negativ auswirken müsse.

Entscheidend für das Karma sei ausschließlich die Qualität der konkreten Handlungsabsichten. Wenn diese heilsam seien, würden sie jetzt oder in der Zukunft (auch in lebensübergreifender Hinsicht) zu Frieden und Glück führen. Im anderen Falle würden sie zu Leiden führen – ohne zwar ohne das Mitwirken irgendeines Gottes. Dieses unpersönlich wirkende “Karmagesetz” ist hier sozusagen der “allmächtige Gott” und “Allschöpfer”; und zugleich auch das Instrument, das jedem Menschen unabhängig von seiner Situation gestattet, allmählich im Leben die Befreiung zu verwirklichen.

Wir haben es hier also mit ziemlich unterschiedlichen Glaubenswelten zu tun; die ziemlich unterschiedliche Haltungen zum Leben nach sich ziehen.

Hans Gruber

Print Friendly

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment