Des Kaisers Neue Kleider

by Hans on 03/11/2008

 

 

 

 

Des Kaisers Neue Kleider

 

 

AA)-Handlogo)-ObenUntenPapyrus

 

 

* Näheres zum neu entdeckten Urvater des westlichen praktizierten Buddhismus,
U Dhammaloka, hier im Vorwort

* Tipp: Die Spiegelung meiner Facebook-Seite auf diesem Blog

 

 

Mit diesem sehr persönlichen Beitrag wird der letzte Akt des Abschieds von meinen Eltern und einer meiner Schwestern auf den jeweiligen Begräbnissen reflektiert. Dabei ziehe ich bestimmte Schlüsse aus einem Unbehagen, das ich zu gemeinsamen Aspekten dieser öffentlichen Begräbnisse hatte. Um dieses Unbehagen zu verdeutlichen, wird ein Vergleich zu dem berühmten Märchen von Hans-Christian Andersen „Des Kaisers neue Kleider“ gemacht.

 

Hinweise: 

Beachte bei Interesse bitte auch die Funktionen des Blogs für Dich als Besucher sowie das Vorwort zum Blog.

[read more=“Lies hier weiter“ less=“Lies weniger“]

In den Jahren 2007 und 2008 verstarben meine Mutter und eine meiner drei Schwestern. Mein Vater ist im Jahr 2000 gestorben. Es waren drei große Abschiede. Der letzte Akt dieser Abschiede war jeweils ein öffentliches Begräbnis. Drei verschiedene lutherisch-christliche Pfarrer hielten die Grabreden. Auf dem Begräbnis meiner Mutter habe ich auch selbst eine Rede gehalten.

Meine Eltern waren beide Kirchenmitglieder, wie auch die verstorbene Schwester. Sie gingen alle drei jedoch nicht in die Kirche. Ihr konventioneller Glaube war sehr begrenzt. Meine Mutter lebte ihren Glauben auf ganz individuelle Weise, unabhängig von Bibel und Kirche. Die Natur war ihre einzige Kirche. Mein Vater war Atheist, Geschäftsmann und bekannter SPD-Politiker im oberbayerischen Ingolstadt, der deshalb nicht aus der Kirche austrat. Alle drei wollten, dass sie nach ihrem Tod christlich bestattet werden. Deshalb habe ich es akzeptiert.

Doch ich will nicht verhehlen, dass während der Grabreden der drei Pfarrer in mir beträchtliches Unbehagen aufkam. Ich fand es nicht leicht, mir zum letzten Akt dieser wichtigen Abschiede von den Eltern und der Schwester Reden anzuhören, die kein persönliches Verhältnis zeigten, und die Glaubensvorstellungen vertraten, die ich beim besten Willen nicht teilen kann. Zu diesen gehörte zum Beispiel das wiederholte Beschwören eines „ewigen Lebens“, in das die Verstorbenen eingingen; oder die persönliche „Gemeinschaft mit Gott“, die sie jetzt erführen. Ich war glücklich, auf dem Begräbnis meiner Mutter gleichsam als Gegenstück eine längere, sehr persönliche Abschiedsrede zu halten. Dabei ist „Buddhistisches“ aber bloß sehr indirekt zum Ausdruck gekommen. (Diese Rede erscheint hier unter diesem Link auf der Website in der Rubrik „Biografisches“.)

 

Das apostolische Glaubensbekenntnis

 

Noch deutlicher empfand ich Unbehagen, als die Pfarrer auf den drei Begräbnissen am Ende ihrer Worte die Trauergemeinden aufforderten, „nun lasst uns gemeinsam unseren christlichen Glauben bekennen“, woraufhin besonders feierlich das apostolische Glaubensbekenntnis rezitiert wurde. Bereits als Jugendlicher (vor meiner Begegnung mit der buddhistischen Lehre) hatte ich das apostolische Glaubensbekenntnis immer mit Verwunderung gelesen oder gehört.

Bevor ich fortfahre, möchte ich dieses Bekenntnis im Wortlaut zitieren. Es gilt seit dem zweiten Jahrhundert als die primäre Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Es ist die Glaubensnorm sowohl für die katholische Kirche als auch für die Kirchen der Reformation:

„Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.

Amen.“

 

Des Kaisers neue Kleider

 

Die große Feierlichkeit, mit der auf den drei Begräbnissen die Pfarrer zusammen mit den Trauergemeinden diese Quintessenz des christlichen Glaubens rezitierten, und die ausgedrückten Inhalte – „Glaubenswahrheiten“, wie sie die Kirchen nennen –, erinnerten mich spontan an das berühmte Märchen von Hans Christian Andersen Des Kaisers neue Kleider.

Die Botschaft dieses Märchens lautet:

Kluge betrügerische Weber machen ein Riesengeschäft, indem sie sich teuer für das Anfertigen angeblich besonders wertvoller Kleidern für den eitlen Kaiser bezahlen lassen. Die Weber sagen, die Kleider seien wunderschön, aber für jeden unsichtbar, der nicht für sein Amt tauge oder dumm sei. Sie bekommen den lukrativen Auftrag. Gekonnt erwecken sie bei der Herstellung den Eindruck, als ob sie etwas höchst Kunstvolles weben. Nach Fertigstellung glauben alle Minister und Beamten des Kaisers, wie auch der Kaiser selbst, wunderschöne Kleider vor sich zu haben, obwohl sie in Wahrheit nichts sehen. Aber sie wollen es sich aus Angst, als untauglich oder dumm zu gelten, nicht eingestehen. Ebenso das Volk. Bis ein unschuldiges Kind auf der Straße ruft: „Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!“

(Hier können Sie das Märchen in vollem Wortlaut lesen.)

Wer kann allen Ernstes glauben – ohne gegen die Gebote des natürlichen Kausalitätsempfindens, der klaren Vernunft und des gesunden Menschenverstandes zu verstoßen, ohne das eigene lebenslange Erfahrungswissen über Bord zu werfen, ohne alle Erkenntnisse der modernen Wissenschaften unbeachtet zu lassen –, dass jemals ein Mensch, auch wenn sich dieser Mensch als „Gottessohn“ empfunden haben mag, tatsächlich von einer „Jungfrau“ geboren worden oder nach seinem Tode aus dem Grabe „auferstanden“ sei, dann körperlich „aufgefahren in den Himmel“ wäre, dort „zur Rechten Gottes“ sitze und zum Zeitpunkt eines zukünftigen „Jüngsten Gerichtes“ erneut „von dort kommen“ werde, „zu richten die Toten und die Lebenden“ – die „Toten“, nachdem sie sich mit ihren verfallenen Körpern wieder materialisiert haben?

Diese Lehren werden im apostolischen Glaubensbekenntnis und der Bibel, wo sie dort vorkommen, wörtlich verstanden.

Wer kann allen Ernstes glauben, dass durch den Kreuzestod eines Menschen, der sich entweder selbst als „Sohn Gottes“ bezeichnet hat oder von späteren Institutionen so bezeichnet worden ist, die Menschheit „erlöst“ worden sei (bzw. später bloß alle diejenigen Menschen, die sich per formaler Taufe zum christlichen Glauben bekannt haben)?

Welche ganz irrealen Kausalitätsvorstellungen liegen auch diesem christlichen Kernglauben zugrunde; oder der Idee, dass es einen höchsten „Vatergott“ gebe (warum eigentlich nicht „Muttergott“), der – selbst zwar unerschaffen – die Welt erschaffen habe; oder der – selbst zwar allgütig – sehr viel Leiden und Grausamkeit zulasse?

Denn es gibt keine Ursache, die nicht selbst verursacht worden ist. Deshalb kann es keinen ungeschaffenen Gott geben, der die Welt erschaffen hat. Ähnlich gibt es keine Ursache, die nicht von gleicher Art wie die von ihr hervorgebrachte Wirkung wäre; der Same einer Kastanie zum Beispiel kann immer bloß eine Kastanie hervorbringen, niemals eine Eiche oder eine Buche. Deshalb kann es keinen allgütigen Gott geben, der Leiden und Grausamkeit in der Welt zulässt.

Einwand: Er lasse all das lediglich als eine Prüfung für den Menschen zu. Aber als allwissender Gott müsste er von vorneherein gewusst haben, wie eine Prüfung ausgeht, bzw. wer sie besteht. Dann müsste er aber Menschen nicht erst prüfen. Außerdem kann er als höchster, vollkommener Gott keine unvollkommenen Menschen erschaffen haben, die er danach einer Prüfung unterziehen müsste, um sie zu läutern.

So folgt innerhalb dieses Glaubens ein Widerspruch dem anderen. So bedeutet der Glaube an solche Lehren das Außerkraftsetzen des natürlichen Kausalitätsempfindens, der klaren Vernunft und des gesunden Menschenverstandes.

Wer kann allen Ernstes glauben, dass nach jener vermeintlichen Rückkehr des vermeintlichen Erlösers Jesus Christus das „Reich Gottes“ auf Erden anbrechen werde? Ein goldenes Zeitalter, in dem Ungleichheit, Unterdrückung, Ausbeutung oder Grausamkeit bzw. Gier, Hass, Verblendung, Stolz und Neid usw. stark gemindert bis beseitigt sind, hängt immer alleine von der menschlichen Reife oder der spirituellen Entwicklung der Menschen ab. Diese Reife oder Entwicklung „fällt“ zu überhaupt keiner Zeit „vom Himmel“.

Der thailändische Theravâda-Meister Ajahn Chah hat es so resümiert: „Erwachten kommt nicht als Gnade einer göttlichen Macht, sondern als das Ergebnis der Bemühungen des Menschen, den Dharma (bzw. kulturübergreifenden Befreiungsweg von Ethik, Ruhe und Weisheit) zu verstehen.“

Am Ende des apostolischen Glaubensbekenntnisses erscheinen die christlichen Hauptlehren von der „Auferstehung der Toten“ und dem „ewigen Leben“. Sie haben große unbewusste Macht, weil die beiden Hauptfixierungen des Menschen die Fixierung auf den Körper und die Fixierung auf das Leben sind. Wir Menschen leiden gewöhnlich unter der Vergänglichkeit des Körpers und des Lebens, weil wir die Vergänglichkeit nicht in ihrer ganzen Durchgängigkeit und Universalität akzeptieren können. Existenzielle Angst ist die zwangsläufige Folge dieser Nichtakzeptanz. Dies macht uns empfänglich für so genannte „Glaubenswahrheiten“, die suggerieren, dass es eine „Auferstehung von den Toten“ (das heißt die Aufhebung der Vergänglichkeit des Körpers) und ein „ewiges Leben“ (das heißt die Aufhebung der Vergänglichkeit des Lebens) gäbe.

So benutzen die „Weber“ der Kirchen diese Fixierungen, Angst und daraus resultierenden Wunschvorstellungen. So machen sie auch ein großes Geschäft. Ein weitere Grund: Wenn Menschen in den spirituellen Kernfragen des Lebens Vorstellungen als „(Glaubens)Wahrheiten“ annehmen, die jeder Vernunft, Kausalität und eigenen Erfahrung widersprechen, ist der Boden für Manipulierbarkeit in allen Bereichen des Lebens bereitet.

Aus diesem Grund hat es, beginnend mit der Politik des römischen Kaisers Konstantin (Ende 3. Jh. bis 337 n. Chr.), der die „konstantinische Wende“ zum Christentum einleitete, im Abendland im religionsgeschichtlichen Vergleich immer eine besonders enge Verflechtung zwischen den kirchlichen und den weltlichen Mächten gegeben. Denn die kirchlichen „Glaubenswahrheiten“ schaffen die Hauptvoraussetzung für eine weitgehende Kontrollierbarkeit der Menschen. Sie halten diese auf einem kindlichen Bewusstseinsniveau. Das macht Herrschaft und eigenen Vorteil leicht.

Es kommt noch ein Punkt hinzu, der jenem Außerkraftsetzen der klaren Vernunft durch „Glaubenswahrheiten“ eine besondere Tragweite gibt – der Zusammenhang von Vernunft und Moral. Alle Moral leite sich bloß aus der Vernunft ab, wie etwa der emeritierte Wuppertaler Professor für Ästhetik, Bazon Brock, betont. Der „Verlust an Rationalität“ bedeute, „dass wir zugleich alle Moral verlieren“. Denn es existiere keine andere Moral als diejenige, die vernünftig begründet werde. (Laut Deutschlandradio Kultur, Interview in „Ortszeit“ 8.38, vom 27.10.2008.)

Liegt hier die tiefere Erklärung für die große Frage, warum es in keiner Religionsgeschichte so viel Gewalt wie in der Geschichte der Christentums gegeben hat? Karlheinz Deschner konnte zehn umfangreiche Bände schon alleine zur Kriminalgeschichte des Christentums schreiben (zu dieser einen von den insgesamt drei monotheistischen Weltreligionen; und in der Verbreitungsgeschichte des Islams sieht es nicht viel besser aus).

Es ist die Furcht aufgrund unbewusst verinnerlichter, bewusst eingesetzter biblischer Drohungen, dass der christliche Glaube der einzig rechte sei bzw. das Abfallen von ihm mit Verdammnis bestraft werde, was den unbefangenen, vorbehaltlos klaren und unschuldig spontanen Blick des Kindes verhindert: „Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!“

Es ließe sich auch mit dem Titel der 450-seitigen kritischen Bibelanalyse des Psychologie-Professors Franz Buggle auf den Punkt bringen. Der Titel lautet: „Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Eine Streitschrift.“

 

Die psychologische Dimension des Gottesglaubens

 

Die psychologische Dimension des Glaubens an einen höchsten, einzigen, wahren bzw. allmächtigen „Schöpfergott“ erklärt die unbewusste Macht dieses Glaubens:

Denn der Gott und Seelenglaube ist der menschliche „Ich- und mein“-Glaube in seiner metaphysisch überhöhten Form, das unbewusst machtvollste Rückversicherungsprojekt des „Selbst“ in der Geschichte. Wenn von „Gott“ als dem „einzigen“ oder „wahren Gott“ gesprochen wird, wie in den drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum der Fall, ist unbewusst das eigene „Ich“ gemeint, das auf die Ebene der (in Wahrheit ungreifbaren) „höchsten Wirklichkeit“ projiziert wird. Damit wird diese höchste Wirklichkeit scheinbar „greifbar“.

Was dadurch in psychologischer Hinsicht passiert, ist eine metaphysische Rückversicherung des eigenen Bewusstseins von „Ich und mein“. Denn dieses Bewusstsein ist von permanenter existenzieller Unsicherheit oder Angst begleitet, weil es im Widerspruch zur fließend-vergänglichen, gegenüber unseren Glücks- oder Sicherheitshoffnungen ungenügenden bzw. „Selbst“-losen Wesen der Phänomene steht. Gewöhnlich ist man sich dieses Widerspruchs und der damit verbundenen spirituellen Aufgabe nicht gewahr. Das macht anfällig für personalisierte, gleichsam greifbare Vorstellungen von der „höchsten Wirklichkeit“, die buddhistisch betrachtet unfassbar „Selbst“-los ist.

Im Falle des Gottesglaubens lautet der Schluss, der im menschlichen Unbewussten des so Gläubigen gezogen wird: Wenn die höchste Wirklichkeit Gott-„Person“ ist, dann gilt „Wirklichkeit“ um so mehr für das Menschen-„Ich“. In diesem Schluss liegt jene psychologische Rückversicherung des eigenen Bewusstseins von „Ich und mein“ durch personalisierte, „verdinglichte“ Vorstellungen von der höchsten Wirklichkeit.

Kurz gefasst: „Gott“ und „Ich“ sind zwei Seiten einer Medaille. Der Glaube an „Gott“ ist der Glaube an „Ich“ (bin wirklich) und (das ist tatsächlich) „mein“ – lediglich metaphysisch gewendet, also die metaphysisch überhöhte Form. So wie das eigene „Ich“ gewöhnlich als eine sich selbst gleichbleibende, beständige und somit unabhängige oder unbedingte Größe empfunden wird (wie im Glauben an eine „ewige Seele“), ähnlich wird „Gott“ als die metaphysisch überhöhte Form des „Ich“-Glaubens als ewig, unbedingt oder ungeschaffen gesehen.

Das Ergebnis des Glaubens an einen höchsten „Gott“ ist eine psychologische Rückversicherung, ein gewisses Sicherheitsgefühl in Bezug auf das eigene „Ich und mein“-Bewusstsein. Aber darin liegt aber keine wirkliche Lösung, weil das Bewusstsein von „Ich und mein“ nach wie vor im Widerspruch zum ständigen Fluss, Nichthinreichen bzw. Nicht-Selbst der Dinge steht. Lediglich durch „innere“ Auseinandersetzung mit dieser wahren Realität, diesem Widerspruch und der damit verbundenen Aufgabe ist eine wirkliche Lösung oder Befreiung möglich.

Der Gott der monotheistische Urschriften wird auch genau so dargestellt, dass sich die Leser an das eigene menschliche „Ich“ erinnert fühlen. Denn jener Gott straft, übt grausame Rache, hasst, belohnt, prüft, handelt willkürlich („unerforschlicher Ratschluss Gottes“), will aus Geltungsbedürfnis in besonderem Maße akzeptiert werden; er ist aber auch gütig und barmherzig. Der einzige Unterschied zum menschlichen „Ich“ ist, dass er als allmächtig, unerschaffen bzw. ewig gilt. Aber auch diese Züge entsprechen den unbewussten Wünschen des „Ich“. So wird die Identifikation mit diesem „Gott“ und der Glaube an seine Existenz noch verstärkt.

Wenn aus unterschiedlichsten Gründen ein Mensch eine heilsame Motivationsstruktur entwickelt hat, und er oder sie an Gott glaubt, wirkt dieser Glaube als Rückversicherung für diese heilsame Struktur. Das Gottesbild ist dann entsprechend (etwa „Gott ist Liebe“).  Wenn aus unterschiedlichsten Gründen ein Mensch eine unheilsame Motivationsstruktur entwickelt hat, und er oder sie an Gott glaubt, wirkt dieser Glaube als Rückversicherung für diese unheilsame Struktur. Das Gottesbild ist dann entsprechend (Gewalt, Töten oder Krieg im Namen Gottes).

Die Bibel dient als Quelle für beide Gottesbilder.

Neben dem bekannten positiven Gottesbild der Bibel gibt es im Alten Testament rund tausend Darstellungen eines gewalttätigen oder rachsüchtigen Gottes. Rachsucht ist vom Standpunkt der buddhistischen Psychologie eine Form des Hasses und unheilsam. Im Neuen Testament gibt es auch einen klaren Alleingeltungsanspruch und Missionsauftrag, diverse Androhungen von Verdammnis, wenn der Glaube an einen Vatergott und dessen eingeborenen Sohn nicht geteilt wird, oder jene kardinale Androhung eines kollektiven „Jüngsten Gerichtes“.

Der Brite und vielfache Buchautor Bertrand Russell (1872-1970) war Literatur-Nobelpreisträger, führender Mathematiker, ein Vater der Analytischen Philosophie, Pazifist, Rationalist und ein Kritiker des Christentums. Er hat jene diversen Androhungen von Verdammnis durch Jesus Christus laut dem Neuen Testament mit der Aussage kommentiert, dass Drohung die typische Haltung eines durchschnittlichen Predigers sei. Deshalb, so Russell, wäre Jesus vielen großen Persönlichkeiten der Geschichte unterlegen, die es aufgrund der inneren Stimmigkeit ihrer Lehren nicht nötig gehabt hätten, mit Drohungen zu arbeiten und damit Anhängerschaft zu erzeugen.

 

Praxisreligion und Glaubensreligion

 

Aus Sicht des Buddhismus sind eine körperliche „Auferstehung von den Toten“ oder ein „ewiges Leben“ Widersprüche in sich, weil Körper und Leben als Inbegriffe des bedingt Entstandenen und deshalb Vergänglichen in keiner ihrer Formen ewig sein können. So resümiert der Buddha etwa in der Rede 22 der Mittleren Sammlung , dem Gleichnis von der Schlange, jede Lehre von der Ewigkeit des Selbst nach dem Tode als „vollkommen närrische Lehre“.

Einer der primären Pioniere des frühen Buddhismus Theravada im Abendland, der homöopathische Berliner Arzt Dr. Paul Dahlke (1865-1928), hat mit Blick auf den Buddhismus und das Christentum zwischen „Praxisreligion und Glaubensreligion“ unterschieden. Dieser Unterschied ist der Kern der oben vorgebrachten Kritik.

Es ist dieser Charakter einer Praxisreligion, der den Buddhismus im Westen seit Langem zunehmend attraktiv macht. Denn das moderne religiöse Bedürfnis gilt immer deutlicher praktisch hilfreichen und individuell umsetzbaren Mitteln, um sich spirituell zu entwickeln. Diese Entwicklung oder menschliche Reife bedeuten, ethische Motivation, geistige Ruhe und befreiende Einsicht hervorzubringen bzw. höhere Formen von allgemeinem Frieden oder Glück zu erfahren.

Auch das ungeteilt positive Menschenbild des Buddhismus, wonach der Mensch in diesem Leben zu höchsten Formen innerer Befreiung und von Liebe, Mitgefühl, Mitfreude sowie Gleichmut fähig ist, wirkt heute besonders ansprechend. Die buddhistischen Traditionen bieten eine unvergleichlich breite Palette an meditativen Mitteln für eine solche Entwicklung. Diese Mittel haben sich über zweieinhalb Jahrtausende bewährt. (1)

Der zentrale Unterschied zwischen „Praxisreligion und Glaubensreligion“ wird vor allem an folgender Tatsache deutlich: Für den im frühen Buddhismus zentralen Begriff „Achtsamkeit“ (laut den Achtsamkeitsreden des historischen Buddha die Quelle des kulturübergreifenden, „zeitlosen“ Befreiungsweges) sowie für verwandte Ausdrücke wie „Bewusstheit“, „Gewahrsein“ oder „Wachsamkeit“, die alle an innerer Erfahrung, Praxis oder Entwicklung orientiert sind, gibt es in der glaubensorientierten bzw. -religiösen Bibel keine einzige Belegstelle.

Das Gleiche gilt ebenfalls für andere zentrale buddhistische Erfahrungslehren, zum Beispiel „Gleichmut“, „Konzentration“, „Sammlung“ (als innere Sammlung), „Energie“ (als starke Willenskraft), „Ursache des Leidens“, „Ende des Leidens“ oder „(Selbst)Befreiung“. Die gedankliche „Besonnenheit“ erscheint in der Bibel, bedeutet aber etwas anderes, nämlich „sich auf etwas besinnen“, auch im Sinne von „an etwas glauben“. (Einfache Prüfmöglichkeit mit Suchfunktion: „Bibel Online“.)

Der Pali-Kanon, die Quelle des frühen Buddhismus Theravâda, ist unter dem textrukturellen Gesichtspunkt betrachtet methodisch und inspirativ ausgerichtet. Dieser Kanon enthält neben den vielen detaillierten methodischen Anweisungen zur Entwicklung von Achtsamkeit, das heißt von Ethik, Ruhe und Weisheit, auch etwa zentrale Verswerke, welche die Lehre des historischen Buddha poetisch-inspirativ resümieren. Im Unterschied dazu ist die Bibel, die Quelle des Christentums, unter dem textrukturellen Gesichtspunkt betrachtet rein inspirativ ausgerichtet. In der Bibel gibt es zu eingehenden Methodenlehren wie der erwähnten Rede über die Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit oder der Rede vom Bewussten Ein- und Ausatmen nichts Vergleichbares.

Es bedarf in der heutigen Zeit einer Praxis- bzw. Erwachsenenreligion mit einem breiten und altbewährten spirituellen Entwicklungsinstrumentarium. Denn es ist ein solches Instrumentarium, das in großem Maßstab zu der inneren Reife führen kann, die zur Bewältigung der immensen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Not-wendig ist.

 

Anmerkungen:

 

(1) Ein längerer Zeitungsbeitrag zu den Gründen für die „Faszination Buddhismus“ im Westen erscheint unter diesem Link auf der Website.

Auf der Website stehen verschiedene Texte, mit denen das Christentum und der Buddhismus verglichen werden:

* Krieg und Frieden: Gewalt in den Weltreligionen

* Je populärer der Buddhismus wird …
Der Versuch der Christianisierung des Buddhismus in den großen Medien

Zu diesem Text, der vor allem eine Antwort auf einen ausführlichen Beitrag zum Buddhismus in der Wochenzeitung Die Zeit war, hat es Folgetexte gegeben. Ein Vorwort dazu und alle Links erscheinen unter Punkt 4) innerhalb der Rubrik „Aktuelles“ auf der Website.

* Ein eingehendes Interview (aus den Buddhistischen Monatsblättern): Hier geht es relativ stark um das Thema Christentum und bestimmte, von vielen Christen und auch einigen Buddhisten vertretene „Brückenlehren“ zum Buddhismus, vor allem um die Lehre von einem unpersönlichen Gott. Die Buddhistischen Monatsblätter sind das Organ der „Buddhistischen Gesellschaft Hamburg“.

* Ein eingehendes Interview (in dem Kunstmagazin Dare): Achtsamkeit bedeutet: Ein Auge richtet sich nach außen und das andere nach innen. Dare (von Englisch to dare, „wagen“) ist ein unkonventionelles Kunstmagazin aus Hamburg. Hier ist ein Beitrag im Deutschlandfunk über dieses neue Magazin.

[/read]

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment

Previous post:

Next post: