Finanzkrise alias Wertekrise

by Hans on 17/10/2008

 

 

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* Näheres zum neu entdeckten Urvater des westlichen praktizierten Buddhismus,
U Dhammaloka, hier im Vorwort

* Tipp: Die Spiegelung meiner Facebook-Seite auf diesem Blog

 

 

Nach der Betrachtung eines auffälligen Mankos in der politischen Diskussion um die Finanzkrise werden die geistigen Ursachen aus buddhistischer Perspektive reflektiert. In den Anmerkungen erscheinen weiterführende Informationen oder Links.

 

Hinweise: 

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Beitrag:

 

„Finanzkrise, Finanzkrise“, tönt es überall. Aber tiefer geblickt – auf die geistigen Ursachen – sollte es heißen „Wertekrise, Wertekrise“.

Oskar Lafontaine hat zutreffend kommentiert, dass die Finanzkrise lediglich ein Ausdruck einer tiefen Wertekrise der westlichen Gesellschaft sei. Ausdruck nämlich von verselbstständigten Begehrlichkeiten, des Nichtgenugkriegenkönnens der verantwortlichen Bankmanager und Spekulanten, die mit riskanten Finanzprodukten gehandelt haben, aber auch Ausdruck von verselbstständigten Begehrlichkeiten vieler Bürger, die vor allem in den USA und GB immer weitere Kredite auf ihre Immobilien aufgenommen haben. So ist die Blase bis zum Platzen gewachsen.

Aber das wird häufig genug hervorgehoben. Hier soll primär ein anderer Punkt angesprochen werden:

Warum wird bei der aktuell nachrangig behandelten Frage, in welcher Form die Verantwortlichen zur persönlichen Haftung herangezogen werden sollten, immer bloß daran gedacht, etwa die immensen Jahresgehälter der Bankmanager zu begrenzen, eine strengere Bankenaufsicht einzurichten oder manche Verantwortliche zu entlassen (mit gehörigen  Abfindungen und hohen lebenslangen Pensionen)? Finanzminister Peer Steinbrück betont, dass bei einem Brand die Brandstifter davon abgehalten werden müssten, zukünftig wieder einen Brand anzustiften.

Aber ist das nicht das Mindeste und ganz selbstverständlich?

Warum werden nicht vielmehr die Brandstifter in der Form zur Verantwortung gezogen, dass sie aus ihren privaten Vermögen einen Beitrag zur Brandlöschung leisten müssen, also persönlich für den von ihnen angerichteten Schaden haften müssen? Zumal diese privaten Vermögen zustande gekommen sind durch eben jenes Verhalten, das zu der Krise geführt hat. Warum werden stattdessen lieber gewaltige Steuersummen zur Brandlöschung aufgewandt?

Es müssten erst entsprechende Gesetze verabschiedet werden. Es gab in der Vergangenheit Anläufe, die nicht weit gediehen sind. Das gewöhnliche Gegenargument: Eine persönliche Verantwortung ließe sich bloß schwer nachweisen. Das mag schon sein. Aber der Hauptpunkt ist, dass zweifellos nur solche Gesetze bewirken würden, dass sich die Bediener der Schalthebel im Finanzmarkt- und Bankgeschehen genau überlegen würden, was sie tun. Denn sie wüssten, dass es im Falle von Fehlentscheidungen an ihre eigenen großen Vermögen gehen könnte.

Just dieselben Begehrlichkeiten nach immer höheren Profiten, die sie ohne solche Gesetze zu dem leichtfertigen Verhalten geführt haben, hätten sie mit solchen Gesetzen davon abgehalten. Denn sie würden nicht ihr privates Vermögen oder Hauptteile davon riskieren. Auch wenn manchmal eine persönliche Verantwortung schwer nachweisbar wäre, hätten die Gesetze in jedem Fall diese abschreckende Wirkung, die Vorsicht bedingt hätte oder künftig bedingen würde.

Das „Eilgesetz zur Stabilisierung des Finanzmarktes“, ein Rettungspaket von 500 Millarden Euro an Steuergeldern, ist von der Mehrheit des Bundestages gebilligt worden. Lediglich die Grünen und die Linken stimmten dagegen. Das Gegenargument der Grünen lautete, dass das Rettungspaket der Verantwortung für den Steuerzahlern nicht gerecht werde. Es sind auch vor allem die Grünen, die für jenes Gesetz eintreten, mit dem die Verursacher aus dem Finanz- und Bankensektor zur persönlichen Haftung mit ihrem Vermögen herangezogen werden könnten.

Ohne ein solches Gesetz kann zukünftig leicht wieder eine ähnliche Krise entstehen. Eine strengere Finanzaufsicht, die Kürzung von Jahresgehältern oder die Gefahr der Entlassung der verantwortlichen Manager wirken nicht abschreckend genug. Alleine die Gefahr der Haftung mit dem privaten Vermögen wäre abschreckend genug.

Warum also wird jenes nahe liegende Gesetz zur persönlichen Haftung der Verantwortlichen nicht verabschiedet? Welche „Bande“ zwischen der Politik und den Gestaltern der Großfinanz wirkt hier? Ein Indiz für diesen Bund hinter den Kulissen: Das Hilfs- oder Rettungspaket von 500 Millarden Euro ist ausschließlich in Zusammenarbeit mit führenden Vertretern des Finanzmarktes erarbeitet werden. Vertreter der Bürger oder Steuerzahler waren nicht an den Verhandlungen beteiligt, wie Renate Künast von den Grünen betont.

Wertekrise, in der Tat, aber anscheinend auch bei den meisten Anklägern aus der Politik.

Ein interessantes Detail: Es wird vermutet, dass viele Banken nicht auf das angebotene Rettungspaket zugreifen werden, weil der Staat im Falle dieser Banken die Jahresgehälter der führenden Manager auf 500 000 Euro begrenzen würde. Das heißt, ein Monatsgehalt von 41 666 Euro gilt ihnen als unzumutbar niedrig. Eben diese unersättliche Haltung ist der Grund, warum ein Gesetz zur persönlichen Haftung der Verursacher definitiv wirken würde. (1)

Das hat nichts mit „Neiddebatte“ zu tun. Fachliche Leistungsfähigkeit ist das Eine. Aber sie muss mit ethischer Motivation und innere Reife zusammengehen. Wenn sie dies nicht tut, indem sie Instrument ichzentrierter Motive ist, kann sie verheerende gesellschaftliche Auswirkungen haben.

„Verdient“ dieses Verhalten eine derart hohe Entlohnung? Welche Wertvorstellungen liegen der Vorstellung zugrunde, dass fachliche Leistung alleine es verdiene? Die Finanzkrise ist bloß ein aktuelles Beispiel. Es gäbe unzählige Beispiele aus der Geschichte. Jede Diktatur zum Beispiel war und ist bloß mit Hilfe fachlich hoch leistungsfähiger Personen möglich. Dass es auch anders geht, beweisen diverse Fälle. Ein aktueller solcher Fall wäre Barack Obama in den USA, der nach einem herausragenden Harvard-Abschluss in den Armenvierteln von Chicago gearbeit hat. (2)

Außerdem: Die Banker sagten selbst, ihre Produkte seien so kompliziert gewesen, dass sie diese nicht mehr verstanden hätten, so der emiritierte Wuppertaler Professor für Ästhetik, Bazon Brock. Dann gebe es aber keinen Grund, warum die Banker „Chef spielen“ und Anspruch auf Bonuszahlungen und hohe Gehälter erheben könnten.

An dieser Stelle ist die buddhistische Lehre anzusprechen, nach der Unersättlichkeit das eigentliche Problem ist, das sich nicht auf eine bestimmte Gruppe beschränkt. Jeder hat es schon erlebt. Es gilt ebenfalls für die erwähnten Bürger, die zu hohe Kredite auf ihre Immobilien aufgenommen haben.

Unersättlichkeit wurzelt in einer „verfehlten Sicht“ (micchâ ditthi), was die Bedingungen höheren Friedens oder Glücks sind. Hinter Unersättlichkeit verbirgt sich das Gefühl, dass Besitz, Gewinn oder Profit, sinnlicher Genuss, Vergnügen, Status und Lob das höchste Glück seien. Laut der Lehre des Buddha ist „verfehlte Sicht“, die im „Nichtsehen“ (avijjâ) des fixierenden Bewussteins von „Ich und mein“ wurzelt, die Hauptursache von Angst und Leiden in der Welt.

Die höheren Glücksformen gründen in Einigkeit des Gewissens, geistigem Frieden und Befreiung von inneren Zwängen, die aus einer zunehmend entwickelten Ethik (Motiven wie Nichthass, Nichtgier, Liebe, Mitgefühl, Mitfreude, Geduld und Freigiebigkeit), Sammlung und Weisheit bzw. befreiender, intuitiver Einsicht resultieren.

Es sind höhere Glücksformen, weil sie nicht von bestimmten „äußeren“, vergänglichen Bedingungen abhängen, obwohl sie mit ihnen einhergehen können, und durch diese Unabhängigkeit frei von Unruhe, Angst oder Unsicherheit sind. Es wohnt ihnen eine höhere Qualität inne, die sich in einer erhebenden, tief befriedigenden, veredelnden oder läuternden Wirkung manifestiert. (3)

Die Quelle dieser „inneren“ Entwicklung von Geist wie Herz – also von ethischer Motivation, geistiger Ruhe und Weisheit bzw. befreiender, intuitiver Einsicht – ist in wechselseitiger Ergänzung die methodische oder formale und die natürliche oder alltägliche Ausbildung einer durchschauenden, „Trefflichen Achtsamkeit“ (sammâ sati). (4)

Hans Gruber

 

Anmerkungen:

 

Anmerkung (1) Der emiritierte Wuppertaler Professor für Ästhetik, Bazon Brock, wirft Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vor, die Öffentlichkeit bewusst getäuscht zu haben. Denn in den mit dem Rettungspaket für die Banken verabschiedeten Bedingungen sei keineswegs festgehalten, dass Manager von Banken bei Inanspruchnahme von Staatshilfen nicht mehr als 500 000 Euro verdienen dürften. Dort heiße es nur, man wolle darauf hinwirken, dass die Banker bereit seien, nicht mehr anzunehmen. Steinbrück habe also den Eindruck erweckt, er sorge jetzt für die Einhaltung von Regeln, dies dann aber doch nicht getan. (Deutschlandradio Kultur, Interview in „Ortszeit“, vom 27. 10. 08.)

Hier liegt wohl ein Hauptgrund, warum aktuell plötzlich doch viele Banken auf das Rettungspaket zugreifen wollen, entgegen anfänglicher Aussagen. Denn das altgewohnte Gehalt ist damit nicht bedroht. Peer Steinbrück hat nur so getan, um die Öffentlichkeit zu beschwichtigen.

Anmerkung (2) Das Video zu der letzten Präsidentschaftsdebatte zwischen John McCain und Barack Obama, der im Beitrag erwähnt wird, kann hier in voller Länge angesehen werden. Achten Sie genauso auf das Minenspiel der beiden Kontrahenten, während der eine dem anderen zuhört, wie auf deren Aussagen. Beide Gesichter werden in der 11/2-stündigen Debatte gleichzeitig eingeblendet. Es ist ein ganz besonderes Lehrstück über unterschiedliche geistige Qualitäten, und wie diese den Körper (das Gesicht) und die Stimme (die Worte) lenken.

Weitere Videos: Eine menschlich stark engagierte, mitreißende Rede von Barack Obama nach dessen Nominierung als Präsidentschaftskandidat vor der „Democratic National Convention“. Vielsagende kleine Sammlung von Zitaten John McCains, die von den großen US-Medien nicht gesendet wird. (Weitere Videos über ihn auf der kritischen Website www.therealmccain.com.)

Anmerkung (3) Zu der Frage, was die unterschiedlichen Glücksformen bedeuten, den Gründen für die Hierarchie bzw. Höher- oder Geringerwertigkeit zwischen ihnen, und anderen damit verknüpften Fragen, zum Beispiel den „religiösen“ Wurzeln einer materiell beschränkten Glückssicht, vergleiche dieses Interview. (Der verlinkte Text ist ein PDF-Dokument. Um es zu öffnen, benötigen Sie den Adobe Reader, der kostenlos hier heruntergeladen werden kann.)

Dieses eingehende Interview rund um den Buddhismus im Westen für heute ist im Hamburger Kunstmagazin Dare erschienen, der Ausgabe 2 zum Schwerpunktthema „Hype“. Ein kurzer informativer Beitrag des Deutschlandfunks über das neue unkonventionelle und mutige Kunstmagazin kann hier direkt angehört werden. Auf der Website gehört das Interview zur Rubrik „Aktuelles“.

Anmerkung (4) Ein Überblick zur frühbuddhistischen Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassana ist der bebilderte eigene Eintrag zu „Vipassana“ auf Wikipedia (mein Wikipedia-Name ist Pramanam). Im Anhang dieses Eintrags gibt es diverse weiterführende Infos und Links. Eine Sammlung von Links zu Beiträgen rund um das Vipassana auf der Website „Buddha Heute“ erscheint hier.

 

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1 Rupaloka September 30, 2012 um 15:24

Solange keine Krise herrscht, die Marktwirtschaft ihr Geschäft abwickelt durch normale Lohnsenkungen, normale Arbeitslosigkeit, normale Kriege, verhungern lassen der unnützen Menschen, Ausplünderung der Natur etc. , solange die Marktwirtschaft also erfolgreich expandiert, da nörgelt niemand an den Managergehältern und der Gier herum.

Wenn die Aktienkurse steigen, klatschen alle Beifall. Wenn 10 tausende neuer Wohnungen gebaut werden, deren Miete dazu führen, daß die Menschen ihr Leben zu Hause verbringen müssen, will niemand die Verhältnisse ändern.

Aber die Marktwirtschaft verläuft immer genau so. Es sind die gleichen Prinzipien, die in Aufschwung und Krise gelten.

Und das bedeutet, nichts geschieht in der Marktwirtschaft, damit es den Menschen gut geht. Marktwirtschaft heißt, aus angelegtem Geld mehr Geld gewinnen. Das Wohlergehen von Mensch und Natur führt dabei immer zu einem Abzug vom Gewinn. eine Verminderung also des eigentlichen Zwecks der ganzen Arbeit.

Will man die Barbarei in der Welt abschaffen, muss man diese bewusstlose Marktwirtschaft abschaffen und anfangen, zum Wohle der Menschen zu produzieren.

2 Alexander Dezember 22, 2008 um 12:41

Ja, ich denke auch das Gier ein unheilvolles Gefühl ist und nicht gerade zu Glück führt. Viele Manager wissen oft, wie sie dem kleinen Mann od. der kleinen Frau das Geld aus der Tasche ziehen können anstatt bei sich den Fehler zu suchen. Sie wollen mehr Geld, sind aber trotzdem nicht fähig zu sich, ihren Fehlern und ihrer Verantwortung zu stehen.

Meiner Meinung nach sollte man begrenzt an das Privatvermögen gehen und je nach Fall unterscheiden. Hat jemand beispielsweise mutwillig und bewusst rücksichtslos gehandelt, sollte man der Person das ganze Privatvermögen wegnehmnen, wenn damit der Schaden gedeckt ist. Hat jemand dagegen aus bestem Wissen und Gewissen gehandelt, sollte diese Person nochmal eine Chance bekommen und nur begrenzt finanziell zur Verantwortung gezogen werden.

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