Selbstdenken und innere Praxis:

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Die Tradition des Vipassana von S. N. Goenka und ihre “reine Technik” des Buddha

7. März 2010 · 37 Kommentare

Die Gründe für die Publikation des folgenden Textes:

* Die Tradition des Inders S. N. Goenka repräsentiert eine einflussreiche heutige Richtung des Vipassana. Sie ist durch eine Monopolisierung des Begriffs “Vipassana” charakterisiert, in Form der wissenschaftlich unbelegten Ansicht, dass der historische Buddha ausschließlich die von dieser Richtung vertretene Methode gelehrt habe. So spricht Goenka auf den einführenden Zehntageskursen mehrfach von der reinen Technik „pure technique“ des Vipassana und beschreibt einen Buddha, der diese “Technik” als das eine Mittel zur Befreiung verbreitet habe. Das impliziert, dass andere Ansätze des Vipassanâ Abweichungen von der Lehre des historischen Buddha wären. In keiner anderen Tradition des Vipassana wird ein solcher Anspruch erhoben, alleine die eine Methode des Buddha zu vermitteln. Der folgende Text zeigt, woher dieser Anspruch in Wahrheit kommt.

* Die von der Tradition von S. N. Goenka betriebene Monopolisierung beeinflusst die Praktizierenden dieser Richtung, die folglich davon ausgehen, dass “Vipassana” bloß das umfasse, was sie dort praktizieren und lernen.

* Außerdem werden Außenstehende in diesem Sinne beeinflusst. Sie übernehmen diese spezielle Sicht vom Vipassana zum Beispiel aus diversen PR-Maßnahmen und Selbstdarstellungen der Tradition oder dem Einführungsbuch in die Methode von S. N. Goenka.

Es sind mir zu diesen Fällen diverse Beispiele bekannt.

* Je größer diese Tradition des Vipassana wird, desto mehr verbreitet sie ihre spezielle Sichtweise. Deshalb erscheint das Korrektiv einer Diskussion wie etwa mit dem folgenden eingehenden Beitrag sinnvoll und notwendig.

Wissenschaftlich betrachtet ist “Vipassana” der Überbegriff über die größte Praxisströmung des frühen Buddhismus Theravâda (Südostasien, Sri Lanka), die eine breite Palette unterschiedlicher methodischer Schulungen der Achtsamkeit und der damit verbundenen Traditionen umfasst.

* Die Monopolisierung des Begriffs “Vipassana” in Form jenes Reinheits- bzw. Alleingeltungsanspruches und eine bestimmte, unten näher erklärte Organisationsstruktur dieser Tradition bewirken, dass deren Lehrende und Praktizierende eine starke Fokussierung auf die eigene, so genannte “reine Technik des Buddha” zeigen; und damit zwangsläufig auch eine gewisse Traditionsspurigkeit bzw. Einsspurigkeit des Denkens, wie sie ihnen häufig von außenstehenden Beobachtern zugeschrieben wird.

In dieser Tradition herrscht eine gewisse Diskussionsfeindlichkeit in Bezug auf grundsätzliche Fragen, die sich nicht innerhalb des  “von oben” vorgegebenen Rahmens des näheren Verstehenwollens der vermeintlich “reinen Technik ” oder “reinen Lehre” des Buddha bewegen. Es wird damit begründet, dass solche Fragen lediglich von der Praxis der (reinen) Technik abhalten würden.

Näher betrachtet ist diese Haltung eher ein Schutzmechanismus vor dem Reflektieren derjenigen Ansichten und Prämissen, in welche die spezifische Meditationsmethode dieser Tradition eingebettet ist.

Vorweg möchte ich hier noch Folgendes betonen:

Es geht mir nicht um eine Ablehnung der Tradition von S. N. Goenka, weil ich mir der vielen positiven Aspekte dieser Tradition bewusst bin. So ist etwa mit meinem Kursbuch Vipassana neben anderen Strömungen auch diese Richtung positiv beschrieben worden. Denn die Richtung von S. N. Goenka bringt ernsthafte Meditation an einen relativ breiten Bevölkerungskreis.

Es geht mir um das Fördern eines Diskussionsprozesses, der den aus meiner Sicht negativen Aspekten dieser Tradition entgegenwirkt. Für ein wirkliches Gedeihen, das heißt nicht bloß in der Inselsituation der Anhänger, im von Aufklärung und wissenschaftlichem Denken geprägten Westen ist längerfristig betrachtet jenes Sichverschließen vor begründeten und wichtigen Fragen nicht zweckmäßig.

Wenn ich die folgende Analyse der Tradition von S. N. Goenka publiziere oder mit einem anderen Blogeintrag Kritik gegenüber der Lehre von Bhante Vimalaramsi übe, mache ich es aus Wertschätzung für die stark praxisorientierte Bewegung des Vipassana insgesamt und die ihr zugrunde liegende Lehre des Buddha. Diese verträgt sich sich nicht mit Alleingeltungs- oder Monopolansprüchen. Die Kritik gegenüber den Stellungnahmen zu der vollen Nonnenordination im entsprechenden Eintrag in diesem Blog hat den gleichen Grund.

Es würde der frühbuddhistischen Praxis und Lehre im Abendland zugute kommen, wenn ein Denken in Form von Alleingeltungsansprüchen (wie in den beiden eben erwähnten Vipassana-Traditionen), die im Vergleich zu den alten Quellen schlichtweg nicht haltbar sind, oder auch Patriarchalismus und Bedachtsein auf eigene Privilegien (wie hinter den genannten Stellungnahmen zur vollen Nonnenordination) nicht aufträten.

Anzumerken ist hier noch, dass sich diese Kritiken im Religionsvergleich auf relative Kleinigkeiten beziehen. So sind jene beiden Alleingeltungsansprüche moderat im Vergleich etwa zum Alleingeltungsanspruch des Katholizismus, der auf einer durch bestimmte Bibelstellen begründeten dogmatischen Glaubensüberzeugung beruht, die überlegene Kirche bzw. die einzige zum Heil führende Religion zu verkörpern und einen dementsprechenden globalen Missionsauftrag zu haben. Auch die Stellung der Frau in den buddhistischen Traditionen – in manchen von ihnen herrscht eine weitgehende Gleichberechtigung und im Westen ist die Zahl der weiblichen buddhistischen Lehrenden annähernd so groß wie die Zahl der männlichen – ist wesentlich besser als im Katholizismus (ganz zu schweigen vom Islam).

Die Gliederung des folgenden Beitrags:

Einleitung
Ein substanzorientierter Reinheitsbegriff
Weitere Ausdrucksformen der besonderen Reinheitssicht
Der alte Bestand an Sankhâras
Die Vorteile der Technik

Hinweise: Beachte bei Interesse bitte auch die Infos zu den Möglichkeiten für Dich als Besucher (dort auch etwa Näheres zum Ausdruck des ganzen Beitrags mit den Kommentaren oder Teilen daraus) sowie das Vorwort zum Blog.

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→ 37 KommentareTags: Die Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassanâ