Worauf kommt es mehr an – Meditation oder achtsame Lebensführung?

by Hans on 01/10/2009

 

 

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* Näheres zum neu entdeckten Urvater des westlichen praktizierten Buddhismus,
U Dhammaloka, hier im Vorwort

* Tipp: Die Spiegelung meiner Facebook-Seite auf diesem Blog

 

 

Zen-Kenner Michael Filzinger, ein Kommentator auf diesem Blog (nämlich nach dem Eintrag Konzentration und Befreiung sowie Rolle des Lehrers), hat mir zum Thema Meditation und achtsame Lebenspraxis geschrieben. Mein Standpunkt folgt danach.

 

Hinweise:

 

 

Beachte bei Interesse bitte auch die Funktionen des Blogs für Dich als Besucher sowie das Vorwort zum Blog.

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1 Hans Dezember 20, 2011 um 17:51

Die „Kacke“ haben wir im religiösen Bereich „am Dampfen“, weil die Glaubensreligionen ein „Trennendes“ von der Art haben, dass sie sich seit Jahrhunderten mit unverifizierbaren Absolutheitsansprüchen begegnen – dass es bloß diesen oder jenen einen, wahren Gott oder diesen oder jenen einen wahren Propheten oder Gottessohn gäbe, deren Botschaft folglich, so das Denken der Gläubigen, der ganzen Welt aufzudrücken sei.

Diese Ansprüche sind klar zu unterscheiden von klaren Unterscheidungen, die mit rational und empirisch überprüfbaren Argumenten arbeiten, wie sie den frühen Buddhismus ausgehend von den Quellen des Palikanons oder ausgehend von Nagarjuna charakterisieren. Nagarjuna ist sicher der bedeutendste „Praxisdenker“ in der Geschichte des Buddhismus. In der mahayana-buddhistischen Erkenntnistheorie gibt es für den Buddha die treffende metaphorische Bezeichnung „verkörperte Logik“.

Aufgrund dieses großen Unterschieds zwischen dem frühen Buddhismus als der erlösungspragmatischen Praxisreligion schlechthin und den Monotheismen, die als machtdienliche Glaubensreligionen auf das Jenseits vertrösten, gibt es eben auch einen großen Unterschied, was die Rolle der Gewalt in der jeweiligen Religionsgeschichte angeht.

Solche Unterschiede halten viele Christen oder christlich vorgeprägte Buddhisten bloß sehr schwer aus. So lenkt man heute auch sehr gerne von den objektiven Unterschieden ab oder übergeht sie durch vermeintliche essenzielle Nichtunterschiede bzw. Gleichheiten.

Auf diesem Blog geht es um Reflexionen im Sinne klarer Unterscheidungen, auch als gezieltes Gegenstück zu einem weitverbreiteten religiösen und esoterischen Einheitsbrei.

Soviel hier kurz zu Ihrem verbalen Wutausbruch. Bisher habe ich auf diesem Blog noch keine Zensur geübt und habe es auch weiter nicht vor, möchte Sie und andere ähnlich Gesinnte aber darum bitten, hier einen gerne kritischen, aber dabei immer sachlichen Ton zu wahren.

Wenn hier Kritik geübt wird – die für mich kein Problem ist, sondern die ich begrüße – muss sie genau begründet werden. Wenn Sie dazu nicht bereit oder fähig sind, suchen Sie sich bitte andere Blogs oder Foren. In Ihren paar Zeilen sind einige starke Ausfälle.

Außerdem werfen Sie mir vor, „abgekupfert“ zu haben. Wo denn bitte schön?

Verwechseln Sie jetzt bitte nicht Zitate und Transparentmachen von benutzten Quellen mit Abkupfern.

Wahrscheinlich kommt jetzt ein weiterer Wortschwall, weil offenbar ich oder andere Besucher dieses Blogs Ihnen schmerzvoll auf die Füße getreten sind.

Fragen Sie sich deshalb, was Ihnen solche Schmerzen bereitet. Wenn Sie diesen Ursachen auf die Spur gekommen sind und dann Ihr Unbehagen immer noch für berechtigt halten, formulieren Sie klare Argumente und Begründungen. Wenn Sie es nicht können, wäre Schweigen Ihrem Ruf und innerem Frieden förderlicher.

Es gibt hier auf dem Blog ein paar gute Kommentare, die ich noch nicht beantwortet habe – etwa im Eintrag zur Atembewusstheit, im Eintrag zu Goenkas Vipassana-Ansatz oder im Eintrag zur Achtsamkeitskonferenz. Das werde ich zu gegebener Zeit noch tun.

Aber es können hier auch Diskussionen unabhängig von mir stattfinden. Der Blog ist für mich ein Hobby, der nicht zu viel Zeit einnehmen kann.

Blogger, deren Beiträge gut begründet sind, können übrigens auf Wunsch gerne von mir einen Zugang zum Verwaltungsbereich erhalten. Dort können Sie Beiträge komfortabler und mit mehr Möglichkeiten erstellen (Näheres dazu unter „Blogfunktionen“ in der rechten Spalte).

Dieser Blog und die Website sind gut besucht und in zunehmendem Maße, auch wenn sich auf dem Blog nicht so viele äußern. Das ist mir durchaus recht, weil mir weniger, aber gut bedachte Kommentare mehr entsprechen als viele und dahingeschriebene.

Offenbar gibt es aktuell ein wachsendes Bedürfnis nach traditions- und organisationsunabhängigem „Selbstdenken“ und einer begründeten Praxis der „sehenden Achtsamkeit“ im Zusammenhang mit dem Buddhismus. Dazu gibt es kaum andere Webseiten. Blogger finden hier eine relativ breite und besondere Leserschaft.

2 Karlheinz Dezember 18, 2011 um 21:30

Ja ja, sog. Buddhisten sind auch nur Menschen. Auch bei den Buddhisten laufen sehr, sehr viele Scheinheilige und Möchtegern-Buddhisten herum.

Religionen (und den Buddhismus zähle ich jetzt einfach mal dazu) haben nichts befriedendes sondern vielmehr trennendes. Deshalb haben wir auch immer die Kacke am Dampfen!

Und was mir auch immer wieder auffällt: bei den sog. Buddhisten gibt es saumäßig viel Wichtigtuer und Dummschwätzer. Gerade auch auf dieser Internetseite tummelt sich einiges. Wenn man genau hinschaut (lieber nicht), fassen sie gerade einen „hochintellektuellen“ Artikel ab (der auch noch abgekupfert ist) und im nächsten Moment schießen sie mit dem Luftgewehr Spatzen ab!

Karlheinz

3 Hans Januar 8, 2010 um 14:08

Hallo Guido,

Mit den „anderen Plattformen“ muss ich Dich enttäuschen.

Ich habe nichts gegen eine schärfere Auseinandersetzung, aber wenn ich diese wähle, versuche ich trotzdem, auf die Argumente der anderen einzugehen.

Außerdem ist der Zweck dieses Blogs nicht endlose Diskussionen wie auf einigen Plattformen, sondern möglichst anspruchsvolle Kommentare zu wichtigen Dharmathemen.

Grüße, Hans

4 guido Dezember 31, 2009 um 19:00

Eieiei, da hat es Dich aber mit Deinen Vorurteilen weggebretzelt:
„Wahrscheinlich bist Du dann auch für den groß angelegten weltweiten Handel mit Kindern und Mädchen, weil ihnen damit eigentlich Gutes getan wird, zumindest ihnen nicht geschadet wird. Als Nächstes kommt von Dir wahrscheinlich, dass deshalb in Wahrheit die Kinder- und Mädchenhändler und deren zahlreiche gestörte “Abnehmer” verdeckte Bodhisattvas sind. Da kann man sich bloß noch wünschen, dass purzelbaumschlagende, relativistische Buddhisten wie Du das Bild im Westen nicht zu sehr prägen.“

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„Ehrlich gesagt habe ich wenig Lust, mich mit den von Dir zitierten Studien auseinander zu setzen, weil ich Besseres zu tun habe. „

Letzteres gilt dann auch für mich. Wer mehr wissen will zu diesem Thema, google nach der „Rind-Studie“ von Rind, Bauserman u.a. Dafür wurden US-Studenten nach ihren frühen Sexualkontakten befragt, und was dabei herauskam, war so eindeutig wie unfassbar, dass der Kongress bis heute versucht, die Ergebnisse zu unterdrücken.

Was Japan angeht – Expansionsbestrebungen mit dem Sinn, eine Hegemonialmacht in Asien zu werden, sollten neben den üblichen gierigen materiellen Interessen auch den Kommunismus abwehren. Wir wissen heute, was aus vielen asiatischen Ländern wurde, weil Japan nicht erfolgreich war. Natürlich gab es Massaker wie in Nanjing, aber der Faschismus hält sich tendentiell weit weniger lang als der Kommunismus – und damit auch seine Verbrechen. Wer meinen Verriss zum Buch von Brian Victoria – und einige Details zu seiner Person – lesen will, kann ihn ebenfalls googeln.

Bis dann also auf anderen Plattformen.

5 Andreas Dezember 9, 2009 um 14:04

Hallo,
die Frage was wichtiger ist -Meditation oder achtsame Lebensführung- lässt sich so einfach wie hier dargestellt nicht beanworten. Achtsame Lebensführung ist sicher für die Theravada Buddhisten die wichtigste -weil einzige Möglichkeit, da hier auf die Befreiung des Einzelnen Wert gelegt wird. Das hier mit dem ZEN zu vergleichen ist der falsche Ansatz, da Zen zu Großen Fahrzeug Mahayana gezählt werden muss. Nehmen wir den Diamantweg des tibetischen Buddhismuss hinzu wird deutlich, dass hier der allergrößte Wert auf die Meditation gelegt wird. Wenn wir richtig hinschauen, gibt es DEN Buddhismus gar nicht sondern immer viele Spielarten. Buddha hat eben die Menschen nach deren Fähigkeiten hin unterwiesen. Diejenigen die vor Allem eigenes Leid beenden wollten hat er den Theravada Weg der Befreiung von eigenem Leid gezeigt. Leute mit mehr Potenzial und der Einstellung nicht nur sich selbst zu sehen sondern auch die Anderen nützen zu wollen empfahl er das Leben vor Allem den Anderen zu widmen und mehr für Andere zu tun. Im Diamantweg lehrte er die Höchste Sicht, nämlch das die Buddhanatur in ALLEN Wesen manifestiert ist und wir durch Meditation die Schleier abstreifen können um diese wahre Natur des Geistes zu erkennen. Hier sprach Buddha Menschen an die höchstes Vertrauen und Unerschütterlichkeit hatten.
Im Theravada werden diese Tatsachen häufig als unwahr und nicht Buddhistisch abgetan, was aber tatsächlich eine Falschbehauptung ist. Letztendlich sind wir alle Buddhisten und jeder praktiziert nach seinen Fähigkeiten.
Es gibt also kein GUT oder ScHLECHT, sondern verschiedene Wege für die ach so veschiedenen Menschen.

Anmerkung von Hans Gruber: Der Kommentator Andreas betreibt diese Website.

6 Hans Gruber November 25, 2009 um 1:09

Manche schlagen intellektuelle Purzelbäume, um unhaltbare Auffassungen schön zu reden. Damit meine ich nicht Kommentare, für die gute Gründe angeführt werden können, auch wenn sie sich von meinen Eingangsbeiträgen oder Kommentaren unterscheiden.

Willst Du allen Ernstes suggerieren, dass wenn die burmesischen Mönche sich „aussuchen“ würden, Gewalt gegen das burmesische Regime anzuwenden, ein solches Vorgehen auch bloß zu den geringsten positiven Resultaten führen würde? Die burmesische Armee ist eine der höchstgerüstetsten, die primär von China ihre Waffen bekommt.

Das burmesische Regime wäre dankbar für eine solche Gewalt, weil es dann einen vermeintlich „guten Grund“ hätte, in deutlich radikalerer Weise vorzugehen und sich nicht mehr gegenüber diversen Staaten für Menschenrechtsverletzungen anklagen lassen zu müssen. Denn sie könnten sich dann einfach auf ihr Recht zur Verteidigung berufen. Die chinesischen Militärs etwa haben in Mönchskleidung in Tibet bei den Aufständen vor den Olympischen Spielen nachweislich auch selbst Konflikte angefangen, um damit einen Vorwand für ein radikaleres „Aufräumen“ zu haben.

Außerdem entspringt Deine Ansicht, dass ein gewaltloses Vorgehen der Mönche einer „einseitigen Interpretation“ des Dharma entspringen würde, offenbar einer eklatanten Unkenntnis der ältesten Quellen, die, wenn es um die Frage geht, was der Buddha selbst gelehrt hat, wissenschaftlich betrachtet den höchsten Authentizitätsgrad haben.

Eine nichteinseitige Interpretation des Dharma sind dann für Dich wahrscheinlich die Auffassungen jener opportunistischen japanischen Zen-Meister der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, die mit ihren zweckgerichteten Manipulationen der alten Leerheitslehren den Mordaktionen der Herrschenden eine quasireligiöse, höhere Legitimationsbasis geliefert haben (vgl. Brian Victoria: „Zen, Nationalismus und Krieg“).

Die religionsinternen bewaffneten Auseinandersetzungen im mittelalterlichen Japan und Tibet entsprangen Rivalitäten verschieden Mönchsgruppen um Macht und Einfluss, hatten also nichts mit der Abwehr eines übermächtigen Gewaltregimes wie im Falle des heutigen Tibet oder Burma zu tun. Auch die alten Tibeter hätten sich niemals mit Gewalt gegen die damaligen Protektoratsmächte Mongolei oder China aufgelehnt, weil es ihnen schon klar gewesen wäre, dass es ihren Untergang bedeutet hätte.

Mit Verlaub, aber eine tragische Gestalt scheinst mir eher Du selbst zu sein, aber nicht der Dalai Lama oder Aung San Suu Kyi. Wenigstens hat die Menschheit mit ihnen sehr seltene echte Vorbilder, das heißt heute so wichtige positive Beispiele angesichts der zahlreichen anderen Trauergestalten in maßgeblichen Stellungen.

Außerdem ist das Vorgehen des Dalai Lamas oder Aung San Suu Kyis der Hauptgrund, dass China und Burma wenigstens immer wieder öffentlich angeklagt werden, regelmäßig auch von westlichen Regierungen, aber vor allem von den vielen Organisationen, die stetig Druck aufbauen und zahlreiche für die Machthaber in China und Burma sehr unangenehme Informationen an eine breite Öffentlichkleit bringen.

Betrachte einmal genau die Fälle, wo Gewal gegen Unterdrückung gesetzt wird, zum Beispiel den Fall von Israelis und Palästinensern. Das Ergebnis sind schier endlose Gewaltspiralen und zwischendurch auch Vergeltungskriege mit unzähligen Zivilopfern, ohne dass jemals irgendeine externe Macht eingegriffen hätte.

Der Westen greift vor allem dort ein, wo seine eigenen materiellen Interessen bedroht werden, etwa George W. Bush im ölreichen Irak gegen Saddam Hussein; oder die USA generell in Afghanistan, weil sie sich von der Beseitigung der Taliban und einem demokratischen Afghanistan ein Gegenstück erhofft gegen die wachsende Islamisierung der gesamten Region, die ihre großen materiellen Interessen dort bedroht.

Aber der Westen würde niemals in Burma einmarschieren, wenn er von der Opposition oder Aung San Suu Kyi dazu „aufgefordert“ werden würde. Wenn Du das glaubst, bist Du nicht von diesem Planeten. Der Westen greift zum Beispiel auch nicht im Darfur ein, wo seit Langem unschuldige Menschen in großer Zahl massakriert werden. Die USA tun es nicht; und Europa noch viel weniger. Europa hat nicht einmal das große Massaker von Sebrenica verhindern können, obwohl es in Europa geschehen ist.

China (!), Indien (!) und Russland (!) sind gegen Veränderungen in Burma. So sind sie nicht bereit, über Burma Sanktionen zu verhängen, wie es der Westen ja tut, und sie blockieren ein wirklich scharfes Vorgehen der UN gegen das burmesische Regime. Denn sie verhandeln lieber mit einer Diktatur, um günstige Deals hinsichtlich der reichen Rohstoffe des Landes abzuschließen. Außerdem will China vor seiner Haustür keine oder möglichst wenige echte Demokratien. Südostasien gehört zum Einflussbereich Chinas, ähnlich wie der Nahe und Mittlere Osten zum Einflussbereich des Westens gehören.

Es gab doch bereits einen Pol Pot in Kambodscha und eine chinesische Kulturrevolution in Tibet. Dadurch wurden ganze Kulturen ausradiert und Millionen von Menschen ermordert. Selbst bei solchen überdimensionalen Verbrechen hat kein Westen eingegriffen.

Ich habe nicht gesagt, dass im Palikanon von Pädophilie die Rede ist. Ich habe gesagt, dass sexuelles Fehlverhalten all das Verhalten umfasst, dass für einen der direkt oder indireklt Beteiligten vermeidbaren Schaden bedeutet.

Als ein aktuelles Beispiel habe ich die Pädophilie genannt. Deiner Meinung nach ist es „in der Mehrheit der Fälle“ von Pädophilie so, dass „solche Beziehungen gar nicht zu Schäden führen müssen“. Wahrscheinlich bist Du dann auch für den groß angelegten weltweiten Handel mit Kindern und Mädchen, weil ihnen damit eigentlich Gutes getan wird, zumindest ihnen nicht geschadet wird. Als Nächstes kommt von Dir wahrscheinlich, dass deshalb in Wahrheit die Kinder- und Mädchenhändler und deren zahlreiche gestörte „Abnehmer“ verdeckte Bodhisattvas sind. Da kann man sich bloß noch wünschen, dass purzelbaumschlagende, relativistische Buddhisten wie Du das Bild im Westen nicht zu sehr prägen.

Ehrlich gesagt habe ich wenig Lust, mich mit den von Dir zitierten Studien auseinander zu setzen, weil ich Besseres zu tun habe.

Aber Eines ist klar: Zu jeder Ansicht gibt es irgendwelche sie vermeintlich genau belegenden Studien. Wissenschaftler (natürlich gibt es auch immer wieder andere) haben in beträchtlicher Zahl unter den unterschiedlichsten Umständenden den jeweils herrschenden Ansichten zugearbeitet, selbst in drastischen Fällen wie zum Beispiel unter den Nazis.

Heute gibt es etwa auch solche wissenschaftliche Studien, die vermeintlich belegen, dass der Klimawandel Humbug sei. Garantiert – diese Studien wird es selbst dann noch geben, wenn sich einmal mitten in Europa Wüsten ausbreiten sollten, solange es nämlich die Interessensgruppen aus der Industrie gibt, die sie großzügig finanzieren.

Ich möchte einmal wissen, was die zahlreichen Frauen zu Deinen Studien sagen, die als Kinder sexuell missbraucht worden sind, oder die vielen Männer, die in ihrer Kindheit unter kirchlicher Obhut etwa in Irland von zahlreichen katholischen Priestern körperlich, sexuell und seelisch misshandelt worden sind.

Ich möchte nicht wissen, wie viel Geld heute weltweit für Therapien ausgegeben wird, um den durch diese und andere Fälle entstandenen psychischen Schäden entgegenzuwirken. Die wirklich guten Studien belegen diese Schäden auch.

Vielleicht solltest Du Dir eine andere Religion suchen, die besser zu Dir passt.

Wenn Du das nicht willst, befasse Dich einmal näher mit Mönchen wie Ajahn Brahm oder Ajahn Sujato (vgl. meinen Blogeintrag „Der westliche Buddhismus nimmt Gestalt an: ein entscheidender weiterer Schritt“) oder etwa auch Ajahn Thanissaro und Bhikkhu Bodhi. Dann bekommst Du einen Eindruck, was buddhistische Ethik und Spiritualität bedeuten können.

Hans Gruber

7 Guido November 20, 2009 um 0:59

Zunächst zu Hans: Ich meinte, dass man sich eben gewaltsam diktatorischer Unterdrückung befreien kann, um diesen Prozess zu beschleunigen. Natürlich hatten die Mönche in Kambodscha keine Chance, weil sie gewaltlos waren. Hätten sie eine Armee gebildet und sich bewaffnet, hätte die Sache anders ausgehen können. Erst mit dem gewaltsamen Einmarsch der Vietnamesen wurden die Khmer Rouge zurückgedrängt. Es gibt keine Gewähr dafür, aber was Du beschreibst ist ja nur, dass Du die Mönche als chancenlos ansiehst und sie dann nur noch mehr Gewalt erleiden müssten. Chancenlos sind sie aber, weil sie es sich so ausgesucht haben und den Dharma entsprechend einseitig interpretieren. Die Shaolin-Mönche in China haben das zeitweise anders gehandhabt, was auch keine Garantie dafür war, ihren Tempel zu erhalten (wenn der Gegner übermächtiger war), zuweilen aber genau dies gewährleistete. Es ist einfach eine Option mehr. Dabei geht es natürlich nicht um blinde Gegengewalt, sondern um hochorganisierte und professionelle. Es geht um das Modell von Mönchskriegern als Alternative zu Pazifisten. Das gab es auch in Japan. Die von Dir als „aktuelle Bodhisattvas“ bezeichneten Dalai Lama und Aung Saan Sun Kyi sind für mich aber vor allem auch tragische Gestalten – sie sind schlichtweg machtlos, und ihr Volk leidet, und sie ändern daran fast nichts, und wenn es noch gelingen sollte, dann hat das Leiden doch unnötig lange gedauert. Die burmesische Armee hätte auch bei einer Invasion durch westliche Armeen keine Chance, und dort ist im Gegensatz zum Irak und Afghanistan in der Bevölkerung der Wille zur Demokratie bereits vorhanden. Es ist im Grunde vollkommen lächerlich dabei zuzuschauen, wie jemand, statt die Staatengemeinschaft zum Einmarsch aufzufordern, das Leiden seiner Bevölkerung in die Länge zieht. Ich bin völlig davon überzeugt, dass China wegen Myanmar keinen Weltkrieg riskiert. Die Tatenlosigkeit des Westens ist hier zum Kotzen.

Was Deine Ansichten zur Ethik angeht, finde ich, dass sie die Komplexität der Dinge nicht genug berücksichtigen. Z.B. ist im Pali-Kanon gar nicht von Pädophilie die Rede, das ist ein Modethema. Es gibt zahlreiche Studien, dass solche Beziehungen gar nicht zu Schäden führen müssen, das ist offenbar sogar in der Mehrheit der Fälle so. Leider werden Gewalttaten mit solchen, die auf einer anderen Ebene ablaufen, gern vermischt. Die Sexualwissenschaft ist immer noch eines meiner Hauptthemen neben dem Buddhismus (ich empfehle z.B. die „Rind-Studie“, eine der aktuellsten, um Fehlinformationen der Medien über dieses Thema zu korrigieren). Man muss hier stets die Einzelfälle betrachten. Auch bei Drogen ist vieles Definitionssache. Soll ich einem Krebskranken, der Marihuana raucht, um sein Leiden zu lindern, das noch abspenstig machen?

Nun zu Michael: „Viele ZENnis kennen durchaus die Ethik Buddhas – nur warum streitest gerade Du häufig mit den Meisten davon wegen ethischer/moralischer Themen?“
Das tue ich, weil sie das Thema überbewerten, auf dharma.de wurde der Vegetarismus-Thread mal wieder zum längsten. Sie streiten dann auch mehr mit mir, weil sie nicht die Freiheit besitzen, aus dem Zen heraus die silla zu brechen. Sie befinden sich gar nicht in diesem Zustand und verstehen nicht, wie das geht. Für sie sind die Regeln das Korsett, das sie brauchen. Die rechte Ethik entsteht bei Menschen nicht, indem man ihnen Regeln einbläut, sondern viel eher aus der meditativen Einsicht. Der Weg ist also genau umgekehrt, wie die meisten glauben. Wenn ich nur Buchstaben folge, verstehe ich auch die Komplexität der Probleme gar nicht, was sich z.B. beim Töten, beim Fleischkonsum, bei der Pädophilie und Sexualität im allgemeinen usf. immer wieder zeigt. Einfache Regeln werden der Vielfalt des Lebens gar nicht gerecht, Regeln sind schwarz-weiß, das Leben ist meist grau. Am Ende tun wir wahrscheinlich das Gleiche – auch ich trage schon mal Tierchen aus meiner Wohnung und töte keine Menschen, aber die Art, wie wir unser potentielles Handlungsspektrum definieren, ist ganz unterschiedlich.

„Woher kommen denn im Zazen unsere vielen und negativen Gedanken“, fragst Du. Ich antworte: Aus dem Hirn, und zum Teil sogar aus dem „Strafgericht“, also der Diskrepanz von Regeln und tatsächlich erspürter Wahrheit, einem künstlich erzeugten schlechten Gewissen. Die Wurzel der Gedanken ist jedenfalls nicht das Nicht-Befolgen von Regeln, das ist tertiär, nicht mal sekundär.

Das spricht nicht gegen „Handeln“. Aber beim Handeln aus dem Zen muss ich nicht darüber nachdenken, ob ich die Regeln einhalte. Wenn ich ein Tier töten muss, weil es mir z.B. eine Krankheit einbrocken kann, dann geschieht das einfach.

8 Michael November 18, 2009 um 15:37

Hallo Guido,

schön, dass Du hier eine Kritik und Deine sichtweise beigetragen hast – ich stimme Dir zum Teil zu und zum Teil eben nicht.

Vor allem werde ich Dir Deinen inneren Widerspruch in Deinem Text aufzeigen.

Du beginnst im Prinzip mit:
„glaube ich, dass die ethischen Grundlagen des Buddhismus von den meisten Menschen, die mit Meditation beginnen, bereits erfüllt werden.“

Das sehe ich gar nicht so und Du selbst wiederlegst es in Deinem letzten Satz.
Natürlich kennen wir alle hier im Westen die 10 Gebote (des Christentums) – nur wer setzt sie deswegen auch konsequent um?
Viele ZENnis kennen durchaus die Ethik Buddhas – nur warum streitest gerade Du häufig mit den Meisten davon wegen ethischer/moralischer Themen?

Das eine ist die Theorie und das andere ist die Umsetzung im Alltag.

Meine Erfahrung ist eben, dass die meisten ZENnis nicht viel im eigenen Leben umgesetzt haben und nur über die Lehre theoretisieren. Und noch schlimmer: viele ZENnis wissen heute im Westen noch nicht einmal viel von der Lehre Buddhas und glauben, das nicht mehr zu brauchen.

Irgendwie scheint mir die Wirklichkeit anders zu sein, als das was Du mit dem Satz von oben suggerieren möchtest.

Deinem letzten Satz stimme ich vollumfänglich zu:
„beweisen, dass der Buddhismus im Moment weltweit überwiegend falsch interpretiert wird, weil er das Leiden der Menschen nicht mindert, sondern erhöht.“

Ja, da stimmen wir überein und kommen eben zum zentralen Problem: In der „ZEN-Subkultur“ hier im Westen lässt eben das Leiden nicht nach? Warum?
1. Die 4 edlen Wahrheiten kennt nicht mehr jeder ZENni und wer sie kennt setzt sie nicht wirklich praktisch um.
2. Ein Buch zu lesen und einen Vortrag von einem Lehrer reicht eben bei weitem nicht aus, um dann sofort sinnvolles Zazen auf dem Kissen zu üben.

Gerade aus diesen Deinem Schlusssatz leite ich eben wieder ab:
Diesen Zustand ändern kann man eben nur, indem nicht nur das Sitzen zum Kern der buddhistsichen Lehre erhoben wird, sondern wieder das Handeln und das mühsame Einüben im Alltag – besonders der Achtsamkeit.
Und Zazen ist eben um so wirkungsvoller um so mehr man vorher die buddhistische Ethik im Alltag verwirklicht hat.
Woher kommen denn im Zazen unsere vielen und negativen Gedanken, welche sich nur schwer „reduzieren“ lassen? Die kommen von unseren Handlungen von vor dem Zazen, welche nicht in buddhistischer Ethik erfolgt sind … genau so schliesst sich der Kreis!

Grüsse
michael

9 Hans Oktober 14, 2009 um 0:25

Hallo Guido Keller,

Die Fünf Silas oder ethischen Grundregeln sind sozusagen bloß die ethischen „Basics“ des Buddhismus. Die ethische Lebensführung, von der oben bei Michael und mir die Rede war, umfasst viel mehr. Es ist die aktive Ethik des Bodhisattva, die im frühen wie späteren Buddhismus die höchste Form der Ethik verkörpert.

Damit sind wir plötzlich mitten im „Engagierten Buddhismus“, wenn nämlich jede der fünf ethischen Grundregeln positiv gewendet wird:

Selbst Leben bewahren und fördern und sich dafür einsetzen; selbst gegen Diebstahl oder Ausbeutung vorgehen und sich dafür einsetzen; selbst wirklich achtsamen Umgang mit dem Thema Sexualität pflegen und sich dafür einsetzen; selbst nicht bloß Lüge, Zwischenträgerei, Hassrede und Gewäsch vermeiden, sondern mit wahrheitsgemäßer Rede gegen Missstände jeder Art vorgehen; selbst nicht nur Drogen vermeiden, sondern gegen diese vorgehen.

Mit sexuellem Fehlverhalten, auf das Du ja besonders eingehst, ist jede Art von Sexualität gemeint, die einen der direkt oder indirekt Beteiligten schädigt oder verletzt. Fremdgehen verletzt in den allermeisten Fällen (abgesehen vielleicht von den wenigen „offenen Beziehungen“, die auch wirklich funktionieren) den indirekt beteiligten Partner, von dem man „fremd“ geht. Vergewaltiger verletzen die Vergewaltigten. Pädophile schädigen die Kinder, an denen sie sich vergehen, usw. Das Kriterium ist also klar und einfach.

Ein Mensch mit Bodhisattva-Ethik wird das höchste Maß an innerer Ruhe und befreiender Einsicht entwickeln. Das entspricht übrigens auch der alten Lehre: Die „vollkommene, unübertreffliche Erleuchtung“ (samyak-sam-bodhi) eines die Welt befreienden Buddha, der zuvor immer ein Bodhisattva gewesen ist, steht über der Befreiung des lediglich selbstbefreiten Arhat. Besonders bekannte aktuelle Bodhisattvas wären etwa Aung San Suu Kyi oder der Dalai Lama.

Wenn sich die Mönche oder Laien in Burma oder Tibet mit der Art von Gewalt, wie sie Dir als positive Alternative vorzuschweben scheint, gegen die jeweiligen diktatorischen Regime wenden würden, hätte dies bloß ein Ergebnis: Die Regime wären froh, weil sie damit einen willkommenen Vorwand gegenüber der Weltöffentlichkeit hätten, „Tabula Rasa“ zu machen. Beispiele für diese besondere Staatsgewalt gab es in Südostasien schon: Der Steinzeitkommunist Pol Pot hat die einst blühende buddhistische Hochkultur Kambodschas dem Erdboden gleichgemacht.

Gewalt von Seiten der Mönche würde also vielmehr das „Leiden der Menschen“ erhöhen, von wegen es mindern, wie Du am Ende Deines Kommentars suggerierst. Mit ihrer Art des Vorgehens unternehmen die Mönche das ihnen Mögliche, um das Leiden der Burmesen zu verringern. Außerdem gibt es in Burma zahlreiche Klöster, die lokale Hilfsprogramme durchführen. Denn das einst reichste Land Südostasiens ist von den egomanischen Militärs so stark heruntergewirtschaftet worden, dass die Menschen Not leiden.

Die wiederholten, groß angelegten friedlichen Proteste und die anderen gegen die Militärs gewandten Aktionen der Mönche in Burma und im Exil haben rein gar nichts mit „Phänomenen der Passivität“ zu tun, wie Du meinst. Die Mönche stehen vielmehr an der Spitze der burmesischen Oppositionsbewegung. Passivität wäre ja bloß dann gegeben, wenn sie nicht in dieser Weise aktiv wären.

Die These, dass „große gesellschaftliche Veränderungen historisch fast immer durch gewaltsame Auseinandersetzungen“ stattgefunden haben, ist Unsinn; zumindest wenn Du mit „große Veränderungen“ solche hin zum Besseren meinst. Der russischen Revolution zum Beispiel ist bald Stalin gefolgt, dessen Gewaltherrschaft derjenigen von Hitler kaum nachsteht. Auf das Konto beider gehen jeweils Abermillionen von Toten. Nach der französischen Revolution kamen die Schreckensherrschaft von Robespierre und die napoleonischen Kriege. Laut des wissenschaftlich fundierten „Schwarzbuch des Kommunimsus“ gehen seit Karl Marx rund 100 Millionen Ermorderte auf das Konto des Kommunismus. Dagegen gründen die wirklich großen westlichen Errungenschaften, wie Aufklärung, Beendigung der gesellschaftlichen Umnachtung durch kirchliche Dogmen, moderne Wissenschaft, Demokratie und Sozialreformen, im Wirken vieler engagierter und intelligenter Einzelner, die buddhistisch gesehen die „richtige Motivation“ hatten.

Hier noch einige Websites mit näheren Informationen zum in der Tat „großen“ Wirken der burmesischen Mönche und Oppositionsbewegung in Burma und im Exil:

Burmanet:
http://www.burmanet.org/news/

Ashin Sopaka:
http://www.ashin-sopaka.online.de/

Ein Bericht aus den burmesischen Gefangenenlagern:
http://www.burmanet.org/news/2007/10/07/telegraph-burmese-monk-speaks-of-interrogation-horror-alan-brown-in-rangoon/

Ein Bericht zur Verschleppung der Mönche nach ihren Protesten 2007: „Wo sind die Mönche?“
http://www.time.com/time/printout/0,8816,1670876,00.html

Geheime Leichenverbrennungen:
http://www.burmanet.org/news/2007/10/08/sunday-times-secret-cremations-hide-burma-killings-our-staff-correspondent-rangoon/

Hans Gruber

10 guido keller Oktober 11, 2009 um 2:14

Ich wurde auf diese Diskussion aufmerksam gemacht und möchte von meiner Seite sowohl Michael als auch Hans widersprechen. Zum einen glaube ich, dass die ethischen Grundlagen des Buddhismus von den meisten Menschen, die mit Meditation beginnen, bereits erfüllt werden. Nicht-Töten, Nicht-Stehlen, Nicht-Lügen (im Rahmen des Möglichen, denn Wissenschaftler sagen, wir lügen im Grunde dauernd …) usf. sind alte Hüte, die in den meisten Familien gelehrt oder vorausgesetzt werden. Das einzige wirkliche Problem ist m.E. die Auslegung der Vorschrift, keinen unheilsamen Sex zu pflegen. Ursprünglich war, bei all den Formulierungen die zu dieser Regel existieren, einfach dies gemeint: Betrüge deinen Partner nicht, hintergehe ihn nicht! Bei genauer Betrachtung wäre also sogar die so genannte offene Ehe nicht ausgeschlossen, ebenso wenig einseitiges „Fremdgehen“, wenn es nicht auf Heuchelei und Lüge beruht, oder etwa der Besuch von Freudenmädchen. Im Grunde wird jedenfalls auch solches – der respektvolle Umgang mit Partner/in – den meisten Menschen eingeimpft. Als spezielle buddhistische Thematik bliebe dann vielleicht noch der Umgang mit dem Fleischgenuss. Von daher halte ich es nicht für nötig, die ethische Schulung gar VOR der Meditation in den Vordergrund zu rücken.

Die Ansicht, dass in Theravada-Ländern die Mönche starke Widerstandskräfte entwickelt hätten, gilt es zu relativieren. Ich behaupte das Gegenteil. Sehen wir uns Myanmar – wo es so viele Berobte wie Soldaten in Uniform gibt – und Laos an, so sind die friedliebenden und passiven Mönche geradezu Garanten für den Erhalt der Militär- bzw. sozialistischen Regierung. Auch in Mahayana-Ländern wie Tibet und der VR China können sie rein gar nichts gegen den Kommunismus ausrichten, sie werden schlichtweg unterworfen. Phänomene der Passivität, die sich auf (bestimmte) Sutren stützt und insbesondere ein totales, wenn nicht totalitäres Gewaltverbot daraus ableitet, findet man zuhauf auch im westlichen Buddhismus. Tatsächlich sind große gesellschaftliche Veränderungen historisch aber fast immer durch gewaltsame Auseinandersetzungen belegt. Das sind also Machtfragen. Selbst in einem relativ freien Land wie Thailand wird der gesellschaftspolitische Wandel durch den Buddhismus gehemmt und geradezu verhindert – im Volk herrscht eine Schicksals- oder Karma-Gläubigkeit vor, die Kräfte lähmt statt freisetzt. All dies spricht aber für mich keinesfalls gegen Buddhas Lehre, sondern könnte im Umkehrschluss beweisen, dass der Buddhismus im Moment weltweit überwiegend falsch interpretiert wird, weil er das Leiden der Menschen nicht mindert, sondern erhöht.

Guido Keller

http://www.angkor-verlag.de

11 Michael Filzinger Oktober 5, 2009 um 13:22

Lieber Hans,

An Deinen Ausführungen zur Achtsamkeit und zu Achtsamen Handeln aus den ursprünglichen Buddhistischen Schriften, ergeben sich auch für mich wieder hilfreiche neue Aspekte. Deine Überschrift bringt es genau auf den Punkt!

Ich betone gerne auch noch einmal folgende wichtige Punkte von Dir und gehe aus meiner Erfahrung darauf ein:

1. Achtsamkeit ist die grosse Klammer für eine (Zen-)buddhistische Entwicklung – sowohl für den Alltag als auch für die Meditation.

2. Dass alleine nur achtsames Handeln ausreichen kann, um “Erweckung” zu erfahren, und das sogar noch als “Der Einzige” oder auch “Direkte Weg” von Buddha benannt wird, ist sicherlich für die meisten ZEN-Schüler ein völlig neuer Aspekt.

3. Du betonst, dass jeder Mensch anders ist und für sich selbst entdecken muss, wie
viel Meditaton oder wie viel achtsames Leben er zur erfolgreichen Entwicklung benötigt.

Auf dieses Thema bin ich vielfach in den letzten Wochen gestossen und möchte davon einmal aus der Praxis hier in Deutschland in ZEN-Gruppen berichten.

Da weiss jemand (fast) nichts über Buddhas Lehre, nichts Wesentliches über ZEN, aber geht in irgendeine ZEN-Gruppe, zahlt dort noch irgendwelches “Dana” (Infrastukturkosten), will sich sofort auf ein Kissen setzten und sich nach Dogen gleich als Buddha fühlen.

Dann meditiert er viele Jahre, und bekommt erzählt, er müsste immer mehr meditieren und an mehrtägigen Sesshins in Meditation teilnehmen. Aber sein Alltag bleibt dadurch weitgehend unverändert.

Er wird etwas entspannter, aber irgendwie will die Beziehung zum Partner weiter nicht recht klappen und mit seinem Chef steht er noch immer nicht gut; in Diskussionen im Internet wird er ausfallend und beleidigend …

Auch Lehrer für ZEN-Koans berichten davon, das völlig unwissende Schüler mit noch keiner stabilen ethischen Basis schon gleich beim ersten Üben unbedingt ihr Koan haben wollen. Dass daraus dann nicht wirkliche Einsicht entstehen kann, ist solchen Lehrern sogar klar – aber sie können es kaum verweigern, zumal bei zahlenden Schülern.

Bei vielen ZEN-Buddhisten wird es heute immer augenfälliger, dass sie in keiner Weise mehr ethischere, weißere und bessere Menschen werden, sondern vielmehr egozentrischer und eingebildeter; und dass sie sich aus unserer multireligiösen Gesellschaft verabschieden, das heißt immer mehr in den Parallelgesellschaften ihrer ZEN-Sekten aufgehen; und dass an ihnen auf diese Weise das Leben sogar verstärkt vorbei geht.

Es gibt sogar “ZEN-Meister” die neuen Schülern gleich am Anfang raten, sich von einem nicht-buddhistischen Partner zu trennen und besser einen aus der ZEN-Gruppe zu nehmen.

Den besonderen Wert, den Buddha im achtsamen Handeln im Alltag gesehen hat, hatte sich noch bis zum Chan in China erhalten. Wenn dort ein Interessent ins Kloster kam, durfte er erst einmal ein paar Jahre in der Küche oder im Garten zeigen, dass er geeignet war. Aber er durfte eben nicht sofort auf das Meditationskissen. Wenn der Kanditat dann im Alltag unter Beweis stellen konnte, dass er achtsam handelt, dass er ethisch handelt, dass er zum Wohle aller handelt, dann hatte er die Voraussetzungen, dass er auch meditieren durfte.

Ein Schüler, der einmal einen Meister nach dem Geheimnis von ZEN fragte, ist eben nicht auf das Meditationskissen geschickt worden, sondern in die Küche, um dort Abwasch zu machen. Zen ist das Leben und eben in keiner Weise getrennt davon.

Aber diese überlieferte, sinnvolle Reihenfolge (aus Inden und China) ist dann später in Japan und heute in Europa völlig ausser Acht geraten.

Denn wie viele Schüler hätte denn hier in Europa noch irgendeine ZEN-Gruppe, wenn dort einem neuen Schüler gesagt würde: putz hier erst einmal 2 Jahre ordentlich den ZEN-do, und dann wird man sehen, wie es um Dich bestellt ist!

Ein amerikanischer ZEN-Meister stellte dazu einmal fest:

“Außerdem ist die tägliche Arbeit im Zen ein Teil der Übung. Ich war verschiedentlich in anderen Meditationszentren, dort hatte der Koch keine Helfer, weil alle Teilnehmer mit der spirituellen Praxis beschäftigt waren. Sie waren der Meinung, sie seien dort, um spirituelle Arbeit zu verrichten, aber nicht um abzuwaschen.”

Hier wird die Diskrepanz ganz offensichtlich, wie sich ZEN-Schüler auf gewissen Meta-Ebenen bewegen, sich in Fiktionen (nach Erich Fromm) ergehen und dadurch an ihnen das wahre Leben jetzt im Moment vorbeigeht.

Du hast selbst einmal in einem Interview gesagt:

“Man erarbeitet sich in einem geschützten Rahmen wie auf einem Retreat bestimmte Qualitäten. Dann ist es aber genauso wichtig zu lernen, die gewonnenen Fähigkeiten, Einsichten und Qualitäten in das eigene Alltagsleben einzubringen.”

Ich möchte wirklich nicht behaupten, dass im ZEN kein Zazen notwendig wäre. Aber jeder Schüler muss sich eben nach jedem Zazen fragen: “Was hat es mir für meinen Alltag gebracht, wie kann ich damit das Leid in meinem Alltag reduzieren?”

Viele sitzen eben auf dem Kissen, erfahren dort Glücksgefühle und Zufriedenheit, und kommen danach wieder in ihren Alltag zurück und leiden dort weiter. Dann ärgern sie sich in ihrem Alltag, kommen wieder auf das Meditationskissen und können diese ärgerlichen Gedanken aus dem Alltag nicht abschalten.

Hieran wird also eine wechselseitige Abhängigkeit deutlich, die vielfach gar nicht mehr von ZEN-Lehrern gelehrt wird: dass nämlich der Alltag und die Meditation in Wechselwirkung stehen – aber eben in beiden Richtungen und nicht nur einseitig in eine Richtung.

Hans hat die Wechselwirkung in einer Richtung aufgezeigt. Ich zeige sie hier für die gegenläufige Richtung auf.

Es ist immer wieder zu hören, dass ZEN-Schüler ihre Gedanken im Zazen nicht wirklich zur Ruhe bringen können, dass sie sehr heftige Gedanken, immer wiederkehrende Gedanken haben, an sich selbst verzweifeln oder vor ihren Gedanken erschrecken.

Dabei wissen sie gar nicht, dass die Gedanken im Zazen, (auch nur) das Resultat des Alltags von vor dem Zazen sind. Denn wenn der Alltag hamonisch und voller Glück ist, kann das Zazen auf einmal auch ganz positiv werden. Es gibt dann nur wenige und nur positive Gedanken, die zu beobachten sind. So kann Gedankenstille schneller erreicht werden.

Es ist illusionär, wenn ich meinen Nachtbarn hasse und mich über meinen Chef ärgere oder im Internet Menschen beleidige, dass mir dann Zazen irgendetwas bringen könnte.

Alfred Weil sagte dazu:

“Viele westliche Buddhisten wollen lieber ,gleich zum Kern der Sache kommen´ und ignorieren häufig ihren tatsächlichen Entwicklungsstand. Ihre Zeit auf dem Kissen ist dann nicht selten bloß eine ,Pseudo-Meditation´.”

Der ZEN-Meister Brad Warner sagt es etwas moderner:

“Offensichtlich können auch Menschen, die Jahrzente Zazen geübt haben, komplette Arschlöcher ohne irgendeine Ahnung von der Realität sein, und nichts Sinnvolles zu sagen haben. Dies geschieht, wenn Leute die Zeit auf ihrem Kissen dazu nutzen, immer tiefer in ihre eigenen Verblendungen abzutauchen, und wenn diese Täuschungen dann von schlechten Lehrern noch verstärkt werden.”

Die nicht selten auftretenden psychischen Probleme in und durch Zazen sowie durch Koan-Arbeit resultieren meistens durch Probleme im Alltag und mit sich selbst.

Im Rahmen achtsamen Handelns können die Ursachen erkannt werden und lassen sich leichte Probleme von selbst beheben. Bei schwereren Problemen sollte man jedoch einen Therapeuten hinzuziehen. Aber in jedem Fall müssen diese Probleme zuerst behoben werden, bevor man mit der Meditation beginnt. Denn es wäre falsch zu glauben, dass (alle) solchen Probleme durch Meditation wirklich behoben werden können.

Mein Resumé zum Thema Selbstheilung des ZEN-Buddhismus in Deutschland:

1. Meditation als ersten Schritt eines Schülers zum Buddhismus bringt keinen grossen Nutzen, bestärkt sein Ego und lässt die Probleme des Alltags überwiegend fortbestehen.

2. Es ist sinnvoller, zuerst die Lehre Buddhas zu lesen und wirklich zu verstehen.

3. Es ist wichtig, sein Leben zu ändern, und Achtsamkeit im Alltag einzuüben, das heißt im Sinne des Buddha wirklich achtsam handeln zu lernen. Die Resultate werden ein harmonischerer, glücklicherer Alltag und eine größere Selbsterkenntnis sein.

4. An dieser Stelle fällt einem dann auf einmal das Zazen oder die Koan-Meditation/-Arbeit viel leichter, weil man von vielen störenden und negativen Gedanken befreit ist.

5. Jeder muss seiner Individualität entsprechend ein ausgewogenes Verhältnis von Meditation und achtsamem Handeln im Alltag finden. Eine Frage, die nicht nur ich empfehle: “Hat mir das letzte Zazen für meinen Alltag etwas gebracht?” Wenn die Antwort darauf negativ ist, stimmt mit BEIDEM etwas nicht – mit dem Alltag und mit der Meditation.

Roshi Glassman hat uns einen Maßstab in die Hand gegeben, wie wir unsere eigene “Erleuchtung” messen können:

“Der Grad deiner Erleuchtung kann an Deinen Handlungen gemessen werden.”

Also nicht, wer noch mehr meditiert, ist weiter, sondern wer achtsamer handelt.

Das Handeln ist immer der letztendliche Maßstab, mit dem der Erfolg jeder Methode oder Technik (wie z.B. des Zazen) gemessen werden kann. Eine Methode, die im Handeln nicht die richtigen Resultate nach sich zieht, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar schlecht.

Liebe Grüsse an Dich und alle Leser hier,

Michael Filzinger

http://www.zen.fuer-uns.de/praktizieren

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